Seit Airbus nur noch Absichten und Appelle
I. Der Akt
Als Airbus entstand, entschieden zwei Männer. So steht es in einem früheren Essay dieser Seite, „Der verlorene Mut“, und es ist die ganze Geschichte in einem Satz. Frankreich und Deutschland legten 1970 ihre nationalen Luftfahrt-Champions in ein einziges Unternehmen zusammen — eine Firma, eine Produktlinie, geteiltes Risiko, ein gemeinsames Ziel gegen die amerikanische Übermacht. Nicht eine Absichtserklärung, nicht ein Förderprogramm, nicht ein Cluster, in dem Konkurrenten kooperieren. Ein verschmolzener Verbund, der nur als Ganzes existieren konnte. Das war der Akt. Airbus fliegt heute, weil damals jemand eine Struktur baute, die niemand mehr einseitig verlassen konnte.
Diese Struktur ist der Schlüssel. Ein Champion entsteht nicht, wenn man getrennte Firmen bittet, an einem Strang zu ziehen. Er entsteht, wenn man sie so zusammenbindet, dass das Auseinandergehen teurer wird als das Zusammenbleiben. Airbus war Architektur. Was Europa in der Halbleiterindustrie seither versucht hat, war Appell.
II. Die Wiederholung, die nie eine war
Den Versuch, den Airbus-Gedanken auf Chips zu übertragen, hat Europa nicht einmal unternommen, sondern in vier Anläufen. Und jedes Mal blieb es beim Gedanken.
Den Anfang machte in den 1980er Jahren das Mega-Projekt: Siemens und Philips, unter dem europäischen Forschungsrahmen, mit rund einer Milliarde, um den Anschluss im Speichergeschäft zu halten. Sie hielten ihn nicht. Siemens führte zwar einen Vier-Megabit-Chip vor, musste aber die Ein-Megabit-Technik von Toshiba lizenzieren — und Japans NTT hatte da bereits Sechzehn-Megabit gezeigt. Europa lief von Anfang an hinterher, im teuersten, brutalsten, kapitalintensivsten Segment, das die Branche kennt.
1989 wurde daraus JESSI, die Joint European Submicron Silicon Initiative, ein achtjähriges Programm Frankreichs, Deutschlands, Italiens, der Niederlande und Großbritanniens. Und hier muss man ehrlich sein: Als Forschung war JESSI in Teilen ein Erfolg. Es lieferte 1994 einen Halbmikron-Prozess, zeitgleich mit den USA und Japan; aus seinem Umfeld und der Reorganisation von Philips in Eindhoven ging ASML hervor, der heutige Weltmonopolist der Belichtungsmaschinen. Aber der Champion, um den es eigentlich ging, entstand nie. Philips zog sich aus dem Speicher zurück, Siemens gab seine Sechzehn-Megabit-Pläne auf und ging stattdessen zu IBM, das Budget wurde gekürzt. Die Forschung gelang, die Konsolidierung unterblieb. Man hatte ein gemeinsames Labor gebaut, keinen gemeinsamen Konzern — und ein Labor löst sich auf, sobald die Beteiligten andere Interessen haben.
III. Der Name ohne die Sache
2013 kam dann der Name. Die EU-Digitalkommissarin Neelie Kroes prägte für einen Plan der großen europäischen Halbleiterfirmen die Formel „Airbus of Chips“. Es klang nach Entschlossenheit. Aber schon damals sagten die Beobachter, was alle wussten: Eine echte Fusion würden Aktionärs- und Kartellinteressen nicht zulassen. „Airbus of Chips“ bezeichnete deshalb nie eine Konsolidierung, sondern bestenfalls eine erhoffte Ausrichtung. Der Name wurde ausgeliehen, die Sache wurde nicht getan. Man berief sich auf Airbus, ohne den Akt zu wiederholen, der Airbus gewesen war.
IV. Der Endpunkt
Wie es endet, wenn der Champion ausbleibt und nur die einzelnen Firmen übrigbleiben, zeigte Qimonda. Siemens hatte seine Chipsparte 1999 als Infineon ausgegliedert, Infineon 2006 sein Speichergeschäft als Qimonda. Es war Europas letzter großer Speicherhersteller, zeitweise die Nummer zwei der Welt. Im Januar 2009 meldete es Insolvenz an — ein Rettungspaket von Sachsen, Portugal und Infineon kam nicht mehr rechtzeitig zustande. Die Werke in Dresden, Portugal und Richmond wurden geschlossen. Damit endete die europäische Volumen-Speicherfertigung.
Was danach mit den Resten geschah, gehört in einen anderen Essay dieser Seite, „Der Schlussverkauf“, aber es lässt sich in einem Satz sagen: Qimondas rund siebentausend Patente und 2,8 Terabyte technischer Dokumentation, dazu ein Schlüsselingenieur mit vierundzwanzig Jahren Siemens-, Infineon- und Qimonda-Erfahrung, wurden über Lizenzfirmen weitergereicht und bilden heute das Fundament von CXMT, Chinas viertgrößtem Speicherhersteller, der vor dem größten Halbleiter-Börsengang der chinesischen Geschichte steht. Der Staat hatte subventioniert, die Konzerne hatten sich angeeignet und waren ausgestiegen, und das Erfundene trägt nun einen fremden Champion.
V. Dreiundvierzig Milliarden Absicht
Man könnte meinen, aus alldem sei gelernt worden. Das Gegenteil ist der Fall. 2023 trat der European Chips Act in Kraft, das bisher größte Vorhaben: dreiundvierzig Milliarden Euro öffentlicher und privater Mittel, um Europas Weltmarktanteil bis 2030 von zehn auf zwanzig Prozent zu verdoppeln. Es ist die Fortsetzung der Linie mit größeren Zahlen — und sie wird bereits von den eigenen Instanzen demontiert. Die EU-Kommission selbst prognostiziert für 2030 nur knapp zwölf Prozent. Der Europäische Rechnungshof nannte das Zwanzig-Prozent-Ziel unrealistisch und stellte fest, dass der Act verabschiedet wurde, ohne je systematisch zu untersuchen, warum die vorangegangene Strategie von 2013 — der „Airbus of Chips“ — den Niedergang nicht aufgehalten hatte. Eine deutsche Denkfabrik bezeichnete den Act als das, was er ist: keine Strategie, sondern eine Sammlung von Ideen und Initiativen.
Das ist die reine Form des Befunds. Vierzig Jahre nach dem Mega-Projekt, dreiundvierzig Milliarden schwer, und der Kern bleibt unverändert: eine Absicht, ein Appell, ein Ziel, das die eigenen Prüfer für unerreichbar halten — und keine Architektur, die jemanden bindet.
VI. Das ehrliche Gegengewicht
Hier muss man widersprechen, sonst wird die Diagnose unfair. „Europa kann keine Chips“ ist falsch. Im Gegenteil: An einer Stelle ist Europa Weltspitze, und zwar an der entscheidenden. ASML, hervorgegangen aus Philips, ist der konkurrenzlose Beherrscher der EUV-Lithografie — keine moderne Fabrik der Welt, auch keine in Taiwan oder Korea, baut Spitzenchips ohne europäische Maschinen. Dazu Zeiss, STMicroelectronics, das Forschungszentrum imec. Der Ausrüster- und Forschungsteil der Kette ist europäisch beherrscht.
Aber genau das schärft den Befund, statt ihn zu mildern. Denn der eine große Erfolg, ASML, entstand nicht aus den Konsolidierungsprogrammen, sondern als fokussierte, eigenständige Ausgründung — eine klar umrissene Struktur, die für sich stand, nicht eine subventionierte Ausrichtung mehrerer Konzerne. Was funktionierte, war Architektur im Kleinen. Was scheiterte, war der Appell im Großen. Europa kann Chips. Es kann nur den Champion nicht bauen, den es seit vierzig Jahren ankündigt — weil ankündigen nicht bauen ist.
VII. Architektur statt Appell
Damit schließt sich der Kreis zu der Frage, die „Der verlorene Mut“ gestellt hat: warum Europa früher konnte und heute nicht mehr. Die Antwort, die die Halbleitergeschichte gibt, ist nicht, dass die Europäer dümmer oder ärmer geworden wären. Sie ist struktureller. Airbus war möglich, weil eine Entscheidung genügte, die niemand mehr rückgängig machen konnte. Seither ist jede vergleichbare Entscheidung in ein Geflecht aus Nationalinteressen, Wettbewerbsrecht und Aktionärspflichten zerlegt worden, in dem sich Absicht bilden lässt, aber keine Bindung mehr. Sobald der Speicher für die Aktionäre unrentabel wurde, gingen Philips und Siemens — und kein Programm konnte sie halten, weil keines sie band.
Das ist die Lehre, und sie ist dieselbe wie überall auf dieser Seite: Ein Appell hält nicht, weil er gegen die Interessen anredet, die er zu lenken vorgibt. Nur eine Architektur hält, die das Auseinandergehen unmöglich oder zu teuer macht. Airbus war eine solche Architektur. Alles, was Europa seither in der Halbleiterindustrie produziert hat, waren Absichten und Appelle.
Seit Airbus hat Europa den Namen vierzig Jahre lang wiederholt und die Sache kein zweites Mal getan. Mega-Projekt, JESSI, „Airbus of Chips“, Chips Act — vier Anläufe, ein Muster: der Verweis auf eine Architektur, die niemand mehr zu bauen bereit ist. Airbus war eine Entscheidung. Alles seither war eine Absicht.
Nürnberg, Juni 2026