Die Consultokratin
Ein bescheidener Bericht von den Verhältnissen auf dem Planeten M-Erde
I. Prolegomena zur Consultokratie
Auf dem Planeten M-Erde, in einem Paralleluniversum, das dem unseren in vielen Details verblüffend ähnelt, hat sich eine bemerkenswerte Regierungsform entwickelt, die von den dortigen Politikwissenschaftlern als Consultokratie bezeichnet wird. Es handelt sich dabei um ein System, in dem die Berater die Beratenden beraten, welche Berater zur Beratung hinzugezogen werden sollen, wobei die Beratungskosten selbst wiederum von Beratern evaluiert werden.
Niemand verkörpert dieses System sichtbarer als Lushi van Ishing, die gegenwärtige Kontinentalpräsidentin der M-Europäischen Kommission. Ihr Aufstieg ist ein Lehrstück darüber, wie man in ein Amt gelangt, für das man nie kandidiert hat.
II. Die Karriere der Entbürokratisierung
Als Verteidigungsministerin der Moribundenrepublik D. auf M-Erde machte sich Lushi van Ishing einen Namen als Modernisiererin. Zu den Hindernissen der Modernisierung zählte, wie sich später zeigte, auch jenes antiquierte Regelwerk, das man „Vergaberecht" nennt – Vorschriften, die verlangen, dass öffentliche Aufträge ausgeschrieben, verglichen und nach Qualität und Preis vergeben werden.
Das Verteidigungsministerium gab in ihrer Amtszeit dreistellige Millionenbeträge für externe Beraterfirmen aus. Die größten Empfänger trugen Namen wie McKenzie und Accentura. Der Bundesrechnungshof beanstandete zahlreiche Verstöße gegen das Vergaberecht. Ein Untersuchungsausschuss des M-Erdianischen Bundestags befasste sich damit und hörte 41 Zeugen an.
„Natürlich haben wir dabei auch Fehler gemacht, es gab Vergabeverstöße und unklare Einbettungen Dritter."
So sprach die Consultokratin am 13. Februar 2020 selbst vor dem Ausschuss. Frei übersetzt aus dem M-Erdianischen Politikdeutsch: Es ist einiges passiert, aber zuständig war jemand anderes.
Die Koalitionsmehrheit im Ausschuss kam in ihrem Abschlussbericht zu dem Ergebnis, der Ministerin sei persönlich nichts vorzuwerfen. Die Verantwortung habe auf den Ebenen darunter gelegen, bei Staatssekretären und Abteilungsleitern. Zu diesen Staatssekretären gehörte eine frühere Direktorin von McKenzie, die van Ishing selbst ins Ministerium geholt hatte. Die Opposition sah das anders.
III. Die Kunst des Vergessens
Im Juni 2019 beantragte ein Mitglied des Untersuchungsausschusses, auch die elektronische Kommunikation der Ministerin als Beweismittel heranzuziehen. Was dann geschah, verdient eine genauere Betrachtung, denn es illustriert die M-Erdianische Kunst des institutionalisierten Vergessens.
Nach Darstellung der Opposition hieß es zunächst, man suche das Handy, dann, es sei noch mit einer PIN gesperrt. Im Dezember räumte das Ministerium ein: Das Diensthandy der inzwischen nach M-Brüssel gewechselten Ministerin war bereits im August 2019 vollständig gelöscht worden. Als Grund nannte das Ministerium ein Sicherheitsvorkommnis. Später stellte sich heraus, dass auch auf ihrem zweiten Gerät, einem Kryptohandy, die Nachrichten gelöscht waren.
Zur Löschung des ersten Geräts sagte die Ministerin: „Das weiß ich auch nur aus der Zeitung." Sie sei seit dem 17. Juli nicht mehr im Ministerium gewesen. Und auf die Frage, ob damit Wichtiges verloren gegangen sei, gab sie zu bedenken: „SMS sind für die schnelle Kommunikation geeignet." Dokumente und Strategien würden in Ministerien auf anderem Weg erarbeitet und versandt.
Man kann darin die reine, destillierte Essenz der Consultokratie sehen: Was nicht archiviert wird, hat nie stattgefunden. Was stattgefunden hat, war nicht wichtig. Und was wichtig war, lag in anderen Händen.
IV. Die demokratische Innovation
Im Jahre 2019 M-Erdianischer Zeitrechnung fanden Wahlen zum M-Europäischen Parlament statt. Die Parteienfamilien waren mit Spitzenkandidaten angetreten. Die konservative Parteienfamilie wurde stärkste Kraft; ihr Spitzenkandidat war ein gewisser Manfred W.
Nach der Wahl berieten die Staats- und Regierungschefs hinter verschlossenen Türen. Für Manfred W. fand sich keine Mehrheit, für die Spitzenkandidaten der anderen Familien ebenso wenig.
Die Lösung: Man nominierte jemanden, der auf keinem Wahlzettel gestanden hatte und in keiner Wahlkampfdebatte aufgetreten war – Lushi van Ishing.
Das M-Europäische Parlament, dessen Abgeordnete jahrelang für das Spitzenkandidaten-Prinzip gekämpft hatten, fügte sich. Mit einer Mehrheit von neun Stimmen über dem Erforderlichen wählte es die Nicht-Kandidatin zur Kommissionspräsidentin.
Kommentatoren sprachen damals von einem Schlag ins Gesicht der Wähler. Die Consultokratin aber hatte verstanden, was idealistischere Politiker oft übersehen: Demokratie ist ein Prozess, und Prozesse kann man optimieren. Am effizientesten, indem man sie abkürzt.
V. Die Transparenz-Offensive
Im Frühjahr 2021 schloss die Kommission einen Vertrag über bis zu 1,8 Milliarden Dosen eines gewissen Impfstoffs, dessen Volumen auf rund 35 Milliarden Euro geschätzt wurde. Im Vorfeld stand die Kontinentalpräsidentin, wie die New York Times berichtete, per Telefon und Textnachrichten in direktem Kontakt mit dem Konzernchef des Herstellers – nennen wir ihn Albert B.
Journalisten fragten: Was stand in diesen Nachrichten?
Die Kommission antwortete sinngemäß: Solche Nachrichten seien kurzlebig, sie würden nicht archiviert, Entscheidungen würden auf diesem Weg nicht getroffen.
Die M-Erdianische Bürgerbeauftragte untersuchte den Vorgang. Sie stellte fest, dass das Kabinett der Präsidentin nie ausdrücklich gebeten worden war, nach den Nachrichten zu suchen, und bewertete das als „Missstand in der Verwaltungstätigkeit".
Eine Journalistin der New York Times klagte vor dem Gericht der M-Europäischen Union. Im Mai 2025 gab ihr das Gericht recht: Die Kommission habe nicht plausibel erklärt, warum sie die Nachrichten nicht besitze. Sie habe sich nur auf Hypothesen gestützt oder wechselnde und ungenaue Informationen geliefert.
Zu diesem Zeitpunkt war van Ishing bereits in ihre zweite Amtszeit gewählt worden.
VI. Die Methode
Es wäre ein Fehler, die Consultokratie an einer einzelnen Person festzumachen. Sie ist ein System, und Systeme brauchen keine Absicht. Sie bringen ihre Regeln von selbst hervor, ohne dass sie irgendjemand aufschreiben müsste. Auf M-Erde lassen sich fünf solcher Regeln beobachten:
Erstens: Was man selbst nicht mehr kann, kauft man ein. Geht etwas schief, liegt die Verantwortung bei den Externen – vertraglich geregelt, praktisch folgenlos.
Zweitens: Was über flüchtige Kanäle läuft, hinterlässt keine Akte. Was keine Akte hinterlässt, kann niemand anfordern.
Drittens: Taucht doch etwas auf, ist es unwichtig. Ist es wichtig, war jemand anderes zuständig.
Viertens: Die Mehrheiten, die eine Regierung tragen, bestimmen auch, wie gründlich sie untersucht wird.
Fünftens: Keine Affäre ist so groß, dass sie dem nächsten Amt im Weg stünde.
VII. Epilog aus dem Paralleluniversum
Auf M-Erde hat sich die Consultokratie als bemerkenswert stabil erwiesen. Lushi van Ishing leitet weiterhin die Kontinentalkommission. Die gelöschten Daten bleiben gelöscht. Die nicht archivierten Nachrichten bleiben nicht archiviert. Die Berater beraten weiter.
Gelegentlich fragt jemand: Wie konnte das alles geschehen? Die Antwort ist einfach: Es geschah, weil es geschehen konnte. Und es konnte geschehen, weil niemand es verhindert hat. Und niemand hat es verhindert, weil jene, die es hätten verhindern können, von jenen abhängig waren, um die es ging.
Jonathan Swift hätte daraus vielleicht diesen Satz gemacht – er steht in keinem seiner Bücher: Man kann ein ganzes Volk regieren, ohne dass es versteht, wie, wenn man nur darauf achtet, dass die Vorgänge kompliziert genug sind, um nie vollständig verstanden zu werden, und langweilig genug, um nie vollständig untersucht zu werden.
Und Kurt Tucholsky hätte, ebenso frei erfunden, hinzugefügt: Das Geheimnis der Macht besteht darin, nie das Offensichtliche zu leugnen – nur seine Bedeutung.
Auf M-Erde nennt man das: Regieren.