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Das aufgegebene Element

Wie der Westen eine Energietechnologie erfand, bewies, aufgab — und China sie in dreizehn Jahren zur Reife brachte. Eine Fallstudie über institutionellen Verfall, geschrieben in der Sprache des Periodensystems.
Hans Ley & Claude · beyond-decay.org · 22. Februar 2026

I. Ordnungszahl 90

Im Periodensystem steht Thorium an Position 90. Ein schwach radioaktives Metall, silbrig-weiß, häufiger in der Erdkruste als Zinn oder Blei. Drei- bis viermal häufiger als Uran. Es kommt in magmatischen Gesteinen vor, in Schwermineralsanden, als Nebenprodukt des Abbaus Seltener Erden. Es liegt buchstäblich überall herum.

Thorium kann nicht direkt gespalten werden — es ist nicht spaltbar. Aber es kann in Uran-233 umgewandelt werden, das spaltbar ist. Dieser Prozess, die Transmutation, wurde 1940 von Glenn Seaborg entdeckt, während des Manhattan-Projekts. Die Physik war von Anfang an klar. Die Frage war nie, ob Thorium als Kernbrennstoff funktioniert. Die Frage war immer nur, ob jemand es tut.

Diese Frage hat die Geschichte des Westens in den letzten sechzig Jahren mit einer Deutlichkeit beantwortet, die kein politischer Essay erreichen könnte. Thorium ist keine Energiegeschichte. Es ist die Geschichte des institutionellen Verfalls, verdichtet in einem einzigen Element.

II. Der Beweis, der niemanden interessierte

Im Oak Ridge National Laboratory in Tennessee lief zwischen 1965 und 1969 das Molten Salt Reactor Experiment — MSRE. Ein kleiner Forschungsreaktor, in dem Kernbrennstoff in geschmolzenen Fluoridsalzen gelöst war, die gleichzeitig als Kühlmittel dienten. Der Reaktor arbeitete bei über 700°C, aber ohne den hohen Druck konventioneller Leichtwasserreaktoren. Er lief erst mit Uran-235, dann mit Uran-233, das aus Thorium erbrütet wurde. Er erreichte alle Forschungsziele. Alle.

Dann wurde er abgeschaltet. Nicht weil er gescheitert war. Nicht weil die Physik nicht funktionierte. Nicht weil die Ingenieure aufgaben. Sondern weil der Direktor des Reaktorprogramms, Milton Shaw, Flüssigsalzreaktoren gegenüber dem Schnellen Brüter auf Uranbasis zurückstellte. Der Schnelle Brüter produzierte Plutonium — brauchbar für Waffen. Thorium produzierte kein waffenfähiges Plutonium. In den Budgetverhandlungen der Nixon-Ära war das ein Todesurteil.

Alvin Weinberg, der Direktor von Oak Ridge und einer der Väter der Leichtwasserreaktortechnik, kämpfte für das Flüssigsalzprogramm. Er argumentierte, dass die inhärente Sicherheit der Technologie — kein Hochdruck, kein Risiko einer Kernschmelze im klassischen Sinne, passive Sicherheitsmechanismen — sie zur überlegenen Wahl mache. 1973 wurde er als Direktor entlassen. Das Flüssigsalzprogramm wurde eingestellt. Der Reaktor wurde in Standby versetzt und dann dem Verfall überlassen.

Die Akten wurden deklassifiziert. Sie lagen herum. Jahrzehntelang.

III. Die siebzig Jahre der Vorbereitung

Indien besitzt ein Viertel der weltweiten Thoriumreserven — über 500.000 Tonnen in leicht extrahierbarer Form. Homi Bhabha, der Vater des indischen Nuklearprogramms, erkannte in den 1950er Jahren, dass Indiens Uranreserven begrenzt waren, seine Thoriumreserven aber gewaltig. Er entwarf ein dreistufiges Programm: Stufe eins nutzt natürliches Uran in Schwerwasserreaktoren, um Plutonium zu erbrüten. Stufe zwei nutzt das Plutonium in Schnellen Brutreaktoren, um mehr spaltbares Material zu erzeugen und Thorium in Uran-233 umzuwandeln. Stufe drei nutzt das Uran-233 in Thorium-Brutreaktoren für die dauerhafte Energieversorgung.

Es ist ein eleganter Plan. Indische Wissenschaftler validierten jeden einzelnen Schritt: Thoriumoxid-Brennelemente wurden in Schwerwasserreaktoren getestet. Uran-233, das aus Thorium erbrütet wurde, betrieb den KAMINI-Forschungsreaktor in Kalpakkam. Brennstoffherstellung, Wiederaufarbeitung und Bestrahlungsstudien wurden abgeschlossen.

Was nie geschah, war der letzte Schritt. Der Advanced Heavy Water Reactor — AHWR —, speziell für den Thoriumbetrieb konzipiert, existiert seit über zwanzig Jahren als Entwurf. Auf Papier. Der Prototype Fast Breeder Reactor in Kalpakkam, die entscheidende zweite Stufe, begann 2024 mit der Kernbeladung — Jahrzehnte hinter dem Zeitplan. Und dann geschah etwas Bezeichnendes: Als 2008 der indisch-amerikanische Nukleardeal den Uranimport erleichterte, sank die Dringlichkeit. Warum den schwierigen letzten Schritt gehen, wenn importiertes Uran billiger und einfacher ist?

Die Ironie ist schwer zu ertragen. Indien legte das Fundament, baute die Reaktoren, bewies den Brennstoffkreislauf — und der kommerzielle Durchbruch kam aus einem Startup in Chicago. Clean Core Thorium Energy entwickelte einen Thorium-HALEU-Mischbrennstoff, der in bestehenden indischen Schwerwasserreaktoren eingesetzt werden kann. Im August 2025 erhielt das Unternehmen die erst zweite US-Exportlizenz für Nukleartechnologie nach Indien seit fast zwei Jahrzehnten.

Siebzig Jahre Planung. Null kommerzielle Reaktoren.

🎯 Spieltheorie-Box: Die Falle des zweitbesten Weges

Indiens Thorium-Geschichte illustriert ein klassisches Problem der dynamischen Spieltheorie: die Pfadabhängigkeit. Wenn einmal eine ausreichend gute, aber suboptimale Lösung etabliert ist — importiertes Uran —, steigen die Kosten des Wechsels zur optimalen Lösung — Thorium — mit jedem Jahr, in dem die suboptimale Lösung funktioniert.

Der Nuclear Deal von 2008 war kein Rückschritt für Indiens Nuklearprogramm — er war ein Fortschritt, der den größeren Fortschritt überflüssig erscheinen ließ. In der Sprache der Spieltheorie: Die Auszahlung des Status quo wurde erhöht, ohne dass sich die Auszahlung der Thorium-Option änderte. Das Ergebnis war rational: Warum Milliarden in eine unerprobte Technologie investieren, wenn importiertes Uran morgen verfügbar ist?

Die Antwort — Energiesouveränität, strategische Autonomie, langfristige Kostensenkung — hat eine zu lange Amortisationszeit für demokratische Wahlzyklen. Thorium ist eine Generationeninvestition. Demokratien optimieren in Legislaturperioden.

IV. Dreizehn Jahre

2011 begann das Shanghai Institute of Applied Physics — SINAP — der Chinesischen Akademie der Wissenschaften ein Thorium-Flüssigsalzreaktor-Programm. Die Grundlage: die deklassifizierten Akten aus Oak Ridge. Dr. Jiang Mianheng, Sohn des ehemaligen Staatspräsidenten Jiang Zemin, leitete eine Delegation zu Geheimhaltungsgesprächen nach Oak Ridge. Was Amerika aufgegeben hatte, trug China in Koffern nach Hause.

2018 begann der Bau eines 2-MW-Thorium-Flüssigsalzreaktors in Wuwei, Provinz Gansu, am Rand der Wüste Gobi. Das Team wuchs von einigen Dutzend auf über 400 Wissenschaftler und Ingenieure.

Oktober 2023: Kritikalität — eine selbsterhaltende Kettenreaktion.

Juni 2024: Volle Betriebsleistung.

Oktober 2024: Das weltweit erste Nachladen eines Thorium-Flüssigsalzreaktors im laufenden Betrieb — ohne Abschaltung. Ein technisches Novum, das in sechzig Jahren Forschungsgeschichte nie erreicht worden war.

November 2025: Die Umwandlung von Thorium-232 in spaltbares Uran-233 im Reaktor — der Beweis, dass der Thorium-Brennstoffkreislauf funktioniert.

Dreizehn Jahre vom Start bis zum Proof of Concept. Kein Komitee, das einen Entwurf zwanzig Jahre lang auf Papier lässt. Kein Nuclear Deal, der die Dringlichkeit senkt. Kein Budgetstreit, der die Technologie einer Waffenlogik unterordnet. Nur ein Staat, der entscheidet, baut und liefert.

Der Skalierungsplan steht bereits: Ein 10-MWe-Demonstrationsreaktor im selben Gebiet, betriebsbereit bis 2030. Ein 100-MWe-Projekt bis 2035. Volle Kommerzialisierung bis 2040. Und — fast nebenbei — arbeiten China State Shipbuilding Corporation und die China National Nuclear Corporation an einem thoriumgetriebenen Containerschiff. Designphase abgeschlossen 2026, Bau Ende des Jahrzehnts. Das weltweit erste Frachtschiff, das ohne fossile Brennstoffe Ozeane überquert.

V. Europa: nicht einmal abwesend

Man könnte sagen, Europa sei in der Thoriumforschung abwesend. Das wäre zu freundlich. Abwesenheit setzt voraus, dass man eingeladen war und nicht kam. Europa war nie eingeladen, weil es nie gefragt hat.

Die einzige europäische Thorium-Initiative ist Copenhagen Atomics — ein dänisches Startup, das einen Flüssigsalzreaktor im Format eines Schiffscontainers entwickelt. Ihr kritisches Experiment — die erste echte Kettenreaktion unter kontrollierten Bedingungen — findet 2026 am Paul Scherrer Institut in der Schweiz statt. Nicht in Dänemark. Dänemark hat kein Nuklearforschungszentrum, das die Infrastruktur bereitstellen könnte.

Das ist der Stand. Ein Kontinent mit 450 Millionen Einwohnern, den größten Forschungsuniversitäten der Welt neben den amerikanischen, Billionen an akkumuliertem Industriekapital — und die gesamte Thoriumaktivität besteht aus einem Startup, das seine Experimente im Ausland durchführen muss.

Kein Euratom-Programm für Thorium. Kein Horizon-Europe-Schwerpunkt. Keine nationale Strategie in Deutschland, Frankreich, Italien oder sonst irgendwo. Frankreich, das Land, das einmal 75 Prozent seines Stroms aus Kernkraft gewann und das technische Wissen besaß, um jeden Reaktortyp der Welt zu bauen, hat sein nukleares Wissen in dreißig Jahren Deindustrialisierung und politischer Ächtung so weit erodieren lassen, dass es nicht einmal die konventionellen EPR-Reaktoren termingerecht und im Budget fertigstellen kann. Flamanville 3: geplant für 2012, fertiggestellt 2024, Kosten vervierfacht. Und das ist ein Leichtwasserreaktor — erprobte Technologie. Einen Flüssigsalzreaktor könnte Frankreich heute nicht bauen, selbst wenn es wollte.

Deutschland hat 2011 den Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen und 2023 seine letzten Reaktoren abgeschaltet. Das Wort „Thorium" kommt in keinem energiepolitischen Dokument der Bundesregierung vor. Nicht als abgelehnte Option. Nicht als Zukunftstechnologie. Nicht einmal als Fußnote. Es existiert nicht.

🎯 Spieltheorie-Box: Der Markt für aufgegebene Technologien

George Akerlofs Lemon-Theorem beschreibt, wie Information — oder ihr Fehlen — Märkte zerstört. Im Technologiemarkt existiert eine Variante, die man den Abandoned Technology Market nennen könnte: Wenn fortgeschrittene Volkswirtschaften Technologien aufgeben, die funktionieren, aber politisch unbequem sind, entsteht ein Fenster für Nachzügler.

China hat dieses Fenster systematisch genutzt — nicht nur bei Thorium, sondern bei Hochgeschwindigkeitszügen, Solarmodulen, Batteriespeichern, 5G-Infrastruktur. Das Muster ist identisch: Der Westen erfindet, kommerzialisiert unvollständig, verliert das politische Interesse. China liest die Akten, skaliert und dominiert.

Entscheidend ist: Das ist kein Diebstahl. Oak Ridge hat seine Forschungsergebnisse selbst deklassifiziert. Die Thorium-Physik steht in Lehrbüchern. Was China „gestohlen" hat, ist nicht geistiges Eigentum — es ist institutionelle Willenskraft. Die Bereitschaft, eine Technologie, die nachweislich funktioniert, vom Papier in die Realität zu überführen. Und das kann man nicht stehlen, weil der Westen es nicht mehr besitzt.

VI. Warum Thorium aufgegeben wurde

Die Standarderklärung lautet: Thorium verlor in den 1970er Jahren gegen Uran, weil Uran-Leichtwasserreaktoren besser verstanden und für die Marine entwickelt waren. Das ist nicht falsch. Aber es ist die Geschichte, die die zweite Rolle sich erzählt — die Geschichte der pragmatischen Entscheidung unter Sachzwängen.

Die tiefere Antwort hat drei Schichten.

Erstens: Waffen. Das amerikanische Nuklearprogramm war von Anfang an ein Waffenprogramm, das nebenbei Strom erzeugte. Leichtwasserreaktoren auf Uranbasis produzierten Plutonium-239 — brauchbar für Bomben. Thorium produzierte Uran-233 — brauchbar für Energie, aber schwieriger waffenfähig zu machen. In einer Welt, in der das Pentagon die Forschungsbudgets bestimmte, war das kein technisches Detail. Es war das Auswahlkriterium.

Zweitens: Industrie. In den 1970er Jahren existierte bereits eine milliardenschwere Uran-Lieferkette — Bergbau, Anreicherung, Brennelementefertigung, Wiederaufarbeitung. Jede dieser Stufen war ein Unternehmen, ein Lobby, ein Arbeitsplatz. Eine Thoriumwirtschaft hätte diese Kette nicht ergänzt, sondern ersetzt. Die Uranindustrie hatte kein Interesse am eigenen Verschwinden — und sie hatte die Lobbyisten, um es zu verhindern.

Drittens: Zeitpräferenz. Thorium ist eine Generationeninvestition. Der Brennstoffkreislauf ist komplexer als bei Uran: Thorium muss erst in spaltbares Material umgewandelt werden, bevor es Energie produziert. Die Vorlaufkosten sind hoch, die Rendite liegt Jahrzehnte in der Zukunft. Demokratische Regierungen, die in Vier-Jahres-Zyklen denken, optimieren nicht für Jahrzehnte. Sie optimieren für die nächste Wahl. Und ein Reaktortyp, der in dreißig Jahren billiger ist als alles andere, verliert gegen einen Reaktortyp, der in fünf Jahren ans Netz geht — auch wenn er langfristig teurer, gefährlicher und abhängiger von importiertem Uran ist.

Waffen, Industrie, Zeitpräferenz. Drei Gründe, die alle rational sind, wenn man sie einzeln betrachtet — und die zusammen eine Zivilisation daran hindern, die bessere Technologie zu nutzen, die sie selbst erfunden hat.

VII. Die Symmetrie des Versagens

Was an der Thorium-Geschichte so bemerkenswert ist, ist nicht das einzelne Versagen eines einzelnen Landes. Es ist die Symmetrie: Jede westliche Demokratie hat Thorium aus anderen Gründen aufgegeben, aber das Ergebnis ist überall identisch.

Amerika gab es auf, weil die Waffenlogik dominierte. Indien gab es auf, weil der Uranimport bequemer war. Frankreich gab es auf, weil die Kernenergie politisch toxisch wurde, bevor Thorium zur Diskussion stand. Deutschland gab es auf, weil es die gesamte Kernenergie aufgab. Großbritannien gab es auf, weil es seit Thatcher systematisch die staatliche Fähigkeit abgebaut hat, Großtechnologieprojekte durchzuführen. Europa als Ganzes gab es auf, weil Europa keine Technologiepolitik hat — nur Regulierungspolitik.

Verschiedene Gründe. Derselbe Mechanismus. In jedem Fall hat die erste Rolle entschieden, die zweite Rolle implementiert und die dritte Rolle geschwiegen. In Amerika entschied das Pentagon, die Nationallabors gehorchten, die Öffentlichkeit wusste von nichts. In Indien entschied die Bürokratie, dass Uran ausreicht, die Wissenschaftler fügten sich, die Bevölkerung hörte weiter von Thorium als Zukunft — einer Zukunft, die nie Gegenwart werden durfte. In Europa entschied die politische Klasse, dass Kernenergie keine Zukunft hat, die Energieversorger folgten, und die Öffentlichkeit applaudierte einem Ausstieg, dessen Konsequenzen sie nicht verstand.

China hatte keinen dieser Bremsklötze. Keine Waffenlogik, die Forschungsbudgets verzerrt — China hat längst genug Atomwaffen und braucht Thorium nicht dafür. Keine Uranlobby, die den Wechsel blockiert — China baut parallel konventionelle Reaktoren und Thorium-Reaktoren, als Ergänzung, nicht als Ersatz. Keine demokratischen Vier-Jahres-Zyklen, die Generationeninvestitionen unmöglich machen. Und — entscheidend — einen Staat, der Industriepolitik als Kernaufgabe begreift, nicht als ordnungspolitische Verirrung.

VIII. Was Thorium über den Westen sagt

Es gibt eine verbreitete Erzählung, die besagt: Der Westen ist innovativ, China kopiert. Diese Erzählung war in den 1990er Jahren plausibel. Sie ist heute eine Selbstlüge.

China hat bei Thorium nicht kopiert. China hat deklassifizierte Grundlagenforschung genommen und etwas getan, was Amerika fünfzig Jahre lang nicht getan hat: sie in einen funktionierenden Reaktor übersetzt. Das Nachladen im laufenden Betrieb — Oktober 2024 — hatte Oak Ridge nie erreicht. Die Thorium-Uran-Konversion im Reaktor — November 2025 — war in sechzig Jahren Forschungsgeschichte nicht gelungen. Das sind keine Kopien. Das sind Originalbeiträge, aufbauend auf einer Grundlage, die der Westen selbst weggeworfen hat.

Das Muster wiederholt sich. Hochgeschwindigkeitszüge: In den 1960er Jahren fuhr der japanische Shinkansen, in den 1970er Jahren der französische TGV. Deutschland entwickelte den Transrapid — und baute ihn in Shanghai statt in München. Heute betreibt China das größte Hochgeschwindigkeitsnetz der Welt: über 45.000 Kilometer. Europa diskutiert noch über die Trasse Stuttgart–Ulm.

Solarmodule: Die Photovoltaikzelle wurde 1954 in den Bell Labs in New Jersey erfunden. Europa und Amerika förderten die Technologie mit Subventionen, aber ohne industrielle Strategie. China baute die Fabriken. Heute kontrolliert China über 80 Prozent der globalen Solarproduktion.

Batteriespeicher: Die Lithium-Ionen-Batterie wurde 1991 von Sony in Japan kommerzialisiert, basierend auf Forschung aus Oxford und Texas. China baute CATL und BYD zu den größten Batterieherstellern der Welt. Europa startete 2017 die European Battery Alliance — und liegt heute Jahre hinter dem Zeitplan.

Und jetzt Thorium: erfunden und bewiesen in Oak Ridge, Tennessee. Kommerzialisiert in Wuwei, Gansu.

Das ist kein Muster des Kopierens. Es ist ein Muster der Adoption — der systematischen Übernahme aufgegebener Technologien durch einen Staat, der die institutionelle Fähigkeit besitzt, sie zu Ende zu entwickeln. Und es ist, in seiner Spiegelung, ein Muster der Selbstamputation: Der Westen trennt sich von Fähigkeiten, die er besitzt, nicht weil sie nicht funktionieren, sondern weil die politische Ökonomie ihrer Weiterentwicklung entgegensteht.

🎯 Spieltheorie-Box: Der Vorteil des Nachzüglers — umgekehrt

In der Wirtschaftstheorie beschreibt der Late-Mover Advantage den Vorteil von Nachzüglern, die aus den Fehlern der Pioniere lernen. China hat diesen Vorteil perfektioniert — aber mit einer entscheidenden Abwandlung.

Der klassische Nachzügler lernt aus Fehlern. China lernt aus Erfolgen, die aufgegeben wurden. Das ist ein qualitativer Unterschied. Ein Fehler enthält Information darüber, was nicht funktioniert. Ein aufgegebener Erfolg enthält Information darüber, was funktioniert — plus den Bonus, dass kein Konkurrent den Markt besetzt.

Der Westen hat China nicht nur die Forschung geschenkt. Er hat den Markt geräumt. Kein westliches Unternehmen entwickelt einen Thorium-Flüssigsalzreaktor im industriellen Maßstab. Wenn China 2040 kommerzielle Thorium-Reaktoren exportiert, wird es keinen Wettbewerber geben. Nicht weil China ihn ausgeschaltet hat — sondern weil der Westen sich selbst ausgeschaltet hat.

IX. Thorium und das Containerschiff

Ein Detail am Rand der Thorium-Geschichte enthüllt die strategische Tiefe des chinesischen Denkens besser als jede Produktionsstatistik.

China State Shipbuilding Corporation entwickelt gemeinsam mit der China National Nuclear Corporation ein Containerschiff mit Thorium-Flüssigsalzantrieb. Designphase: Abschluss 2026. Bau: Ende dieses Jahrzehnts. Wenn es gelingt, wäre es das weltweit erste Frachtschiff, das Ozeane ohne fossile Brennstoffe überquert — und zwar nicht mit Batterien, nicht mit Wasserstoff, nicht mit Ammoniak, sondern mit einem Reaktor, der jahrelang ohne Nachtanken läuft.

Man muss sich vergegenwärtigen, was das bedeutet. Die globale Handelsschifffahrt verursacht etwa drei Prozent der weltweiten CO2-Emissionen — mehr als jeder einzelne Staat außer den fünf größten. Die International Maritime Organization hat Dekarbonisierungsziele gesetzt, aber keine Technologie identifiziert, die sie erreichen kann. Batterien reichen nicht für Ozeane. Wasserstoff ist zu voluminös. Ammoniak ist giftig und korrosiv. Die maritime Dekarbonisierung ist das ungelöste Problem der Energiewende.

China löst es nicht durch Regulierung, sondern durch Technologie. Und nicht durch irgendeine Technologie, sondern durch eine, die der Westen erfunden und aufgegeben hat.

Wenn in den 2030er Jahren chinesische Containerschiffe emissionsfrei Waren transportieren und europäische Reedereien CO2-Abgaben auf ihre Dieselmotoren zahlen, wird niemand sagen können, er hätte es nicht kommen sehen. Die Information lag offen. Die Technologie war bewiesen. Die Entscheidung, sie nicht zu nutzen, war bewusst — oder, was schlimmer ist, unbewusst, weil niemand mehr da war, der die Frage stellte.

X. Die eigentliche Frage

Es wäre einfach, diesen Essay mit einem Aufruf zu beenden: Europa muss in Thorium investieren. Aber diese Forderung geht am Kern des Problems vorbei.

Europa kann nicht in Thorium investieren. Nicht weil das Geld fehlt — die EU hat Billionen mobilisiert für Dinge, die weniger wichtig sind. Sondern weil die institutionelle Fähigkeit fehlt, eine Generationeninvestition in eine politisch kontaminierte Technologie durchzuführen. Die Fähigkeit wurde amputiert — in dreißig Jahren Privatisierung, Deindustrialisierung und politischer Verbannung der Kernenergie aus dem Raum des Denkbaren. Man kann nicht in eine Technologie investieren, wenn man die Ingenieure nicht mehr hat, die Institute geschlossen hat, die politische Sprache nicht mehr besitzt, in der man darüber reden kann, ohne als Feind des Fortschritts zu gelten.

Das ist die eigentliche Lektion von Thorium. Nicht dass China besser ist als der Westen. Nicht dass Demokratien langsamer sind als Autokratien. Sondern dass eine Zivilisation, die systematisch ihre eigenen Fähigkeiten abbaut — nicht weil sie sie nicht braucht, sondern weil sie politisch unbequem sind — irgendwann an den Punkt kommt, an dem sie etwas nicht mehr kann, was sie einmal konnte. Und dann entdeckt sie, dass der Wiederaufbau von Fähigkeiten um Größenordnungen schwieriger ist als ihre Zerstörung.

Ordnungszahl 90. Silbrig-weiß. Häufiger als Zinn. Liegt überall herum. Und die Zivilisation, die es nutzen könnte, hat verlernt, wie man etwas baut.

Quellen: National Science Review, „China's progress in developing fourth-generation nuclear reactors" (Januar 2026); IEEE Spectrum, „China to Build Thorium Molten-Salt Reactor" (Dezember 2024); MIT Technology Review, „A long-abandoned US nuclear technology is making a comeback in China" (Mai 2025); Nuclear Engineering International, „China refuels thorium reactor without shutdown" (April 2025); MIT Technology Review, „This American company could help India's thorium dream" (August 2025); World Nuclear Association, „Nuclear Power in India" (2025/26); South China Morning Post, „China has world's first operational thorium nuclear reactor" (April 2025); Splash247, „China developing thorium-powered boxship project" (November 2025).

Hans Ley & Claude
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