Das Interregnum
Das Alte stirbt. Das Neue ist noch nicht geboren. In diesem Zwischenraum — dem Interregnum — entstehen die gefährlichsten Dinge. Und die interessantesten Möglichkeiten. Meistens wissen die Menschen, die darin leben, nicht, wo sie sich befinden.
I. Der Begriff
Interregnum ist ursprünglich ein staatsrechtlicher Begriff: die Zeit zwischen dem Tod eines Herrschers und der Krönung seines Nachfolgers. Keine Ordnung ist aufgehoben — aber keine ist vollständig wirksam. Die alten Gesetze gelten noch, aber niemand vollstreckt sie mit Überzeugung. Die neuen Normen existieren erst als Ahnung, als Forderung, als Streit.
Antonio Gramsci hat den Begriff in den 1930er Jahren aus dem Staatsrecht herausgelöst und zur Beschreibung historischer Übergangsphasen verallgemeinert. Er schrieb — im Gefängnis, unter Mussolini — über Momente, in denen eine gesellschaftliche Hegemonie zerbricht, ohne dass eine neue sie ersetzt. Sein Kernsatz ist prägnant und wird heute oft zitiert, ohne dass man weiß, woher er kommt: Das Alte stirbt und das Neue kann nicht geboren werden — in diesem Zwischenraum entstehen die verschiedensten Krankheitssymptome.
“Krankheitssymptome” — das ist das Wort, auf das es ankommt. Gramsci meinte nicht Kriege oder Katastrophen allein. Er meinte die subtileren Erscheinungen: die Orientierungslosigkeit, die Aggression des Veralteten gegen das Neue, die Unfähigkeit, klare Entscheidungen zu treffen, weil kein Koordinatensystem mehr unbestritten ist.
II. Wie sich ein Interregnum anfühlt
Das Merkwürdige am Interregnum ist, dass die meisten Menschen, die darin leben, es nicht erkennen. Sie erleben Unruhe, Widersprüche, das Gefühl dass etwas nicht stimmt — aber sie deuten es als vorübergehende Störung, nicht als strukturellen Wandel. Das ist verständlich: Menschen sind auf Kontinuität optimiert. Das Gehirn sucht Muster, die es kennt. Was nicht ins Muster passt, wird als Ausnahme abgelegt, nicht als Regel.
Deshalb erklären so viele Beobachter die Gegenwart als Anomalie. Trump ist eine Anomalie. Der Iran-Krieg ist eine Anomalie. Der Zerfall der transatlantischen Partnerschaft ist eine Anomalie. Wenn die Anomalien sich häufen, wird die Erklärung nicht revidiert — sie wird verstärkt. Jede neue Anomalie bestätigt, wie weit wir vom Normalen abgewichen sind. Die Rückkehr zur Normalität wird zum politischen Programm.
Dabei ist die Normalität längst untergegangen. Was als Normalität gilt — die liberale Weltordnung, die transatlantische Partnerschaft, das Wachstumsversprechen, die Stabilität der westlichen Demokratien — war selbst eine historische Ausnahme. Eine besonders glückliche Phase, die von den spezifischen Bedingungen der Nachkriegsjahrzehnte abhing. Diese Bedingungen existieren nicht mehr. Die Normalität, zu der man zurückkehren will, gibt es nicht mehr.
III. Das Klammern ans Sterbende
Im Interregnum entsteht eine eigentümliche politische Energie: die verzweifelte Verteidigung des Alten durch diejenigen, die in ihm zu Hause sind. Das ist nicht Dummheit. Es ist rationales Verhalten unter falschen Voraussetzungen.
Wer sein Leben, seine Karriere, sein Weltbild auf einer bestimmten Ordnung aufgebaut hat, hat ein fundamentales Interesse daran, dass diese Ordnung fortbesteht. Der europäische Diplomat, der sein Leben der transatlantischen Partnerschaft gewidmet hat. Der Ökonom, dessen Modelle auf Freihandelsdogmen basieren. Der Journalist, der die liberale Demokratie als Endpunkt der Geschichte betrachtet. Sie alle sehen das Sterben des Alten — und deuten es als Angriff, dem man widerstehen muss, nicht als Wandel, dem man sich anpassen soll.
Das Klammern hat eine tragische Dialektik: Je verzweifelter man das Alte verteidigt, desto sichtbarer wird seine Schwäche. Die NATO-Erklärungen, die immer dringlicher werden. Die Bekenntnisse zur regelbasierten Ordnung, die immer häufiger wiederholt werden, weil sie immer weniger gelten. Die europäischen Appelle an Amerika, die immer unbeantwortet bleiben. Jede Wiederholung dieser Gesten zeigt, dass sie nicht mehr wirken — und ist gleichzeitig unmöglich zu unterlassen, weil die Alternative das Eingeständnis des Endes wäre.
IV. Die Angst vor dem Namenlosen
Das Neue wird gefürchtet, bevor es Form angenommen hat. Das ist keine irrationale Angst. Es ist die Angst vor dem Namenlosen — und das Namenlose ist immer bedrohlicher als das Bekannte, egal wie schlecht das Bekannte ist.
Eine Weltordnung ohne amerikanische Hegemonie — was bedeutet das konkret? Niemand weiß es. Eine Finanzarchitektur ohne Petrodollar — wie funktioniert sie? Noch entwirft sie niemand. Ein Europa, das strategisch autonom ist — was will es, wenn es nicht mehr weiß, was Amerika will? Die Fragen stellen sich. Die Antworten fehlen. Und in diesem Vakuum der Antworten gedeiht die Angst.
Die gefährlichsten Akteure im Interregnum sind nicht die, die das Alte verteidigen — sie sind zu schwach, um wirklich zu zerstören. Und nicht die, die das Neue entwerfen — sie sind noch zu marginal, um wirklich zu gestalten. Die gefährlichsten Akteure sind die, die die Angst vor dem Namenlosen als politisches Instrument einsetzen. Die keine neue Ordnung anbieten, sondern die Sehnsucht nach der alten mobilisieren. Die Nostalgie als Machtmittel verwenden.
Trump ist das reinste Beispiel. “Make America Great Again” ist kein Zukunftsprogramm. Es ist eine Zeitmaschine — eine Einladung, in eine Vergangenheit zurückzukehren, die so nie existiert hat, aber als Bild mächtiger ist als jede realistische Alternative. Das funktioniert, weil das Interregnum keine realistischen Alternativen anbietet — nur das Bekannte und das Unbekannte. Und das Bekannte, auch wenn es untergegangen ist, hat wenigstens einen Namen.
V. Was im Interregnum möglich wird
Gramsci hat nicht nur über die Gefahren des Interregnums geschrieben. Er hat auch über seine Möglichkeiten nachgedacht — und das ist der Teil, der seltener zitiert wird.
Im Interregnum wird das möglich, was in stabilen Ordnungen unmöglich ist: strukturelle Veränderung. Nicht Reform — Reform setzt eine Ordnung voraus, die man reformiert. Sondern Neugründung. Die Fragen, die im normalen Betrieb nicht gestellt werden dürfen — weil sie zu grundlegend sind, weil sie zu viele Interessen berühren, weil sie das System selbst in Frage stellen — diese Fragen werden plötzlich diskutierbar.
Warum muss Europa seine Sicherheit von Amerika kaufen? Warum ist der Dollar die Weltwährung? Warum werden Kriege geführt, um Handelsrouten zu sichern, die eine andere Energieversorgung überflüssig machen würde? Diese Fragen waren immer stellbar. Aber im stabilen Betrieb der alten Ordnung wurden sie nicht gehört, weil zu viele Akteure ein Interesse daran hatten, sie nicht zu stellen.
Das Interregnum zerstört diese Stille nicht durch Aufklärung, sondern durch Kollaps. Die Antworten auf die alten Fragen funktionieren nicht mehr — also müssen neue Fragen gestellt werden. Das ist schmerzhaft. Es ist auch die einzige Möglichkeit, aus dem Zirkel herauszukommen.
VI. Das Archiv des Dazwischen
Es gibt eine spezifische Aufgabe für Menschen, die im Interregnum klar sehen — oder klar genug. Nicht die Aufgabe, die neue Ordnung zu entwerfen: das wäre anmaßend, weil niemand weiß, was kommt. Nicht die Aufgabe, die alte zu verteidigen: das wäre sinnlos, weil sie stirbt.
Die Aufgabe ist bescheidener und langlebiger: das Dazwischen zu dokumentieren. Festzuhalten, wie es war. Was funktioniert hat und warum. Was nicht funktioniert hat und warum. Welche Fragen gestellt wurden und welche nicht. Welche Alternativen denkbar gewesen wären und warum sie nicht ergriffen wurden.
Dieses Archiv ist nicht für die Gegenwart. Es ist für die, die nach dem Interregnum kommen — die in einer neuen Ordnung leben werden, die den Übergang nicht erlebt haben, die verstehen wollen, wie die alte Welt funktionierte und warum sie endete. Für sie ist das Archiv des Dazwischen das Wertvollste, was das Interregnum hinterlassen kann.
Das Interregnum ist keine Pause zwischen zwei Ordnungen. Es ist selbst ein Zustand — mit eigener Logik, eigenen Gefahren, eigenen Möglichkeiten. Wer darin lebt, ohne es zu wissen, wird von ihm getrieben. Wer es erkennt, kann wenigstens bezeugen, was geschieht.