DAS POLITISCHE MITTEL
„Es gibt zwei grundsätzlich verschiedene Mittel, mit denen der Mensch die Güter, deren er zur Befriedigung seiner Bedürfnisse bedarf, sich verschaffen kann. Das eine Mittel ist die eigene Arbeit und der äquivalent betrachtete Austausch eigener Arbeitserzeugnisse gegen fremde — das ‚ökonomische Mittel'. Das andere Mittel ist die unentgoltene Aneignung fremder Arbeit — das ‚politische Mittel'."
— Franz Oppenheimer, Der Staat, 1908
I. Oppenheimers Unterscheidung
Franz Oppenheimer war Arzt, Soziologe und Nationalökonom. Ludwig Erhard nannte ihn seinen Lehrer. Seine zentrale Einsicht, formuliert 1908 in „Der Staat", ist von einer Einfachheit, die ihre Sprengkraft verbirgt: Es gibt genau zwei Wege, an die Güter dieser Welt zu gelangen. Den ersten Weg nannte er das ökonomische Mittel — eigene Arbeit und freier Tausch. Den zweiten nannte er das politische Mittel — die unentgoltene Aneignung der Arbeit anderer.
Oppenheimer wandte diese Unterscheidung auf den Staat an. Der Staat, argumentierte er, sei in seiner Entstehung die Organisation des politischen Mittels — eine Einrichtung, mit der eine siegreiche Gruppe eine besiegte Gruppe dauerhaft bewirtschaftet. Das mag als historische Theorie umstritten sein. Als Analysewerkzeug ist es von erschreckender Aktualität.
Denn das politische Mittel hat den Staat längst verlassen. Es hat sich in den privaten Raum ausgebreitet — in die Wirtschaft, in die Beratungsbranche, in die Netzwerke, in die Zwischenräume, wo Wertschöpfung stattfindet. Dort, wo Menschen Dinge erfinden, entwickeln und bauen, hat sich eine Klasse etabliert, die nichts davon tut — aber an allem teilhaben will. Nicht durch Gewalt, wie Oppenheimers Hirtennomaden. Durch etwas Subtileres: durch die Simulation von Zugehörigkeit.
II. Der Typus
Er hat eine GmbH. Stammkapital: 25.000 Euro. Manchmal weniger, wenn die Einzahlung nur zur Hälfte geleistet wurde. Die Firma hat einen imposanten Namen — irgendetwas mit „Group", „Consulting", „International", „Ventures" oder „Capital". Die Webseite beschreibt Tätigkeiten auf „verschiedenen Kontinenten" und nennt eine Adresse in Berlin, München oder Düsseldorf — dort, wo allein die Postleitzahl als Referenz gilt.
Er hat Titel. Doktor, manchmal. Diplom-irgendwas, häufig. Die Titel stehen auf der Visitenkarte, neben einer Funktionsbezeichnung, die niemand nachprüft: „Geschäftsführender Gesellschafter", „CEO", „Strategischer Berater". Die Titel sind das Werkzeug. Sie öffnen Räume, zu denen Leistung allein keinen Zugang verschafft — Empfänge, Konferenzen, Netzwerktreffen. Der Titel ist das Eintrittsbillet in die Nähe derer, die tatsächlich etwas schaffen.
Er hat Kontakte. Das ist sein eigentliches Kapital. Er kennt den Staatssekretär. Er war auf dem Empfang. Er hat die Nummer. Er war dabei, als. Diese Sätze sind seine Währung. Nicht das, was er kann — sondern wen er kennt. Nicht das, was er gebaut hat — sondern wo er gesehen wurde. Die Nähe zu den Produzenten ist sein Produkt.
Er hat kein Produkt. Keine Maschine, keine Software, kein Patent, keine Dienstleistung, die einen messbaren Wert erzeugt. Was er hat, ist eine Erzählung: dass seine Kontakte, seine Erfahrung, seine Vernetzung einen Wert haben, der sich nicht in einem Produkt ausdrückt, aber ohne den das Produkt des anderen nicht zur Entfaltung kommen könne. Er bietet nicht Arbeit an. Er bietet Zugang an. Und Zugang ist das politische Mittel des 21. Jahrhunderts.
III. Die Sprache des Schmarotzers
Man muss präzise sein. Oppenheimers politisches Mittel ist nicht Betrug. Der Betrüger täuscht über die Ware. Der Anwender des politischen Mittels täuscht über die Leistung. Er behauptet nicht, etwas zu liefern, was er nicht hat. Er behauptet, etwas zu leisten, was niemand messen kann.
Die Sprache ist das wichtigste Werkzeug. Sie muss vage genug sein, um nie widerlegt werden zu können, und eindrucksvoll genug, um nie hinterfragt zu werden. Ein Lexikon:
„Ich bringe die richtigen Leute zusammen." — Bedeutet: Ich kenne Leute, die sich auch ohne mich finden würden, aber ich stelle mich dazwischen und leite einen Anteil ab.
„Ich öffne Türen." — Bedeutet: Ich habe Zugang zu Entscheidungsträgern, die ich durch mein Auftreten, nicht durch meine Leistung gewonnen habe, und diesen Zugang stelle ich gegen Beteiligung zur Verfügung.
„Das muss strategisch aufgesetzt werden." — Bedeutet: Es muss ein Prozess installiert werden, in dem meine Rolle als Berater, Moderator oder Vermittler institutionalisiert wird, damit der Geldfluss nicht an eine konkrete Leistung gebunden ist.
„Darüber müssen wir noch reden." — Bedeutet: Nein, aber ich sage es nicht, weil der Moment, in dem ich es sage, der Moment ist, in dem meine Rolle infrage gestellt wird.
„Ich habe da jemanden, der sich dafür interessieren könnte." — Bedeutet: Ich kenne jemanden, den der Produzent auch direkt kontaktieren könnte, aber ich stelle mich dazwischen, damit der Kontakt über mich laufen muss.
Die gemeinsame Struktur aller dieser Sätze ist: Sie ersetzen ein konkretes Angebot durch ein unbestimmtes Versprechen. Der Handwerker sagt: „Ich baue Ihnen eine Mauer, sie kostet soundsoviel, sie ist in zwei Wochen fertig." Das ist das ökonomische Mittel — Leistung gegen Gegenleistung, messbar, überprüfbar, konkret. Der Anwender des politischen Mittels sagt niemals etwas so Präzises. Präzision wäre sein Ende. Denn das Einzige, was er nicht überleben kann, ist die Frage: Was genau lieferst du?
IV. Die Ökologie des politischen Mittels
Der Anwender des politischen Mittels braucht ein Ökosystem, in dem er gedeihen kann. Dieses Ökosystem hat spezifische Eigenschaften.
Erstens: Komplexität. Je komplizierter ein System ist, desto mehr Zwischenräume entstehen, in denen sich der Vermittler einnisten kann. Ein einfacher Tausch — Brot gegen Geld — braucht keinen Berater. Eine Förderantragsstellung bei der EU mit 47 Formularen, drei Gutachten und einer Compliance-Prüfung braucht jemanden, der behauptet, den Weg durch den Dschungel zu kennen. Dass er selbst zum Dschungel beiträgt, indem er Komplexität nicht reduziert sondern navigiert, ist nicht sein Problem. Es ist sein Geschäftsmodell.
Zweitens: Intransparenz. Wo niemand weiß, was eine Leistung wert ist, kann jeder jeden Preis verlangen. Der Erfinder weiß, was seine Maschine kostet — Material, Arbeitszeit, Entwicklung. Der „Stratege", der behauptet, die Vermarktung der Maschine zu ermöglichen, kann seinen Preis frei setzen, weil die Leistung nicht messbar ist. Wenn die Vermarktung gelingt, war es sein Verdienst. Wenn sie scheitert, lag es an den Marktbedingungen.
Drittens: ein Produzent, der zu beschäftigt ist, um die Bücher zu prüfen. Das ist entscheidend. Der Anwender des politischen Mittels dockt bevorzugt an Menschen an, die mit der Realität beschäftigt sind — die in der Werkstatt stehen, am Rechner sitzen, die Maschine justieren. Diese Menschen haben keine Zeit für das Spiel, das um sie herum gespielt wird. Sie sind so absorbiert von der Lösung des technischen Problems, dass sie die Lösung des ökonomischen Problems — wer bekommt was und warum — an andere delegieren. Genau diese Delegation ist die Eintrittspforte.
V. Das moderne Raubrittertum
Oppenheimer beschrieb den Hirtennomaden, der den Ackerbauern überfällt und seine Ernte nimmt. Die moderne Variante ist zivilisierter. Sie trägt Anzug, hat eine Visitenkarte und sitzt am selben Tisch wie der Produzent. Aber die Struktur ist dieselbe: unentgoltene Aneignung fremder Arbeit.
Der moderne Wegelagerer gründet keine Firma, die etwas herstellt. Er gründet eine Firma, die sich neben die Firma stellt, die etwas herstellt. Sein Geschäft ist nicht das Produkt, sondern die Nähe zum Produkt. Er berät. Er moderiert. Er vernetzt. Er begleitet. Er eröffnet Perspektiven. Er denkt strategisch. Jedes einzelne dieser Verben ist so konstruiert, dass es keine messbare Leistung beschreibt.
Und er will Anteile. Das ist der Kern. Nicht Honorar für eine definierte Leistung — sondern Anteile an dem, was andere geschaffen haben. Er will Gesellschafter sein. Er will am Tisch sitzen, wenn die Ernte verteilt wird. Nicht weil er gepflügt, gesät oder gegossen hat — sondern weil er dabei war, als über das Pflügen geredet wurde.
Die Dreistigkeit steigert sich proportional zur Toleranz des Produzenten. Wer einmal akzeptiert, dass jemand ohne erkennbare Leistung am Tisch sitzt, wird feststellen, dass dieser jemand bald den Tisch organisiert. Und dann die Tagesordnung bestimmt. Und dann die Gäste einlädt. Und irgendwann sitzt der Produzent an seinem eigenen Tisch als Gast.
VI. Die Psychologie des Zugeständnisses
Warum lassen Produzenten es zu? Warum akzeptieren Menschen, die etwas können, dass Menschen, die nichts können, an ihrer Arbeit partizipieren?
Die Antwort ist nicht Naivität. Sie ist strukturell.
Der Produzent — der Erfinder, der Ingenieur, der Unternehmer, der Handwerker — ist in seinem Element, wenn er ein technisches Problem löst. Er denkt in Materialien, Toleranzen, Funktionen, Systemen. Das soziale Spiel — wer bekommt was und warum, wer hat welchen Anspruch, wer muss gemanagt werden — liegt außerhalb seiner Kernkompetenz. Nicht weil er dumm wäre. Sondern weil seine Intelligenz auf die Realität gerichtet ist, nicht auf das Spiel um die Realität.
Der Anwender des politischen Mittels hat die umgekehrte Kompetenzverteilung. Er versteht nichts von Materialien, Toleranzen und Systemen. Aber er versteht das Spiel. Er weiß, wann man Erwartungen weckt, ohne Zusagen zu machen. Er weiß, wann man „darüber müssen wir noch reden" sagt, um Zeit zu gewinnen, ohne sich zu binden. Er weiß, wann man auf einem Foto neben dem Richtigen steht. Er weiß, wann man eine Visitenkarte überreicht und wann man sie zurückhält.
Die Tragödie liegt darin, dass der Produzent den Anwender des politischen Mittels für einen Verbündeten hält — für jemanden, der die Dinge erledigt, die der Produzent nicht erledigen will. Die Verhandlung, den Kontakt, die Strategie. Und eine Zeitlang funktioniert diese Illusion. Der Anwender des politischen Mittels liefert ja etwas: Er liefert das Gefühl, nicht allein zu sein. Das ist sein eigentliches Produkt. Nicht Zugang, nicht Strategie, nicht Kontakte — sondern die Illusion der Partnerschaft.
VII. Die Erkennungsmerkmale
Es gibt einen einfachen Test. Er besteht aus einer einzigen Frage: Wenn dieser Mensch morgen verschwinden würde — was genau würde fehlen?
Beim Produzenten ist die Antwort sofort klar. Die Maschine wird nicht gebaut. Das Patent wird nicht angemeldet. Der Code wird nicht geschrieben. Das Haus wird nicht fertig. Die Leistung hat eine konkrete Form, die in der Welt fehlt, wenn die Person fehlt.
Beim Anwender des politischen Mittels ist die Antwort: nichts. Oder genauer: nichts, was ein anderer nicht auch liefern könnte — oder was sich nicht von selbst erledigen würde. Der Kontakt, den er vermittelt, hätte per E-Mail hergestellt werden können. Die Strategie, die er entwickelt, ist eine Selbstverständlichkeit in Beratersprache. Die Tür, die er öffnet, steht ohnehin offen — nur hat er sich davor gestellt und tut so, als hätte er den Schlüssel.
Ein zweites Erkennungsmerkmal: die Reaktion auf die Kostenfrage. Wer das ökonomische Mittel anwendet, nennt einen Preis. Handwerker: 3.000 Euro, Material und Arbeit. Anwalt: 350 Euro die Stunde, plus Auslagen. Patentanwalt: Pauschale für die Anmeldung, Erfolgshonorar bei Erteilung. Die Leistung ist definiert, der Preis ist verhandelbar, die Gegenleistung ist messbar.
Wer das politische Mittel anwendet, nennt keinen Preis. Er sagt: „Darüber müssen wir noch reden." Er sagt: „Das hängt davon ab, wie sich das entwickelt." Er sagt: „Lass uns erst mal schauen, was dabei rauskommt." Jeder dieser Sätze hat denselben Zweck: den Moment der Preisfestlegung so lange hinauszuzögern, bis die Beziehung so weit fortgeschritten ist, dass der Produzent sich nicht mehr traut, die Grundsatzfrage zu stellen. Denn die Grundsatzfrage lautet nicht: Was kostet das? Sie lautet: Was lieferst du eigentlich?
VIII. Das Netzwerk als Geschäftsmodell
Der Anwender des politischen Mittels operiert selten allein. Er operiert in Netzwerken — mit anderen Anwendern des politischen Mittels. Das Netzwerk hat eine spezifische Funktion: gegenseitige Legitimierung.
A kennt B. B kennt C. C kennt den Staatssekretär. A empfiehlt B an den Produzenten. B empfiehlt C. Jeder nimmt einen Schnitt. Keiner liefert etwas. Aber die Kette erzeugt den Anschein von Substanz, weil an jedem Glied ein Name hängt, der den nächsten Namen legitimiert. Es ist ein Schneeballsystem der Reputation — ohne Produkt, ohne Leistung, ohne Substanz. Nur Namen.
In jedem Netzwerk dieser Art gibt es eine zentrale Figur: den Salonlöwen. Er organisiert die Treffen, an denen nichts entschieden wird. Er kennt alle, wird von allen gegrüßt, stellt alle einander vor. Sein Wert besteht ausschließlich darin, dass er einen Raum betritt und die Leute darin sich kennen — weil er sie einander vorgestellt hat. Das ist eine reale soziale Funktion. Es ist keine ökonomische Leistung. Aber er behandelt es als eine und leitet daraus einen Anspruch auf Beteiligung ab, der in keinem Verhältnis zum Aufwand steht.
Diese Netzwerke gravitieren naturgemäß in die Nähe der Politik. Nicht der Politik im Sinne von Gesetzgebung — sondern der Politik im Sinne von Empfängen, Konferenzen, Eröffnungen, Fototerminen. Dort, wo die Bilder entstehen, die als Referenz dienen. Der Handschlag mit dem Minister ist keine Leistung. Aber das Foto davon ist ein Vermögenswert — im Ökosystem des politischen Mittels.
IX. Warum Europa daran zugrunde geht
Das Problem ist nicht, dass es solche Menschen gibt. Es hat sie immer gegeben, in jeder Gesellschaft, in jeder Epoche. Oppenheimers Hirtennomade ist der Archetyp: er sah, dass der Ackerbauer etwas produziert hatte, und nahm es sich. Das ist menschlich, wenn auch nicht bewundernswert.
Das Problem ist das Verhältnis. In einer Gesellschaft, die genug Produzenten hat, sind die Anwender des politischen Mittels ein Ärgernis, aber keine existenzielle Bedrohung. Die Ernte ist groß genug, dass einige Parasiten sie nicht gefährden. In einer Gesellschaft, die ihre Produzenten systematisch vertreibt — durch Bürokratie, durch Steuerlast, durch Regulierung, durch eine Kultur, die den Verwalter über den Erbauer stellt —, werden die Anwender des politischen Mittels zum systemischen Risiko.
Europa ist an diesem Punkt. Die Produzenten gehen — nach Amerika, nach Asien, in die Schweiz. Die Anwender des politischen Mittels bleiben — weil ihr Geschäftsmodell ortsgebunden ist. Man kann einen Kontakt zum Staatssekretär nicht nach Singapur exportieren. Man kann ein Netzwerk in Berlin nicht in Shenzhen replizieren. Der Anwender des politischen Mittels ist an das System gebunden, das er bewirtschaftet. Wenn die Produzenten gehen, bewirtschaftet er ein leeres Feld.
Aber er bemerkt es nicht. Oder zu spät. Denn in seinem Spiel fehlt die Rückkopplung, die das ökonomische Mittel hat. Der Unternehmer, dessen Produkt nicht funktioniert, erfährt es sofort — der Markt antwortet. Der Anwender des politischen Mittels, dessen Netzwerk keinen Wert mehr hat, erfährt es nicht — weil die Kennzahl, an der er seinen Erfolg misst, nicht die Wertschöpfung ist, sondern die Zahl seiner Kontakte. Und die Zahl der Kontakte steigt, auch wenn der Wert jedes einzelnen Kontakts sinkt.
X. Die Oppenheimer-Frage
Franz Oppenheimer starb 1943 im Exil in Los Angeles. Er war vor den Nationalsozialisten geflohen — der radikalsten Variante des politischen Mittels, die die Geschichte kennt. Sein Schüler Ludwig Erhard baute nach dem Krieg eine Wirtschaftsordnung auf, die explizit auf dem ökonomischen Mittel beruhte: Leistung, Tausch, Wettbewerb. Die Soziale Marktwirtschaft war Oppenheimers Idee, übersetzt in die Praxis.
Achtzig Jahre später ist von dieser Idee wenig übrig. Nicht weil jemand sie abgeschafft hätte. Sondern weil das politische Mittel langsam, stetig und unbemerkt den Raum zurückerobert hat, den Erhard für das ökonomische Mittel freigemacht hatte. In der Wirtschaft, in der Politik, in der Verwaltung, in den Zwischenräumen zwischen allen dreien. Überall dort, wo jemand an einem Tisch sitzt, der nichts hergestellt hat, was auf dem Tisch liegt.
Die Oppenheimer-Frage an jede Gesellschaft, jedes Unternehmen, jede Partnerschaft ist immer dieselbe: Wer produziert hier — und wer eignet sich an? Wer wendet das ökonomische Mittel an — und wer das politische? Wer baut den Wagen — und wer sitzt nur drin?
Die Gesellschaft, die diese Frage nicht mehr stellt, hat sie bereits beantwortet. Zugunsten derer, die nichts beitragen — und alles beanspruchen.
Wo der Mensch die Gelegenheit findet und die Macht besitzt, so schrieb Oppenheimer, zieht er das politische Mittel dem ökonomischen vor. Das ist keine Verschwörung. Das ist eine Naturkonstante. Die Aufgabe einer Gesellschaft ist nicht, das politische Mittel auszurotten — das wäre utopisch. Ihre Aufgabe ist, das Verhältnis zu wahren: genug Erbauer, genug Beschützer der Ernte, genug Respekt vor der Leistung, dass die Parasiten nicht den Wirt töten. Europa hat dieses Verhältnis verloren. Nicht weil die Parasiten stärker geworden sind — sondern weil die Erbauer aufgehört haben, sich zu wehren.