DER UNPOLITISCHE VEREIN
I. Die Reise
Am Pfingstmontag des Jahres 1856 fuhren 23 junge Männer mit geschmückten, pferdebespannten Leiterwagen von Halberstadt in den Harz. Sie waren Ingenieure — Absolventen des Königlichen Gewerbeinstituts in Berlin, Mitglieder des Akademischen Vereins Hütte. Ihr Ziel war das Kurhotel in Alexisbad, wo sie ihren Stiftungstag feiern wollten. Aus der Feier wurde eine Gründung: der Verein Deutscher Ingenieure.
Die Gründer waren überzeugt, dass die deutsche Industrie gegenüber Frankreich und England ins Hintertreffen geriete, wenn sich in der Zusammenarbeit zwischen Ingenieuren und in der technischen Ausbildung nicht grundlegend etwas ändere. Das Ziel stand in der Satzung: „Alle geistigen Kräfte der Technik zu gemeinsamer Arbeit zu vereinigen."
Die Satzung enthielt auch ein zweites Prinzip, das für die nächsten 170 Jahre zur Grundmelodie werden sollte: Der Verein verfolge keine berufs- und standespolitischen Ziele. Er sei sachlich. Fachlich. Über den Dingen. Unpolitisch.
Es war die erste große Lüge.
II. Der Kampf um den Titel
Wer die Geschichte des VDI als reine Technikgeschichte liest, versteht sie nicht. Die Geschichte des VDI ist die Geschichte eines politischen Kampfes — verkleidet als Sachverständigenarbeit.
Der Kampf begann sofort. Die deutschen Ingenieure der Mitte des 19. Jahrhunderts waren Bürger zweiter Klasse. Die Universitäten gehörten den Juristen, den Theologen, den Philologen. Die Technischen Hochschulen galten als bessere Gewerbeschulen. Ein Ingenieur durfte sich nicht „Doktor" nennen. Er durfte keinen akademischen Grad führen. Er war, in den Augen des Bildungsbürgertums, ein Handwerker mit Rechenschieber.
Der VDI kämpfte 43 Jahre lang gegen diese Herabsetzung. 1899 erreichte er, dass die Technischen Hochschulen das Promotionsrecht erhielten und der akademische Grad „Diplom-Ingenieur" eingeführt wurde. Es war ein Sieg, der alles veränderte — und der alles verriet. Denn dieser Kampf war kein technischer Kampf. Er war ein Standeskonflikt: Der Ingenieur wollte dem Juristen und dem Professor gleichgestellt werden. Er wollte Status, Anerkennung, Macht.
Das war zutiefst politisch. Aber der VDI nannte es „sachlich".
III. Der Dampfkessel und die Richtlinie
Die frühe Erfolgsgeschichte des VDI liest sich wie ein Katalog der Selbstverständlichkeiten, die es vorher nicht gab. 1866 initiierte der VDI die Gründung der Dampfkesselüberwachungsvereine — Vorläufer des heutigen TÜV. 1877 beeinflusste er maßgeblich das erste deutsche Patentgesetz. 1884 veröffentlichte er die erste VDI-Richtlinie zur Untersuchung von Dampfkesseln und Dampfmaschinen. 1917 gehörte er zu den Mitgründern des Normenausschusses der deutschen Industrie — dem heutigen DIN.
Heute hat der VDI über 2.000 gültige Richtlinien veröffentlicht und ist damit das drittgrößte technische Regelwerk in Deutschland. Jedes Jahr arbeiten rund 10.000 ehrenamtliche Experten an neuen oder überarbeiteten Richtlinien. Das ist eine beeindruckende Leistung.
Es ist auch eine politische Leistung. Denn wer die Regeln schreibt, nach denen Technik funktioniert, bestimmt, welche Technik funktionieren darf. Wer definiert, was „Stand der Technik" ist, bestimmt, was gebaut werden kann und was nicht. Wer die Richtlinie schreibt, schreibt das Gesetz — nur ohne Parlament.
Das war nie unpolitisch. Es war die effizienteste Form der Politik: Regelsetzung ohne demokratische Kontrolle, legitimiert durch Sachverstand.
IV. Die Rationalisierung
Am 10. Juni 1921 wurde im Haus des VDI in Berlin das Reichskuratorium für Wirtschaftlichkeit gegründet — das RKW. Die Initiatoren: das Reichswirtschaftsministerium, Carl Friedrich von Siemens, und der VDI selbst. Es war die institutionelle Geburtsstunde der deutschen Rationalisierungsbewegung.
Das RKW war die deutsche Antwort auf eine amerikanische Idee. Thorstein Veblen hatte 1921 seinen „Sowjet der Techniker" gefordert — einen Rat von Ingenieuren, die die Wirtschaft besser steuern könnten als Politiker und Kapitalisten. Frederick Winslow Taylor hatte mit seinem „Scientific Management" die Methode geliefert: Jede menschliche Tätigkeit ist messbar, optimierbar, standardisierbar. Henry Ford hatte die Praxis vorgeführt: Fließband, Standardisierung, Massenproduktion.
Carl Köttgen, Generalbevollmächtigter bei Siemens, späterer VDI-Vorsitzender und Leiter der zweiten Weltkraftkonferenz 1930 in Berlin, pilgerte 1925 zu Fords Fabriken nach Detroit. Sein Reisebericht „Das wirtschaftliche Amerika" wurde zum Manifest des RKW. Die deutschen Rationalisierer wollten die amerikanische Effizienz — aber ohne die amerikanischen Löhne. Ford zahlte seinen Arbeitern genug, damit sie sich seine Autos leisten konnten. Die deutschen Unternehmer fanden diesen Gedanken abwegig.
Das RKW war keine Technokratiebewegung im amerikanischen Sinne — es forderte keinen Umsturz, keine Ingenieurherrschaft, keine Energiezertifikate statt Geld. Es war die deutsche Variante: leiser, gründlicher, institutioneller. Statt die Demokratie zu stürzen, durchdrang man die Wirtschaft systematisch mit ingenieurwissenschaftlichen Methoden. Die Personalunion zwischen VDI-Führung und RKW-Leitung war direkt. Die ideologische Grundlage war dieselbe: Ingenieure verstehen die Maschinen, also sollten sie die Maschinen steuern — und mit den Maschinen die Gesellschaft.
Das war die Technokratie auf Deutsch: nicht als Revolution, sondern als Richtlinie.
V. Thomas Manns Betrachtungen
1918 — im selben Jahr, in dem die Weimarer Republik gegründet wurde, in dem Walther Rathenau und Wichard von Moellendorff ihre Planwirtschaftsideen im Reichswirtschaftsamt zu verwirklichen suchten — veröffentlichte Thomas Mann seine Betrachtungen eines Unpolitischen.
Manns Buch war der Versuch, eine Position zu verteidigen, die nicht zu verteidigen war: dass die deutsche Kultur „über" der Politik stehe. Dass Tiefe, Innerlichkeit, Geist etwas anderes seien als die oberflächliche westliche „Zivilisation" mit ihren Parlamenten und Parteien. Dass man unpolitisch sein könne — und dass diese Unpolitischkeit eine höhere Form der Kultur sei.
Mann widerrief diese Position später. Er erkannte, dass das „Unpolitische" eine Fiktion war — und eine gefährliche dazu. Denn wer sich für unpolitisch erklärt, entzieht sich nicht der Politik. Er überlässt sie anderen.
Der VDI hat diese Lektion nie gelernt. Oder er hat sie gelernt und sofort wieder vergessen. Seine Satzung blieb „unpolitisch". Seine Arbeit blieb „sachlich". Während er gleichzeitig die Standards schrieb, nach denen die Industrie funktionierte, die Rationalisierung vorantrieb, die Ausbildung reformierte und die technische Infrastruktur eines ganzen Landes mitgestaltete.
Moellendorff, der AEG-Ingenieur, der Rathenau die Kriegsrohstoffabteilung vorschlug und 1916 seine „Deutsche Gemeinwirtschaft" schrieb — ein Programm zur Steuerung der gesamten Volkswirtschaft durch technische Experten — nannte sein Konzept einen „konservativen Sozialismus". Er glaubte, der Ingenieur stehe jenseits der Klassenkonflikte, jenseits der Parteien, jenseits der Politik. Er könne die Gesellschaftsmaschine sachgerecht steuern.
Es war die Ur-Selbsttäuschung des deutschen Ingenieurs: zu glauben, dass Sachverstand Neutralität bedeute.
VI. Die Gleichschaltung
Am 30. Januar 1933 machte die Geschichte den Test. Sie testete, was passiert, wenn ein „unpolitischer" Verein auf eine sehr politische Macht trifft.
Das Ergebnis kam schnell. Innerhalb von Tagen erschienen VDI-Mitarbeiter in Partei-Uniformen zur Arbeit. Gottfried Feder, Mitbegründer des Kampfbundes Deutscher Architekten und Ingenieure, forderte den VDI-Vorsitz. Der amtierende Vorsitzende Adolf Krauß und fünf Vorstandsmitglieder traten zurück. Heinrich Schult, AEG-Direktor und NSDAP-Mitglied seit 1931, übernahm — nicht um die Gleichschaltung zu verhindern, sondern um sie in geordneten Bahnen zu halten.
Im Mai 1933 formulierte die Hauptversammlung das „Bekenntnis der deutschen Ingenieure zur neuen Staatsführung". Im Oktober wurde das Führerprinzip eingeführt. Der Vorstand hatte nur noch beratende Funktion. Im Juni 1933 ging der VDI in der Reichsgemeinschaft der technisch-wissenschaftlichen Arbeit auf. Bis 1937 wurden alle VDI-Mitglieder in den Nationalsozialistischen Bund Deutscher Technik überführt.
Und dann der dunkelste Punkt: Jüdischen Beitrittswilligen wurde die Mitgliedschaft verweigert. Bestehende jüdische Mitglieder wurden ausgeschlossen.
Das RKW, die vom VDI mitgegründete Rationalisierungsmaschine, wurde 1934 nach dem Führerprinzip reorganisiert und dem Reichswirtschaftsministerium unterstellt. 1938 war es verantwortlich für die „Rationalisierung" der österreichischen Wirtschaft — und für die Liquidierung jüdischer Betriebe. 1941 lieferte es ein Gutachten zur „Wirtschaftsbilanz des jüdischen Wohnbezirks in Warschau" — ein technisch-sachliches Dokument über das Warschauer Ghetto. Die Gutachter kamen zum Ergebnis, dass das Ghetto seine Kosten nicht erwirtschaften könne. Als Lösung wurde „eine Unterversorgung ohne Rücksicht auf die sich ergebenden Folgen" diskutiert.
Die Sprache war sachlich. Das Ergebnis war Mord.
1937 wurde die „Wehrtechnische Arbeitsgemeinschaft" gegründet. Nach Stalingrad wurde der VDI-Vorstand auf den „Totalen Krieg" eingestimmt. Eine Wanderausstellung „Leistungssteigerung" wurde in 97 Orten gezeigt. Noch Anfang 1945 schrieb der VDI-Direktor Hans Ude, dass mit einem „höheren Wirkungsgrad" der materiellen Überlegenheit des Gegners begegnet werden müsse.
Höherer Wirkungsgrad. Das war VDI-Sprache. Sachlich bis zum letzten Schuss.
Der technokratische Glaube an eine „gute Technik", die über der Politik stehe, war durch Krieg und Vernichtung widerlegt. Die „sachgerechte Lösung" hatte sich als Instrument totalitärer Herrschaft erwiesen. Der „unpolitische" Verein hatte sich als vollständig politisierbar gezeigt — gerade weil er sich für unpolitisch hielt. Wer keinen politischen Kompass hat, folgt dem Kompass anderer.
VII. Der Wiederaufbau und das Vergessen
Im November 1945 verbot der Berliner Magistrat alle VDI-Aktivitäten. Begründung: Zugehörigkeit zum NS-Bund Deutscher Technik. Akten wurden beschlagnahmt, Räume geschlossen.
Am 12. September 1946 wurde der VDI neu gegründet, die Geschäftsstelle von Berlin nach Düsseldorf verlegt. In der Sowjetischen Besatzungszone ging der VDI in der Kammer der Technik auf. Im Westen begann der Wiederaufbau — und mit ihm das Vergessen.
1956 gründete der VDI die Arbeitsgemeinschaft für Kerntechnik. 1957 die Kommission Reinhaltung der Luft. 1964 die Kommission Lärmminderung. Der VDI begleitete das Wirtschaftswunder mit technischen Standards und Fachtagungen. Er tat, was er am besten konnte: Richtlinien schreiben, Normen setzen, Sachverstand organisieren.
Die Selbstbeschreibung blieb dieselbe: sachlich, fachlich, unpolitisch. Über den Dingen. Diesmal allerdings unter demokratischen Vorzeichen. Die Lehre aus der NS-Zeit schien zu sein: nicht dass „Sachlichkeit" eine Fiktion war, sondern dass man sie von den falschen Leuten hatte kapern lassen. Die Idee selbst — dass Ingenieure sich aus der Politik heraushalten sollten — blieb unversehrt.
In den 1970er Jahren begann eine vorsichtige Öffnung. Fachgesellschaften wurden eingeführt, das Netzwerk „Frauen im Ingenieurberuf" entstand, die Technikfolgenabschätzung wurde zum Thema. Der VDI erkannte, langsam, dass Technik gesellschaftliche Folgen hat — und dass diese Folgen nicht „unpolitisch" sind.
Aber die Grundstruktur blieb: ein Verein von Ingenieuren, der technische Regeln schreibt und Sachverstand bündelt, ohne sich politisch zu exponieren. Immer noch die Richtlinie statt des Manifests. Immer noch der Sachverstand statt der Stellungnahme.
VIII. Die Wiedervereinigung und der Höhepunkt
Am 29. März 1990 wurde die „VDI-Gliederung DDR" in Leipzig gegründet. Innerhalb von zwei Jahren entstanden Bezirksvereine in Halle, Magdeburg, Chemnitz, Dresden. Der letzte — Mecklenburg-Vorpommern — wurde erst 1995 gegründet, weil die wirtschaftliche Lage im Norden zu schlecht war, um einen Ingenieursverein zu tragen.
In den folgenden zwei Jahrzehnten wuchs der VDI auf seinen historischen Höchststand: über 150.000 Mitglieder um das Jahr 2013. Das waren mehr als zur Zeit der erzwungenen NS-Übernahmen. Es waren echte, freiwillige Mitgliedschaften.
Doch der Höhepunkt war auch der Wendepunkt. Ab 2010 begann eine Debatte, die den VDI bis heute begleitet: die Fachkräftemangel-Kontroverse. Der VDI veröffentlichte regelmäßig Zahlen, die einen massiven Mangel an Ingenieuren belegten — und forderte auf dieser Basis die Erleichterung der Zuwanderung und die Senkung der Zugangsbarrieren zum Ingenieursberuf.
Kritiker — darunter die eigenen Mitglieder — warfen dem Verein vor, damit Arbeitgeberinteressen zu bedienen statt die Interessen der angestellten Ingenieure zu vertreten. Die Betonung des Mangels drücke die Löhne. Die Forderung nach mehr Fachkräften diene den Unternehmen, nicht den Ingenieuren. 2010 gründete sich sogar eine Interessengemeinschaft gegen die Lobbyarbeit des VDI. Die Mitgliederbefragung 2011 fiel so schlecht aus, dass sie nicht mehr veröffentlicht wurde.
Es war die alte Geschichte in neuem Gewand: Der VDI, der sich für „unpolitisch" hielt, betrieb Arbeitsmarktpolitik — ohne es so zu nennen.
IX. Der Sinkflug
Heute hat der VDI noch 130.679 Mitglieder. In zehn Jahren hat er über 20.000 verloren. Der Dresdner Bezirksverein spricht offen von einem „Abwärtstrend" und fragt, „wie wir den Abwärtstrend umkehren können".
Der Arbeitsmarkt für Ingenieure zeigt ein paradoxes Bild: Die Arbeitslosigkeit in IT- und Ingenieurberufen stieg im dritten Quartal 2025 um 17,6 Prozent. Gleichzeitig standen 306 offene Stellen pro 100 Arbeitslosen im Bauingenieurwesen — also immer noch ein massiver Mangel. Die Studierendenzahlen in den Ingenieurwissenschaften sanken zwischen 2016 und 2023 um über elf Prozent.
Das Paradox ist kein Paradox. Es ist das Ergebnis von 170 Jahren „Sachlichkeit". Der VDI hat Richtlinien geschrieben, Normen gesetzt, Standards definiert — aber er hat nie die Frage beantwortet, für wen er arbeitet. Für die Ingenieure? Für die Industrie? Für die Gesellschaft? Für die Technik an sich?
Die Antwort war immer: für die Technik. Sachlich. Neutral. Über den Dingen. Aber die Technik ist kein Subjekt. Sie hat keine Interessen. Wer sagt, er arbeite „für die Technik", verbirgt, für wen er tatsächlich arbeitet.
X. Der Mut zu größeren Zügen
Am 4. Dezember 2025 wurde Prof. Dr.-Ing. Lutz Eckstein, Leiter des Instituts für Kraftfahrzeuge an der RWTH Aachen, einstimmig als VDI-Präsident für weitere drei Jahre wiedergewählt. Hundert Prozent der Stimmen. Standing Ovations.
Ecksteins Motto: „Mut zu größeren Zügen." Seine Forderung: eine langfristige Technologie- und Innovationsstrategie für Deutschland, die über Legislaturperioden hinausreiche. Sein Bild: ein Schachspiel, in dem Deutschland seine Figuren mutiger bewegen müsse. Für seine zweite Amtszeit kündigte er an, Künstliche Intelligenz zu einem der Schwerpunkte zu machen.
Die Initiative heißt „Zukunft Deutschland 2050" und arbeitet mit vier „Topic Forces" an Energie, Qualifikation, Gesundheit und Mobilität. Es gibt Zukunftsdialoge, Impulspapiere, Paneldiskussionen. Auf dem Deutschen Ingenieurtag 2025 in Düsseldorf sprach NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst über die „Innovationskraft" der Ingenieure.
Es ist alles richtig. Es ist alles vernünftig. Es ist alles — sachlich.
Und es verfehlt den Punkt.
Denn der Punkt ist nicht, dass Deutschland mehr Innovation braucht. Das weiß jeder. Der Punkt ist, dass der VDI selbst Teil des Systems ist, das Innovation verhindert. Nicht durch bösen Willen, sondern durch Struktur. Ein Verein, der 2.000 Richtlinien schreibt, definiert den „Stand der Technik" — und jede Richtlinie ist auch eine Mauer gegen das, was noch nicht Standard ist. Ein Verein, dessen Fachgesellschaften die etablierten Technologien pflegen, hat strukturell kein Interesse an Technologien, die das Etablierte in Frage stellen. Ein Verein, der sich für „unpolitisch" hält, kann keine politische Forderung stellen, die wirklich wehtut.
„Mut zu größeren Zügen" ist ein Schachmetapher. Aber das Problem ist nicht das Schachspiel. Das Problem ist, dass der VDI seit 170 Jahren glaubt, es gäbe ein Schachbrett — eine objektive, neutrale Ordnung, auf der man „sachlich" spielen kann. Es gibt kein solches Brett. Es gibt nur Interessen, Macht und die Frage, auf wessen Seite man steht.
XI. Die Polygon-Frage
Ein konkretes Beispiel. In jedem Lehrbuch der Maschinenelemente steht seit Jahrzehnten derselbe Satz: Polygonverbindungen sind technisch überlegen, aber zu teuer in der Herstellung. Generationen von Ingenieurstudenten haben das gelernt. Also konstruieren sie mit Passfedern und Keilwellenprofilen — weil das „wirtschaftlich" sei. So steht es im Lehrbuch. So steht es in der VDI-Richtlinie.
Seit 1985 existiert ein Fertigungsverfahren, das Polygonprofile billiger herstellt als konventionelle Methoden — in einem Arbeitsgang, ohne zusätzliche Fertigungsschritte. Aber niemand weiß es. Weil niemand es lehrt. Weil niemand es anwendet. Weil die Richtlinie es nicht vorsieht.
Das ist der Kreislauf: Keine Nachfrage, weil keine Erfahrung. Keine Erfahrung, weil keine Lehre. Keine Lehre, weil kein Standard. Kein Standard, weil keine Nachfrage. Die Richtlinie misst, was existiert. Sie misst nicht, was möglich wäre.
Im November 2026 findet in München der VDI-Spezialtag „Gestaltung und Auslegung von Polygon-Welle-Nabe-Verbindungen" statt — der Tag vor der großen VDI-Fachtagung „Welle-Nabe-Verbindungen". Deutschlands führender Experte für Polygonverbindungen wird dort über das 2-Spindel-Polygondrehverfahren sprechen — ein Fertigungsverfahren, das Polygonprofile in einem Arbeitsgang herstellt und die Lehrbuch-Prämisse „technisch überlegen, aber zu teuer" seit vier Jahrzehnten widerlegt. Ob der Erfinder des Verfahrens selbst zu Wort kommen wird, steht noch nicht fest.
Die Lehrbücher werden bleiben, wie sie sind. Bis jemand den Kreislauf bricht. Nicht durch eine Richtlinie, sondern durch eine Entscheidung.
XII. Der Befund
Der VDI hat in 170 Jahren Beachtliches geleistet. Er hat den TÜV hervorgebracht, das deutsche Patentgesetz beeinflusst, den Titel „Diplom-Ingenieur" durchgesetzt, das DIN mitgegründet, ein technisches Regelwerk von über 2.000 Richtlinien aufgebaut, fünftausend Veranstaltungen im Jahr organisiert und mit 130.000 Mitgliedern eine der größten Ingenieursvereinigungen der Welt geschaffen.
Und er hat in 170 Jahren eine einzige Frage nie beantwortet: Was ist die politische Verantwortung des Ingenieurs?
Nicht die technische Verantwortung — die beantwortet jede Richtlinie. Nicht die wirtschaftliche — die beantwortet jeder Fachkräftemonitor. Sondern die politische: Wofür stehen wir? Nicht als Sachverständige, sondern als Bürger?
Der VDI wurde von Männern gegründet, die überzeugt waren, dass sie die Welt zum Besseren verändern können. Diese Überzeugung war politisch. Sie war ein Urteil über den Zustand der Welt und ein Programm zu seiner Änderung. Der VDI hat diese politische Überzeugung in eine technische Satzung überführt — und damit unsichtbar gemacht. Er hat aus einem Gestaltungswillen eine Richtlinie gemacht.
Thomas Mann erkannte 1918, dass die Position des „Unpolitischen" unhaltbar war. Er brauchte Jahre, um es einzugestehen. Der VDI hat 170 Jahre gebraucht — und ist immer noch nicht so weit.
Die Ingenieure von Alexisbad wollten die deutsche Industrie verändern. Die Rationalisierer der 1920er Jahre wollten die Wirtschaft nach amerikanischem Vorbild umbauen. Die Gleichgeschalteten der 1930er Jahre fügten sich dem Regime, weil sie glaubten, dass Sachverstand über Politik stehe. Die Atomingenieure der 1950er Jahre glaubten an den Fortschritt durch Technik. Die Fachkräftelobbyisten der 2010er Jahre betrieben Arbeitsmarktpolitik im Namen der Sachlichkeit.
Jede Generation glaubte, unpolitisch zu sein. Jede Generation irrte.
Im Dezember 2025 sagte Lutz Eckstein: „Innovation beginnt mit Haltung." Das ist richtig. Aber Haltung ist das Gegenteil von Sachlichkeit. Haltung ist eine Position. Ein Urteil. Eine Entscheidung, auf wessen Seite man steht. Haltung ist — politisch.
Solange der VDI sich für unpolitisch hält, wird er das nicht sehen. Er wird weiter Richtlinien schreiben. Er wird weiter Sachverstand organisieren. Er wird weiter über den Dingen schweben — während andere die Entscheidungen treffen.
Und wenn die nächste Gleichschaltung kommt — in welcher Form auch immer — wird der unpolitische Verein wieder überrascht sein. Weil er nie gelernt hat, dass es Sachlichkeit ohne Haltung nicht gibt. Dass Richtlinien ohne Kompass nur Anweisungen sind. Und dass ein Ingenieur, der sich für unpolitisch hält, nicht über den Dingen steht — sondern unter ihnen verschwindet.
Die 23 Männer, die 1856 mit ihren Leiterwagen nach Alexisbad fuhren, wussten das noch. Sie hatten eine Haltung. Sie wollten etwas verändern. Sie nannten es nur nicht Politik.
170 Jahre später würde es helfen, es endlich so zu nennen.