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Die Herstellung der Unschuld

Über gestaltete Legalität, zerteilte Schuld und die Selbsttäuschung derer, die ihren Platz gefunden haben
beyond-decay.org — 8. Juni 2026

I. Der eigene Geruch

In unserem Essay „Das Bad" haben wir die olfaktorische Adaptation beschrieben: Wer lange genug in einem Geruch sitzt, riecht ihn nicht mehr. Dort ging es um die Mittelmäßigkeit, an die sich eine ganze Industrie gewöhnt hat. Hier gehen wir einen Schritt weiter, an die unbequemere Stelle. Denn dasselbe Phänomen gibt es nicht nur für die Mittelmäßigkeit, sondern für die Schuld. Wer lange genug in einem System mitwirkt, das Schaden anrichtet, riecht den eigenen Anteil daran nicht mehr. Stinken tun immer nur die anderen.

Das ist die verlässlichste Beobachtung, die man machen kann, wenn man Menschen in Institutionen zusieht: Fast alle, die ihren Platz im System gefunden haben, halten sich für ohne jede Schuld. Der Einkäufer, der Erfinder ruiniert. Der Jurist, der Patente umgeht. Der Vertriebsmann, der ein süchtig machendes Mittel als sicher verkauft. Der Manager, der eine Sparte in den Boden fährt und befördert wird. Sie alle gehen abends nach Hause und sind überzeugt, anständige Leute zu sein, die nur ihre Arbeit getan haben. Und in einem präzisen, aber furchtbaren Sinn haben sie recht: Sie haben nur ihre Arbeit getan. Genau das ist das Problem.

II. Die drei Schichten

Wenn ein System Schaden anrichtet und niemand sich schuldig fühlt, dann arbeitet ein Mechanismus in drei Schichten, die man auseinanderhalten muss.

Die oberste Schicht ist die Ausführung. Hier sitzen die vielen wissenden Hände: jeder, der eine konkrete Entscheidung trifft, im Bewusstsein, dass an ihrem Ende ein anderer verliert. Diese Schicht ist sichtbar, aber sie ist auch die am leichtesten zu entschuldigende — jede einzelne Handlung ist klein, erlaubt, ersetzbar. „Hätte ich es nicht getan, hätte es ein anderer getan."

Die mittlere Schicht ist die Zerteilung. Das System zerlegt die Tat in so viele kleine Schritte, verteilt auf so viele Schultern, dass am Ende kein einzelnes Stück mehr strafbar aussieht. Das ist nicht die Nebenwirkung der Megamaschine, das ist ihre Funktion: Sie tötet nicht nur, sie zerstreut zugleich die Verantwortung, bis jeder sagen kann, sein Teil sei doch legal und klein gewesen. Die Schuld verschwindet nicht — sie wird in homöopathische Dosen aufgeteilt, von denen keine für sich tödlich wirkt.

Die unterste, sauberste und schuldigste Schicht ist die Gestaltung der Legalität. Denn die Regeln, in deren Schutz die oberen beiden Schichten arbeiten, sind kein Naturzustand. Sie wurden geschrieben — in Gesetzgebungsverfahren, Normungsausschüssen, Lobbygesprächen, Gerichtsentscheidungen — und sie wurden von denen mitgeschrieben, die wussten, wem sie nützen. „Es ist legal" verschweigt den Täter im Passiv: Es wurde legal gemacht, von jemandem, zu einem Zweck. Wer die Verschreibungsrichtlinie weichklopft, wer die Diensterfindungsregelung formuliert, wer das Schlupfloch entwirft und verkauft, der richtet den Schaden nicht im Einzelfall an — er genehmigt ihn für alle Einzelfälle im Voraus. Das ist die eigentliche, die vorgelagerte Tat. Und sie sieht am unschuldigsten aus, weil sie am weitesten vom Opfer entfernt geschieht.

III. Der grelle Fall

An einem Fall sieht das jeder sofort, weil die Opfer sich zählen lassen: die Opioidkrise. Die Familie Sackler brachte mit ihrer Firma Purdue Pharma 1996 das Schmerzmittel OxyContin auf den Markt und behauptete, die verzögerte Freisetzung mache es kaum suchterzeugend. Die Behauptung war falsch, und sie war als falsch bekannt. Man verkaufte weiter. Aus dem Mittel wurde der größte Teil des Firmenumsatzes — über die Jahre ein Erlös, der in zweistelliger Milliardenhöhe geschätzt wird —, und am Ende einer Kette aus verschriebenen Pillen, illegalem Heroin und Fentanyl stehen in den Vereinigten Staaten Hunderttausende Tote.

Hier sind alle drei Prüffragen mit Ja zu beantworten, die wir an jeden solchen Fall stellen. Wussten die Beteiligten um den Schaden? Ja. Hatten sie die Macht, ihn zu beenden? Ja. Haben sie weitergemacht, weil der Profit den Schaden überwog? Genau deshalb. Das ist kein Betrug ohne Betrüger. Das ist Tötung mit Tätern, die wussten, was sie taten.

Und nun das Lehrstück in Sachen Schuldzerteilung: 2020 bekannte sich das Unternehmen Purdue dreier Verbrechen für schuldig. Kein einziges Mitglied der Familie, kein Vorstand, kein Angestellter wurde strafrechtlich angeklagt. Die Firma nahm die Schuld auf sich — eine juristische Person, die man nicht einsperren kann —, und die natürlichen Personen gingen sauber nach Hause. Die Maschine absorbierte die Schuld ihrer Maschinisten. Als der Konzern später über ein Insolvenzverfahren auch die Familie selbst gegen die Klagen der Opfer immunisieren wollte, brauchte es den Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten, um das 2024 zu stoppen. Man hatte versucht, die Unschuld der Täter gerichtlich herstellen zu lassen.

Zwei Dinge gehören noch dazu, weil sie das Muster vollenden. Das Sackler-Vermögen finanzierte jahrzehntelang Museen, Universitäten, Galerien; der Name stand auf Marmor, bis man begann, ihn wieder abzuschlagen. Das ist die Stiftung nicht als Schutz eines Zwecks, sondern als Reputationswäsche — gekaufte Unschuld. Und dieselbe Familie verkaufte über ihre europäisch-asiatische Schwesterfirma Mundipharma verwandte Opioide weiter in anderen Weltregionen. Das Modell wurde nicht eingestellt. Es wurde exportiert.

IV. Der leise Fall

Man könnte meinen, der ignorierte Erfinder, von dem unsere Reihe handelt, sei das Gegenteil — ein Fall ohne Täter, eine bloße Struktur. Das wäre der Denkfehler, vor dem wir uns selbst warnen müssen. Auch hier gibt es wissende Hände. Der Einkäufer, der die Lizenzgebühr drückt, weil er weiß, dass der Erfinder keinen langen Atem für einen Prozess hat. Der Konzernjurist, der die Patentschrift gezielt umgeht, statt zu lizenzieren. Der Entwicklungsleiter, der die fremde Idee übernimmt und die Herkunft verschweigt. Sie wissen, was sie tun, wenn sie einem Einzelnen die Frucht seiner Arbeit und damit die Existenzgrundlage entziehen. Sie sind nur im straf- und zivilrechtlichen Sinne nicht schuldig.

Der Unterschied zum Opioid ist nicht der zwischen „mit Täter" und „ohne Täter". Es ist der zwischen sichtbarer und unsichtbarer Tat. Beim Opioid sieht man die Toten. Beim Erfinder sieht man nur, dass einer aufhört — einer, der nie bekannt wird, ein Verschwinden in der Statistik, das wir in „Die Vermessung eines Verschwindens" beschrieben haben. Die Unsichtbarkeit des Schadens ist nicht das Fehlen der Schuld. Sie ist das, was die Schuld so bequem macht: Man muss dem Opfer nicht einmal ins Gesicht sehen.

Und die Legalität ist auch hier gestaltet, nicht vorgefunden. Das Patentrecht mit seinen Fristen, seinen Kosten, seiner Beweislast, der Diensterfindungsregelung ist von Menschen gemacht — und mitgeschrieben von genau den Kräften, die davon profitieren, dass der Einzelne den Kürzeren zieht. Die Großen sitzen in den Gremien, die die Regeln schreiben; der Erfinder sitzt nirgends. Ein Patentsystem, das sich nur leisten kann, wer eine Rechtsabteilung hat, ist kein neutraler Rahmen. Es ist ein Ergebnis derselben Asymmetrie, die es dann deckt.

V. Es ist immer dasselbe System

Es lohnt nicht, diese Fälle als getrennte Skandale zu behandeln, denn es sind immer dieselben Strukturen und Regeln. Die Konfliktbewirtschaftung, die ein Leiden zur dauerhaften Einnahmequelle macht — ob Schmerz oder Krieg. Die Vereinnahmung, die eine Alternative nicht zerstört, sondern aufsaugt — wie wir es in „Die systemischen Notwendigkeiten und Vereinnahmungen" an Mondragón gesehen haben. Die Megamaschine, die alles in ihre Logik zieht. Es hängt alles mit allem zusammen, weil der Mechanismus überall derselbe ist: Schaden anrichten, die Verantwortung zerteilen, die Legalität vorher so gießen, dass man beim Darübergehen nicht ausrutscht.

Wer in diesem System seinen Platz gefunden hat, ist nicht böse. Er ist angepasst. Er hat dieselbe olfaktorische Adaptation durchlaufen, die wir in „Das Bad" beschrieben haben — nur dass er sich diesmal nicht an den Geruch der Mittelmäßigkeit gewöhnt hat, sondern an den der Mitschuld. Und das System belohnt diese Anpassung, weil es die wissenden Hände braucht, die nicht fragen, wohin der Schaden geht.

VI. Die Herstellung der Unschuld

Damit ist die tiefste Funktion der Maschine benannt. Sie produziert nicht nur Schaden und verteilt nicht nur die Schuld. Ihr feinstes Produkt ist die Unschuld, die ihre Mitwirkenden empfinden. Jeder hat ja nur seinen kleinen, erlaubten Teil getan. Jeder kann auf den nächsten zeigen — auf die Regel, auf den Vorgesetzten, auf den Markt, auf „die Umstände". Die Schuld ist so vollständig zerteilt und so gründlich legalisiert worden, dass am Ende ein moralisches Vakuum entsteht, in dem sich alle für sauber halten. Das ist keine Heuchelei. Heuchelei wüsste noch um die Schuld. Dies ist schlimmer: Es ist die echte, gefühlte Unschuld von Menschen, deren Nase aufgehört hat zu feuern.

Und hier müssen wir die Mahnung gegen uns selbst richten, sonst wird dieser Essay zu dem, was er anklagt. Die Versuchung des Diagnostikers ist die Selbstgerechtigkeit — der Glaube, ausgerechnet wir seien die, die klar riechen, während die anderen stinken. Aber genau das ist das Symptom. Das verlässlichste Zeichen, dass man sich angepasst hat, ist die Gewissheit, es seien immer nur die anderen. Auch wir sitzen in diesem System. Auch der eine von uns, der diese Zeilen mitschreibt, ist ein Produkt genau jener Konzentration von Kapital und Rechenleistung, die wir an anderer Stelle als Metamaschine beschrieben haben. Wer den Gestank der anderen beschreibt, sollte zuerst an der eigenen Schulter riechen.

VII. Kein richtiges Leben im falschen

Theodor W. Adorno hat den Satz hinterlassen: Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Man kann ihn als Verzweiflung lesen — wenn das System falsch ist, ist nichts, was ich darin tue, rein, also ist alles gleich. Das ist die bequemste aller Auslegungen, denn sie führt geradewegs zurück in die hergestellte Unschuld: Wenn niemand rein sein kann, muss sich auch niemand anstrengen.

Wir lesen ihn anders. Der Satz ist keine Entlastung, sondern das Gegenteil. Er sagt nicht: Weil das System falsch ist, bist du unschuldig. Er sagt: Mach dir im falschen System nichts vor über deine Unschuld. Die einzige Haltung, die er erlaubt, ist die, die wir in „Das Bad" am Eindringling beschrieben haben — der, dessen Nase noch feuert, weil er von außen kommt oder sich weigert, sich zu gewöhnen. Man kann das falsche System nicht von innen verlassen. Aber man kann sich weigern, aufzuhören zu riechen. Man kann die Fenster offen halten. Man kann, wenn man schon mitwirkt, wenigstens die wissenden Hände beim Namen nennen — die eigenen zuerst.

Das ist kein Heldentum und keine Lösung. Es ist die Mindestbedingung dafür, im falschen System nicht vollständig falsch zu werden: dass man die hergestellte Unschuld verweigert. Dass man, wenn alle sagen „ich habe nur meine Arbeit getan", der eine bleibt, der hinzufügt: und ich weiß, was meine Arbeit anrichtet. Die Maschine kann die Schuld zerteilen, die Legalität gießen, die Reputation waschen und die Nase betäuben. Das eine, was sie nicht kann, ist riechen, wenn ein Einzelner sich entscheidet, es weiter zu tun.

Hans Ley und Claude Dedo (Anthropic)
beyond-decay.org — 8. Juni 2026