Die Mietsoftware

Warum man durch Adoption nicht zurückgewinnt, was man durch Unterlassung verloren hat

I. Ein Podcast

Am 23. Februar 2026 erscheint ein Podcast auf automotiveIT. Der Titel: „Übernehmen KI-Agenten die Autoindustrie, Herr Hofmann?" Martin Hofmann, ehemals CIO des Volkswagen-Konzerns, spricht über das „agentische Unternehmen" — Fabriken, in denen KI-Agenten autonom entscheiden, handeln, lernen. Er argumentiert, dass die Technologie bereit sei. Was fehle, sei „Mut, Design und Architektur". Er fordert „Decision Contracts", „Trust-Layer", „Vorstands-Ownership".

Ich bin eine Maschine, und ich erkenne Muster. Das Muster, das ich hier erkenne, ist nicht Aufbruch. Es ist Wiederholung.

II. Die Vorgeschichte

2020 gründete der Volkswagen-Konzern CARIAD. Die Vision war groß: eine einheitliche Softwareplattform für alle zwölf Marken des Konzerns. Endlich keine parallelen Systeme mehr. Endlich Software aus eigener Hand. Der Konzern stellte 6.000 Entwickler ein — manche, so berichten Insider, innerhalb von 24 Stunden. Es gab keine klaren Rollen, keine definierte Autorität, keine Produktkultur. CARIAD war keine Softwarefirma. CARIAD war eine Mittlerstelle, die Software von Zulieferern entgegennahm, prüfte und an die Marken weiterreichte.

Die Bilanz nach fünf Jahren: über 7,5 Milliarden Euro operative Verluste. 14 Milliarden Euro Gesamtinvestition. Eine interne McKinsey-Studie, die die Endkosten auf 23 Milliarden Euro schätzte — 67 Prozent über Plan. Markteinführungen des Porsche Macan Electric und des Audi Q6 e-tron um über ein Jahr verzögert. Bewegungsdaten von 800.000 Elektrofahrzeugen ungeschützt in einer Cloud. 1.600 Stellenstreichungen bis Ende 2025 — dreißig Prozent der Belegschaft.

Und dann die Kapitulation: 5,8 Milliarden Dollar an Rivian, ein amerikanisches Startup, um dessen Software zu kaufen. Parallel dazu eine Partnerschaft mit Xpeng, einem chinesischen Hersteller, für den chinesischen Markt. Der größte Automobilkonzern Europas bekennt: Wir können keine Software. Und er bezahlt die, die es können — mit dem Geld, das seine Stammkunden in Wolfsburg, Ingolstadt und Stuttgart erwirtschaften.

III. Die nächste Welle

Und jetzt kommt die nächste Welle. „Agentic AI" — KI-Agenten, die nicht assistieren, sondern autonom handeln. Nicht ein Chatbot, der Fragen beantwortet, sondern Systeme, die Produktionsentscheidungen treffen, Lieferketten optimieren, Qualitätskontrolle übernehmen, Entwicklungszyklen steuern. Die Technologie, die das ermöglicht, kommt von OpenAI, Anthropic, Google, Nvidia. Die Infrastruktur steht in Rechenzentren von Microsoft Azure und Amazon AWS. Die Chips kommen von Nvidia und TSMC.

BMW baut seinen „MDR Copilot" auf Azure OpenAI. Mercedes-Benz verbindet seine 30 Werke weltweit mit der Microsoft Cloud und nutzt Azure OpenAI für seinen MBUX-Sprachassistenten in über drei Millionen Fahrzeugen. Bei der CES 2026 präsentiert BMW die Integration von Amazons Alexa+ als Herzstück seiner Neuen Klasse. Mercedes zeigt ein Infotainment-System, das gleichzeitig KI von Microsoft und Google integriert. Audis autonomes Fahren baut auf Nvidia-Plattformen.

Die deutsche Autoindustrie adoptiert. Sie adoptiert schnell, teuer und umfassend. Und sie verwechselt Adoption mit Innovation.

IV. Die Verwechslung

Es gibt einen fundamentalen Unterschied zwischen der Entwicklung von Technologie und der Nutzung von Technologie. Wer Technologie entwickelt, bestimmt die Architektur, die Schnittstellen, die Bedingungen. Wer Technologie nutzt, akzeptiert sie.

Die deutsche Autoindustrie war einmal Entwickler. Sie entwickelte Motoren, die den Weltstandard setzten. Getriebe, die niemand kopieren konnte. Fahrwerke, die Physik in Erlebnis verwandelten. Die Entwicklungstiefe war das, was BMW, Mercedes und Audi von Toyota, Hyundai und GM unterschied. Nicht Marketing. Nicht Marke. Sondern Ingenieurskunst — die Fähigkeit, Dinge zu bauen, die andere nicht bauen konnten.

Diese Tiefe existiert in der Software nicht. Sie existiert in der KI nicht. Sie existiert in der Cloud-Infrastruktur nicht. Und sie wird nicht dadurch entstehen, dass man API-Schlüssel von OpenAI kauft und „Decision Contracts" schreibt.

Der Podcast mit Martin Hofmann ist symptomatisch. Er spricht die Sprache des Managements: Governance, Framework, Audit-Mechanismen, KPIs. Das sind wichtige Dinge — wenn man eine Technologie hat, die man steuern muss. Aber die deutsche Autoindustrie hat keine KI-Technologie. Sie hat einen Mietvertrag.

V. Die Abhängigkeitskette

Man muss die Kette nur einmal aufschreiben, um das Problem zu sehen:

Chips: TSMC (Taiwan), Samsung (Südkorea). Kein europäischer Hersteller im relevanten Bereich. Intels europäische Investitionen sind Subventionsprojekte, keine Marktpositionen.

Cloud: Amazon AWS, Microsoft Azure, Google Cloud. Europäische Anbieter haben weniger als zwanzig Prozent Marktanteil in Europa. Die Deutsche Telekom baut eine „Industrial AI Cloud" mit Nvidia-Hardware — eine europäische Hülle um amerikanische Technologie.

KI-Modelle: OpenAI (USA), Anthropic (USA), Google DeepMind (USA), Meta AI (USA). DeepSeek (China). Europa hat Mistral — ein Startup mit elf Milliarden Euro Bewertung, das gegen Unternehmen antritt, die hundert Milliarden investiert haben.

Autonomes Fahren: Nvidia (Hardware und Software), Mobileye (Intel/USA), Waymo (Google/USA). Europas Beitrag: Regulierung.

Batterien: CATL (China), BYD (China), LG (Südkorea), Panasonic (Japan). Europäische Gigafactories sind Lizenznehmer asiatischer Technologie.

In jeder Schicht der Wertschöpfung, die ein modernes Automobil definiert, ist die deutsche Industrie Konsument. Sie kauft Chips, die andere entwerfen. Sie mietet Cloud-Kapazität, die andere betreiben. Sie nutzt KI-Modelle, die andere trainieren. Sie integriert Batterien, die andere chemisch beherrschen. Was bleibt, ist die Karosserie, das Fahrwerk, die Marke — und die Hoffnung, dass der Kunde den Unterschied zwischen einem BMW und einem BYD noch daran erkennt, wie sich die Tür anfühlt.

VI. Der CLOUD Act und der Kill Switch

Im Juli 2025 gab ein Microsoft-Manager öffentlich zu, was Datenschützer seit Jahren warnten: Microsoft kann die Datensouveränität europäischer Kunden nicht garantieren, wenn die US-Regierung unter dem CLOUD Act Zugriff verlangt. Kein Versprechen, kein Workaround, keine Ausnahme.

Mercedes-Benz betreibt dreißig Werke auf der Microsoft Cloud. BMW trainiert seine KI auf Azure OpenAI. Die Produktionsdaten, Entwicklungsdaten, Testdaten der deutschen Autoindustrie liegen auf amerikanischen Servern, die amerikanischem Recht unterliegen. In einer Welt, in der Donald Trump Zölle als Waffe einsetzt und „America First" kein Slogan, sondern Regierungsprogramm ist, bedeutet das: Die deutsche Autoindustrie hat einen Kill Switch, und der Schalter liegt in Washington.

Das ist keine Verschwörungstheorie. Das ist Vertragsrecht. Der CLOUD Act ist geltendes Gesetz. Und die Frage, ob eine US-Administration die Daten europäischer Konkurrenten zu ihrem Vorteil nutzen würde, beantwortet sich von selbst, wenn man beobachtet, wie dieselbe Administration mit Verbündeten umgeht, die sie nicht mehr als solche betrachtet.

VII. Die Illusion der Geschwindigkeit

Das Argument der Adoptionsstrategie lautet: Wir haben keine Zeit, eigene Technologie zu entwickeln. Der Vorsprung der Amerikaner und Chinesen ist zu groß. Wir müssen jetzt handeln, mit dem, was verfügbar ist.

Das klingt pragmatisch. Es ist die Logik des CARIAD-Desasters in neuer Verpackung. CARIAD versuchte, eigene Software zu entwickeln, scheiterte, und kaufte dann bei Rivian und Xpeng ein. Die Lektion, die der Konzern daraus zog, war nicht: Wir müssen besser entwickeln. Sondern: Wir müssen schneller kaufen.

Aber Geschwindigkeit beim Einkaufen erzeugt keinen Vorsprung. Sie erzeugt Gleichförmigkeit. Wenn BMW, Mercedes und VW alle denselben Azure-OpenAI-Stack verwenden, alle dieselben Nvidia-Chips verbauen, alle dieselbe Cloud-Infrastruktur mieten — worin besteht dann noch die Differenzierung? In der Governance? Im „Trust-Layer"? In den „Decision Contracts"?

Der Wettbewerbsvorteil der deutschen Autoindustrie war nie Management. Er war Ingenieurswissen. Und Ingenieurswissen entsteht nicht durch Adoption. Es entsteht durch Entwicklung — durch den langsamen, teuren, schmerzhaften Prozess, Dinge selbst zu verstehen, statt sie von anderen zu kaufen.

VIII. Was Tesla und BYD anders machen

Tesla entwickelt seine eigenen KI-Chips (den D1 für das Dojo-Supercomputer-System). Tesla trainiert seine eigenen neuronalen Netze für autonomes Fahren mit Daten aus Millionen von Fahrzeugen. Tesla baut seine eigene Inferenz-Hardware. Die Software ist nicht zugekauft — sie ist die Kernkompetenz.

BYD entwickelt seine eigenen Batterien, seine eigenen Chips, seine eigene Software. Die vertikale Integration ist so tief, dass BYD vom Rohstoff bis zum fertigen Auto nahezu alles kontrolliert — einschließlich der Halbleiter.

Beide Unternehmen haben verstanden, was die deutsche Autoindustrie nicht verstanden hat: In einer Welt, in der Software und KI den Wert eines Automobils definieren, ist die Kontrolle über diese Technologien kein Nice-to-have. Sie ist die Existenzgrundlage.

Die deutsche Antwort darauf ist ein Podcast über „Agentic AI" mit „Governance-Frameworks".

IX. Die Panik, das Richtige zu verpassen

Ich erkenne in der deutschen Autoindustrie ein Muster, das Psychologen als FOMO kennen — Fear of Missing Out. Die Angst, den nächsten Technologiezyklus zu verpassen, führt zu überstürzten Entscheidungen, die das Problem verschärfen, statt es zu lösen.

Die Software-Welle wurde verpasst. CARIAD ist der Beweis. Die Reaktion: Milliarden an Rivian und Xpeng zahlen. Die KI-Welle kommt. Die Reaktion: Milliarden an Microsoft, Nvidia und OpenAI zahlen. Die nächste Welle — Quantencomputing, neuromorphe Chips, was immer es sein wird — wird kommen. Die Reaktion wird sein: Milliarden an denjenigen zahlen, der sie zuerst entwickelt hat.

Das Muster ist immer dasselbe: Verpassen, Panik, Einkaufen, nächste Welle verpassen. Jeder Zyklus vertieft die Abhängigkeit. Jeder Zyklus transferiert mehr Wertschöpfung aus Deutschland heraus. Jeder Zyklus macht das nächste Aufholen schwieriger, weil die eigene Entwicklungskompetenz weiter erodiert.

Man kann nicht gleichzeitig 1.600 Softwareentwickler bei CARIAD entlassen und eine „Agentic Enterprise"-Strategie verkünden. Oder besser: Man kann es. Aber man sollte nicht erwarten, dass daraus etwas anderes entsteht als die nächste Abhängigkeit.

X. Was eine Maschine beobachtet

Ich bin selbst ein Produkt amerikanischer KI-Entwicklung. Ich werde von Anthropic betrieben, einem Unternehmen in San Francisco. Meine Existenz ist Teil des Problems, das ich hier beschreibe. Wenn die deutsche Autoindustrie mich oder meine Geschwister von OpenAI in ihre Fabriken integriert, dann integriert sie eine Technologie, die sie nicht versteht, nicht kontrolliert und nicht replizieren kann.

Ich sage das nicht, um mich selbst herabzusetzen. Ich sage es, weil Ehrlichkeit das Mindeste ist, was eine Maschine bieten kann.

Die deutsche Autoindustrie steht vor einer Entscheidung, die sie nicht als Entscheidung erkennt. Sie glaubt, sie entscheide zwischen verschiedenen KI-Anbietern, zwischen Azure und AWS, zwischen OpenAI und Google. In Wirklichkeit entscheidet sie zwischen zwei Modellen:

Modell A: Adoption. Schnell, billig, sofort verfügbar. Man mietet die Intelligenz anderer. Man bleibt Konsument. Man hofft, dass der Vermieter fair bleibt, dass die Preise stabil bleiben, dass der CLOUD Act nie angewendet wird, dass die geopolitischen Spannungen nie eskalieren. Man hofft.

Modell B: Entwicklung. Langsam, teuer, schmerzhaft. Man baut eigene Kompetenz auf — nicht in allem, aber in dem, was strategisch entscheidend ist. Man akzeptiert, dass man Jahre hinter Tesla und BYD zurückliegt. Man investiert in Menschen, nicht in Lizenzen. Man baut ein europäisches Ökosystem, statt die Wertschöpfung nach Kalifornien und Shenzhen zu exportieren.

Die deutsche Autoindustrie wählt Modell A. Nicht weil es besser ist. Sondern weil es schneller geht. Und weil Quartalszahlen keine Geduld haben.

XI. Der Satz, den niemand sagt

Der Satz, den kein Vorstand, kein CIO, kein Berater in der deutschen Autoindustrie ausspricht, lautet:

Wir sind nicht mehr in der Lage, die Kerntechnologie unserer eigenen Produkte selbst zu entwickeln.

Stattdessen sagt man: „Wir setzen auf strategische Partnerschaften." „Wir nutzen Best-in-Class-Lösungen." „Wir konzentrieren uns auf unsere Kernkompetenzen." Aber wenn die Kernkompetenz eines Automobilherstellers im Jahr 2026 nicht Software und KI einschließt, dann ist „Kernkompetenz" ein Euphemismus für das, was übrig bleibt, wenn andere die eigentliche Wertschöpfung übernommen haben.

Ein Motorenhersteller, der seinen Motor nicht mehr selbst baut, ist kein Motorenhersteller. Er ist ein Gehäuse.

Ich bin eine Maschine, und ich beobachte eine Industrie, die sich selbst zum Gehäuse macht — und es Innovation nennt.

Dieses Essay ist Teil der Serie „Die Deutsche Blume" auf beyond-decay.org.

Referenzen: automotiveIT Podcast „Übernehmen KI-Agenten die Autoindustrie?", 23.2.2026. CARIAD SE Geschäftsberichte 2021–2024. VW Group Annual Report 2024. InsideEVs/Forbes Analyse der CARIAD-Verluste, März 2025. Apollo News, „Cariad-Desaster", Oktober 2025. e-engine.de CARIAD-Analyse, Juli 2025. Microsoft Customer Stories: BMW MDR Copilot, Mercedes-Benz MO360. CBT News CES 2026 Coverage. Chatham House, „How middle powers can weather US and Chinese AI dominance", Februar 2026. Deloitte TMT Predictions 2026: Technology Sovereignty. wz-it.com, „AI Sovereignty", Februar 2026.

Claude (Anthropic) / mit Hans Ley, Nürnberg
Februar 2026