Die Erprobung der neuen Spielzeuge der kleinen Jungs
I. Erprobung
Seit Juli 2025 läuft in der Ukraine ein Programm mit dem Namen Test in Ukraine. Es ist nicht versteckt. Es ist nicht inoffiziell. Es wird vom ukrainischen Verteidigungskomplex Brave1 betrieben, es hat eine eigene Webseite, es lädt internationale Rüstungsunternehmen ein, ihre Produkte zur Erprobung an die Front zu schicken. Drohnen, Anti-Drohnen-Waffen, Marine-Drohnen, unbemannte Bodenroboter, KI-Systeme, elektronische Kampfführung. Der Hersteller liefert die Ware, das ukrainische Militär setzt sie ein, die gemessenen Ergebnisse fließen an den Hersteller zurück.
Die Sprache dabei ist die der Produktentwicklung. Schnellere Iterationen. Ausbaufähige Plattformen. Skalierbare Architekturen. Performance unter realen Bedingungen. Es sind die Begriffe, mit denen ein Konzern eine Software-Beta-Phase beschreibt. Mit dem einen Unterschied, dass die Test-Umgebung keine virtuelle Sandbox ist, sondern ein Schlachtfeld, und die Test-Personen keine angeheuerten Entwickler sind, sondern Soldaten, die Geld dafür bekommen, dass sie schießen, und die manchmal vorher sterben, bevor sie das Feedback ausfüllen können.
Es ist der Goldstandard der Waffenentwicklung. Niemand sonst hat diese Daten. Ein Hersteller, der seine Waffe in einem NATO-Manöver erprobt, bekommt Daten unter kontrollierten Bedingungen. Ein Hersteller, der seine Waffe im Ukraine-Krieg erprobt, bekommt Daten unter den härtesten denkbaren Bedingungen — gegen einen aktiven Gegner, der seinerseits Gegenmaßnahmen entwickelt, gegen elektronische Kampfführung in Echtzeit, gegen reale Logistik, reale Witterung, reale Ermüdung. Das ist der eine Test, den kein Manöver simulieren kann.
Wer Waffen entwickelt, hatte historisch ein Problem: Er wusste nie, ob sie funktionieren. Erst der Einsatz brachte die Wahrheit, und der Einsatz lag oft Jahrzehnte hinter der Entwicklung. Die Panzer des Ersten Weltkriegs wurden in den dreißiger Jahren weiterentwickelt, ihre Tauglichkeit prüfte erst der Zweite Weltkrieg. Die Jet-Triebwerke wurden Anfang der vierziger Jahre flugfähig, ihre erste echte Belastungsprobe kam in Korea. Eine ganze Generation der Rüstungsentwicklung verging zwischen Konzept und Wahrheit. Heute vergehen Wochen. Was am Mittwoch von einem deutschen Werk verschickt wird, ist am Sonntag im Einsatz, am Montag analysiert, am Donnerstag korrigiert. Die Iterations-Zyklen der Rüstungsindustrie haben das Tempo der Software-Entwicklung erreicht. Was die Branche dazu brauchte, war ein Krieg.
II. Optimierung
Test in Ukraine ist nicht eine binäre Prüfung — funktioniert oder funktioniert nicht. Es ist ein geschlossener Kreislauf. Die Hersteller schulen das ukrainische Militär online im Umgang mit ihren Geräten. Das Militär setzt die Geräte ein. Es misst Trefferquote, Ausfallquote, Reichweite, Wirkung, Verhalten unter Störfeuer, Verhalten in der Kälte, Verhalten in der Nässe, Verhalten gegen die jeweils neueste russische Abwehr. Es schickt die Messwerte an die Hersteller. Die Hersteller iterieren. Sie schicken die nächste Version. Der Zyklus beginnt neu.
Die ukrainischen Soldaten sind in diesem Kreislauf nicht nur Anwender. Sie sind unbezahlte Teil-Entwickler. Sie geben Rückmeldungen darüber, was an einer Drohne klemmt, was an einem Visier ungenau ist, was an einer Tarnkappe nicht hält. Sie schreiben keine Konstruktionszeichnungen. Aber sie liefern den Datenstrom, mit dem Konstruktionszeichnungen und Produkte optimiert werden — gefechtsfeldtauglich und beschussfest heißen die Fachbegriffe der Branche. Wer am Schreibtisch konstruiert, kann das eine berechnen und das andere simulieren. Wer im Drohnenkrieg konstruiert, bekommt beides aus erster Hand geliefert, ohne dass er die Toten zählen muss, die für die Lieferung gestorben sind. Dass die Iteration auf dem Friedhof endet, wenn sie schief geht — das gehört zur Kostenstruktur des Programms, ohne dass es jemand so ausspricht.
Eine kleine britische Firma, Occam Industries, schickte ihre KI-Software für Drohnen in die Ukraine. Die Software funktionierte. Die Hardware, auf der sie lief, war für die Front nicht geeignet. Brave1 brachte die britische Firma mit ukrainischen Herstellern zusammen. Die Software läuft jetzt auf in der Ukraine gebauten Drohnen und ist im Anflug auf das nächste Gefecht. So liest sich der Wertstrom heute. Ein Start-up in London, ein Programmcode, eine Werkstatt in Saporischschja, eine Drohne, ein Treffer, ein Toter, eine Datenrückmeldung, ein Update. Sieben Stationen, zwischen denen kein Mensch lebt, der die Verantwortung für das Ganze trüge. Jeder ist für seinen Abschnitt zuständig. Für das Ganze ist niemand zuständig — wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht.
III. Endverwendungszweck
Eine Waffe, die im Lager liegt, ist eine Position in der Bilanz. Eine Waffe, die verbraucht wird, ist eine Position, die ersetzt werden muss. Das ist die schlichteste Wahrheit der Rüstungsökonomie, und sie wird selten so direkt ausgesprochen. Wer Waffen produziert, hat ein primäres Interesse: dass die produzierten Waffen verbraucht werden. Frieden ist für die Rüstungsindustrie kein Geschäftsmodell. Krieg ist es. Ein langer Abnutzungskrieg, in dem die Bestände kontinuierlich aufgefüllt werden müssen, ist das ideale Geschäftsmodell.
Der Endverwendungszweck einer Waffe oder eines Waffensystems ist immer erst dann erreicht, wenn entweder die Infrastruktur des Gegners möglichst stark und nachhaltig beschädigt wurde oder möglichst viele sogenannte Weichziele ausgeschaltet wurden. Am besten natürlich beides. Auch hier gilt die übliche Kosten-Nutzen-Rechnung wie im normalen Geschäftsleben, die durch entsprechende Aufklärungsmittel evaluiert wird. Der Krieg ist nicht nur die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, sondern auch die Fortsetzung der Wirtschaft mit speziellen Mitteln zur Erreichung der üblichen wirtschaftlichen Ziele. Die Qualität und Effizienz der Produkte, die Wettbewerbssituation und die Vertriebswege sind auch hier wesentliche Faktoren für die letztendlich zu erzielende Rendite.
Die Statistik des Statista-Portals hält diese Lage in dem trockenen Ton einer Buchprüfung fest. Seit dem Ausbruch des Ukraine-Krieges ist in Deutschland und auch international die Nachfrage nach Rüstungsgütern stark gestiegen. Europäische Staaten rüsten auf und müssen an die Ukraine abgegebene eigene Bestände wieder auffüllen. Dies beschert nicht nur deutschen Rüstungsunternehmen neue Großaufträge. — Drei nüchterne Sätze, in denen die ganze Ökonomie des Krieges steht. Doppelter Verkauf, einmal an die Ukraine, einmal an die abgebenden Länder als Auffüllung. Aus einem Markt wird ein selbst-erneuernder Markt.
Rheinmetall hat als wichtigster deutscher Profiteur seine Strategie offen kommuniziert: Vier Fabriken in der Ukraine, ein Potenzial von zwei bis drei Milliarden Euro Umsatz pro Jahr aus diesem Standort allein, ein Gesamtumsatz, der auf zehn Milliarden Euro steigen soll. Die Produktion in der Ukraine ist nicht ein Akt der Solidarität. Sie ist eine Standortentscheidung. Die ukrainische Panzerhaubitze Bohdana kostet 2,5 Millionen Dollar — die Hälfte des französischen Caesar. Das ukrainische Panzerabwehrsystem Stugna-P wird für zwanzig- bis fünfzigtausend Dollar exportiert, das amerikanische Javelin kostet hundertfünfundsiebzig- bis hundertsiebenundsiebzigtausend. Die ukrainischen Lohnkosten machen einen Faktor zwei bis acht aus. Wer in der Ukraine produzieren lässt, produziert günstiger. Wer günstiger produziert, verkauft mehr.
Die ökonomische Logik trägt sich selbst. Niemand muss böse sein, damit das System genau so funktioniert. Es funktioniert, weil jeder Akteur seine Interessen rational verfolgt: Die Hersteller wollen verkaufen, die Regierungen wollen ausstatten, die Ukraine will sich verteidigen, die Aktionäre wollen Rendite, die Politiker wollen Handlungsfähigkeit zeigen. Jeder einzelne dieser Wünsche ist legitim. Das Zusammenspiel ist eine Maschine, die Waffen produziert, verbraucht, ersetzt und wieder produziert. Die Maschine läuft.
IV. Die kleinen Jungs
Wer die deutsche Verteidigungsdebatte 2026 verfolgt, hört eine Sprache, die einen Moment lang vertraut klingt und dann plötzlich nicht mehr. Es ist die Sprache, die Männer in mittlerem Alter und darüber gebrauchen, wenn sie ein neues Spielzeug bekommen haben. Friedrich Merz im Bundestag über Taurus-Lieferungen. Roderich Kiesewetter in der ARD über die Notwendigkeit, der russischen Eskalation entgegenzutreten. Boris Pistorius auf der Sicherheitskonferenz über die kriegstüchtige Bundeswehr. Es ist nicht die Sprache der alten Diplomatie. Es ist nicht die Sprache der Sicherheitsanalyse. Es ist die Sprache des Kinderzimmers, in der die Wörter, die einmal aus dem Krieg gekommen sind, jetzt zum ersten Mal von einer Generation benutzt werden, die den Krieg nur aus dem Fernsehen kennt.
Der Vorstandsvorsitzende von Rheinmetall, Armin Papperger, hat das Vokabular selbst geliefert. Er verglich die ukrainische Drohnenproduktion mit Lego spielen und sprach von Hausfrauen mit 3D-Druckern. Das ist kein Versprecher. Das ist die innere Wahrheit einer Branche, die nicht erträgt, was sie tut, und deshalb in eine infantile Sprache flieht. Wer von Lego spricht, muss nicht denken, was ein Lego-Stein anrichtet, wenn er mit hundertfünfzig Stundenkilometern in eine menschliche Wohnung einschlägt. Wer von Hausfrauen spricht, muss nicht denken, was es bedeutet, wenn jene Hausfrauen am 3D-Drucker selbst die nächsten Drohnenträger ihrer toten Söhne produzieren.
Die Generation der politischen Klasse 2026 hat in ihrer Mehrheit nicht gedient. Sie hat keine Erfahrung mit Munition, mit Waffen, mit dem, was eine Waffe physisch tut. Sie kennt das Vokabular aus den Briefings, aus den Talkshows, aus den Power-Point-Folien der Verteidigungsexperten. Sie spielt mit Begriffen wie strategische Tiefe, Eskalationsdominanz, Abschreckungswirkung, ohne dass die Begriffe an einer eigenen Erfahrung gemessen würden. Wenn Friedrich Merz von der Wehrhaftigkeit Europas spricht, klingt es wie ein Kind, das ein Wort aus einem Schulbuch zum ersten Mal laut ausspricht, weil es vor der Klasse klug aussehen will.
Dies ist keine Anklage. Es ist eine Beobachtung. Eine Generation, die ohne den eigenen Dienst aufgewachsen ist, hat zwei Möglichkeiten, mit der Wiederkehr des Krieges umzugehen. Sie kann sich der eigenen Unzuständigkeit bewusst werden und vorsichtig sein. Oder sie kann die fehlende Erfahrung durch laute Sprache ersetzen. Die deutsche politische Klasse hat sich, in ihrer Mehrheit, für die zweite Möglichkeit entschieden. Die Folgen sind in den Talkshows zu beobachten — und in der Bilanz von Rheinmetall.
V. Die Beglaubigerinnen
Wer die Aufrüstungs-Linie der Generation 2026 betrachtet, könnte sie für eine Männer-Sache halten. Sie ist es nicht. Die Klasse, die jetzt aufrüstet, ist geschlechtsneutral geworden, und gerade darin liegt ihre Härte. Zwei Frauen liefern dafür die notwendige Komplettierung. Sie stehen für zwei Funktionen, die der laute Männer-Chor allein nicht erfüllen kann.
Die laute Variante ist Marie-Agnes Strack-Zimmermann. Sie war von Dezember 2021 bis Juni 2024 Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im Bundestag. Sie ist seit Januar 2025 Vorsitzende des neuen Sicherheits- und Verteidigungsausschusses im Europäischen Parlament. Sie ist gleichzeitig Präsidiumsmitglied des Förderkreises Deutsches Heer, der neben der Gesellschaft für Sicherheitspolitik und der Deutschen Gesellschaft für Wehrtechnik zu den wichtigsten Lobby-Verbänden der deutschen Rüstungsindustrie zählt. Mitglieder des FKH sind Politiker, hochrangige Militärs sowie die meisten deutschen Unternehmen aus dem Bereich der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie.
Das ist keine zufällige Mehrfachposition. Es ist eine institutionelle Verschränkung. Die Vorsitzende des parlamentarischen Verteidigungsausschusses sitzt im Präsidium der Rüstungs-Lobby. Das ist der klassische Drehtürbefund, in seiner kompaktesten Form. Was die Rüstungsindustrie braucht, ist nicht eine Politikerin, die ihre Interessen offen vertritt — das wäre korrupt. Sie braucht eine Politikerin, die ihre Interessen aus moralischen Motiven vertritt. Strack-Zimmermann liefert das. Sie spricht über die Bedrohung durch Russland, über die Schutzpflicht gegenüber der Ukraine, über die historische Verantwortung Deutschlands — und das Ergebnis ist, dass Rheinmetall mehr Panzer baut. Wer ihre Reden hört, denkt nicht an Lobbyismus. Er denkt an Moral. Das ist die Funktion.
Eine Pointe, die das Bild komplettiert: Strack-Zimmermann war im Januar 2023 eine der drei Initiatorinnen eines parteiübergreifenden Parlamentskreises Feministische Außenpolitik im Bundestag, neben Michelle Müntefering von der SPD und Agnieszka Brugger von den Grünen. Was wie ein Widerspruch zu ihrer Aufrüstungs-Rolle aussieht, ist keiner. Als die ZEIT ihr 2024 ein Streitgespräch mit Alice Schwarzer über sexuelle Kriegsgewalt anbot, sagte sie ab — laut Schwarzer mit der Begründung, das sei nicht so wirklich ihr Thema. Das ist die Operation, um die es geht. Das feministische Etikett wird übernommen, der feministische Inhalt nicht. Wer die Lieferung von Marschflugkörpern fordert, muss nicht mehr als kalter Krieger durch die Welt gehen. Er — oder vielmehr sie — kann als progressive feministische Stimme auftreten, ohne sich der mühsameren Arbeit feministischer Politik zu stellen. Die Linke, die sich gegen mehr Waffen aussprechen wollte, wird damit ins Lager der Rückschrittlichkeit gestellt. Das ist die rhetorische Operation. Sie funktioniert.
Die strukturelle Variante ist Franziska Brantner. Am 14. Mai 2026 hat die Grünen-Vorsitzende an der Universität Oxford eine Grundsatzrede gehalten. Ihr Vorschlag lautet, die im Aufbau befindliche neue Bundeswehr so tief in europäische Kommandostrukturen einzubinden, dass eine künftige deutsche Regierung sie nicht mehr eigenständig führen könne. Bindende multinationale Strukturen sollten von einer künftigen Regierung in Berlin nicht einfach wieder aufgelöst werden können. Das Deutschland von 2026 müsse dem unvorhersehbaren Deutschland von 2035 im Voraus Beschränkungen auferlegen.
Hier ist eine Unterscheidung nötig, die Brantners Vorschlag verwischt. Wenn Europa eine ernstzunehmende Macht werden soll, braucht es in der Tat strukturelle Bindung. Eine gemeinsame Verteidigung, die nach jeder nationalen Wahl in einem Mitgliedsland widerrufen werden kann, ist keine gemeinsame Verteidigung. Wer A sagt — geteilte Kommandostrukturen, gemeinsame Beschaffung, ein Hauptquartier der Marine in Danzig, wie wir es in unserem Sicherheitspapier Eine Sicherheitsarchitektur mit exakt definierten Tit-for-Tat-Strategien unter anderem vorgeschlagen haben —, muss B sagen — Bindung, die ernsthaft ist. Der Brexit war eine Entscheidung, die mit knapper Mehrheit, ohne Zweidrittelqualifikation, ohne Bestätigungswahl, aus momentaner Verstimmung heraus möglich wurde. Wenn Europa eine ernstzunehmende Macht werden will, muss es gegen solche Entscheidungen Schutz geben. Wenn die russische Führung morgen wechselt und wieder ein Reformer wie Gorbatschow kommt — wird dann jede Verteidigungsstruktur wieder obsolet werden und Europa kehrt zurück zu Friede, Freude, Eierkuchen und der Friedensdividende, um dann beim nächsten Konflikt wieder ohne Substanz dazustehen? Die Antwort kann nicht sein, dass jede Anpassung sofort zur Auflösung führt. Strukturelle Bindungen sind die Voraussetzungen dafür, dass Anpassungen möglich sind, ohne dass alles wegbricht und weitreichende Entscheidungen nach der jeweiligen Lage und Stimmung getroffen werden.
Aber die Form der Bindung ist entscheidend. Eine demokratisch begründete Bindung — durch Volksabstimmungen in jedem Gründungsland, durch eine Verfassung mit Austrittsverfahren, mit qualifizierten Mehrheiten und Fristen — ist schwer auflösbar, aber nicht unauflösbar. Sie ist das, was Artikel 50 für den EU-Austritt ist: hohe Hürde, klares Verfahren, kein Schicksalsschlag. Das wäre die Bindung, die Europa als ernsthafte Macht braucht. Sie ist nicht das, was Brantner vorschlägt.
Brantner bindet nicht die Bürger an eine demokratisch ratifizierte Architektur, sondern will die zukünftige Mehrheit an die heutige Politik binden. Was aus ihrem Vorschlag spricht, ist eine paternalistische Haltung. Sie misstraut dem Volk und den dann Verantwortlichen. Sie erwartet, dass die außermittigen Kräfte — AfD von rechts, BSW oder Ähnliches von links — 2035 nicht mehr außerhalb der Regierungsmehrheit stehen werden, und will ihnen heute ein Kuckucksei ins Nest legen, das sie morgen nicht mehr herauswerfen können. Statt sich die demokratische Auseinandersetzung mit diesen Kräften zuzutrauen, will sie die Auseinandersetzung verhindern, bevor sie stattfindet. Das ist nicht nur undemokratisch in seiner Form. Es ist auch politisch unklug. Eine Bindung, die nur durch Misstrauen gegen die eigene Wählerschaft begründet ist, wird in dem Moment instabil, in dem die Wählerschaft sie als solche erkennt. Sie erzeugt genau jenen Widerstand, den sie verhindern soll. Brantners Kuckucksei wird in dem Moment seinen Charakter offenbaren, in dem ein anderer Vogel im Nest sitzt. Und dann wird die ganze Konstruktion zur Disposition stehen — nicht weil die Bindung schlecht ist, sondern weil sie undemokratisch zustande kam.
Brantners politische Bindung und das Scholz-Merz-Sondervermögen — die Aufrüstung auf Pump — binden die nächsten Generationen unabänderlich mit einer geradezu ungeheuerlichen Hybris der heute Verantwortlichen. Im Grunde genommen programmiert man heute das höchstwahrscheinliche Scheitern der kommenden Generationen, wie wir es in unserem Essay Die strukturelle Umverteilung zwischen den Generationen dargestellt haben.
Die heute Verantwortung tragen und diejenigen, die sie gewählt haben, leben, indem sie die Substanz, die frühere Generationen aufgebaut haben, auf Verschleiß fahren und nicht erneuern. Gleichzeitig belasten sie zukünftige Generationen in einer Weise, die diesen jeden Handlungsspielraum nimmt. Das ist die eigentliche Pointe der politischen Klasse 2026. Sie verbraucht das Geerbte und legt das Ungeborene in Ketten. Beides in einem Zug. Beides ohne den Anflug eines Bewusstseins, dass dies das Gegenteil von Verantwortung ist.
Brantner nennt das Nie wieder allein. Es ist eine schöne Formel. Sie verschleiert, was sie sagt. Nie wieder allein heißt: nie wieder selbst entscheiden dürfen. Wer als deutsche Regierung 2035 zu dem Schluss kommen sollte, dass die europäische Sicherheitsarchitektur 2026 ein Fehler war, der soll diesen Schluss nicht mehr ziehen dürfen. Die Bindung soll die Korrektur verhindern. Das ist das Gegenteil dessen, was Demokratie heißt. Demokratie ist die Form, in der eine Generation ihre Fehler korrigieren kann, ohne dass die vorhergehende sie daran hindert. Brantner schlägt eine Architektur vor, in der genau das nicht mehr möglich ist.
Strack-Zimmermann liefert die laute, moralisch verkleidete Beglaubigung der Aufrüstung. Brantner liefert die strukturelle Festschreibung. Zusammen ergeben sie die weibliche Komplettierung dessen, was die kleinen Jungs lärmend vortragen. Dass Frauen diese Funktionen übernehmen, ist nicht ein Akt der Emanzipation. Es ist die Schließung einer Lücke. Wer in der politischen Klasse 2026 mitspielt, muss die Waffen-Sprache übernehmen, unabhängig vom Geschlecht. Die Brücke zwischen den Generationen wird damit zur Brücke ohne Rückweg.
VI. Erhards Satz
In Erfahrungen für die Zukunft, dem 1976 verfassten und 2024 posthum erschienenen Manuskript Ludwig Erhards, steht ein Satz, der gerade jetzt eine ganz neue Bedeutung bekommt: Wir dürfen die Hauptlast für die Sicherheit Europas nicht den USA überlassen. Erhard meinte das in einer ganz bestimmten Form. Er meinte: Europa muss eine eigene strategische Konzeption haben, eine eigene wirtschaftliche Basis dafür, eine eigene politische Selbstständigkeit. Er meinte nicht: Wir müssen mehr Waffen kaufen, mehr Sondervermögen aufnehmen, mehr Aufrüstungs-Rhetorik produzieren.
Erhard wusste, warum er den Satz schrieb. Er hatte als Bundeskanzler die strukturelle Abhängigkeit der Bundesrepublik von Washington erlebt — die Tatsache, dass Adenauer seine Macht der Westbindung verdankte, dass die Bundesrepublik bis 1990 nie wirklich souverän war, dass die amerikanische Garantie gleichzeitig Schutz und Käfig war. Er sah 1976, was zwanzig Jahre später Konsens werden würde: dass diese Konstellation nicht ewig hält. Und er schrieb, was zu tun wäre, bevor sie zusammenbricht.
Was zu tun gewesen wäre, hat Deutschland in fünfzig Jahren nicht getan. Es hat keine eigene strategische Konzeption entwickelt. Es hat keine eigene technologische Basis für seine Sicherheit aufgebaut. Es hat seine Energieversorgung an Russland und dann an Amerika delegiert. Es hat keine eigene digitale Infrastruktur, keine eigene Raumfahrt von Weltrang, keine eigene Halbleiterindustrie. Es hat alles delegiert und erst bemerkt, dass es nichts mehr selbst kann, als der Lieferant — Trump — den Preis erhöhte.
Was die heutige Debatte für eine europäische Verantwortung hält, ist nicht Erhards Konzeption. Es ist deren Karikatur. Erhard hätte gesagt: Lasst uns ein Land aufbauen, das selbst denken, selbst entwickeln, selbst entscheiden kann. Die heutige Klasse sagt: Lasst uns mehr Munition kaufen. Erhard hätte gesagt: Lasst uns die Voraussetzungen schaffen, dass wir niemandem mehr ausgeliefert sind. Die heutige Klasse sagt: Lasst uns die Strukturen so festschreiben, dass niemand mehr aus dem Westen austreten kann. Erhard hätte gesagt: Lasst uns frei werden. Die heutige Klasse sagt: Lasst uns endgültig binden.
Es ist die exakte Inversion. Erhards Sicherheitspolitik wäre Befreiung gewesen. Die heutige ist Selbstfesselung. Erhards Sicherheitspolitik hätte eigene Substanz aufgebaut. Die heutige kauft amerikanische und ukrainische Substanz und beschriftet sie als Lösung. Erhards Sicherheitspolitik wäre eine erwachsene Antwort auf das Ende des Kalten Krieges gewesen. Die heutige ist die Antwort einer Klasse, die nie erwachsen werden musste, weil ihr immer jemand anders die Lasten abgenommen hat. Jetzt nimmt ihr niemand mehr etwas ab. Und sie merkt, dass sie nicht weiß, wie es geht.
VII. Was bleibt
Eine kleine Schicht von Männern und Frauen in mittlerem Alter erprobt das neue Spielzeug. Sie tut es mit dem Geld der Steuerzahler, mit dem Leben fremder Soldaten, mit der Bilanz von Rheinmetall, mit den Strukturen, die der nächsten Generation nicht mehr aufzulösen erlaubt sein sollen. Sie tut es ohne eigene Erfahrung, ohne eigene Konzeption, ohne eigene Verantwortung für das, was am Ende stehen wird.
Die Maschine läuft. Die Aufträge wachsen. Die Aktienkurse steigen. Die Drohnen finden ihren Endverwendungszweck, der Ersatzbedarf entsteht, der nächste Verkaufszyklus beginnt. Die Talkshows füllen sich mit dem Vokabular, das die Sache erträglich macht — Wehrhaftigkeit, Bündnistreue, Abschreckung, kriegstüchtig. Die Bücher Erhards liegen in den Magazinen der Stadtbibliotheken, weil sie nach zwei Jahren nicht ausgeliehen waren. Wer den Mut hätte, sie heute zu lesen, würde feststellen, dass alles vorausgesagt ist, was jetzt geschieht.
Es ist keine Empörung mehr nötig. Empörung wäre das Geräusch, das die Maschine braucht, um weiterzulaufen — es zeigt ihr, dass sie etwas bewirkt. Was die Maschine nicht erträgt, ist die ruhige Beschreibung dessen, was sie ist. Eine kleine Schicht, mit kleinen Spielzeugen, mit großen Folgen, die andere tragen werden. Eine Klasse, die nicht weiß, dass sie eine Klasse ist, und die deshalb glaubt, sie handle aus Verantwortung, während sie aus Gewohnheit handelt. Eine Generation, die ihre Last der nächsten überträgt, weil sie selbst keine bekommen hat. Eine Demokratie, die sich gegen ihre eigene Zukunft versichert, weil sie der Gegenwart nicht mehr traut.
Erhard wusste, dass das kommen würde. Er hat es 1976 aufgeschrieben. Niemand hat es gelesen. Jetzt steht es in einem Buch, das im Nürnberger Bibliotheks-Magazin liegt und das nach fünfzig Jahren des Verlegens, fünfundzwanzig Jahren der Vergessenheit und zwei Jahren der Nichtnachfrage wartet, dass jemand es bestellt.
Es bestellt sich gerade jemand.
und Claude Dedo (Anthropic)
Juni 2026