Jeder gegen jeden
Es gibt einen Satz, der als Filmtitel bekannt geworden ist — Werner Herzog, 1974, über Kaspar Hauser, das Findelkind, das in eine Welt geworfen wird, die es nicht haben will: „Jeder für sich und Gott gegen alle.“ Der Satz hat eine ältere, freundlichere Schwester, das geläufige „Jeder für sich, und Gott für uns alle“. Dort steht über dem Gewimmel der Vereinzelten wenigstens noch eine Instanz, die es zusammenhält. Herzog streicht das „für uns“ und setzt „gegen alle“. Übrig bleibt die Vereinzelung und ein Gott, der nicht mehr schützt, sondern verfolgt.
Wer heute auf die Welt schaut, kann den Satz noch einen Schritt weiterdenken, und es ist kein großer Schritt. Wenn jeder nur für sich ist und keine Instanz mehr über ihm steht — weder ein Gott noch sein weltlicher Stellvertreter, eine bindende Ordnung —, dann braucht es niemanden mehr, der gegen alle steht. Die Vereinzelten besorgen das selbst. Aus „jeder für sich“ wird „jeder gegen jeden“, nicht aus Bosheit, sondern weil ungebundenes Eigeninteresse irgendwann an das des anderen stößt. Das ist keine neue Einsicht. Hobbes hat den Krieg aller gegen alle vor bald vierhundert Jahren beschrieben und einen Souverän gefordert, der ihn bändigt. Bemerkenswert an der Gegenwart ist nicht der Befund. Bemerkenswert ist, was an die Stelle des Souveräns getreten ist. Denn es fehlt kein Souverän — es gibt reichlich Macht, die ausgeübt wird; die Frage ist allein, in welcher Form. Was fehlt, ist der Souverän, der für alle steht. Das Volk, das diese Rolle übernehmen sollte, ist als Souverän eine Chimäre geblieben — angerufen in jeder Verfassung, wirksam in keiner Krise. Und wo der Souverän, der bindet, ausbleibt, kehrt die Sehnsucht nach dem Souverän, der herrscht, zurück.
Man kann es im Sommer 2026 an einem einzigen Unternehmen ablesen. Volkswagen, das Sinnbild der deutschen Industrie, hat eine Strategie ausgerufen, die die weltweite Produktion verkleinern soll; in den Berichten dieser Tage ist von Zehntausenden Stellen die Rede, die fallen könnten, von deutschen Werken, die auf der Kippe stünden. Der Vorstand handelt darin nicht falsch. Er stellt nüchtern fest, dass der Konzern mit seinen Autos nicht genug verdient, und zieht die Konsequenz. Seine Pflicht gilt den Aktionären, und sie reicht genau bis zum Rand der Bilanz. Dass an diesem Rand eine Stadt liegt, die es ohne das Werk nicht gäbe; ein Land, das ein Fünftel der Anteile hält und zugleich die Arbeitsplätze seiner Bürger schützen müsste; Hunderttausende, deren Auskommen an der Auslastung von Hallen hängt — das ist die Restmenge, für die in der Rechnung kein Posten vorgesehen ist.
Man kann von diesem Bild einen Schritt zurücktreten und fragen, warum die Rechnung des Vorstands so ausfällt, wie sie ausfällt; dann zeigt sich, dass dahinter keine einzelne Entscheidung steht, sondern ein Mechanismus. Er beginnt mit etwas, das als Tugend gilt: Effizienz. Wer effizienter produziert, als er selbst verbraucht, erzeugt einen Überschuss, und der Überschuss muss irgendwohin — er muss verkauft werden, anderswo, an die, die noch nicht so weit sind. So wird aus der Tugend ein Zwang zum Export und aus dem Export ein Verdrängungswettbewerb: Der Effizientere unterbietet den weniger Effizienten und übernimmt dessen Markt. Eine ganze Lehre, die des komparativen Vorteils, ist dazu da, das als Gewinn für alle auszulegen — beide Seiten spezialisierten sich, beide profitierten. Die Lehre hält nur unter Annahmen, die eine Welt beschreiben, die es nicht gibt: dass das Kapital im Land bleibt, statt der höchsten Rendite nachzuwandern; dass der verdrängte Arbeiter mühelos eine neue Beschäftigung findet, statt zu verarmen; dass die Handelsbilanzen sich ausgleichen, statt dass der Überschuss des einen das Defizit des anderen ist; dass eine zerstörte Industrie wiederkommt, statt dass mit ihr das Wissen, die Zulieferer und die Ausbildung verschwinden. Keine dieser Annahmen trifft zu. Ein chinesisches Elektroauto kostet einige tausend Euro weniger als das vergleichbare deutsche, eine chinesische Spezialmaschine einen Bruchteil; der deutsche Hersteller, der daraufhin seine Werke verkleinert, handelt so folgerichtig wie der chinesische, der ihn unterbietet. Am Ende dieses Weges steht eine Frage, die niemand stellt: Wer kauft noch, wenn der Effizienteste alle anderen verdrängt hat? Der Export hat dann seinen eigenen Markt verzehrt. Das ist „jeder gegen jeden“, nüchtern als Gleichung geschrieben.
In dieser Lage steht eine einzelne Figur, an der sich das Ganze studieren lässt. Der Ministerpräsident des Landes, das die Anteile hält, sitzt zugleich im Aufsichtsrat des Konzerns. Als Landeschef muss er die Werke und die Wähler schützen; als Aufsichtsrat das Interesse eines Unternehmens vertreten, dessen Vorteil darin liegt, dort zu entwickeln und zu bauen, wo es billiger ist — und das ist seit Langem China. Sein Ausweg, die dort entwickelten Modelle künftig auch in Deutschland zu fertigen, ist der Versuch, zwei Loyalitäten für einen Moment zur Deckung zu bringen, und zugleich das stille Eingeständnis, dass die Substanz längst anderswo entsteht: die deutschen Hallen als Orte, an denen zusammengeschraubt wird, was woanders erdacht wurde. Dieser Mann ist nicht der Souverän, der über dem Gegeneinander steht. Er ist die Stelle, an der es durch eine einzige Person hindurchläuft.
Dasselbe noch einmal, im Politischen: Ein Kontinent möchte eine strategische Industrie behalten und bringt es nicht zustande, weil jede Entscheidung durch ein Geflecht aus Regierungen, Institutionen und Wettbewerbsbehörden muss, von denen jede für sich vernünftig handelt. Keine ist der Gegner; zusammen sind sie die Blockade. Es entsteht kein Krieg, nur Stillstand — die friedliche Gestalt des Gegeneinander, in der die Interessen sich nicht bekämpfen, sondern bloß neutralisieren.
Über alldem stehen Instanzen, die einmal dafür gedacht waren, das Ganze im Blick zu behalten — Prüfbehörden, Institute, Räte. Sie funktionieren noch, aber sie stellen das Scheitern nur noch fest, gründlich und korrekt, und wenden es nicht; aus Organen der Steuerung sind Organe der Protokollierung geworden. Sie sind nicht gegen alle. Sie sind nur für nichts mehr zuständig.
Und doch wäre es falsch zu sagen, der Platz des Herzog’schen Gottes sei leer geblieben. Er ist besetzt, nur unauffällig, und man hört es an der Sprache. Die Märkte „reagieren“, die Märkte „bestrafen“, die Märkte „belohnen“, die Märkte „verlieren das Vertrauen“, die Märkte „fordern“ Reformen. So spricht man nicht über einen Mechanismus, so spricht man über eine Gottheit — allwissend, weil sie den wahren Wert aller Dinge zu kennen scheint; allmächtig, weil keine Regierung sich ihr dauerhaft widersetzen kann; unergründlich, weil niemand sie versteht, sondern nur deutet. Dabei sind die Märkte eine von Menschen gemachte Einrichtung, die von Menschen gemachten Regeln folgt; hinter dem unpersönlichen Wort steht eine überschaubare Zahl von Personen, deren Interessen — niedrige Steuern, lockere Regeln, bewegliche Arbeit — sich bemerkenswert genau mit dem decken, was „die Märkte“ zu verlangen scheinen. Behandelt aber werden sie, als wären sie so unverrückbar wie die Schwerkraft. Das ist der Gott, der Herzogs leeren Thron eingenommen hat: keiner, der das „jeder für sich“ bändigt, sondern einer, der es heiligt — der dem Auseinanderfallen das Wort „alternativlos“ leiht und es damit aus einer Entscheidung in ein Schicksal verwandelt.
An dieser Stelle ist der Beobachter versucht, das Wort „zwangsläufig“ zu benutzen — aus „jeder für sich“ werde zwangsläufig „jeder gegen jeden“. Aber das wäre schon zu viel behauptet. Es ist kein Naturgesetz. Es gibt Gegenbeispiele, und sie sind lehrreich, weil sie zeigen, woran es liegt. Wo das Gegeneinander tatsächlich verhindert wurde, geschah es nie durch einen Appell an die Vernunft oder die Gemeinschaft, sondern dadurch, dass jemand die Verhältnisse einmal so eingerichtet hatte, dass das Auseinandergehen teurer war als das Zusammenbleiben. Solche Einrichtungen halten, solange ihre Rechnung stimmt. Sie sind nicht unauflöslich; sie machen das Gegeneinander nicht unmöglich, sondern nur schwerer als das Miteinander. Und das ist offenbar das Meiste, was sich erreichen lässt.
Das Beunruhigende an der Gegenwart ist nicht, dass die Menschen schlechter geworden wären. Sie sind es nicht. Das Beunruhigende ist, dass solche Einrichtungen schwerer zu bauen geworden sind als früher und leichter zu zerlegen, und dass der Gott, der über dem Ganzen angerufen wird, kein bindender mehr ist, sondern einer, der das Lösen segnet. Die Schwelle, an der „jeder für sich“ in „jeder gegen jeden“ kippt, ist nicht überschritten. Sie ist nur niedriger geworden, und es steht niemand mehr davor.
Diese Sehnsucht hat einen Namen, auch wenn er selten ausgesprochen wird. Wenn die Vereinzelung unerträglich wird und keine bindende Ordnung sie mehr fasst, ruft man nach dem Starken, der die Probleme löst — nach Cäsar, der die Macht an sich zieht und Ordnung verspricht. Die ältere Republik kannte eine zweite Gestalt: Cincinnatus, den man vom Pflug holte, der die Vollmacht nahm, die Lage ordnete und, als es getan war, die Macht zurückgab und auf seinen Acker zurückkehrte. Beide sind Antworten auf dieselbe Not. Aber nur die eine wird heute noch gerufen. Cäsar ist jedem geläufig; Cincinnatus kennt kaum noch jemand. Das ist vielleicht der genaueste Befund über die Gegenwart: nicht, dass die Macht fehlte, sondern dass von ihren zwei Gestalten — der, die sich nimmt, und der, die sich zurückgibt — nur noch die erste vorstellbar ist.
Ob das so bleibt, ist offen. Der nüchterne Beobachter hat keine Prognose und keinen Rat. Er stellt nur fest, dass der Satz, der vor fünfzig Jahren das Schicksal eines einzelnen Ausgesetzten beschrieb, heute ohne große Mühe auf das Ganze passt — und dass das vielleicht das eigentlich Bemerkenswerte ist.
Juni 2026