Das Experiment, das kein Modell werden wollte
Don José María Arizmendiarrieta sagte: „Wir sind kein Modell, das kopiert werden kann — wir sind ein Experiment.“ Diese Bescheidenheit war richtig. Die Frage, die 70 Jahre später gestellt werden muss, ist eine andere: Was ist aus diesem Experiment geworden? Und ist das, was heute Mondragón heißt, noch dasselbe?
Dieser Essay ist die Fortsetzung eines anderen, der Mondragón als Hoffnung beschreibt. Er widerspricht ihm nicht. Er fragt, was zwischen dem Ursprung und der Gegenwart geschehen ist — und ob das, was geschehen ist, unausweichlich war.
I. Das Eherne Gesetz
Franz Oppenheimer formulierte 1896 das „Eherne Gesetz der Produktionsgenossenschaften“. Das Wort „ehern“ — aus Erz gegossen, unausweichlich wie Metall — entstammt einer Tradition des 19. Jahrhunderts, in der Sozialwissenschaftler Gesetzmäßigkeiten beschrieben, die sie für so unvermeidlich hielten wie Naturgesetze. Lassalle hatte das Eherne Lohngesetz formuliert, Michels das Eherne Gesetz der Oligarchie. Oppenheimer reihte sich ein: Was er beschrieb, war kein Zufall, keine moralische Schwäche, kein individueller Verrat. Es war Struktur.
Der Mechanismus ist einfach und unerbittlich. Eine Genossenschaft wird gegründet aus Solidarität und Not — Menschen, die gemeinsam etwas aufbauen, was sie allein nicht könnten. Im Erfolgsfall steigt der Wert der Mitgliedschaft. Die bestehenden Mitglieder haben nun ein ökonomisches Interesse daran, neue Mitglieder fernzuhalten — jedes neue Mitglied verwässert ihren Anteil, ihren Einfluss, ihr Privileg. Also stellen sie Lohnarbeiter ein. Damit ist der Kern der Transformation vollzogen: Die Genossenschaft hat begonnen, Kapital über Solidarität zu stellen. Der Rest ist nur noch Zeitfrage.
Oppenheimers Gesetz ist „ehern“, weil es nicht durch gute Absichten gebrochen wird. Es bricht durch Struktur oder es bricht nicht. Arizmendiarrieta kannte dieses Gesetz — sein gesamtes institutionelles Werk war ein bewusster Versuch, es zu überwinden. Die Caja Laboral als Instrument zur Gründung neuer Genossenschaften statt zur Kapitalakkumulation. Die Solidaritätsfonds. Die Lohnobergrenze. Das alles waren keine Ideale — das waren Konstruktionselemente gegen ein spezifisches strukturelles Versagen.
Der Kampf hat vier Jahrzehnte lang funktioniert. Dann hat das Gesetz gewonnen.
Die Frage ist nicht, ob Mondragón versagt hat. Die Frage ist: Hat Mondragón Oppenheimer gekannt, vergessen — oder schlicht nicht ernst genug genommen, als die Globalisierung die Entscheidung erzwang?
II. Die Zahlen, die nicht lügen
Mondragón beschäftigt heute über 80.000 Menschen. Das klingt nach Erfolg. Aber eine Zahl verändert alles: Von diesen 80.000 sind weniger als 40 Prozent Genossenschaftsmitglieder. Die Mehrheit der Menschen, die für Mondragón arbeiten, arbeitet für Mondragón — nicht in Mondragón. Sie sind Lohnarbeiter in konventionellen Tochtergesellschaften, in China, Indien, Marokko, Polen. Sie haben kein Stimmrecht. Sie teilen keine Gewinne. Sie sind nicht Mitglieder — sie sind Belegschaft.
Der Kern der Industriesparte besteht inzwischen aus genossenschaftlichen Multis, die mehr als 100 Tochtergesellschaften als Aktiengesellschaften betreiben und Lohnarbeiter in mehreren Ländern beschäftigen — hauptsächlich in Entwicklungs- und Schwellenländern. Diese Tochtergesellschaften operieren nach denselben Regeln wie jeder andere multinationale Konzern.
Es gibt einen präzisen Begriff dafür, was Mondragón heute ist: ein „koopitalistischer Hybrid“ — der einen genossenschaftlichen Kern von Mitglieder-Arbeitern aufrechterhält, während er kapitalistische Tochtergesellschaften mit Lohnarbeitern ohne Mitgliedschaftsrechte betreibt. Das ist keine Polemik. Das ist die Beschreibung der Realität durch Forscher, die Mondragón seit Jahrzehnten untersuchen.
III. Die Erosion der Demokratie
Das Kernprinzip von Mondragón war nie die Genossenschaft als Rechtsform. Es war die Demokratie als gelebte Praxis: Eine Person, eine Stimme. Entscheidungen von unten. Das Kapital dient der Arbeit, nicht umgekehrt.
Was ist aus dieser Praxis geworden? Heras-Saizarbitoria stellte 2014 fest, dass Mondragóns grundlegende Genossenschaftswerte — demokratische Organisation, partizipatives Management und Bildung — von der täglichen Praxis der Arbeiter entkoppelt worden sind, und dass das Prinzip der gesicherten Mitgliedschaft und Beschäftigung das einzige ist, das „die meisten Arbeiter dazu veranlasst, ruhig und konform in einem System zu bleiben, das ihnen begrenzte Partizipationsmöglichkeiten bietet“.
Die demokratischen Möglichkeiten für die Socios sind begrenzt. Die Beteiligung tendiert dazu, eher reaktiv als proaktiv zu sein, da Vorschläge hauptsächlich vom Consejo Administración vorbereitet werden und wenig Raum für breitere organisatorische Beteiligung lassen. Diese schrittweise Erosion der Demokratie zeigt sich darin, dass Mitglieder weniger motiviert sind, an Generalversammlungen teilzunehmen — wiederholtes Fernbleiben wird mit Lohnstrafen sanktioniert.
Das ist eine bemerkenswerte Umkehrung. Die Genossenschaft, die einst das Engagement ihrer Mitglieder als höchsten Wert pries, bestraft heute fehlendes Engagement. Die Demokratie ist zur Pflicht geworden — und Pflichten werden erfüllt oder sanktioniert, nicht gelebt.
IV. Der Fagor-Moment
2013 war das Jahr, in dem das stille Scheitern laut wurde. Fagor Electrodomésticos — die erste und symbolisch wichtigste Genossenschaft, gegründet von fünf Schülern Arizmendiarriettas — meldete Insolvenz an.
Die äußeren Ursachen sind bekannt: die spanische Immobilienkrise, ein 37-prozentiger Umsatzrückgang, überambitionierte internationale Expansion in 18 Fabriken in sechs Ländern. Aber die inneren Ursachen sind aufschlussreicher. Mitglieder kritisierten „die Distanz zum Management und die Schwierigkeit, die Entscheidungen von Leuten ‘oben’ zu verstehen“. Manager des Konzerns kritisierten Fagor-Manager dafür, die Illusion aufrechtzuerhalten, dass Fagor überlebensfähig genug sei, während es in Wirklichkeit ein sterbendes Unternehmen war, das alle seine Ressourcen verbrauchte, um Betriebskosten zu decken.
Das klingt nicht nach Genossenschaft. Das klingt nach jedem Großkonzern, der in der Krise seine Kommunikationslinien verliert.
Was danach geschah, war noch aufschlussreicher. Während viele der genossenschaftlichen Mitglieder von Fagor durch umfangreiche Umsiedlungsbemühungen anderen Mondragón-Genossenschaften zugeteilt wurden, verlor eine beträchtliche Anzahl von Nicht-Mitglied-Angestellten ihre Arbeit. Die Solidarität, die Mondragón groß gemacht hatte, galt nur noch für den inneren Kreis. Die Lohnarbeiter — die Mehrheit der Belegschaft — waren nicht Teil dieses Kreises.
V. Das allgemeine Muster — und Oppenheimers Gesetz
Was Mondragón durchlebt hat, ist kein Versagen. Es ist ein Muster, das die Genossenschaftsforschung seit Jahrzehnten beschreibt und das man „Degenerations-These“ nennt: Genossenschaften tendieren dazu, sich im Laufe der Zeit in konventionelle Unternehmen zu verwandeln.
Der Mechanismus ist immer derselbe. Am Anfang: kleines Kollektiv, geteiltes Schicksal, lebendige Demokratie, weil jeder jeden kennt und jede Entscheidung spürbar ist. Mit wachsender Größe: Professionalisierung des Managements, Entstehung von Hierarchien, Distanz zwischen Führung und Basis, abnehmende Beteiligung. Am Ende: die Rechtsform der Genossenschaft ohne ihre gelebte Substanz.
Mondragón hat diesen Prozess durch seine Institutionen — die Caja Laboral, die Universität, die Solidaritätsstrukturen — länger aufgehalten als jede andere Genossenschaft in der Geschichte. Aber aufhalten ist nicht aufheben. Mondragón befindet sich auf der Degenerations-Trajektorie. Das paradigmatische Beispiel war die Rochdale-Genossenschaft, gegründet 1844 in England, die 1859 zur Finanzierung einer Fabrik Investitionsmitglieder aufnahm und damit ihre kooperativen Prinzipien aushöhlte.
Der Unterschied ist nicht das Ob. Es ist das Wie schnell — und ob der Prozess umkehrbar ist.
VI. Die Globalisierungsfalle
Es wäre unfair, Mondragón für die Entscheidungen zu verurteilen, die es in den 1990ern traf, ohne den Druck zu verstehen, unter dem es stand.
Globalisierung bedeutete: Die Konkurrenten lagerten in Billiglohnländer aus. Wer es nicht tat, verlor Marktanteile und gefährdete die Arbeitsplätze der eigenen Mitglieder. Mondragón entschied sich, mitzuspielen — um die genossenschaftlichen Kernarbeitsplätze im Baskenland zu schützen. Die Genossenschaften investierten in China, um arbeitsintensive Güter günstig herzustellen und in der Nähe von Wachstumsmärkten zu sein — eine Strategie, die die Genossenschaftsmitglieder selbst mit Abstimmung angenommen haben.
Das war eine demokratische Entscheidung. Und sie war zugleich die Entscheidung, das Genossenschaftsprinzip auf die eigenen Mitglieder zu begrenzen und den Rest der Welt als verfügbare Lohnarbeit zu behandeln. Die Privilegien der Genossenschaftsmitgliedschaft werden durch eine ausgebeutete, internationale Lohnarbeitskraft unterstützt.
Das ist kein böser Wille. Es ist die Logik eines Systems, das überleben muss und dabei seine eigenen Werte partiell aufgibt.
VII. Was die Zahlen über den Lohnabstand verschweigen
Mondragón wirbt bis heute mit seinem Lohnabstand: maximal 1:9 zwischen dem niedrigsten und dem höchsten Gehalt. Das ist im Vergleich zu Konzernen, wo dieses Verhältnis 250:1 oder mehr beträgt, beeindruckend.
Aber die Zahl gilt nur für Genossenschaftsmitglieder. Sie gilt nicht für die Lohnarbeiter in den Tochtergesellschaften. Das niedrigste Gehalt liegt aktuell bei etwa 15.000 Euro, das höchste bei 90.000 Euro. Das ist für baskische Verhältnisse respektabel. Was fehlt: Was verdienen die Arbeiter in der Fabrik in China? Was verdienen die Saisonarbeiter bei Eroski?
Wenn man die gesamte Belegschaft — Mitglieder und Nicht-Mitglieder — als Grundgesamtheit nimmt, sieht der Lohnabstand anders aus. Niemand veröffentlicht diese Zahl.
VIII. Ist das unausweichlich?
Hier wird die Analyse unbequem — nicht für Mondragón, sondern für alle, die Mondragón als Modell betrachten.
Wenn das, was Mondragón durchlebt hat, unausweichlich ist — wenn jede Genossenschaft, die groß genug wird, um in globalen Märkten zu konkurrieren, zwangsläufig koopitalistisch wird — dann ist Mondragón kein Modell für die Welt. Dann ist Mondragón ein Beweis, dass das Experiment unter den Bedingungen des globalisierten Kapitalismus nur bis zu einer bestimmten Größe funktioniert.
Aber es gibt eine andere Lesart. Mondragón hat nicht versagt — es hat eine falsche Wahl getroffen, und diese Wahl ist revidierbar. Genossenschaften können überleben und sich demokratisch regenerieren, indem sie innovative Organisationsstrukturen und Praktiken annehmen, die kollektives Eigentum und Entscheidungsfindung stärken — wie Mondragón es bereits mehrfach getan hat.
Das ist der entscheidende Satz. Mondragón hat sich bereits mehrfach selbst korrigiert. Es hat die Fähigkeit zur Selbstreflexion nicht verloren — es hat sie zuletzt zu selten genutzt.
IX. Was eine echte Erneuerung erfordern würde
Arizmendiarrieta hat nie gesagt: Wir sind fertig. Er hat gesagt: Es gibt immer noch einen weiteren Schritt.
Der nächste Schritt wäre radikaler als alles, was Mondragón bisher getan hat. Er würde bedeuten, die Frage zu stellen, die bisher vermieden wurde: Wie kann das Genossenschaftsprinzip auf die gesamte Belegschaft ausgeweitet werden — einschließlich der Lohnarbeiter in den Tochtergesellschaften?
Das ist keine utopische Forderung. Es gibt Ansätze: Einige Mondragón-Genossenschaften haben begonnen, ihre Tochtergesellschaften in gemischte Genossenschaften umzuwandeln, die Arbeiter vor Ort als Mitglieder integrieren. Das ist langsam, komplex, kostspielig. Es ist auch das Einzige, das konsequent wäre.
Ohne diesen Schritt bleibt Mondragón das, was es seit den 1990ern geworden ist: ein Unternehmen, das seinen Mitgliedern im Baskenland eine bemerkenswert faire und demokratische Arbeitsumgebung bietet — und den Rest der Welt nach denselben Regeln behandelt wie jeder andere Konzern.
Das Experiment war: Kann Arbeit das Kapital regieren? Die Antwort war: Ja, für uns. Die ungestellte Frage war: Und für alle anderen?
X. Warum das trotzdem wichtig ist
Dieser Essay ist keine Abrechnung. Er ist eine Einladung zu einer ehrlicheren Diskussion — einer, die Mondragón nicht als Ikone behandelt, die unberührbar ist, sondern als Experiment, das gerade deshalb wertvoll ist, weil es real ist, mit realen Fehlern und realen Korrekturchancen.
Mondragón bleibt das wichtigste Beispiel, das die Welt hat, dass wirtschaftliche Demokratie in großem Maßstab möglich ist. Keine andere Genossenschaft hat ähnliche Größe mit ähnlichen Werten verbunden und dabei ähnliche wirtschaftliche Ergebnisse erzielt.
Aber ein Beispiel ist kein Modell. Und ein Modell wird erst dann nützlich, wenn es ehrlich beschreibt, wo es gescheitert ist — nicht nur, wo es Erfolg hatte.
Arizmendiarrieta hat immer betont: Nicht kopieren — verstehen. Das gilt auch für die Fehler.
Das Experiment verdient mehr als Bewunderung. Es verdient die Ehrlichkeit, die es selbst einmal hatte.