beyond-decay.org · März 2026

Vom Experiment zum Modell

Was die Welt von Mondragón lernen kann — und warum sie hingehen sollte

Der historische Ausgangspunkt

Don José María Arizmendiarrieta hat immer betont: „Wir sind kein Modell, das kopiert werden kann — wir sind ein Experiment."

Diese Bescheidenheit war richtig. Sie war notwendig. Als fünf Absolventen einer Berufsschule im Baskenland 1956 ihre erste Genossenschaft gründeten, wäre jeder größere Anspruch Hybris gewesen. Sie mussten erst beweisen, dass es überhaupt funktioniert. Sie mussten überleben — in einem feindlichen Umfeld, unter Franco, ohne Zugang zu Sozialversicherung, ohne Bankkredite.

Das Experiment hat funktioniert. 70 Jahre später ist Mondragón die größte Genossenschaftsgruppe der Welt. Über 80.000 Menschen. Fünf Kontinente. Globale Konzerne als Partner. Hightech-Produktion. Eine eigene Bank, eine eigene Universität, ein eigenes Sozialsystem.

Das Experiment ist abgeschlossen. Es war erfolgreich.

Die Frage, die sich nun stellt: Was folgt daraus?

Die Welt braucht ein Modell

„Die Welt wurde uns nicht gegeben, um sie zu betrachten, sondern um sie zu verwandeln." — José María Arizmendiarrieta

Die Welt von 2025 ist nicht die Welt von 1956. Damals gab es zwei Systeme — Kapitalismus und Kommunismus — und die Frage war, welches überleben würde. Der Kommunismus scheiterte. Der Kapitalismus siegte. Aber er triumphierte nicht.

Was wir heute sehen: eine Klimakrise, die aus der Logik des endlosen Wachstums geboren ist. Ungleichheit, die demokratische Gesellschaften zerkorrodiert. Arbeit, die Menschen erschöpft statt erfüllt. Technologische Macht, konzentriert in den Händen weniger. Politische Systeme, die niemand mehr für legitim hält. Eine junge Generation, die nach Alternativen sucht — und keine findet.

Diese Generation ist bereit für Mondragón. Aber sie muss Mondragón erst finden. Und wer gefunden hat, muss fragen dürfen.

„Die Entdeckung Mondragóns ist meiner Meinung nach von welthistorischer Bedeutung." — Hans Nerge, 1995

Er hatte Recht. Aber diese welthistorische Bedeutung kann sich nur entfalten, wenn Mondragón nicht länger nur als Experiment verstanden wird — sondern als Modell, das studiert, befragt und weiterentwickelt werden kann.

Was unterscheidet ein Experiment von einem Modell?

Ein Experiment beweist, dass etwas möglich ist.

Ein Modell zeigt anderen, wie sie es selbst tun können.

Ein Experiment sagt: „Schaut her, bei uns funktioniert es."

Ein Modell sagt: „So könnt ihr es auch tun."

Mondragón hat sich lange als Experiment verstanden. Die Botschaft lautete: „Wir sind unter sehr besonderen Bedingungen entstanden — zeitlich, geographisch, kulturell. Das lässt sich nicht wiederholen."

Diese Botschaft hat einen wahren Kern. Aber sie hat auch eine Funktion: Sie schützt. Sie verhindert Enttäuschungen. Sie bewahrt davor, für das Scheitern anderer verantwortlich gemacht zu werden. Doch dieser Schutz hat einen Preis: Er verhindert, dass das Wissen von Mondragón in die Welt fließt — zu denen, die es brauchen.

Die Prinzipien, nicht die Umstände

Was hat Mondragón erfolgreich gemacht?

Nicht die baskische Kultur, nicht der historische Moment, nicht die geographische Lage. Diese Faktoren halfen — aber sie waren nicht entscheidend. Was entscheidend war:

  1. Bildung vor Produktion. Arizmendiarrieta gründete 1943 eine Schule — 13 Jahre bevor die erste Genossenschaft entstand. „Die Sozialisierung des Wissens muss der Sozialisierung des Reichtums vorausgehen."
  2. Demokratie in der Wirtschaft. Eine Person, eine Stimme. Nicht: Ein Euro, eine Stimme. Die Arbeit regiert das Kapital, nicht umgekehrt.
  3. Solidarität als Struktur. Nicht als Gefühl, nicht als Appell — sondern eingebaut in die Regeln: Gewinnverteilung, Lohnverhältnisse (maximal 1:9), gegenseitige Unterstützung zwischen Genossenschaften.
  4. Dezentralisierung mit Kohärenz. Kleine, autonome Einheiten — aber verbunden durch gemeinsame Werte, gemeinsame Institutionen, gemeinsame Ziele.
  5. Permanente Entwicklung. „Es gibt immer noch einen weiteren Schritt." Kein Zustand ist endgültig. Das Zeichen der Vitalität ist nicht das Beharren, sondern die Erneuerung.

Diese Prinzipien sind universell. Sie können überall angewandt werden — angepasst an lokale Bedingungen, aber dem Kern treu.

Was die Zahlen belegen

Wer diese Behauptungen für zu abstrakt hält, sollte die Daten lesen. Thomas und Logan haben 1982 in ihrer grundlegenden Analyse nachgewiesen, dass die Fehlzeitenrate in den Mondragón-Kooperativen zwischen 1965 und 1972 im Schnitt drei Prozent betrug — gegenüber über zehn Prozent in vergleichbaren Kapitalgesellschaften derselben Provinz. Fehlzeiten sind ein nüchterner Indikator: Sie messen, ob Menschen lieber woanders wären. Die Kooperativen beantworten diese Frage anders als Kapitalgesellschaften.

Die Arbeitsproduktivität lag 1972 vierzig Prozent über der kleiner und mittlerer Privatunternehmen in denselben Branchen — bei gleichzeitig stärkerer Beschäftigungsschaffung. Und die härteste Probe: In der schweren Wirtschaftskrise von 1975 bis 1985 verlor das Baskenland 150.000 Arbeitsplätze. Die Mondragón-Kooperativen schufen im selben Zeitraum über 4.000 neue Stellen. Kein einziges Mitglied wurde entlassen. Statt Kündigungen gab es Frühpensionierungen und interne Versetzungen in andere Genossenschaften. Das sind keine Behauptungen aus Unternehmensbroschüren. Das sind dokumentierte Fakten aus unabhängigen Wirtschaftsanalysen.

Die bisher einzige ökonometrische Untersuchung einer Mondragón-Kooperative bestätigte dieses Bild auch für jüngere Daten: Eroski-Filialen mit genossenschaftlicher Struktur wuchsen im Beobachtungszeitraum 2006–2008 signifikant schneller als konventionell geführte Filialen derselben Kette. Der entscheidende Mechanismus: Mitarbeiterbeteiligung und Eigenkapitalanteil — nicht Appelle an Solidarität, sondern Strukturen, die Eigeninteresse und kollektives Interesse zur Deckung bringen.

Warum jetzt?

Die Alternativen sind erschöpft. Staatssozialismus ist gescheitert. Ungezügelter Kapitalismus zerstört seine eigenen Grundlagen. Die „soziale Marktwirtschaft" ist zur Leerformel geworden. Staatlicher Kapitalismus chinesischer Prägung ist keine Alternative für freie Menschen. Die Welt sucht nach einem dritten Weg. Mondragón hat ihn gefunden — aber die Welt weiß es nicht.

Technologie ermöglicht Neues. Dezentrale Organisation war früher schwierig. Kommunikation war langsam, teuer, begrenzt. Heute können eine Genossenschaft in Kolumbien, eine in Deutschland und eine im Baskenland in Echtzeit zusammenarbeiten. Die technologischen Voraussetzungen für eine globale Genossenschaftsbewegung sind besser als je zuvor.

Eine Generation wartet. Menschen, die heute 20 oder 30 Jahre alt sind, glauben nicht mehr an das Versprechen des Kapitalismus. Sie suchen nach Sinn — und finden ihn nicht in Unternehmen, die sie als „Humankapital" betrachten. Diese Generation ist bereit. Aber die Brücke muss gebaut werden.

Was „Studieren" konkret bedeutet

Mondragón ist kein Franchisesystem, das exportiert werden kann. Es ist eine Erfahrung, die verstanden werden muss. Wer Mondragón ernst nimmt, braucht mehr als eine Wikipedia-Seite oder eine Studienreise.

Was eine ernstzunehmende Auseinandersetzung mit dem Modell leisten könnte:

  1. Systematische Dokumentation. Was genau hat funktioniert? Was ist gescheitert? Welche Fehler wurden gemacht? Diese Erfahrungen müssten aufbereitet sein — ehrlich, detailliert, praktisch anwendbar.
  2. Aktiver Wissenstransfer. Nicht warten, bis jemand kommt und fragt — sondern zugehen. Ausbildungsprogramme. Partnerschaften mit Universitäten weltweit. Online-Ressourcen in allen großen Sprachen.
  3. Begleitung von Neugründungen. Nicht nur Wissen transferieren, sondern begleiten. Mentoring. Partnergenossenschaften. Startkapital. Das Modell der Caja Laboral Popular hat bewiesen, was dabei möglich ist: Die Bank baute eine eigene Unternehmensabteilung mit mehreren hundert Fachleuten auf, die gemeinsam mit Arbeitern neue Genossenschaften gründete — nicht wartend auf kapitalstarke Einzelpersonen, sondern systematisch und reproduzierbar. Der Wirtschaftstheoretiker David Ellerman hat diesen Ansatz als die Sozialisierung des Unternehmertums beschrieben: Das Wissen, wie man ein Unternehmen aufbaut, gehört nicht dem Kapital, sondern der Gemeinschaft. Auf globaler Ebene ist genau das der fehlende Schritt.
  4. Netzwerk statt Hierarchie. Keine Mondragón-Filialen, sondern ein Netzwerk autonomer Genossenschaften, die gemeinsame Werte teilen und einander stützen. Ein globales Ökosystem.
  5. Offene Evolution. Das Modell muss lebendig bleiben. Andere werden es anpassen, verändern, weiterentwickeln. Das ist kein Verrat am Original — es ist seine Erfüllung.

Eine Einladung, keine Forderung

Mondragón schuldet der Welt nichts. Arizmendiarrieta hat eine Schule gegründet, keine Heilslehre. Was in 70 Jahren entstanden ist, entstand aus konkreter Arbeit, konkretem Scheitern und konkretem Wiederaufstehen — nicht aus einer Mission zur Weltverbesserung.

Die Einladung richtet sich daher an die andere Seite: an diejenigen, die nach Alternativen suchen.

Wer die Demokratie des Kapitals leid ist, sollte Mondragón studieren. Wer Arbeit kennt, die erschöpft statt erfüllt, sollte die Lohnstruktur der Genossenschaften verstehen. Wer eine Wirtschaft aufbauen will, die nicht auf Ausbeutung basiert, sollte die Caja Laboral Popular kennen. Wer eine Universität gründen möchte, die der Gemeinschaft dient, sollte die Mondragon Unibertsitatea besuchen.

Das Experiment ist abgeschlossen. Die Frage, ob es geht, ist beantwortet. Was fehlt, sind Menschen, die die richtige Folgefrage stellen: Wie können wir das lernen?

Mondragón selbst hat diese Fragen nie verstummen lassen. Mikel Lezamiz, Chefsoziologe der MCC, formulierte es so: „Wir müssen das Gleichgewicht zwischen wirtschaftlicher Effizienz und unseren sozialen Werten halten. Es ist wie mit einem Boot: Wenn eine Seite zu stark beladen wird, dann wird das Boot untergehen." Er gab zu, dass das Boot in den 90er Jahren auf die Seite der wirtschaftlichen Effizienz geneigt war — und sah darin kein Scheitern, sondern einen Kurs, der korrigiert werden kann. Das ist keine Schwäche des Modells. Es ist seine Stärke: die Fähigkeit zur ehrlichen Selbstreflexion.

„Der Genossenschaftsgedanke ist die Bejahung des Glaubens an die Menschheit." — José María Arizmendiarrieta

Dieser Glaube wartet nicht darauf, entdeckt zu werden. Er ist seit Jahrzehnten zugänglich — in Arrasate, im Baskenland, 70 Jahre nach der Gründung der ersten Genossenschaft.

„Die ökonomische Erneuerung wird moralisch sein, oder es wird sie nicht geben. Die moralische Revolution wird ökonomisch sein, oder sie wird nicht stattfinden." — José María Arizmendiarrieta

Mondragón hat bewiesen, dass beides möglich ist — zur gleichen Zeit, im gleichen Unternehmen. Wer es selbst sehen will:

Besuche: Otalora, Managementzentrum in Aretxabaleta (Baskenland). Termine 2026: 23. März · 27. April · 25. Mai · 29. Juni · 20. Juli · 28. September · 26. Oktober · 23. November · 14. Dezember. Dauer: 2 Stunden. Kosten: 30 € pro Person. Anmeldung unter mondragon-corporation.com.

Online-Kurs: „Keys to the MONDRAGON Cooperative Experience" — 75 Stunden, mit optionaler einwöchiger Studienreise im Baskenland. Über die Mondragon Unibertsitatea.

Hingehen. Fragen. Lernen.