gu18.eu · Februar 2026

Die andere Aufklärung

Die Radikalen, die vergessen wurden — und die Halbherzigen, die man erinnert

Der verengte Kanon

Fragen Sie jemanden nach den großen Aufklärern, werden Sie drei Namen hören: Kant, Voltaire, Rousseau. Vielleicht noch Locke oder Montesquieu. Das ist der Kanon, wie er in Schulen gelehrt und in Feuilletons beschworen wird.

Es ist ein merkwürdiger Kanon. Er enthält einen Antisemiten mit Geld in Sklavenhandelsgeschäften, der Gott für die Dienstboten brauchte. Er enthält einen Mann, der fünf eigene Kinder ins Waisenhaus gab und dann Erziehungstraktate schrieb. Er enthält einen Philosophen, der Königsberg nie verließ und die Welt aus dem Studierzimmer erklärte.

Und er verschweigt die anderen — jene, die konsequenter dachten, die weiter gingen, die unbequemer waren. Die radikale Aufklärung, die man vergessen hat, weil sie zu radikal war.

Voltaire — das Gesicht der Heuchelei

Beginnen wir mit dem schlimmsten Fall: François-Marie Arouet, genannt Voltaire, das strahlende Gesicht der Aufklärung, der Inbegriff des freien Geistes.

Die Realität ist weniger strahlend.

Voltaire war Antisemit — nicht in dem milden, beiläufigen Sinn, der im 18. Jahrhundert verbreitet war, sondern mit besonderer Gehässigkeit. In seinem „Dictionnaire philosophique" und anderswo finden sich Ausfälle gegen Juden, die selbst Zeitgenossen befremdeten. Er nannte sie „das abscheulichste Volk der Erde", beschrieb sie als von Natur aus betrügerisch und geizig. Das war keine Nebensache — es zieht sich durch sein Werk.

Voltaire legte Geld in Handelsunternehmen wie der Compagnie des Indes an, die auch am Sklavenhandel verdienten. Während er elegante Briefe über Humanität und Toleranz schrieb, störte ihn offenbar nicht, woher die Rendite kam.

Sein berühmtester Satz — „Wenn Gott nicht existierte, müsste man ihn erfinden" — wird gern als geistreiches Bonmot zitiert. Er ist in Wahrheit ein Bekenntnis zur Heuchelei. Voltaire selbst brauchte keinen Gott. Aber die Dienstboten, das Volk, die Massen — die brauchten die Furcht vor dem Jenseits, damit sie gehorchten.

Voltaire war ein Höfling. Er schmeichelte Friedrich dem Großen, bis der ihn hinauswarf. Er schmeichelte Katharina der Großen, die Leibeigene zu Tausenden verschenkte. Er schmeichelte jedem Mächtigen, der ihm Protektion bieten konnte. Die Aufklärung war für ihn ein Salonspiel, keine Umwälzung.

Und dieser Mann ist das Gesicht der Aufklärung geworden.

Rousseau — der Theoretiker der Entfremdung

Jean-Jacques Rousseau gab fünf Kinder, die er mit seiner Lebensgefährtin Thérèse Levasseur hatte, ins Findelhaus. Alle fünf. Er begründete es damit, dass er zu arm sei, sie zu erziehen — während er gleichzeitig von reichen Gönnern lebte und selbst Opern komponierte.

Dann schrieb er „Émile", eines der einflussreichsten Erziehungsbücher der Geschichte. Darin erklärt er, wie Kinder natürlich und liebevoll erzogen werden sollten.

Das ist nicht bloß Ironie. Es ist ein Muster. Rousseau theoretisierte über den „edlen Wilden", die Unverdorbenheit des Naturzustands, die Korrumpierung durch die Zivilisation — während er selbst ein zutiefst zivilisiertes, zutiefst neurotisches Leben führte, geprägt von Verfolgungswahn, zerbrochenen Freundschaften und der Unfähigkeit zu dauerhaften Bindungen.

Seine politische Philosophie — der „Gemeinwille", der immer recht hat und dem sich der Einzelne zu unterwerfen hat — enthält im Keim den Terror, der in der Französischen Revolution in seinem Namen verübt wurde. Robespierre war Rousseauist.

Kant — die Pflicht ohne Wärme

Immanuel Kant ist ein anderer Fall. Ihm kann man keine persönliche Verkommenheit vorwerfen. Er lebte bescheiden, arbeitete diszipliniert, verhielt sich anständig. Das Problem liegt im Werk.

Der kategorische Imperativ — „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde" — ist formal korrekt und existenziell leer. Er sagt, dass man moralisch handeln soll, aber nicht warum. Er appelliert an die Pflicht, aber nicht an das Herz.

Kants Moralphilosophie ist eine Moral ohne Mitleid. Sie funktioniert aus Prinzip, nicht aus Mitgefühl. Der gute Wille ist gut, nicht weil er Gutes bewirkt, sondern weil er gut gemeint ist. Das ist eine Ethik für Buchhalter.

Kant verließ Königsberg nie. Er schrieb über die Welt, über Völker, über den Menschen — aus dem Studierzimmer, gestützt auf Reiseberichte und Hörensagen. Seine Äußerungen über außereuropäische Völker sind beschämend, seine Rassentheorie war selbst für seine Zeit rückständig.

Und doch ist er der Gigant der Philosophie geworden, der alles Vorherige in den Schatten stellt.

Die Vergessenen: D'Holbach und sein Kreis

Paul Henri Thiry d'Holbach wurde 1723 als Paul Heinrich Dietrich in der Pfalz geboren. Er erbte ein Vermögen und nutzte es für die Sache der Aufklärung — nicht für Selbstdarstellung, sondern für andere.

Sein Salon in Paris war der Treffpunkt der radikalen Aufklärung. Hier verkehrten Diderot, Hume, Grimm, Helvetius, manchmal auch Rousseau (bis er sich mit allen zerstritt). Zweimal pro Woche, über Jahrzehnte, finanzierte d'Holbach Gespräche, Mahlzeiten, Kontakte, Publikationen.

Sein Hauptwerk, das „Système de la Nature" (1770), war der radikalste Text der Aufklärung. D'Holbach war Atheist — nicht Deist wie Voltaire, der einen fernen Uhrmacher-Gott brauchte, sondern konsequenter Leugner jeder Gottheit. Er war Materialist — alles ist Materie in Bewegung, kein Platz für Seele, Geist oder freien Willen. Er war Determinist — was geschieht, geschieht notwendig, aus der Verkettung von Ursachen.

Das „Système de la Nature" wurde die „Bibel des Atheismus" genannt. Es wurde öffentlich verbrannt. Selbst Voltaire distanzierte sich — das ging ihm zu weit.

Und d'Holbach selbst? Er war, nach allem, was wir wissen, ein warmherziger Mensch. Großzügig, gastfreundlich, loyal. Er nutzte sein Vermögen nicht für sich, sondern für die Bewegung. Er schrieb unter Pseudonymen, weil ihm an Ruhm nicht lag. Er starb 1789, kurz vor der Revolution, die vieles von dem verwirklichte, wofür er gekämpft hatte.

La Mettrie — zu radikal für die Radikalen

Julien Offray de La Mettrie war Arzt und Philosoph. Sein Werk „L'Homme Machine" (1747) — „Der Mensch als Maschine" — war so anstößig, dass er aus Frankreich fliehen musste. Er fand Zuflucht bei Friedrich dem Großen, der radikale Denker sammelte wie andere Fürsten Gemälde.

La Mettrie ging weiter als alle anderen. Der Mensch ist eine Maschine, ein komplexer Automat, unterschieden vom Tier nur durch Komplexität, nicht durch Wesen. Es gibt keine Seele, keinen freien Willen, keine Moral außer der Suche nach Vergnügen. Die Unterscheidung von Gut und Böse ist Konvention, nicht Wahrheit.

Das war zu viel. Selbst d'Holbach und Diderot distanzierten sich. La Mettrie wurde zum Paria, zitiert nur als Schreckgespenst. Er starb 1751 mit 41 Jahren — angeblich an den Folgen einer verdorbenen Pastete, was seine Kritiker als göttliche Strafe für den Hedonismus deuteten.

Helvétius — die Gleichheit der Fähigkeiten

Claude Adrien Helvétius war reich, gut aussehend und einflussreich — und schrieb ein Buch, das ihn all das hätte kosten können. „De l'Esprit" (1758) vertrat eine These, die heute selbstverständlich klingt und damals ungeheuerlich war: Alle Menschen haben die gleichen natürlichen Fähigkeiten. Was sie unterscheidet, ist nur die Erziehung.

Das war ein Angriff auf die Grundlage der Standesgesellschaft. Wenn der Adelige nicht von Natur aus überlegen ist, warum soll er herrschen? Wenn der Bauer nicht von Natur aus beschränkt ist, warum soll er dienen?

Das Buch wurde verboten, öffentlich verbrannt, von der Sorbonne verdammt, vom Papst auf den Index gesetzt. Helvétius musste widerrufen. Er tat es — aber seine Ideen wirkten weiter, unterirdisch, bis sie in der Revolution explodierten.

Condorcet — der tragische Optimist

Marie Jean Antoine Nicolas de Caritat, Marquis de Condorcet, war Mathematiker und Philosoph. Er glaubte an den Fortschritt — nicht als vage Hoffnung, sondern als mathematische Gewissheit. Die Menschheit würde sich verbessern, Wissen würde sich ausbreiten, Vernunft würde siegen.

Er unterstützte die Revolution, saß im Nationalkonvent, entwarf eine Verfassung. Dann wandte sich die Revolution gegen ihn. Als Girondist wurde er von den Jakobinern verfolgt. Er versteckte sich monatelang, schrieb im Untergrund seinen „Entwurf einer historischen Darstellung der Fortschritte des menschlichen Geistes" — ein Hymnus auf die Vernunft, geschrieben von einem Mann, der wusste, dass die Vernunft ihn nicht retten würde.

Er wurde gefasst und starb 1794 im Gefängnis, wahrscheinlich durch Suizid. Der Optimist der Aufklärung, getötet von der Revolution, die ihre Kinder fraß.

Diderot — der Unterschätzte

Denis Diderot ist bekannter als die anderen — aber meist nur als Herausgeber der Enzyklopädie, jenes monumentalen Versuchs, alles Wissen zu sammeln und zu ordnen. Seine eigenen philosophischen Schriften werden kaum gelesen.

Dabei war Diderot vielleicht der originellste Denker der Aufklärung. Er entwickelte eine Art Materialismus, der nicht mechanisch war, sondern lebendig — Materie, die fühlt, die strebt, die sich selbst organisiert. Er schrieb Dialoge, in denen er seine eigenen Positionen in Frage stellte. Er dachte in Widersprüchen, statt sie aufzulösen.

Diderot war auch ehrlicher als die anderen. Er gab zu, dass er nicht alles wusste, dass seine Positionen vorläufig waren, dass die Fragen größer waren als die Antworten. Das machte ihn weniger zitierfähig — und interessanter.

Warum diese Auswahl?

Warum wurden Voltaire, Rousseau und Kant kanonisiert, während d'Holbach, La Mettrie, Helvétius vergessen wurden?

Ein Grund ist: Die Kanonisierten waren kompromissfähig. Voltaire kritisierte die Kirche, aber behielt Gott. Rousseau kritisierte die Gesellschaft, aber behielt die Moral. Kant kritisierte die Metaphysik, aber rettete Gott, Freiheit und Unsterblichkeit als „Postulate der praktischen Vernunft".

Die Vergessenen waren nicht kompromissfähig. Sie zogen die Konsequenzen, die die anderen scheuten. Kein Gott, keine Seele, kein freier Wille, keine natürliche Hierarchie. Das war zu viel für eine Gesellschaft, die aufgeklärt sein wollte, aber nicht zu sehr.

Ein zweiter Grund: Die Kanonisierten waren bessere Stilisten. Voltaire schrieb brillant, Rousseau bewegend, Kant — nun, Kant schrieb kompliziert, aber das galt als Zeichen von Tiefe. D'Holbach schrieb trocken, La Mettrie polemisch, Helvétius repetitiv. Die Form siegte über den Inhalt.

Ein dritter Grund: Die Geschichte wird von den Siegern geschrieben. Die bürgerliche Gesellschaft, die aus der Aufklärung hervorging, brauchte eine Aufklärung, die zu ihr passte. Eine Aufklärung, die Gott behielt, die Hierarchie behielt, nur eben auf neuer Grundlage. Die radikale Aufklärung passte nicht — also wurde sie vergessen.

Was bleibt

Die Aufklärung war keine einheitliche Bewegung. Es gab die moderate Aufklärung der Salons und Akademien, die Bestehendes reformieren wollte. Und es gab die radikale Aufklärung, die weiter dachte, weiter fragte, weiter ging.

Die Moderaten wurden kanonisiert. Die Radikalen wurden vergessen. Aber ihre Fragen sind geblieben — Fragen nach Gott und Materie, nach Freiheit und Determination, nach der Gleichheit der Menschen, nach dem Verhältnis von Wissen und Macht.

Vielleicht ist es Zeit, die andere Aufklärung wiederzuentdecken. Nicht um sie zu idealisieren — auch d'Holbach und seine Freunde waren Kinder ihrer Zeit, mit allen Beschränkungen. Aber um das Bild zu vervollständigen. Um zu sehen, dass es immer Alternativen gab. Dass die Geschichte, wie sie erzählt wird, nicht die einzige Geschichte ist.

Die kanonisierte Aufklärung war eine halbherzige Aufklärung — mutig genug, um Beifall zu ernten, vorsichtig genug, um nicht anzuecken. Die vergessene Aufklärung war konsequenter, unbequemer, ehrlicher. Sie hat den Kampf um die Erinnerung verloren.

Aber die Erinnerung kann revidiert werden. Das ist vielleicht die wichtigste Lehre der Aufklärung selbst: dass nichts endgültig festgeschrieben ist, dass jede Generation das Recht hat, die Überlieferung zu prüfen und, wenn nötig, zu korrigieren.

gu18.eu · Februar 2026