Doppel-Wumms
Als wenn's kein Morgen gäbe
Ein Wort macht Karriere
September 2022. Bundeskanzler Olaf Scholz tritt vor die Kameras und verkündet ein 200-Milliarden-Euro-Paket gegen die Energiekrise. Er nennt es den "Doppel-Wumms".
Das Wort war gut gewählt. Volkstümlich, kraftvoll, ein bisschen albern. Es klang nach Entschlossenheit, nach Handeln, nach einem Kanzler, der zupackt. Die Medien griffen es auf, die Opposition spottete, aber alle redeten darüber. Mission erfüllt.
Was niemand fragte: Wumms wohin? Und wer bezahlt?
Die Rechnung
200 Milliarden Euro. Das ist eine Zahl, die zu groß ist, um sie zu fühlen. Also übersetzen wir sie.
200 Milliarden Euro sind etwa 2.400 Euro pro Einwohner — vom Säugling bis zum Greis. Für eine vierköpfige Familie: 9.600 Euro. Nicht als Geschenk, wohlgemerkt. Als Kreditermächtigung — jeder davon abgerufene Euro ist eine Rechnung, die irgendwann bezahlt werden muss.
Das war nicht der erste Wumms. Davor gab es die Corona-Pakete. Kurzarbeitergeld, Wirtschaftshilfen, Impfkampagne, Masken, Tests. Insgesamt über 400 Milliarden Euro. Dann kam der Ukraine-Krieg und das "Sondervermögen" für die Bundeswehr — noch einmal 100 Milliarden. Dann der Doppel-Wumms.
In drei Jahren hat Deutschland fast eine halbe Billion Euro neue Schulden gemacht — so viel wie sonst in einem Jahrzehnt.
Die Schuldenbremse wurde nicht abgeschafft. Sie wurde umgangen — durch "Sondervermögen", die keine Vermögen sind, sondern Schulden mit einem freundlicheren Namen.
Das Prinzip Gegenwart
Was ist ein Wumms? Physikalisch: ein kurzer, heftiger Impuls. Politisch: eine Maßnahme, die sofort wirkt und sofort sichtbar ist. Der Wumms ist das Gegenteil von Strategie. Er ist Reaktion, nicht Gestaltung. Er löst keine Probleme — er verschiebt sie.
Die Gaspreisbremse war ein Wumms. Sie dämpfte die Preise für die Verbraucher — indem der Staat die Differenz bezahlte. Das Geld kam nicht aus dem Nichts. Es kam aus der Zukunft. Aus Schulden, die irgendwann getilgt werden müssen. Von wem? Von den Steuerzahlern von morgen. Von den Jungen, die heute noch nicht wählen dürfen.
Das ist das Prinzip: Die Gegenwart konsumiert, die Zukunft bezahlt. Wir leben auf Kosten derer, die noch nicht geboren sind — oder die noch zu jung sind, um sich zu wehren.
Die Generationenbilanz
Deutschland hat ein demografisches Problem. Die Alten werden mehr, die Jungen werden weniger. 2030 werden 1,4 Millionen Babyboomer in Rente gehen — und nur 736.000 Berufseinsteiger nachrücken. Das Verhältnis von Beitragszahlern zu Rentenempfängern kippt.
In dieser Situation wäre die vernünftige Politik: Sparen, investieren, Schulden abbauen, die Last für die nächste Generation reduzieren. Was macht Deutschland? Das Gegenteil. Es häuft Schulden an, als gäbe es kein Morgen.
Das Wort "Generationengerechtigkeit" taucht in jeder Sonntagsrede auf. In der Praxis ist es eine Farce. Die Rentner von heute — die größte und treueste Wählergruppe — bekommen ihre Renten. Die Rentner von morgen werden sehen, was übrig bleibt.
Der Doppel-Wumms war ein Geschenk der Alten an sich selbst, bezahlt von den Jungen, die nicht gefragt wurden.
Was der Wumms nicht tat
Der Doppel-Wumms subventionierte den Energieverbrauch. Er machte den Grundverbrauch an Gas und Strom billiger — also genau das, was knapp war. Ökonomisch ist das absurd. Wenn etwas knapp ist, sollte der Preis steigen, damit weniger verbraucht wird. Der Wumms verhinderte genau das.
Was der Wumms nicht tat: Er baute keine neuen Kraftwerke. Er beschleunigte keine Genehmigungsverfahren. Er schuf kaum Anreize für Energieeinsparung, die über das hinausgingen, was die Preise ohnehin erzwangen. Er investierte nicht in Infrastruktur, Bildung, Forschung. Er kaufte nur Zeit — teuer, ineffizient, und ohne Plan für danach.
Was aus dem 200-Milliarden-Rahmen abfloss, ging in den Konsum, nicht in die Produktion. Sie erhielten den Status quo, statt ihn zu verändern. Sie waren ein gigantisches Beruhigungsmittel für eine Gesellschaft, die nicht hören wollte, dass sich etwas ändern muss.
Die Sucht nach dem Wumms
Das Problem mit dem Wumms: Er macht süchtig.
Wenn der Staat einmal gezeigt hat, dass er bei jeder Krise mit Milliarden einspringt, erwarten die Bürger das beim nächsten Mal wieder. Und beim übernächsten. Die Anspruchshaltung wächst. Die Eigenverantwortung schrumpft. Warum vorsorgen, wenn der Staat im Notfall einspringt? Warum sparen, wenn das Geld sowieso entwertet wird?
Der Doppel-Wumms war nicht der letzte Wumms. Nach der Energiekrise kommt die nächste Krise. Und die nächste. Und jedes Mal wird der Ruf nach staatlicher Hilfe lauter, und jedes Mal wird die Hilfe teurer, und jedes Mal werden die Schulden größer.
Das ist keine Verschwörung. Es ist eine Dynamik. Eine Abwärtsspirale, in der jeder Wumms den nächsten Wumms notwendiger macht.
Das unaussprechliche Wort
Es gibt ein Wort, das in der deutschen Politik nicht mehr vorkommt: Verzicht.
Verzicht ist das Gegenteil von Wumms. Verzicht bedeutet: weniger heute, damit mehr morgen möglich ist. Verzicht bedeutet: Grenzen akzeptieren, Prioritäten setzen, Nein sagen. Verzicht ist unbequem, unpopulär, unwählbar.
Also wird nicht verzichtet. Es wird verteilt — Geld, das nicht da ist. Es wird versprochen — Wohlstand, der nicht erwirtschaftet wurde. Es wird verschoben — die Rechnung, die irgendwann fällig wird.
Der Doppel-Wumms war die Verweigerung des Verzichts. Die Botschaft war: Ihr müsst nichts ändern. Ihr müsst nicht weniger heizen, nicht weniger fahren, nicht weniger konsumieren. Der Staat regelt das. Mit Geld, das er nicht hat. Für eine Zukunft, die er nicht plant.
Wer zahlt am Ende?
Schulden verschwinden nicht. Sie werden bezahlt — durch Tilgung, durch Inflation, oder durch Staatsbankrott. Deutschland wird nicht bankrott gehen. Also bleibt Tilgung oder Inflation.
Tilgung bedeutet: höhere Steuern oder niedrigere Ausgaben in der Zukunft. Weniger Geld für Bildung, Infrastruktur, Forschung. Weniger Spielraum für die nächste Krise. Die Kinder und Enkel werden die Rechnung bezahlen — mit schlechteren Schulen, maroden Straßen, und einem Staat, der kein Geld mehr hat.
Inflation bedeutet: schleichende Enteignung. Das Geld wird weniger wert. Wer gespart hat, verliert. Wer Schulden hat, gewinnt. Der größte Schuldner ist der Staat. Inflation ist eine versteckte Steuer, die alle trifft — aber die Armen härter als die Reichen, weil sie ihr Geld nicht in Sachwerte flüchten können.
Der Doppel-Wumms war keine Hilfe. Er war ein Kredit, aufgenommen im Namen derer, die nicht gefragt wurden, für Leistungen, die sofort konsumiert wurden, mit Zinsen, die erst später anfallen.
Die Moral der Geschichte
Es gibt einen alten Spruch: "Es gibt kein kostenloses Mittagessen." Der Doppel-Wumms war der Versuch, diesen Spruch zu widerlegen. 200 Milliarden Euro, einfach so, weil Krise ist.
Aber das Mittagessen war nicht kostenlos. Es wurde nur auf Kredit bestellt. Die Rechnung liegt auf dem Tisch — noch verdeckt, aber sie liegt da. Irgendwann wird sie umgedreht. Und dann wird jemand zahlen müssen.
Wer? Nicht die, die bestellt haben. Die sind dann in Rente. Oder tot.
Zahlen werden die, die bei der Bestellung nicht dabei waren. Die Jungen. Die noch nicht Geborenen. Die, die keine Lobby haben und keine Stimme.
Ein Nachruf
Der Doppel-Wumms ist Geschichte. Die Energiekrise ist abgeflaut. Die Gaspreise sind gesunken. Die Medien haben sich neuen Themen zugewandt. Niemand redet mehr vom Wumms.
Aber die Schulden sind geblieben. Zig Milliarden Euro, plus Zinsen. Sie stehen in den Büchern, sie belasten den Haushalt, sie engen den Spielraum ein. Der Wumms ist vorbei. Seine Folgen haben gerade erst begonnen.
"Doppel-Wumms" — das Wort wird in die Geschichte eingehen als Symbol für eine Politik, die nur die Gegenwart kennt. Die reagiert statt gestaltet. Die verteilt statt investiert. Die verspricht statt ehrlich ist.
Es war der Wumms einer Generation, die gelernt hat, auf Kosten der nächsten zu leben. Und die sich nicht einmal schämt dafür.