Kein Strom mit Atom
Über eine Entscheidung gegen die Physik
I. Der Slogan
„Atomkraft? Nein danke." Die lachende Sonne auf gelbem Grund. Ein Slogan, der zum Symbol einer Generation wurde. Er stand für Fortschritt, für Umweltbewusstsein, für den Mut, gegen das Establishment aufzustehen.
Das war 1975. Fünfzig Jahre später steht Deutschland vor den Trümmern seiner Energiepolitik. Die Kernkraftwerke sind abgeschaltet. Die Kohlekraftwerke laufen auf Hochtouren. Die Strompreise sind die höchsten in Europa. Und das Klima? Das Klima wartet nicht.
Wie konnte das passieren? Wie konnte ein Land, das sich für besonders umweltbewusst hält, ausgerechnet die CO₂-ärmste Grundlaststromquelle abschalten — während es gleichzeitig den Klimawandel zur größten Bedrohung der Menschheit erklärt?
Die Antwort ist einfach und unbequem: Ideologie schlug Physik.
II. Die Zahlen
Bevor wir über Gefühle reden, reden wir über Zahlen.
CO₂-Emissionen pro Kilowattstunde (Lebenszyklusanalyse)
Kernkraft: 12 g CO₂/kWh
Windkraft: 11 g CO₂/kWh
Solarenergie: 41 g CO₂/kWh
Erdgas: 490 g CO₂/kWh
Steinkohle: 820 g CO₂/kWh
Braunkohle: 1.150 g CO₂/kWh
Kernkraft ist, nach Windkraft, die klimafreundlichste Stromquelle, die wir haben. Sie ist nicht „besser als Kohle". Sie ist so gut wie Wind. Und sie hat einen Vorteil, den Wind nicht hat: Sie liefert Strom, wenn der Wind nicht weht.
Todesfälle pro Terawattstunde Strom
Braunkohle: 32,7 Tote
Steinkohle: 24,6 Tote
Erdgas: 2,8 Tote
Windkraft: 0,04 Tote
Kernkraft: 0,03 Tote
(Quelle: Our World in Data, inkl. aller Unfälle und Langzeitfolgen)
Kernkraft gehört zu den sichersten Stromquellen, die wir haben — gleichauf mit Wind und Sonne. Hundertmal sicherer als Gas. Tausendmal sicherer als Kohle.
Das sind keine Meinungen. Das sind Daten. Aber Daten interessieren niemanden, wenn Gefühle im Spiel sind.
III. Die Angst
Die deutsche Angst vor der Kernkraft hat eine Geschichte. Sie beginnt nicht mit Fukushima und nicht mit Tschernobyl. Sie beginnt früher, in den 1970er Jahren, als die Umweltbewegung entstand.
Damals war die Angst verständlich. Die Kernkraftwerke der ersten Generation waren weniger sicher als die heutigen. Die Verbindung zur Atombombe war in den Köpfen präsent. Die Betreiber waren arrogant, die Aufsicht war lax, die Informationspolitik war miserabel.
Aber dann passierte etwas Seltsames. Die Technik wurde besser. Die Sicherheitsstandards wurden strenger. Die westlichen Reaktoren — anders als die sowjetischen — erwiesen sich als bemerkenswert sicher. Und trotzdem: Die Angst wuchs.
Nach Tschernobyl 1986 war die Angst auf dem Höhepunkt. Dabei war Tschernobyl ein sowjetischer RBMK-Reaktor — ein Typ, den es im Westen nie gab und nie geben würde. Die deutschen Reaktoren hatten damit so viel zu tun wie ein VW Golf mit einem Lada.
Nach Fukushima 2011 erreichte die Angst ihren zweiten Höhepunkt. Angela Merkel — eine Physikerin! — beschloss binnen Wochen den beschleunigten Ausstieg: acht Reaktoren sofort vom Netz, der Rest bis 2022. Dabei lag Fukushima in einer Erdbebenzone, wurde von einem Tsunami getroffen und hatte trotzdem nur indirekte Todesopfer durch die panische Evakuierung. Deutschland hat keine Tsunamis. Deutschland hat keine Erdbeben dieser Stärke. Aber Deutschland hatte Angst.
Die Angst vor der Kernkraft ist umgekehrt proportional zu ihrer tatsächlichen Gefährlichkeit. Je sicherer sie wurde, desto mehr fürchteten sich die Menschen. Das ist kein rationales Phänomen. Das ist Psychologie.
IV. Die Psychologie
Warum fürchten Menschen Kernkraft mehr als Kohle, obwohl Kohle tausendmal mehr Menschen tötet?
Erstens: Die Unsichtbarkeit. Strahlung kann man nicht sehen, nicht riechen, nicht schmecken. Sie ist unheimlich, mysteriös, unkontrollierbar. Kohlenrauch sieht man. Er ist vertraut. Er ist „natürlich".
Zweitens: Die Katastrophenfantasie. Ein Kernkraftunfall ist ein Ereignis — plötzlich, dramatisch, medienwirksam. Die Toten der Kohle sterben langsam, verstreut, unsichtbar. 10.000 Menschen, die über Jahre an Feinstaub sterben, machen keine Schlagzeilen. 10 Menschen, die bei einem Reaktorunfall sterben, sind ein Weltuntergang.
Drittens: Die Assoziation. Kernkraft = Atombombe. Die Verbindung ist falsch — ein Kernkraftwerk kann nicht explodieren wie eine Bombe — aber sie sitzt tief. Die Pilzwolke ist das ikonische Bild des 20. Jahrhunderts. Wer Kernkraft sagt, weckt die Bombe.
Viertens: Die Identität. In Deutschland wurde die Anti-Atomkraft-Bewegung zum Gründungsmythos einer ganzen politischen Kultur. Die Grünen entstanden aus ihr. Der Widerstand gegen Gorleben und Wackersdorf wurde zur heroischen Erzählung. Wer gegen Atom war, war auf der richtigen Seite der Geschichte.
Diese Identität aufzugeben ist schwer. Es würde bedeuten, dass die Helden von damals sich geirrt haben. Dass die Kämpfe von damals falsch waren. Dass man das Klima hätte schützen können, wenn man auf die Physiker gehört hätte statt auf die Aktivisten.
Das kann nicht sein. Also kann es nicht sein.
V. Die Konsequenzen
Am 15. April 2023 gingen die letzten drei deutschen Kernkraftwerke vom Netz. Isar 2, Emsland, Neckarwestheim 2. Zusammen lieferten sie etwa 6% des deutschen Stroms — zuverlässig, CO₂-frei, rund um die Uhr.
Was passierte danach?
Die CO₂-Emissionen der deutschen Stromproduktion sanken zwar — aber vor allem, weil die Industrie weniger produzierte und mehr Strom importiert wurde, nicht wegen des Ausstiegs.
Deutschland importiert jetzt Strom aus Frankreich — Atomstrom. Aus Tschechien — Atomstrom. Aus Polen — Kohlestrom. Die deutschen Kernkraftwerke sind abgeschaltet, und ein Teil des fehlenden Kernstroms kommt jetzt aus dem Ausland.
Die Strompreise? Deutschland hat die höchsten Industriestrompreise in Europa. Unternehmen wandern ab. Die energieintensive Industrie — Chemie, Stahl, Glas, Aluminium — wird unwirtschaftlich. Die Deindustrialisierung ist im Gang.
Die Ironie ist bitter: Deutschland hat eine der sichersten Energiequellen abgeschaltet, um die gefährlichste länger zu betreiben. Es hat die klimafreundlichste Grundlast eliminiert, um seine Klimaziele zu verfehlen. Es hat seine Industrie verteuert, um den Nachbarn deren Atomstrom abzukaufen.
Das ist keine Energiepolitik. Das ist Selbstverstümmelung.
VI. Die Alternativen
Die Befürworter des Ausstiegs sagen: Wir brauchen keine Kernkraft. Wir haben Wind und Sonne.
Das ist richtig — und falsch.
Wind und Sonne sind wunderbar. Sie sind billig geworden, sie sind sauber, sie sind dezentral. Deutschland sollte so viel davon bauen wie möglich.
Aber Wind und Sonne haben ein Problem: Sie liefern Strom, wenn die Natur es will, nicht wenn wir es brauchen. In einer windstillen Winternacht — wenn der Strombedarf am höchsten ist — liefern sie: nichts.
Dafür braucht man Backup. Irgendeine Stromquelle, die einspringt, wenn Wind und Sonne nicht liefern. Aktuell ist dieses Backup: Gas. Und wenn kein Gas da ist: Kohle.
Die Alternativen wären: Speicher oder Kernkraft.
Speicher in der nötigen Größenordnung existieren nicht. Batterien sind zu teuer und zu klein. Wasserstoff ist ineffizient — man verliert 70% der Energie bei der Umwandlung. Pumpspeicher brauchen Berge, die Deutschland nicht hat.
Kernkraft existiert. Sie funktioniert. Sie liefert Strom, wenn man ihn braucht. Sie emittiert kein CO₂. Aber sie ist ideologisch ausgeschlossen.
Also verbrennen wir weiter Gas. Und wenn das Gas aus Russland kommt — was es bis 2022 tat — dann finanzieren wir nebenbei noch einen Angriffskrieg.
Kluge Energiepolitik sieht anders aus.
VII. Die anderen
Während Deutschland aussteigt, steigen andere ein.
Frankreich bezieht 70% seines Stroms aus Kernkraft. Es hat die niedrigsten CO₂-Emissionen pro Kopf in Westeuropa. Es hat die niedrigsten Strompreise für die Industrie. Es baut neue Reaktoren.
China baut Kernkraftwerke im Akkord. Rund 30 Reaktoren sind im Bau, Dutzende weitere geplant. China hat verstanden: Man kann nicht gleichzeitig industrialisieren und dekarbonisieren, ohne Kernkraft.
Großbritannien baut Hinkley Point C. Finnland hat gerade Olkiluoto 3 in Betrieb genommen. Polen plant seinen ersten Reaktor. Selbst Italien — das als erstes großes Industrieland ausstieg — diskutiert über den Wiedereinstieg.
Die Internationale Energieagentur, der Weltklimarat, die EU-Kommission — sie alle sagen: Kernkraft ist Teil der Lösung. Ohne Kernkraft sind die Klimaziele nicht zu erreichen.
Deutschland sagt: Nein danke. Die lachende Sonne hat gewonnen.
VIII. Die Frage
Warum ist Deutschland so anders?
Es ist nicht die Technik. Deutsche Ingenieure haben einige der sichersten Reaktoren der Welt gebaut. Es ist nicht die Geographie. Deutschland hat keine Tsunamis, keine Erdbeben, keine Vulkane. Es ist nicht die Wirtschaft. Kernkraft ist langfristig günstiger als Gas.
Es ist die Kultur. Die deutsche Angst vor der Kernkraft ist Teil einer tieferen Angst — vor der Technik, vor dem Risiko, vor dem Unbeherrschbaren. In keinem anderen Land hat die Romantik so tiefe Spuren hinterlassen wie in Deutschland. Der deutsche Wald, die deutsche Seele, die deutsche Angst vor dem Künstlichen.
Die Grünen haben diese Angst politisiert. Sie haben aus einem Gefühl eine Partei gemacht. Sie haben die Kernkraft zum Symbol des Falschen erklärt — und den Ausstieg zum Symbol des Richtigen.
Sie saßen in der Regierung, als im April 2023 die letzten Reaktoren abgeschaltet wurden. Und sie haben bekommen, was sie wollten.
Das Ergebnis ist: mehr CO₂ und mehr Kohle als nötig, mehr Abhängigkeit, mehr Kosten. Alles, wogegen sie angeblich kämpfen.
Aber die Sonne lacht noch immer. Auf gelbem Grund.
IX. Die Lehre
Was lehrt uns der deutsche Atomausstieg?
Erstens: Gefühle sind stärker als Fakten. Die Menschen fürchten nicht, was gefährlich ist. Sie fürchten, was sich gefährlich anfühlt. Und gegen Gefühle helfen keine Statistiken.
Zweitens: Identität schlägt Rationalität. Wenn eine Position zum Teil der eigenen Identität geworden ist, wird sie immun gegen Argumente. Man kann nicht zugeben, dass man sich geirrt hat, ohne sich selbst infrage zu stellen.
Drittens: Symbolpolitik ist beliebter als Ergebnispolitik. Der Atomausstieg war ein Symbol. Er fühlte sich richtig an. Er zeigte, auf welcher Seite man steht. Dass er das Klima schädigt, ist ein Detail, das niemanden interessiert.
Viertens: Demokratien können irrationale Entscheidungen treffen — und dabei bleiben. Der Atomausstieg war falsch, als er beschlossen wurde. Er ist heute noch falscher. Aber er wird nicht korrigiert werden. Dafür ist zu viel politisches Kapital investiert.
Die Kernkraftwerke sind gesprengt. Die Kühltürme sind gefallen. Die Fachleute sind im Ausland. Es gibt keinen Weg zurück.
Deutschland hat sich entschieden. Gegen die Physik. Für das Gefühl.
Die sauberste Energie ist die, die man nicht verbraucht.
Die zweitsauberste ist Kernkraft.
Deutschland hat die zweitsauberste abgeschaltet,
um die schmutzigste länger zu betreiben.
Das ist keine Energiewende. Das ist Energieverwirrung.
Epilog
Im Jahr 2045 soll Deutschland klimaneutral sein. So steht es im Gesetz.
Ohne Kernkraft bedeutet das: Der gesamte Strom muss aus Wind, Sonne und Speichern kommen. Für Tage ohne Wind und Sonne — und die gibt es, jedes Jahr, mehrfach — braucht man Backup. Das Backup muss klimaneutral sein. Also Wasserstoff, hergestellt aus Ökostrom, gespeichert in Kavernen, verbrannt in Kraftwerken.
Das ist technisch möglich. Es ist nur wahnsinnig teuer. Und es funktioniert nur, wenn alles perfekt läuft — die Windräder, die Speicher, die Leitungen, die Wasserstoff-Infrastruktur. Ein einziger Engpass, und das System kollabiert.
Mit Kernkraft wäre es einfacher gewesen. Ein Dutzend Reaktoren, die laufen, wenn der Wind nicht weht. Zuverlässig, erprobt, CO₂-frei.
Aber das hätte bedeutet, den Kampf von 1975 zu verlieren. Die lachende Sonne einzuholen. Den Helden von Wackersdorf zu sagen: Ihr hattet Unrecht.
Das war zu viel verlangt. Also hat Deutschland den schwierigeren Weg gewählt. Den teureren. Den unsichereren. Den ideologisch korrekten.
Atomkraft? Nein danke. Das Klima kann warten.
Sie hatten Recht mit der Angst vor der Bombe.
Sie hatten Unrecht mit der Angst vor dem Kraftwerk.
Aber der Unterschied ist schwer zu erklären,
wenn die Gefühle lauter sind als die Physik.