Land of Hope and Glory
Der Krönungsmarsch
Edward Elgars „Land of Hope and Glory" wurde 1902 für die Krönung Eduards VII. geschrieben — für das britische Empire auf dem Höhepunkt seiner Macht, als ein Viertel der Landmasse und ein Fünftel der Menschheit unter britischer Flagge standen. Es ist die triumphanteste Hymne, die je ein europäisches Land auf sich selbst gesungen hat. Und es ist eine Hymne, die heute bei der Last Night of the Proms erklingt — in einem Land, das sein Empire verloren hat, das Europa verlassen hat, das seine Infrastruktur verrotten lässt und dessen National Health Service kollabiert.
Aber dieser Essay handelt nicht von Großbritannien allein. Er handelt von ganz Europa. Denn ganz Europa ist ein Land of Hope and Glory — ein Kontinent, der die Moderne erfunden hat, die Aufklärung, die Industrialisierung, die Menschenrechte, das Sozialsystem, die Wissenschaft. Und der jetzt zusieht, wie andere die Zukunft bauen, während er sein Museum pflegt.
Europa, das sind 450 Millionen Menschen in der EU, 67 Millionen im Vereinigten Königreich, weitere 100 Millionen auf dem Westbalkan, in der Schweiz, in Norwegen, in der Ukraine. Es ist, zusammengenommen, die zweitgrößte Wirtschaft der Welt. Es hat mehr Nobelpreisträger hervorgebracht als jeder andere Kontinent. Es hat die besten Universitäten, die tiefsten Traditionen, die reichsten Kulturen. Und es schafft es kaum, Technologieunternehmen mit einem Marktwert über hundert Milliarden Euro aufzubauen — laut Draghi-Bericht ist darunter kein einziges, das in den letzten fünfzig Jahren aus dem Nichts gegründet wurde.
Das ist kein Pech. Das ist ein Muster. Und das Muster hat in jedem europäischen Land eine eigene Ausprägung — aber überall denselben Kern.
Die gemeinsame Krankheit
Bevor wir die Symptome Land für Land durchgehen, lohnt es sich, die Krankheit zu benennen, die ihnen zugrunde liegt. Europa leidet an einer Kombination aus fünf Pathologien, die sich gegenseitig verstärken.
Erstens: demographischer Niedergang. Die EU wird 2026 ihren Bevölkerungshöhepunkt erreichen — 453 Millionen — und danach schrumpfen. Ohne Zuwanderung würde jeder dritte Europäer bis 2100 verschwinden. Italien und Spanien verlieren bis dahin die Hälfte ihrer Bevölkerung. Die EU verliert jedes Jahr eine Million Arbeitskräfte. Und die Besten, die diese Lücke füllen könnten, kommen immer seltener: Der Netto-Zustrom von Technologie-Fachkräften nach Europa hat sich zwischen 2022 und 2024 halbiert — von 52.000 auf 26.000 pro Jahr.
Zweitens: institutionelle Sklerose. Europa reguliert mehr als es innoviert. Der Draghi-Bericht vom September 2024 hat es in einer einzigen Zahl zusammengefasst: die Investitionslücke zwischen der EU und den USA beträgt 800 Milliarden Euro jährlich. Nicht weil Europa arm wäre — sondern weil sein Geld nicht arbeitet. Der Anteil europäischer Risikokapitalfonds an der Weltgesamtheit: 5 Prozent. USA: 52 Prozent. China: 40 Prozent. Europas Sparer sparen mehr als die Amerikaner — aber ihr Geld liegt auf Festgeldkonten statt in Startups.
Drittens: energiepolitische Selbstverstümmelung. Europas Strompreise liegen zwei- bis dreimal so hoch wie in den USA, Gaspreise vier- bis fünfmal. Das ist teilweise Geographie — Europa hat weniger fossile Ressourcen. Aber es ist auch Politik: der gleichzeitige Ausstieg aus Kernkraft und Kohle ohne ausreichenden Ersatz, der Import von russischem Gas bis zur Abhängigkeit, die Weigerung, eigene Ressourcen zu erschließen.
Viertens: der Talentexodus. 30 Prozent der erfolgreichsten europäischen Technologieunternehmen wandern in die USA ab. Nicht weil das Wetter besser wäre — sondern weil dort das Kapital schneller fließt, die Regulierung dünner ist, die Steuern niedriger sind und die Bereitschaft, Scheitern zu akzeptieren, größer. Europa bildet die klügsten Köpfe der Welt aus — und liefert sie frei Haus an seine Konkurrenten.
Fünftens — und das ist der Kern: die Unfähigkeit zur Entscheidung. Europa ist nicht arm, nicht dumm, nicht ungebildet. Es ist unentschlossen. Jede Reform wird zerredet, jede Innovation zerreguliert, jede Entscheidung zerkonferiert. Nicht aus Bosheit, sondern aus einer Kultur der Risikovermeidung, die so tief sitzt, dass sie als Normalzustand empfunden wird. Europa hat vergessen, dass Nichtstun auch ein Risiko ist — und meistens das größte.
Deutschland: Der Motor, der stottert
Deutschland ist Europas größtes Problem, weil es Europas wichtigstes Land ist. Ein Viertel der EU-Wirtschaftsleistung, das industrielle Herz des Kontinents, der Exportweltmeister, der Stabilitätsanker. Wenn Deutschland funktioniert, funktioniert Europa. Deutschland funktioniert nicht.
Die Diagnose ist bekannt und wird hier nicht zum ersten Mal gestellt: 215 Milliarden Euro Investitionsstau allein auf kommunaler Ebene. 110 Milliarden Sanierungsrückstand bei der Bahn. Genehmigungsverfahren, die Jahrzehnte dauern. Sechzehn Bundesländer, die ihre Bildungsinkompetenz verteidigen, als wäre sie Verfassungsrecht. Ein Parteiensystem, das Quereinsteiger systematisch ausschließt. Und über allem eine Mentalität, die Erhard den Versorgungsstaat nannte und die Kant selbstverschuldete Unmündigkeit: die Überzeugung, dass der Staat es richten wird, wenn man nur still genug hält.
Was Deutschland zum Hauptproblem Europas macht, ist nicht seine Schwäche, sondern die Tatsache, dass es seine Schwäche exportiert. Die deutsche Schuldenbremse wird zur europäischen Fiskalorthodoxie. Die deutsche Energiepolitik — Atomausstieg, Gasabhängigkeit von Russland, überhastete Energiewende — wird zum europäischen Energiepreisproblem. Und die deutsche Entscheidungsvermeidung wird zum Maßstab dessen, was Europa sich zutraut.
Deutschland hat die Wahl zwischen zwei Rollen: Motor oder Bremse. Seit mindestens fünfzehn Jahren wählt es die Bremse.
Frankreich: Die zentralisierte Lähmung
Frankreich ist Deutschland in vielem entgegengesetzt — und kommt am selben Ort an. Wo Deutschland dezentralisiert und blockiert, zentralisiert Frankreich und blockiert. Alles geht über Paris, und Paris entscheidet langsam, prachtvoll und folgenlos.
Die Fünfte Republik hat ein System geschaffen, das exakt einen Reformer gleichzeitig verträgt — den Präsidenten. Wenn der Präsident reformiert, brennen die Straßen. Wenn er nicht reformiert, verrottet das Land. Macron hat beides versucht: Er hat die Arbeitsmarktreform durchgesetzt und die Rentenreform erzwungen — und dafür das Vertrauen des Landes verloren. Frankreich hat jetzt einen reformierten Arbeitsmarkt, eine reformierte Rente und eine Nationalversammlung, die zwischen drei Blöcken zerrieben wird, von denen keiner eine Mehrheit hat.
Frankreichs Kernproblem ist älter als Macron: Es ist ein Land, das staatliche Größe für gleichbedeutend mit nationaler Größe hält. Die Staatsquote liegt bei über 57 Prozent des BIP — die höchste aller großen westlichen Volkswirtschaften. Das Bildungssystem ist in der Theorie egalitär und in der Praxis eine Klassengesellschaft, in der die Grandes Écoles eine Elite reproduzieren, die sich seit Generationen selbst rekrutiert. Die Banlieues sind Orte, an denen der französische Universalismus aufhört — nicht de jure, aber de facto. Und die Industrie, einst die stolzeste Europas, hat den gleichen Auszehrungsprozess durchgemacht wie die britische und die deutsche, nur unter dem Deckmantel eines Staates, der sich als Garant des Wohlstands inszeniert, während er ihn langsam aufzehrt.
Frankreichs Defizit lag 2024 bei 5,8 Prozent des BIP — fast dem Doppelten der Maastricht-Grenze. Die Staatsverschuldung übersteigt 110 Prozent des BIP. Und die politische Landschaft ist so fragmentiert, dass keine Regierung eine stabile Mehrheit hat. Die Grande Nation ist eine nation bloquée — eine blockierte Nation, die ihre Blockade mit Rhetorik übertönt.
Großbritannien: Die Insel, die ging
Das Vereinigte Königreich hat etwas getan, das kein anderes europäisches Land getan hat: Es hat Europa verlassen. Nicht geographisch — die Inseln stehen noch da — aber politisch, wirtschaftlich, institutionell. Der Brexit war Europas spektakulärste Selbstverletzung, und er hat beide Seiten geschwächt.
Großbritannien hat den Brexit vollzogen, um frei zu sein — frei von Brüsseler Regulierung, frei für eigene Handelsabkommen, frei für eine globale Rolle jenseits des Kontinents. Sechs Jahre später sieht die Bilanz anders aus. Die britische Wirtschaft wächst langsamer als die meisten EU-Staaten. Der Handel mit der EU, nach wie vor dem größten Handelspartner, ist durch Zollbürokratie belastet, die vorher nicht existierte. Die versprochenen Handelsabkommen mit den USA, China und Indien sind nicht zustande gekommen oder irrelevant. Und die eigene Regulierung ist nicht weniger, sondern anders geworden — oft komplexer, weil sie den alten EU-Rahmen ersetzen muss, ohne ihn kopieren zu dürfen.
Was Großbritannien Europa kostet, ist nicht nur die fehlende Wirtschaftsleistung — es sind 67 Millionen Menschen, die aus dem gemeinsamen Markt herausgefallen sind. Es ist einer der besten Finanzmärkte der Welt, der nicht mehr zur Finanzierung europäischer Innovation zur Verfügung steht. Es ist ein diplomatisches Schwergewicht mit Sitz im UN-Sicherheitsrat, das nicht mehr am europäischen Tisch sitzt. Und es ist ein Signal an die Welt: Europa ist nicht attraktiv genug, um seine eigenen Mitglieder zu halten.
Großbritanniens eigene Probleme sind indes typisch europäisch: eine Infrastruktur, die seit Jahrzehnten unterfinanziert ist, ein National Health Service, der an der Belastungsgrenze operiert, ein Wohnungsmarkt, der zur größten Vermögenstransfermaschinerie der Insel geworden ist, und eine politische Klasse, die zwischen nostalgischem Imperialismus und ratlosem Pragmatismus pendelt. Elgar klingt noch. Aber das Empire, das er besang, ist längst ein Museumsexponat.
Italien: Die schöne Ruine
Italien ist das europäische Land, das man am schwersten kritisiert, weil man es am meisten liebt — und das zugleich die deutlichsten Symptome zeigt. Italien hat das höchste Durchschnittsalter Europas: 49 Jahre, Tendenz steigend auf 53 bis 2050. Es hat die niedrigste Geburtenrate der EU. Und es wird bis 2100 die Hälfte seiner Bevölkerung verlieren — von 59 Millionen auf unter 30 Millionen, wenn sich nichts Grundlegendes ändert.
Italiens Problem ist nicht mangelnde Intelligenz. Es ist die Kluft zwischen dem, was die Italiener individuell können, und dem, was ihre Institutionen kollektiv liefern. Der italienische Mittelstand — die kleinen und mittleren Unternehmen im Norden, die Handwerker, die Ingenieure, die Modehäuser, die Lebensmittelproduzenten — ist einer der innovativsten und anpassungsfähigsten der Welt. Aber er operiert in einem Staat, der sich selbst im Weg steht: ein Justizsystem, in dem Verfahren Jahrzehnte dauern, eine Bürokratie, die Kafka als Realist erscheinen lässt, und ein politisches System, das seit 1945 über siebzig Regierungen verschlissen hat, ohne eine einzige strukturelle Reform durchzusetzen, die länger hielt als die Regierung, die sie beschloss.
Der Süden — der Mezzogiorno — ist Europas größtes Entwicklungsproblem, vergleichbar mit ostdeutschen Verhältnissen, aber ohne den Solidarpakt und die Treuhand. Die Jugendarbeitslosigkeit in Süditalien lag über Jahrzehnte bei dreißig, manchmal vierzig Prozent. Wer kann, geht — nach Mailand, nach München, nach London. Es ist ein Brain Drain innerhalb eines Landes, der das Land selbst aushöhlt.
Italiens Staatsverschuldung liegt bei fast 140 Prozent des BIP. Jeder weiß, dass das nicht tragfähig ist. Niemand weiß, wie es enden wird. Die wahrscheinlichste Antwort ist: so wie immer in Italien. Es wird nicht enden. Es wird weitergehen, wunderschön und untragbar, wie eine Oper im dritten Akt, bei der das Publikum auf die Katastrophe wartet, die nie ganz kommt.
Spanien: Die halbierte Erholung
Spanien ist die europäische Überraschung der letzten Jahre — positiv. Das Wachstum liegt bei über zwei Prozent, die Beschäftigung steigt, der Tourismus boomt, die Diversifizierung in höherwertige Dienstleistungen macht Fortschritte. Von den großen europäischen Volkswirtschaften ist Spanien die einzige, die sich wie ein Land benimmt, das an seine eigene Zukunft glaubt.
Aber die Erholung ist halbiert. Halbiert, weil sie die Grundprobleme nicht berührt: eine Jugendarbeitslosigkeit, die zwar gesunken ist, aber immer noch bei über 25 Prozent liegt — dem doppelten des EU-Durchschnitts. Einen Wohnungsmarkt, der in den Großstädten unbezahlbar geworden ist. Und ein demographisches Problem, das dem italienischen kaum nachsteht: Spanien wird bis 2100 fast die Hälfte seiner Bevölkerung verlieren, wenn die Fertilitätsrate bei 1,2 Kindern pro Frau bleibt.
Spaniens politische Landschaft ist zudem fragil. Die Zentralregierung in Madrid steht in permanentem Spannungsverhältnis zu den autonomen Gemeinschaften, insbesondere zu Katalonien, dessen Unabhängigkeitsbewegung zwar abgeflaut ist, aber nicht verschwunden. Und die politische Polarisierung zwischen Links und Rechts, die Spanien seit dem Bürgerkrieg prägt, hat sich in den letzten Jahren verschärft, ohne dass eine Seite die Kraft oder die Ideen hätte, das Land grundlegend zu reformieren.
Die Niederlande und Belgien: Klein, aber gelähmt
Die Niederlande sind ein merkwürdiger Fall: eines der reichsten, innovativsten und bestorganisierten Länder Europas — und trotzdem zunehmend dysfunktional. Die Stickstoffkrise hat gezeigt, wie ein kleines Land sich selbst in eine Ecke regulieren kann, aus der es keinen Ausweg mehr gibt, ohne Recht zu brechen oder Realität zu leugnen. Der Wohnungsmarkt ist einer der überhitztesten Europas. Und der Wahlsieg von Geert Wilders und die von seiner PVV getragene, 2025 zerbrochene Rechtsregierung haben das Land in eine politische Identitätskrise gestürzt, die zeigt, dass auch die tolerantesten Gesellschaften Europas an ihre Grenzen stoßen.
Die Niederlande haben zudem ein Schattenproblem: Sie sind Europas größtes Steuerparadies. Ein erheblicher Teil der internationalen Kapitalströme, die durch die niederländischen Briefkastenfirmen fließen, geht zu Lasten anderer EU-Staaten, denen Steuereinnahmen entgehen. Die Niederlande profitieren von der EU und unterminieren sie gleichzeitig — ein Widerspruch, den sie ungern thematisieren.
Belgien ist das Extrembeispiel institutioneller Fragmentierung: ein Staat, der aus zwei Nationen besteht, die nicht miteinander sprechen, nicht die gleichen Zeitungen lesen, nicht die gleichen Parteien wählen und manchmal monatelang keine Regierung haben. Belgien brauchte 2010/11 über 500 Tage, um eine Regierung zu bilden — ein Weltrekord. Es funktioniert trotzdem, irgendwie, als ob die Abwesenheit von Regierung manchmal weniger schädlich ist als ihre Anwesenheit. Aber ein Modell für Europa ist es nicht.
Der Norden: Das Modell altert
Die nordischen Länder — Schweden, Dänemark, Norwegen, Finnland — galten Jahrzehnte lang als das, was Europa sein sollte: wohlhabend, egalitär, innovativ, transparent, gut regiert. Und vieles davon stimmt noch. Aber das Modell altert — buchstäblich und übertragen.
Schweden hat eine Einwanderungskrise durchlebt, die die Grundlagen des schwedischen Selbstverständnisses erschüttert hat. Die Integration ist gescheitert, die Gewalt in den Vororten ist explodiert, und eine Gesellschaft, die sich für die offenste der Welt hielt, hat die restriktivsten Einwanderungsgesetze Skandinaviens beschlossen — unter einer Regierung, die von den Schwedendemokraten gestützt wird, einer Partei, die noch vor zehn Jahren als inakzeptabel galt.
Finnland steckt seit 2023 in einer Rezession — ein seltenes Phänomen für ein nordisches Land, verursacht durch den Verlust des russischen Marktes nach dem Ukraine-Krieg, eine schrumpfende Bevölkerung und eine Industrie, die den Nokia-Schock nie vollständig verarbeitet hat. Dänemark wächst, aber nicht schnell genug, und hat mit einer Pharma-Industrie ein Klumpenrisiko, das sich jederzeit materialisieren kann. Und Norwegen, dank seines Ölfonds eines der reichsten Länder Europas pro Kopf, lebt von einer Ressource, deren Zukunft endlich ist — und hat es versäumt, mit seinem Reichtum eine post-fossile Wirtschaft aufzubauen, die den Namen verdient.
Das nordische Modell funktioniert noch. Aber es funktioniert wie eine Maschine aus den Neunzigern: solide, zuverlässig und zunehmend überholt. In einer Welt, die sich mit chinesischer Geschwindigkeit verändert, reicht skandinavische Gründlichkeit nicht mehr.
Polen und die Visegrád-Gruppe: Das östliche Versprechen
Osteuropa war nach 1989 Europas große Hoffnung — und in vielen Hinsichten hat es diese Hoffnung eingelöst. Polen, Tschechien, die Slowakei, Ungarn, die baltischen Staaten: Sie alle haben sich in einer Generation von Planwirtschaften zu Marktwirtschaften transformiert, sind der EU beigetreten, haben ihre Infrastruktur modernisiert und ihren Lebensstandard dramatisch erhöht.
Polen ist die Erfolgsgeschichte Osteuropas: ein BIP-Wachstum, das seit dreißig Jahren fast ununterbrochen anhält, eine wachsende Mittelschicht, ein boomendes Startup-Ökosystem, eine junge und gut ausgebildete Bevölkerung. Polens Wirtschaft soll 2026 um 3,4 Prozent wachsen — schneller als jede andere große europäische Volkswirtschaft.
Aber auch Polen zahlt einen Preis. Seit dem EU-Beitritt 2004 haben über zwei Millionen Polen das Land verlassen — die meisten jung, die meisten gut ausgebildet, die meisten nach Großbritannien, Deutschland und Irland. Dieser Brain Drain hat zwar nachgelassen, aber er hat Spuren hinterlassen. Und Polens Abhängigkeit von EU-Fördermitteln und von der deutschen Industrie als Abnehmer macht es verwundbar: Wenn Deutschland hustet, bekommt Polen eine Erkältung.
Ungarn unter Viktor Orbán hat einen anderen Weg gewählt: den der illiberalen Demokratie, der gezielten Untergrabung unabhängiger Institutionen, der Umverteilung von EU-Geldern an regierungsnahe Oligarchen und der außenpolitischen Erpressung der EU-Partner. Orbán hat bewiesen, dass man EU-Mitglied sein und gleichzeitig den Kern der europäischen Werte ablehnen kann — und damit durchkommt. Das ist ein Problem nicht nur für Ungarn, sondern für die Glaubwürdigkeit der EU insgesamt.
Tschechien hat sich leise und effizient industrialisiert — und ist dabei fast vollständig von der deutschen Automobilindustrie abhängig geworden. Wenn die deutsche Autoindustrie schrumpft, schrumpft Tschechien mit. Die Slowakei hat das gleiche Problem in verschärfter Form. Und beide Länder stehen vor der Frage, die ganz Osteuropa betrifft: Was kommt nach den EU-Fördermitteln? Was kommt nach dem billigen Arbeitsmarkt? Wie wird man zum Innovator, wenn man bisher der Zulieferer war?
Der Balkan: Der Warteraum
Der westliche Balkan — Serbien, Nordmazedonien, Albanien, Montenegro, Bosnien-Herzegowina, Kosovo — ist Europas Warteraum. Seit über zwanzig Jahren wird diesen Ländern die EU-Mitgliedschaft versprochen. Seit über zwanzig Jahren warten sie. Und während sie warten, verlieren sie ihre Bevölkerung.
Serbiens Bevölkerung ist zwischen den Volkszählungen 2011 und 2022 um über eine halbe Million geschrumpft — von 7,2 auf 6,6 Millionen. Albanien hat über ein Drittel seiner Bevölkerung im Ausland. Bosnien-Herzegowina ist ein Staat, der eigentlich keiner ist — drei Entitäten, zwei Alphabete, drei Völker, ein Dayton-Abkommen, das als Provisorium gedacht war und dreißig Jahre später immer noch gilt, weil niemand den Mut hat, es zu ersetzen.
Der Balkan ist Europas Achillesferse. Nicht weil er arm wäre — das ist er —, sondern weil er die Leere zwischen Europas Versprechen und Europas Handeln sichtbar macht. Die EU verspricht Erweiterung und liefert Warteschleifen. Sie verspricht Stabilität und liefert Frustration. Und sie wundert sich, wenn China und Russland in das Vakuum vorstoßen, das sie selbst hinterlassen hat.
Das Baltikum: Die Frontlinie
Estland, Lettland und Litauen sind Europas Frontlinie — geographisch, demographisch und existenziell. Sie grenzen an Russland. Sie haben eine Bevölkerung, die schnell schrumpft — Litauens Bevölkerung soll bis 2050 um über 20 Prozent sinken. Und sie wissen, dass ihre Existenz als unabhängige Staaten von der NATO und der EU abhängt.
Das macht sie gleichzeitig zu den europäischsten und den verletzlichsten Staaten des Kontinents. Estland hat die digitalste Verwaltung der Welt aufgebaut — ein Modell, das ganz Europa kopieren sollte und niemand kopiert. Litauen hat sich als Gegengewicht zu Chinas Einfluss positioniert und dafür wirtschaftliche Nachteile in Kauf genommen. Lettland ringt mit einer russischsprachigen Minderheit und einer Wirtschaft, die von Emigration ausgehöhlt wird.
Die baltischen Staaten zeigen, was Europa sein kann, wenn es will: mutig, innovativ, entschlossen. Aber sie zeigen auch, was Europa nicht bietet: eine Garantie, dass dieser Mut belohnt wird.
Griechenland und Portugal: Die Überlebenden
Griechenland und Portugal sind die Überlebenden der Euro-Krise — die Länder, die den härtesten Preis bezahlt haben für Fehler, die nicht nur ihre eigenen waren. Griechenland verlor ein Viertel seiner Wirtschaftsleistung in der Krise, eine Amputation, die mit keiner Friedenszeit-Katastrophe eines entwickelten Landes vergleichbar ist. Portugal wurde unter den Rettungsschirm gezwungen und durchlief eine Austeritätspolitik, die eine ganze Generation ins Ausland trieb.
Beide Länder haben sich erholt — formal. Die Wachstumszahlen sind positiv, die Defizite unter Kontrolle, der Tourismus boomt. Aber die Erholung ist eine Oberfläche, unter der die Wunden offen liegen. Griechenlands Staatsverschuldung beträgt immer noch über 150 Prozent des BIP. Portugals Bevölkerung schrumpft — und könnte bis 2050 um fast ein Drittel sinken, wenn die Emigration anhält. Und in beiden Ländern ist eine ganze Generation verschwunden: die klügsten, energischsten, am besten ausgebildeten jungen Menschen sind in Berlin, in London, in Amsterdam — und kommen nicht zurück.
Griechenland und Portugal zeigen, was passiert, wenn Europa sein Versprechen bricht. Das Versprechen hieß: Konvergenz. Es hieß: Die Schwachen werden stärker, wenn sie dem Club beitreten. Es hieß: Der Euro ist ein Instrument der Annäherung. Die Realität war: Der Euro war ein Instrument der Divergenz. Er hat den Starken geholfen und die Schwachen bestraft. Und die Bestrafung war so brutal, dass sie die Legitimität des gesamten Projekts beschädigt hat — bis heute.
Österreich und die Schweiz: Die bequemen Zuschauer
Österreich und die Schweiz sind die Zuschauer Europas — wohlhabend, gebildet, stabil und zutiefst davon überzeugt, dass die Probleme der anderen sie nichts angehen.
Österreich ist ein Land, das gut lebt, solange es keine Entscheidungen treffen muss. Es hat eine starke Industrie, eine hohe Lebensqualität, eine funktionierende Verwaltung — und eine politische Kultur, die zwischen Koalitionsproporz, FPÖ-Populismus und einer tief verwurzelten Abneigung gegen jede Veränderung pendelt. Österreich profitiert von der EU mehr als die meisten Mitgliedstaaten — als Exporteur in den Binnenmarkt, als Empfänger von Arbeitskräften aus Osteuropa, als Scharnier zwischen West und Ost. Und es verhält sich trotzdem, als wäre es ein Opfer Brüssels.
Die Schweiz steht außerhalb der EU und lebt besser als die meisten, die drinnen sind. Sie hat eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen Europas, die beste direkte Demokratie, die effizienteste Verwaltung und eine Wirtschaft, die präzise arbeitet wie die Uhren, die sie berühmt gemacht haben. Die Schweiz beweist, dass man außerhalb der EU erfolgreich sein kann — allerdings nur, wenn man klein genug, reich genug und clever genug ist, jeden bilateralen Vertrag einzeln auszuhandeln. Es ist ein Modell, das für 9 Millionen funktioniert und für 450 Millionen nicht skaliert.
Aber auch die Schweiz hat ein Problem, das sie ungern zugibt: Sie ist eine Insel des Wohlstands in einem Meer der Mittelmäßigkeit. Ihr Wohlstand hängt davon ab, dass Europa um sie herum stabil genug ist, um Handel zu treiben, aber schwach genug, um die Schweiz nicht zum Beitritt zu zwingen. Wenn Europa zerfällt, zerfällt auch der schweizerische Komfort.
Was fehlt
Wenn man alle diese Länder nebeneinanderstellt — Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Spanien, die Niederlande, Belgien, die Nordics, Polen, Ungarn, den Balkan, das Baltikum, Griechenland, Portugal, Österreich, die Schweiz —, dann sieht man nicht dreißig verschiedene Probleme. Man sieht ein einziges Problem in dreißig Variationen.
Das Problem ist nicht Armut. Europa ist reich. Es ist nicht Dummheit. Europa ist gebildet. Es ist nicht mangelnde Erfahrung. Europa hat mehr Geschichte als jeder andere Kontinent und hat aus fast allem eine Lehre gezogen — manchmal die falsche, aber immerhin eine Lehre.
Was Europa fehlt, ist Wille. Der Wille, zu entscheiden. Der Wille, Risiken einzugehen. Der Wille, die eigene Bequemlichkeit aufzugeben zugunsten einer Zukunft, die besser sein könnte, aber nicht sicher ist. Der Wille, die Fesseln zu lösen, die man sich selbst angelegt hat — nicht weil sie unnötig wären, sondern weil das, was sie verhindern sollen, weniger gefährlich ist als das, was sie verhindern.
Jedes europäische Land hat seine eigene Version dieses Willensdefizits. In Deutschland heißt es Risikovermeidung. In Frankreich heißt es Zentralismus. In Großbritannien heißt es nostalgischer Exzeptionalismus. In Italien heißt es politische Fragmentierung. In Spanien heißt es territorialer Dissens. In den Niederlanden heißt es Konsensparalyse. In Belgien heißt es institutionelle Zersplitterung. Im Norden heißt es Modellkonservatismus. Im Osten heißt es Abhängigkeit. Auf dem Balkan heißt es Warten. Im Baltikum heißt es Angst. In Griechenland und Portugal heißt es Trauma. In Österreich heißt es Gemütlichkeit. In der Schweiz heißt es Isolation.
Aber es ist immer dasselbe: die Weigerung, den Preis der Freiheit zu bezahlen. Und der Preis der Freiheit ist Unsicherheit.
Was Europa sein könnte
Man muss kein Optimist sein, um zu sehen, was Europa sein könnte, wenn es sich selbst nicht im Weg stünde. Es wäre die größte Wirtschaft der Welt — nicht die zweitgrößte und schon gar nicht die drittgrößte. Die EU plus Großbritannien plus die Schweiz plus Norwegen haben zusammen ein BIP, das mit den USA vergleichbar ist. Wenn man den Binnenmarkt tatsächlich vollendete — nicht nur für Waren, sondern für Dienstleistungen, Kapital, Energie und Arbeit —, wäre der Produktivitätsgewinn enorm.
Europa hätte die beste Ausgangslage für die Innovationsökonomie des 21. Jahrhunderts. Es hat die Universitäten, die Forscher, die Ingenieure, die kulturelle Tiefe und die institutionelle Erfahrung. Was es nicht hat, ist den Markt: einen einheitlichen Raum, in dem ein Startup aus Tallinn genauso einfach an einen Kunden in Lissabon verkaufen kann wie ein Startup aus San Francisco an einen Kunden in Miami. Diesen Markt zu schaffen — nicht nur auf dem Papier, sondern in der Praxis — wäre die größte ökonomische Reformtat des Jahrhunderts.
Europa hätte die demographische Masse, um die Alterung abzufedern — wenn es die Zuwanderung nicht als Bedrohung, sondern als Notwendigkeit behandelte. Die EU-Kandidatenländer — die Türkei mit 85 Millionen Einwohnern und einer jungen Altersstruktur, die Ukraine, der westliche Balkan — haben genau die Bevölkerungsstruktur, die der Kernunion fehlt. Die Erweiterung ist kein Akt der Großzügigkeit. Sie ist ein Akt des Eigeninteresses. Aber Europa behandelt sie wie eine Last.
Europa hätte die geopolitische Stärke, um zwischen den USA und China eine eigenständige Rolle zu spielen — wenn es sich einigen könnte, welche Rolle das sein soll. 450 Millionen Menschen, die zweitgrößte Wirtschaft der Welt, Atomwaffen, eine gemeinsame Außenpolitik — auf dem Papier. In der Realität hat Europa keine gemeinsame Außenpolitik. Es hat 27 Außenpolitiken, die sich manchmal überschneiden und oft widersprechen. Und es hat einen Hohen Vertreter der Union für Außen- und Sicherheitspolitik, der weniger Einfluss hat als der Botschafter Frankreichs in Washington.
Der Krönungsmarsch, noch einmal
Land of Hope and Glory. Mutter des Freien. Wie soll dein Name größer werden?
So lauten die Worte, die jedes Jahr im September in der Royal Albert Hall gesungen werden, mit Tränen in den Augen und Fahnen in der Hand, von Menschen, die genau wissen, dass das Empire, das sie besingen, nicht mehr existiert. Es ist Nostalgie, die sich als Patriotismus verkleidet. Es ist die Weigerung, die Gegenwart zu sehen, weil die Vergangenheit schöner war.
Ganz Europa singt diesen Krönungsmarsch — nur in verschiedenen Sprachen. Die Franzosen singen von der Grande Nation. Die Deutschen singen von Made in Germany. Die Italiener singen vom Dolce Vita. Die Spanier vom Siglo de Oro. Die Griechen von der Wiege der Demokratie. Die Polen von der Dritten Republik. Die Schweden vom Volkshem.
Es sind alles Hymnen auf eine Vergangenheit, die besser war als die Gegenwart. Und es sind alles Hymnen, die verhindern, dass die Gegenwart besser wird als die Vergangenheit.
Europa könnte das Land of Hope and Glory sein. Es hat alles, was es dafür braucht: die Hoffnung und den Glanz. Was es nicht hat, ist den Mut, beides einzusetzen. Stattdessen singt es seine Krönungsmärsche — in leeren Kathedralen, für ein Publikum, das kleiner wird, Jahr für Jahr.
Der Draghi-Bericht hat Europa gesagt, was es kosten würde, die Lücke zu schließen: 800 Milliarden Euro im Jahr. Europa hat zugehört, genickt — und ein Jahr später zehn Prozent der Vorschläge umgesetzt. Das ist Europas Art: das Problem erkennen, die Lösung beschreiben, einen Bericht bestellen — und dann nichts tun.
Vielleicht ist das die eigentliche Hymne Europas. Nicht Hope and Glory. Sondern: Wir wissen, was zu tun wäre. Aber bitte nicht jetzt. Nicht hier. Nicht wir.
Elgar hätte dafür keine Melodie geschrieben.