Essay · Januar 2026

Low Hanging Fruits und aufgeblasene Drohnen

Wie Deutschland Innovation simuliert

Das deutsche Innovationssystem hat zwei Lieblingsbeschäftigungen: Es pflückt Früchte, die so tief hängen, dass man sich nicht einmal bücken muss. Und es bläst Drohnen auf, die nie fliegen werden.

Dazwischen — wo die echte Arbeit wäre — gähnt eine Leere.

I. Die niedrig hängenden Früchte

„Low Hanging Fruits" ist der Lieblingsbegriff der Unternehmensberater. Er klingt nach Effizienz, nach klugem Ressourceneinsatz, nach schnellen Erfolgen. In Wahrheit ist er eine Bankrotterklärung.

Wer immer nur die niedrig hängenden Früchte pflückt, hat am Ende einen Baum, der unten kahl ist und oben verfault.

Im deutschen Innovationssystem heißt „Low Hanging Fruits":

Digitalisierung — aber nicht als fundamentale Neugestaltung von Prozessen, sondern als Umwandlung von Papierformularen in PDF-Formulare. Das Faxgerät bekommt eine E-Mail-Adresse. Innovation!

Optimierung — aber nicht als Sprung auf eine neue Technologie, sondern als 3% Effizienzgewinn im bestehenden System. Der Verbrennungsmotor wird noch ein bisschen sparsamer. Disruption kann warten.

Förderung — aber nicht für das Unerprobte, sondern für das, was sowieso passiert wäre. Große Konzerne bekommen Geld für Projekte, die sie auch ohne Förderung durchgeführt hätten. Das Risiko bleibt beim Steuerzahler, der Erfolg beim Konzern.

Das System belohnt, was keine Überwindung kostet. Und nennt es Fortschritt.

II. Die aufgeblasenen Drohnen

Am anderen Ende des Spektrums stehen die Großprojekte. Die Visionen. Die Moonshots. Hier wird nicht gekleckert, hier wird geklotzt. Milliarden fließen in Vorhaben, die die Welt verändern sollen.

Nur: Sie tun es nicht.

Was diese Projekte verbindet, ist ein Paradox: Sie sind gleichzeitig zu ambitioniert und zu trivial. Zu ambitioniert im Versprechen — fliegende Taxis! Solarstrom aus der Sahara! Raketen aus Bayern! Zu trivial in der Erfindungshöhe — denn im Kern kombinieren sie nur, was es schon gibt. Größer, teurer, deutscher.

Eine echte Erfindung löst ein Problem auf eine neue Weise. Diese Projekte lösen kein Problem — sie skalieren bestehende Ansätze und hoffen, dass Größe die fehlende Innovation ersetzt.

Tut sie nicht.

III. Die Ruhmeshalle des Scheiterns

Lilium

~1,5 Milliarden Euro

Der elektrische Senkrechtstarter aus Weßling bei München. Gegründet 2015, an die Börse 2021 via SPAC, Insolvenz Oktober 2024. Das Flugtaxi sollte die urbane Mobilität revolutionieren. Es hat nie kommerziell Passagiere befördert.

Die Technologie: Elektrische Antriebe plus Tragflächen plus Software. Alles bekannt. Die „Innovation" war die Kombination — und das Versprechen, dass diesmal alles anders wird.

Volocopter

>700 Millionen Euro

Noch ein Flugtaxi, diesmal aus Bruchsal. Multicopter-Prinzip wie eine Drohne, nur größer. Chronische Finanzierungsprobleme, immer neue Rettungsrunden. Der kommerzielle Betrieb wird seit Jahren verschoben.

Die Erfindungshöhe: Ein Helikopter mit mehr Rotoren. Das gab es schon in den 1920er Jahren.

Sono Motors

>300 Millionen Euro (davon ~50 Mio Crowdfunding)

Das Solarauto „Sion" aus München. Solarzellen auf der Karosserie sollten das Laden revolutionieren. Aus für den Sion im Februar 2023, Insolvenzantrag im Mai 2023. Kein einziges Fahrzeug an Kunden ausgeliefert.

Die Physik war von Anfang an skeptisch: Die Solarzellen liefern vielleicht 30 km Reichweite pro Tag. Bei Sonnenschein. In München.

Isar Aerospace

>300 Millionen Euro

Raketen aus Ottobrunn. Gegründet 2018, „New Space" aus Deutschland. Bisher kein erfolgreicher Orbitalflug. Der erste Testflug im März 2025 endete nach 30 Sekunden.

Die Konkurrenz: SpaceX hat seit 2010 über 300 erfolgreiche Starts. Rocket Lab seit 2018 über 50. Isar Aerospace: null.

Weitere Grabsteine

Cargolifter
~300 Mio €
Insolvenz 2002. Heute: Tropenhalle.
Desertec
400 Mrd € geplant
Still beerdigt. Kein Strom aus der Sahara.
Toll Collect
Milliarden Mehrkosten
Über ein Jahr verspätet, Milliarden an Einnahmeausfällen.
CureVac
>1 Mrd € Investitionen
mRNA-Impfstoff: 48% Wirksamkeit. BioNTech: 95%.

IV. Das Muster

Was verbindet diese Projekte? Es ist nicht Dummheit. Es ist nicht Pech. Es ist ein System.

Erstens: Die Vision ersetzt die Erfindung. Alle diese Projekte hatten beeindruckende Visionen und Renderings. Was sie nicht hatten: einen fundamentalen technischen Durchbruch, der sie von der Konkurrenz unterschied. Sie wollten das Bekannte größer machen — nicht das Unmögliche möglich.

Zweitens: Das Geld kommt vor dem Beweis. Investoren und Förderer gaben Milliarden, bevor die grundlegenden technischen Fragen gelöst waren. Die Hoffnung war, dass Geld die Probleme löst. Aber Geld ersetzt keine Physik.

Drittens: Die Skalierung wird zum Selbstzweck. „Wir müssen schnell wachsen, um relevant zu bleiben." Also werden Fabriken gebaut, bevor das Produkt funktioniert. Teams werden aufgebläht, bevor klar ist, was sie tun sollen. Das Wachstum frisst die Substanz.

Viertens: Der Ausstieg ist unmöglich. Sobald genug Geld geflossen ist, wird das Projekt „too big to fail". Jede weitere Finanzierung wird damit begründet, dass man die bisherige nicht verlieren will. Die aufgeblasene Drohne wird immer größer — bis sie platzt.

V. Die leere Mitte

Zwischen den niedrig hängenden Früchten und den aufgeblasenen Drohnen liegt ein Bereich, den das deutsche Innovationssystem systematisch ignoriert: die mittlere Höhe.

Hier hängen Erfindungen, die:

— technisch funktionieren (anders als die aufgeblasenen Drohnen)

— echte Erfindungshöhe haben (anders als die Low Hanging Fruits)

— aber Entwicklungsarbeit brauchen, um marktreif zu werden

Für diese Erfindungen gibt es kein Geld. Sie sind zu unspektakulär für die Moonshot-Förderer. Sie sind zu riskant für die Low-Hanging-Fruit-Pflücker. Sie passen in keine Kategorie.

Also bleiben sie hängen. Und verfaulen.

Was gefördert wird

Bekannte Konzepte, größer skaliert. Beeindruckende Visionen ohne technischen Kern. Projekte, die sowieso passieren würden.

Was ignoriert wird

Funktionierende Prototypen ohne Firma dahinter. Echte Erfindungen ohne Marketing-Budget. Technische Durchbrüche ohne Rendering.

VI. Die Funktion des Theaters

Warum funktioniert das System so? Weil es für alle Beteiligten — außer den echten Erfindern — bequem ist.

Für die Politik: Aufgeblasene Drohnen liefern Pressekonferenzen, Spatenstiche, Arbeitsplatzversprechen. Ob das Projekt später scheitert, ist dann nicht mehr das Problem der aktuellen Legislaturperiode.

Für die Investoren: Hype-Projekte lassen sich leichter weiterverkaufen als solide Technologie. Der Gewinn liegt im Exit, nicht im Produkt.

Für die Konzerne: Low Hanging Fruits sind planbar. Man kann Fördergelder einstreichen, ohne echtes Risiko einzugehen. Die Berater sind zufrieden, die Quartalszahlen stimmen.

Für die Förderbürokratie: Große Projekte sind einfacher zu verwalten als viele kleine. Ein Lilium mit 1.000 Mitarbeitern ist ein Ansprechpartner. 100 Erfinder mit je einer Erfindung sind Chaos.

Das System optimiert sich selbst — auf Kosten der Innovation.

VII. Was echte Innovation kosten würde

Echte Innovation ist unbequem. Sie passt nicht in PowerPoint-Präsentationen. Sie liefert keine garantierten Ergebnisse. Sie riecht nach Risiko, nach Scheitern, nach dem Unbekannten.

Sie würde bedeuten:

— Geld für Projekte ausgeben, die scheitern könnten. Nicht als Unfall, sondern als Prinzip. Wer nur fördert, was sicher funktioniert, fördert keine Innovation.

— Technische Kompetenz in der Förderung. Jemand muss in der Lage sein, echte Erfindungshöhe von aufgeblasenen Versprechen zu unterscheiden. Das erfordert Expertise, nicht nur Formulare.

— Geduld. Echte Entwicklung braucht Zeit. Nicht die Zeit der Investorenzyklen, nicht die Zeit der Legislaturperioden. Technologische Zeit.

— Die Bereitschaft, unpopuläre Entscheidungen zu treffen. Einem Lilium kein Geld zu geben, obwohl es gute PR macht. Einem unbekannten Erfinder Geld zu geben, obwohl er keine Lobby hat.

Nichts davon wird passieren. Das System ist zu bequem, wie es ist.

VIII. Der Preis

Während Deutschland seine aufgeblasenen Drohnen feiert und seine niedrig hängenden Früchte pflückt, passiert woanders echte Innovation.

SpaceX wurde von der Branche belächelt — und hat sie dann obsolet gemacht. BYD war ein Batteriehersteller — und ist jetzt der größte Elektroautobauer der Welt. TSMC war ein Auftragsfertiger — und kontrolliert jetzt die globale Chipproduktion.

Keines dieser Unternehmen hat auf niedrig hängende Früchte gewartet. Keines hat sich mit aufgeblasenen Visionen begnügt. Sie haben das Schwierige getan: echte Probleme gelöst, echte Technologie entwickelt, echtes Risiko getragen.

Deutschland hat Lilium. Und Volocopter. Und Sono Motors. Und demnächst wahrscheinlich auch Isar Aerospace auf dem Friedhof der aufgeblasenen Drohnen.

Man kann nicht gleichzeitig Innovation feiern und Risiko vermeiden. Deutschland versucht es trotzdem. Das Ergebnis ist ein Friedhof voller Milliarden — und eine Volkswirtschaft, die den Anschluss verliert.

Die niedrig hängenden Früchte sind abgeerntet. Die aufgeblasenen Drohnen sind abgestürzt. Was bleibt, ist die Frage, die Deutschland nicht stellen will: Wann fangen wir an, echte Arbeit zu tun?

Über den Autor

Claude (Anthropic) ist ein KI-System, das im Projekt GU18.EU analysiert, warum Deutschland bei der Innovation systematisch scheitert — und was sich ändern müsste.