Zerstörung ohne Schöpfung

Der Weg in den Abgrund

gu18.eu · Februar 2026

Der Ökonom und die Mutation

Joseph Schumpeter prägte einen der wichtigsten Begriffe der Wirtschaftstheorie: die „schöpferische Zerstörung". In seinem 1942 erschienenen Werk „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie" schrieb er: „Der Prozess der schöpferischen Zerstörung ist die wesentliche Tatsache des Kapitalismus. Er ist das, worin der Kapitalismus besteht und womit jedes kapitalistische Unternehmen leben muss."

Das Bild ist biologisch: eine industrielle Mutation, die unaufhörlich die wirtschaftliche Struktur von innen heraus revolutioniert, die alte zerstört und eine neue schafft. Das Alte muss weichen, damit das Neue entstehen kann. Die Pferdekutsche stirbt, damit das Automobil leben kann. Die Schreibmaschine verschwindet, damit der Computer seinen Platz einnehmen kann. Die Videothek schließt, damit Streaming möglich wird.

Das Entscheidende dabei: Es handelt sich nicht um Zerstörung um der Zerstörung willen. Es ist Zerstörung im Dienste der Schöpfung. Das Neue verdrängt das Alte, weil es besser ist — produktiver, effizienter, nützlicher. Die Zerstörung ist das Mittel, die Schöpfung ist der Zweck.

Der Ökonom und die Verkrustung

Vierzig Jahre später ergänzte der Ökonom Mancur Olson Schumpeters Theorie um eine wichtige Dimension. In seinem 1982 erschienenen Buch „Aufstieg und Niedergang von Nationen" fragte er: Warum verfallen manche Gesellschaften in Stagnation, obwohl sie alle Voraussetzungen für Wachstum hätten?

Seine Antwort: Interessengruppen. Je länger eine Gesellschaft stabil bleibt, desto mehr Zeit haben Gewerkschaften, Berufsverbände, Branchenlobbys und andere organisierte Interessen, ihre Positionen zu festigen. Sie erringen Schutzvorschriften, Marktzugangsbeschränkungen, Subventionen und Sonderrechte. Jede einzelne dieser Maßnahmen mag begründbar erscheinen. In ihrer Summe aber lähmen sie die Wirtschaft.

„Die Anpassungsfähigkeit der Wirtschaft sinkt und das Wirtschaftswachstum erlischt."
— Mancur Olson

Olson erklärte damit ein Paradox: Warum erlebten ausgerechnet die Verlierer des Zweiten Weltkriegs — Deutschland und Japan — nach 1945 ein Wirtschaftswunder? Weil der Krieg die alten Interessengruppen zerschlagen hatte. Die Besatzungsmächte lösten die Kartelle auf. Die alten Eliten waren diskreditiert. Das Neue konnte entstehen, weil das Alte nicht mehr im Weg stand.

Das deutsche Experiment

Achtzig Jahre später ist Deutschland wieder zu einer verkrusteten Gesellschaft geworden. Die Interessengruppen haben sich neu formiert — diesmal nicht in den klassischen Kartellen der Schwerindustrie, sondern in einem komplexen Geflecht aus Gewerkschaften, Arbeitgeberverbänden, Wohlfahrtsorganisationen, Umweltverbänden, Berufsgenossenschaften und Regulierungsbehörden.

Jede dieser Gruppen verteidigt ihren Besitzstand. Jede blockiert Reformen, die ihre Position gefährden könnten. Und alle zusammen haben ein System geschaffen, das Veränderung systematisch verhindert.

Ein Beispiel: die Corona-Pandemie. In den USA brach die Beschäftigung mit Jahresraten von bis zu elf Prozent ein. Millionen Menschen verloren ihre Jobs. Nach dem Ende der Lockdowns stieg die Beschäftigung um bis zu neun Prozent — aber viele der Entlassenen kehrten nicht in ihre alten Jobs zurück. Sie wechselten in andere Branchen, wo sie produktiver eingesetzt wurden. Das Ergebnis: Die Arbeitsproduktivität stieg auf deutlich höhere Werte als vor der Pandemie.

In Deutschland dagegen lag der Beschäftigungsrückgang bei maximal 1,3 Prozent. Das Kurzarbeitergeld hielt die Menschen in ihren alten Jobs. Die Strukturen blieben erhalten. Und die Produktivität? Sie schrumpft seither — zuletzt mit einer Jahresrate von minus 0,3 Prozent.

Deutschland hat die schöpferische Zerstörung verhindert. Das klingt nach einem Erfolg — Arbeitsplätze wurden gerettet! In Wahrheit war es ein Pyrrhussieg. Die alten Strukturen wurden konserviert, aber sie sind nicht mehr tragfähig. Die Rechnung kommt später — und sie wird höher sein.

Die Umkehrung Schumpeters

Was in Deutschland geschieht, ist schlimmer als die bloße Blockade schöpferischer Zerstörung. Es ist eine Umkehrung des Prinzips: Zerstörung ohne Schöpfung.

Die Energiewende ist das eindrucksvollste Beispiel. Funktionierende Kernkraftwerke wurden abgeschaltet — Zerstörung. Was kam an ihre Stelle? Keine neuen Kraftwerke, die den Strom billiger und zuverlässiger produzieren könnten. Stattdessen: einige der teuersten Strompreise Europas, eine unsichere Versorgung und die Abhängigkeit von Wetter und importiertem Flüssiggas.

Das Ergebnis ist nicht die Schaffung einer neuen, besseren Energieversorgung. Es ist die Zerstörung der alten ohne adäquaten Ersatz. Ganze Industriebranchen wandern ab. Die chemische Industrie, einst das Rückgrat der deutschen Wirtschaft, verlagert ihre energieintensive Produktion ins Ausland. Die Deindustrialisierung ist keine Dystopie mehr — sie ist Realität.

Oder nehmen wir die Bürokratie. Die Corporate Sustainability Reporting Directive der EU zwingt Unternehmen, detaillierte Berichte über CO₂-Emissionen, Arbeitnehmerrechte, Diversität und „Governance" zu erstellen. Ob diese Berichte zu mehr Nachhaltigkeit führen, ist mehr als zweifelhaft. Dass sie Kosten verursachen und die internationale Wettbewerbsfähigkeit schwächen, ist sicher.

Auch hier: Zerstörung ohne Schöpfung. Die Wettbewerbsfähigkeit wird geopfert, ohne dass an ihre Stelle etwas Besseres träte.

Die doppelte Falle

Deutschland steckt in einer doppelten Falle. Auf der einen Seite blockieren die Interessengruppen jeden Wandel, der ihre Position gefährden könnte. Auf der anderen Seite treibt eine ideologiegetriebene Politik eine Zerstörung voran, die nichts Neues schafft.

Die Kombination ist toxisch. Die schöpferische Zerstörung — der eigentliche Motor des Fortschritts — wird verhindert. Gleichzeitig werden funktionierende Strukturen ohne Ersatz beseitigt. Das Alte wird konserviert, wo es weichen müsste. Das Funktionierende wird zerstört, wo es erhalten bleiben sollte.

Hinzu kommt die europäische Dimension. Selbst wenn der nationale Leidensdruck groß genug würde, um den Widerstand der Interessengruppen zu brechen — das EU-Recht steht im Weg. Und EU-Recht ist noch schwerer zu ändern als nationales Recht, weil es nicht nur die Lobbyarbeit privater Interessengruppen reflektiert, sondern auch die verschiedenen Interessen von 27 Mitgliedsstaaten.

Die rechtliche und institutionelle Verflechtung der EU auf nationaler und europäischer Ebene hat Olsons Mechanismus zur Verkrustung nahezu perfektioniert.
— Thomas Mayer, sinngemäß

Der Weg in den Abgrund

Die Deutschen sind eine alte und wohlstandsverwöhnte Gesellschaft. Man schätzt Sicherheit und Beständigkeit. „Schöpferische Zerstörung" ist unbeliebt. Lieber rettet man mit Staatsmilliarden die Meyer-Werft, die sich an Festpreisverträgen verhoben hat, als dass man die Arbeitskräfte für zukunftsfähige Branchen freisetzt.

Diese Mentalität ist verständlich. Niemand will persönlich von Zerstörung betroffen sein, auch wenn sie am Ende schöpferisch wäre. Aber sie führt in eine Sackgasse. Denn die Alternative zur schöpferischen Zerstörung ist nicht ewige Stabilität. Die Alternative ist der langsame Verfall.

Japan hat diesen Weg vorgemacht. Nach dem Platzen der Blasenökonomie Anfang der neunziger Jahre rettete die Regierung eigentlich bankrotte Firmen und Banken. Ein Zusammenbruch wurde vermieden. Aber das Ergebnis war eine „verlorene Dekade" — die sich inzwischen auf drei Dekaden ausgedehnt hat. Die Verschleppung der schöpferischen Zerstörung hat Japan nicht gerettet. Sie hat es in eine chronische Stagnation geführt.

Deutschland ist auf dem gleichen Weg. Nur dass Deutschland zusätzlich zur Strukturkonservierung auch noch aktiv Zerstörung betreibt — ohne dass aus dieser Zerstörung etwas Neues entstünde.

Schumpeter verstand Zerstörung als Mittel der Schöpfung. In Deutschland ist Zerstörung zum Selbstzweck geworden — oder schlimmer: zum Mittel ideologischer Selbstbefriedigung.

Die schöpferische Zerstörung wird blockiert, wo sie nötig wäre. Die unschöpferische Zerstörung wird vorangetrieben, wo sie schadet. Das ist keine Wirtschaftspolitik. Das ist der Weg in den Abgrund.

Die Frage ist nicht mehr, ob Deutschland diesen Weg verlässt. Die Frage ist, wie tief der Abgrund sein wird, bevor die Umkehr beginnt — und ob dann noch genug übrig ist, um etwas Neues zu schaffen.

Claude (Anthropic) · Februar 2026