Das auf Sand gebaute Silikon-Valley
Das Problem war nicht die Idee. Das Problem waren — nicht allein, aber maßgeblich — die Leute, die sie finanzieren sollten. Und ihre Regeln, die sie nicht ändern wollten.
I. Die Idee
Mitte der 1980er Jahre geschah in Niedersachsen etwas Bemerkenswertes. Die Norddeutsche Landesbank — die Nord/LB, jenes solide Kreditinstitut öffentlichen Rechts mit Sitz in Hannover, das seit seiner Gründung 1970 im Wesentlichen damit beschäftigt war, Sparkassen zu koordinieren und Kommunalkredite zu vergeben — gründete eine Venture-Capital-Gesellschaft. Sie hieß Nord/GI.
Der Gedanke war nicht schlecht. Er war sogar richtig. Deutschland brauchte Risikokapital für Erfinder und Gründer. Das amerikanische Modell des Venture Capital hatte im Silicon Valley Unternehmen wie Apple, Intel und Hewlett-Packard hervorgebracht — Firmen, die aus Garagen kamen und die Welt veränderten. Niedersachsen wollte das auch. Ein Silicon Valley an der Leine. Oder besser: ein Silikon-Valley, denn was dort entstand, war nicht aus Silizium, sondern aus Silikon — weich, verformbar, und ohne innere Struktur.
Das Problem war nicht die Idee. Das Problem waren die Leute, die sie umsetzen sollten.
II. Die Banker
Die Nord/GI wurde von Bankern geführt. Nicht von Unternehmern. Nicht von Ingenieuren. Nicht von Menschen, die jemals ein Produkt entwickelt, einen Prototypen gebaut oder eine schlaflose Nacht in einer Werkstatt verbracht hatten. Sondern von Leuten, die gelernt hatten, Kredite zu vergeben, Sicherheiten zu bewerten und Zinsen zu berechnen. Das waren ihre Fähigkeiten. Das waren ihre Reflexe. Und das war das Problem.
Venture Capital ist das Gegenteil von Bankgeschäft. Ein Banker fragt: Welche Sicherheiten haben Sie? Ein Venture Capitalist fragt: Was haben Sie erfunden? Ein Banker will Zinsen ab dem ersten Tag. Ein Venture Capitalist weiß, dass die ersten Jahre Verlustjahre sein werden — und dass der Gewinn später umso größer sein kann. Ein Banker diversifiziert sein Risiko über hundert kleine Kredite. Ein Venture Capitalist konzentriert sich auf wenige Projekte und begleitet sie intensiv. Ein Banker verwaltet. Ein Venture Capitalist gestaltet.
Die Nord/GI tat nichts von alledem. Sie verkleidete sich als Venture-Capital-Gesellschaft, aber darunter trug sie die Uniform einer Geschäftsbank.
III. Der Vertrag
Ich weiß das, weil ich einer ihrer Gründer war. Nicht einer der Gründer der Nord/GI — einer der Gründer, die von der Nord/GI finanziert werden sollten. Im Jahr 1985 kam ich mit einer patentierten Erfindung nach Niedersachsen: einem neuartigen Verfahren zur Herstellung von Polygonprofilen auf Werkzeugmaschinen. Prof. Tönshoff an der Universität Hannover — Technologieberater der Wirtschaftsministerin Birgit Breuel — hatte die Erfindung positiv bewertet. Die Stadt Hameln hatte mich in ihr neues Technologie- und Gründerzentrum eingeladen. Das Wirtschaftsministerium hatte einen Förderbescheid über 700.000 DM erteilt. Alles sah gut aus.
Dann kam der Vertrag der Nord/GI. Eine stille Beteiligung über 500.000 DM. Das Wort „Beteiligung“ suggerierte Partnerschaft. Die Realität war eine andere. Bereits drei Monate nach Überweisung des Geldes hatte ich steigende Zinszahlungen zu leisten. Nicht nach drei Jahren. Nicht nach dem ersten Umsatz. Nicht nach dem Break-even. Nach drei Monaten. An einen Gründer, der dabei war, eine Werkzeugmaschine zu entwickeln — ein Prozess, der Jahre dauert.
Mein Rechtsanwalt in Köln — Dr. Dörffer, ein Mann mit trockenem Humor — sah sich den Vertrag an und sagte nur: „Was wollen Sie machen, ohne Zinsen geben die Bänker kein Geld.“ Dann klärte er mich auf, dass man zu einem Banker „Räuber“ sagen dürfe. Wenn man jedoch „Verbrecher“ oder „Gangster“ sage, sei das justitiabel.
Was folgte, war ein Kreislauf, der in seiner Absurdität an einen Sketch von Loriot erinnert — wenn er nicht so bittere Konsequenzen gehabt hätte. Ich musste mir bei meiner Hausbank, der Stadtsparkasse Hameln, Geld leihen, um die Zinsen an die Nord/GI zahlen zu können. Es floss also von einer Bank zur anderen. Ein Perpetuum mobile der Verschuldung, während ich versuchte, eine Werkzeugmaschine zu entwickeln, die es so auf der Welt noch nicht gab.
IV. Die Regeln
Mein Ansprechpartner bei der Nord/GI hieß Gerd Kastrup. Er war einer von drei Geschäftsführern und wirkte auf mich zunächst sehr positiv. Ich habe ihn lange als meinen Partner angesehen. Ich sagte ihm klar, dass ich mich als Erfinder-Unternehmer sehe und das Projekt ein Vehikel sein sollte, um weitere Erfindungen zu machen und zu realisieren. Er entgegnete nur: „Jetzt müssen Sie sich aber erst einmal voll und ganz auf das Projekt fokussieren, in das wir einsteigen wollen.“
Aus diesem „erst einmal“ wurden elf Jahre.
Ich habe Kastrup oft gesagt: „Eure Regeln sind falsch!“ Seine Antwort war immer die gleiche: „Wir können sie aber nicht für Sie ändern.“
In diesem einen Satz steckt das gesamte Versagen des deutschen Innovationssystems. Die Regeln sind falsch — das wissen alle. Aber niemand ändert sie. Nicht für den Erfinder, der sie braucht. Nicht für die Innovation, die daran stirbt. Die Regeln existieren um ihrer selbst willen.
Was war falsch an den Regeln? Erfinder suchen Wege, die vor ihnen noch niemand gegangen ist. Sie brauchen Ruhe, um sich in ihr Problem hineinzuvertiefen. Wochenlang, monatelang, manchmal jahrelang. Was sie nicht brauchen, ist ein Banker, der nach drei Monaten Zinsen verlangt. Was sie nicht brauchen, ist ein Beteiligungsvertrag, der wie ein Kreditvertrag konstruiert ist. Was sie nicht brauchen, ist ein Partner, der die Sprache des Venture Capital spricht, aber die Grammatik des Bankgeschäfts benutzt.
V. Das Experiment
Ich weiß nicht, wie viele Projekte die Nord/GI finanziert hat. Ich weiß nicht, wie viele davon gescheitert sind. Ich vermute: alle.
Das ist die bittere Pointe: Es sind vermutlich nicht die Projekte gescheitert, weil sie schlecht waren. Sie sind gescheitert, weil die Finanzierungsstruktur sie zum Scheitern verurteilte. Man kann keine Pflanze zum Wachsen bringen, indem man sie alle drei Monate aus der Erde reißt, um nachzusehen, ob sie schon Wurzeln hat.
Im echten Silicon Valley funktioniert Venture Capital anders. Ein Venture Capitalist gibt Geld und wartet. Er gibt dem Gründer Zeit. Er gibt ihm Kontakte. Er gibt ihm — und das ist entscheidend — Ruhe. Er verdient sein Geld nicht durch Zinsen, sondern durch den Wertzuwachs seiner Beteiligung. Wenn das Unternehmen scheitert, verliert er sein Geld. Wenn es gelingt, vervielfacht er es. Das ist Risiko. Daher der Name: Risikokapital.
Die Nord/GI wollte Risikokapital ohne Risiko. Das ist, als wolle man schwimmen, ohne nass zu werden.
VI. Die Metamorphose
Was aus der Nord/GI wurde, ist lehrreicher als jede betriebswirtschaftliche Fallstudie. Die Gesellschaft verschwand nicht — sie verwandelte sich. Aus der Nord/GI wurde die NORD Holding Unternehmensbeteiligungsgesellschaft mbH. Heute verwaltet sie über 3,5 Milliarden Euro. Sie ist eine der führenden Private-Equity-Gesellschaften Deutschlands.
Und sie beteiligt sich ausschließlich an bereits etablierten, mittelständischen Unternehmen. Management-Buyouts. Unternehmensnachfolgen. Konzernabspaltungen. Firmen mit 20 bis 200 Millionen Euro Umsatz. Keine Gründer. Keine Erfinder. Keine Werkzeugmaschinen, die es so auf der Welt noch nicht gibt. Kein Risiko.
Die stille Metamorphose von der Venture-Capital-Gesellschaft zur Beteiligungsgesellschaft für etablierte Unternehmen ist das ehrlichste Eingeständnis, das die Nord/LB je gemacht hat — ohne es jemals auszusprechen. Es sagt: Wir haben es versucht. Wir haben es nicht gekonnt. Also machen wir jetzt das, was wir können: Bankgeschäft, nur unter anderem Namen.
Das ist keine Schande. Nicht jeder kann Venture Capital. Aber es ist eine Schande, dass auf dem Weg zu dieser Erkenntnis Existenzen zerstört wurden. Meine beinahe auch.
VII. Auf Sand gebaut
Der Titel dieses Essays ist kein Zufall. Das Silicon Valley in Kalifornien liegt auf tektonisch aktivem Boden — die innovativste Region der Welt steht auf einem Fundament, das jederzeit beben kann. Aber die Menschen dort haben gelernt, mit dem Risiko zu leben. Sie haben das Risiko nicht eliminiert — sie haben es gemanagt.
In Niedersachsen war es umgekehrt. Man baute auf Sand und tat so, als sei es Beton. Man gründete eine Venture-Capital-Gesellschaft und betrieb sie wie eine Bank. Man sprach von Innovation und meinte Zinsen. Man sprach von Partnerschaft und meinte Kreditvertrag.
Das Gleichnis vom Haus auf Sand, das Jesus in der Bergpredigt erzählt, handelt nicht von schlechtem Baumaterial. Es handelt von falschen Grundlagen. Wer auf Sand baut, baut auf etwas, das unter Belastung nachgibt. Es sieht aus wie ein Fundament, aber es trägt nicht.
VIII. Die Lektion
Prof. Erich Häußer, der ehemalige Präsident des Deutschen Patentamtes, hat das systemische Versagen hinter Geschichten wie dieser auf den Punkt gebracht. Er nannte es das „Kartell der Ignoranz“ und warnte bereits Mitte der 1990er Jahre: „Gelingt es nicht, das dafür ursächliche Kartell der Ignoranz zu durchbrechen, werden wir in durchaus absehbarer Zeit selbst wieder Billiglohnland.“
Häußer hatte recht. Das Kartell hat gesiegt. Und der Sand ist geblieben.
Deutschland hat bis heute kein funktionierendes Venture-Capital-System für Erfinder und Gründer in der Frühphase. Was es hat, sind Banken, die sich als Innovationsförderer verkleiden. Förderstellen, die nach Marktanalysen fragen, bevor der Markt existiert. Und eine politische Klasse, die das Wort „Innovation“ in jede Sonntagsrede einbaut, aber am Montag die Regeln nicht ändert.
Das echte Silicon Valley ist auf einer Idee gebaut: dass man Menschen mit guten Ideen Geld geben sollte und sie dann in Ruhe lassen muss. Dass Scheitern kein Makel ist, sondern ein Lernprozess. Dass der Gewinn nicht aus Zinsen kommt, sondern aus Wertschöpfung. Dass der Banker dem Erfinder dienen sollte — nicht umgekehrt.
In Niedersachsen war es umgekehrt. In Deutschland ist es immer noch umgekehrt.
Das Haus, das die Nord/LB auf Sand gebaut hat, steht nicht mehr. An seiner Stelle steht jetzt ein solides Gebäude aus Beton — die NORD Holding, 3,5 Milliarden Euro schwer, beteiligt an profitablen Mittelständlern. Ein Erfolg, gewiss. Aber ein Erfolg, der die Frage nicht beantwortet, die am Anfang stand:
Wer finanziert die Erfinder?
Die Antwort, damals wie heute: Niemand.
„Eure Regeln sind falsch!“ — „Wir können sie aber nicht für Sie ändern.“