WIR WERDEN WEITER VERERBEN BIS ALLES IN SCHERBEN FÄLLT
I. Das Lied
1933 sangen sie: Wir werden weiter marschieren, bis alles in Scherben fällt.
Ein Wort hat sich geändert. Das Prinzip nicht.
Deutschland marschiert nicht mehr. Deutschland vererbt. Es vererbt Unternehmen, deren Gründer tot sind. Es vererbt Vermögen, deren Erzeuger niemand mehr kennt. Es vererbt Marken, deren Substanz aufgezehrt ist. Es vererbt Positionen, deren Kompetenz nicht mitvererbt wurde. Es vererbt Wohlstand, der auf einer industriellen Leistung beruht, die niemand mehr erbringt.
Und es vererbt das alles so lange weiter, bis alles in Scherben fällt.
II. Der Dichter
Thomas Mann hat das alles schon einmal geschrieben. 1901. In Lübeck. Buddenbrooks. Verfall einer Familie.
Die erste Generation baut. Johann Buddenbrook der Ältere — lebensfroh, praktisch, erfolgreich. Die zweite Generation verwaltet. Jean Buddenbrook — fromm, pflichtbewusst, noch tüchtig. Die dritte Generation repräsentiert. Thomas Buddenbrook — äußerlich brillant, innerlich erschöpft, unfähig zu erneuern. Die vierte Generation stirbt. Hanno Buddenbrook — musikalisch, sensibel, lebensmüde. Er zieht unter seinem Namen in der Familienchronik einen Schlussstrich.
Mann nannte es „Verfall einer Familie". Es war die Diagnose eines Landes. Während die Buddenbrooks verfeinern und verfallen, steigt die Familie Hagenström auf — gröber, energischer, rücksichtsloser. Die Hagenstströms bauen. Die Buddenbrooks erben.
124 Jahre später ist aus einem Roman eine Statistik geworden.
III. Die Zahlen
231.000 mittelständische Unternehmen planen ihre Schließung bis Ende 2025. Das ist ein historischer Höchststand. Niemals seit Beginn der Erfassung haben so viele Unternehmen die Aufgabe erwogen.
215.000 Unternehmen suchen einen Nachfolger. Nur 28 Prozent haben einen gefunden. Das ist der niedrigste Wert, der je gemessen wurde.
Das Durchschnittsalter der Inhaber: 54 Jahre. Im Jahr 2003 waren es 45. Die Unternehmer altern schneller als die Bevölkerung. 39 Prozent sind über sechzig. Wer jetzt übergeben will, ist im Schnitt 65,4 Jahre alt.
Ein Drittel aller Familienunternehmen scheitert beim Übergang in die zweite Generation. Zwei Drittel scheitern in der dritten. 85 Prozent scheitern in der vierten.
Hanno Buddenbrook zieht den Schlussstrich. 231.000 Mal.
IV. Die Dummensteuer
Im Jahr 2024 wurden in Deutschland Vermögen in Höhe von 113,2 Milliarden Euro vererbt und verschenkt. Darauf wurden 13,3 Milliarden Euro Steuer festgesetzt — ein neuer Rekord. Tatsächlich bezahlt wurden nur 10 Milliarden. Der durchschnittliche Steuersatz: 8,8 Prozent.
Aber diese Zahl lügt. Denn sie ist ein Durchschnitt, der eine Spaltung verbirgt.
45 Großerben erhielten 2024 zusammen Unternehmensvermögen von fast 12 Milliarden Euro. Darauf wurden zunächst 3,5 Milliarden Euro Steuer festgesetzt. Dann wurden 95 Prozent davon erlassen. Tatsächlich bezahlt: 180 Millionen Euro. Effektiver Steuersatz: 1,5 Prozent.
Wer ein mittleres Einkommen von 50.000 Euro durch Arbeit verdient, zahlt über 20 Prozent Steuern. Wer 12 Milliarden erbt, zahlt 1,5 Prozent.
Das Netzwerk Steuergerechtigkeit nennt die Erbschaftsteuer eine „Dummensteuer". Sie wird von denen bezahlt, die schlecht planen — das heißt: von denen, die zu wenig erben, um sich gute Berater leisten zu können. Die größten Erbschaften gehen nahezu steuerfrei über. Die Verschonungsregelungen für Unternehmensvermögen sind laut Subventionsbericht der Bundesregierung die größte Steuersubvention Deutschlands: rund 7 Milliarden Euro pro Jahr. Seit 2009 hat der Staat auf etwa 90 Milliarden Euro verzichtet.
90 Milliarden. Für das Recht, zu vererben, ohne zu versteuern.
V. Die Quandts
Die Familie Quandt ist das lebende Lehrbuch. Nicht für Unternehmertum. Für Vererbung.
Die Grundlagen des Vermögens: Tuchfabrik in Brandenburg, Ende des 19. Jahrhunderts. Vergrößerung durch Lieferungen an die Kriegsmarine im Ersten Weltkrieg. Weitere Vergrößerung durch Aktienspekulationen in der Weimarer Krise. Frühzeitige Unterstützung der NSDAP. Profite aus der Enteignung jüdischen Besitzes. Zwangsarbeiter in den Fabriken. Günther Quandt legte den Grundstein. Herbert Quandt rettete 1959 BMW vor dem Bankrott und baute den Konzern auf. Das war die letzte unternehmerische Leistung der Familie.
Heute kontrollieren Stefan Quandt und Susanne Klatten 48,5 Prozent der BMW-Stimmrechte. Ihr Anteil am BMW-Gewinn seit 2001: 58 Milliarden Euro. Davon 18 Milliarden als Dividende ausgeschüttet. Im Jahr 2024: zwei Milliarden Euro Dividende. Drei Millionen Euro pro Tag.
Weniger als ein Fünftel der deutschen Milliardenvermögen basiert auf Unternehmen, die vom Gründer geführt werden. Die Quandts führen BMW nicht. Sie besitzen es. Der Unterschied zwischen besitzen und führen ist der Unterschied zwischen erben und bauen. Susanne Klatten sitzt im Aufsichtsrat. Das ist etwas anderes als ein Auto zu entwickeln.
Und die Steuern? Die Dividende wird effektiv mit 1,5 Prozent besteuert, nachdem sie über Holdinggesellschaften fließt. Die Vermögensübertragung von Johanna Quandt auf ihre Kinder nutzte jede verfügbare schenkungssteuerrechtliche Regelung. Die Parteispenden an CDU und FDP — insgesamt mehrere Millionen Euro — stehen in keinem erkennbaren Missverhältnis zu den Steuerprivilegien, die erhalten bleiben.
Man könnte das für einen Zufall halten. Man könnte es auch für ein Geschäftsmodell halten.
VI. Das Buddenbrooks-Syndrom
Die Forschung nennt es das „Buddenbrooks-Syndrom", als wäre es eine Krankheit. Es ist keine Krankheit. Es ist ein Gesetz.
70 Prozent aller Vermögenstransfers an die nächste Generation scheitern. Von 3,2 Millionen Familienunternehmen in Deutschland überleben nur 30 Prozent den Übergang in die dritte Generation. Der volkswirtschaftliche Schaden: mehrere hundert Milliarden Euro jährlich.
Die Gründe sind immer dieselben. Die Zahl der Erben wächst exponentiell, die Fähigkeit sinkt arithmetisch. In der ersten Generation entscheiden ein oder zwei Personen. In der dritten zehn bis zwanzig Gesellschafter, die sich kaum noch kennen. Cousins in verschiedenen Ländern, mit verschiedenen Karrieren, verschiedenen Lebensvorstellungen. Das Familienunternehmen wird zur Kapitalanlage — oder zur lästigen Verpflichtung.
Mann hat das in einem Bild verdichtet. Hanno Buddenbrook, der letzte Spross, interessiert sich nicht für das Geschäft. Er macht Musik. Und er zieht unter seinem Namen den Strich. Nicht aus Rebellion. Aus Erschöpfung.
231.000 Hannos ziehen den Strich. Die meisten nicht aus Erschöpfung. Aus Mangel. Es gibt schlicht niemanden, der das Geschäft übernehmen will — oder kann.
VII. Was vererbt wird
Deutschland vererbt sein industrielles Erbe. Aber Erbe ist ein seltsames Wort. Es klingt nach Weitergabe. In Wahrheit ist es oft das Gegenteil.
Was vererbt wird: das Vermögen. Die Anteile. Die Immobilien. Die Marke. Der Name.
Was nicht vererbt wird: die Kompetenz, die das alles geschaffen hat. Das Ingenieurswissen. Die Risikobereitschaft. Die Fähigkeit, etwas zu bauen, das vorher nicht existierte.
Ein Familienunternehmen im Maschinenbau. Der Gründer hat eine Maschine erfunden, ein Patent angemeldet, einen Markt erschlossen. Sein Sohn hat das Geschäft erweitert, modernisiert, internationalisiert. Sein Enkel erbt die Firma, die Kunden, den Ruf. Aber er erbt nicht das Wissen, wie man eine Maschine erfindet. Er erbt nicht den Mut, ein Patent anzumelden, als alle sagen, es wird nicht funktionieren. Er erbt nicht die Nächte in der Werkstatt.
Er erbt das Ergebnis. Nicht den Prozess.
Und weil der Prozess nicht mitvererbt wird, verbraucht sich das Ergebnis. Langsam. Über eine Generation, über zwei. Manchmal über drei. Aber es verbraucht sich. Immer.
Die Hagenstströms warten schon. Heute heißen sie BYD, Tesla, CATL, Shenzhen. Sie erben nichts. Sie bauen.
VIII. Die Erbschaftsrepublik
Deutschland ist eine Erbschaftsrepublik. Das ist keine Polemik. Das ist eine Beschreibung.
113 Milliarden Euro werden jährlich steuerlich erfasst als Erbschaft oder Schenkung. Die Dunkelziffer ist höher — viele kleinere Erbschaften bleiben unter den Freibeträgen. Schätzungen gehen von 300 bis 400 Milliarden Euro jährlichem Erbvolumen aus.
In einer Gesellschaft, in der so viel vererbt wird, verschiebt sich der Schwerpunkt. Nicht Leistung bestimmt den Status, sondern Herkunft. Nicht, was jemand baut, sondern was jemand bekommt. Die reichsten zehn Prozent erben die Hälfte des Gesamtvolumens. Die ärmere Hälfte geht leer aus.
Das ist nicht nur ungerecht. Das ist innovationsfeindlich. Wer erbt, muss nicht gründen. Wer eine Firma bekommt, muss keine aufbauen. Wer Dividenden erhält, muss nichts riskieren. Die Erbschaftsrepublik belohnt das Bekommen und bestraft das Machen.
In Shenzhen gibt es keine Erbschaftsrepublik. Nicht weil China gerechter wäre — das ist es nicht. Sondern weil es dort nichts zu erben gab. Wer vor dreißig Jahren in Shenzhen stand, stand auf einem Reisfeld. Er musste bauen. Oder verhungern. Die Dringlichkeit erzeugte die Innovation.
In Deutschland gibt es keinen Hunger. Es gibt Erbschaften. Die Erbschaften erzeugen Behaglichkeit. Und Behaglichkeit erzeugt — nichts.
IX. Die beschützende Vererbung
In einem früheren Essay habe ich die beschützende Werkstatt beschrieben — die deutsche Kultur der Risikovermeidung, die alles in einen Zustand permanenter Probeproduktion versetzt. Die Erbschaftsrepublik ist die Erweiterung dieses Prinzips über Generationen.
Die beschützende Werkstatt vermeidet Risiko im Raum. Die beschützende Vererbung vermeidet Risiko in der Zeit. Beide zusammen erzeugen eine Gesellschaft, die weder in der Gegenwart noch für die Zukunft baut, sondern von der Vergangenheit lebt.
Das Erbschaftsteuerprivileg für Unternehmensvermögen wurde mit dem Argument eingeführt, es schütze Arbeitsplätze und Investitionen. Die Bedingungen: Erben dürfen das Unternehmen nicht verkaufen und nicht zu viele Mitarbeiter entlassen. Ob das tatsächlich zu mehr Investitionen führt, ist bis heute nicht belegt. Studien zeigen, dass die Privilegien dem erklärten Ziel sogar entgegenwirken können.
Die Logik ist die der beschützenden Werkstatt: Das System schützt sich selbst. Es schützt nicht die Innovation, nicht die Arbeitsplätze, nicht die Zukunft. Es schützt den Zustand. Und der Zustand ist: Verfall.
X. Söders Paradox
Markus Söder fordert, die Erbschaftsteuer komplett den Ländern zu überlassen und sie in Bayern zu halbieren. Bayern klagt in Karlsruhe gegen die bundesweit einheitlichen Freibeträge.
Das ist bemerkenswert. Denn gleichzeitig hat Bayern 1,2 Milliarden Euro in eine neue technische Universität investiert — die UTN in Nürnberg — und Bayerns Regierung feiert die Ansiedlung von KI-Unternehmen wie Anthropic und OpenAI in München als Erfolg ihrer Hightech Agenda.
Das Paradox: Söder will gleichzeitig die Zukunft bauen und die Vergangenheit beschützen. Er investiert in eine KI-Universität und will gleichzeitig Technologie-Erben steuerfrei stellen. Er will Innovation und Stillstand. Beides gleichzeitig.
Das geht nicht. Irgendwann muss man sich entscheiden: Baut man oder erbt man?
Denn jede Milliarde, die der Staat den Erben erlässt, fehlt für die Gründer. Jede Subvention, die den Bestand schützt, fehlt für den Aufbruch. Und jedes Steuerprivileg, das die Weitergabe erleichtert, macht die Neugründung relativ teurer.
90 Milliarden Euro Erbschaftsteuer-Subventionen seit 2009. Was hätte man damit bauen können? Eine europäische KI-Industrie. Eine Batteriefertigung. Ein Halbleiterwerk. Oder dreißig UTNs.
Stattdessen: 90 Milliarden für das Recht, zu vererben, was man nicht gebaut hat.
XI. Die zwei Erbschaften
Es gibt zwei Arten, etwas zu erben.
Die erste Art: Man erbt ein Werkzeug. Eine Werkstatt. Ein Wissen. Man erbt die Fähigkeit, etwas zu tun. Das japanische Schwertschmiedehandwerk wird seit Jahrhunderten vererbt — nicht als Besitz, sondern als Können. Der Erbe muss das Handwerk von Grund auf lernen, bevor er den Namen tragen darf. Das Erbe ist eine Prüfung, kein Geschenk.
Die zweite Art: Man erbt ein Ergebnis. Ein Konto. Eine Beteiligung. Einen Sitz im Aufsichtsrat. Man erbt die Früchte einer Leistung, ohne die Leistung erbracht zu haben. Das Erbe ist eine Ausschüttung, keine Verpflichtung.
Deutschland hat sich für die zweite Art entschieden. Es vererbt Ergebnisse. Konten. Beteiligungen. Aufsichtsratssitze. Es vererbt nicht das Können, sondern das Haben. Nicht den Prozess, sondern das Produkt.
Und deshalb verfällt das Produkt. Weil niemand mehr den Prozess beherrscht, der es erneuern könnte.
XII. Der Schlussstrich
Hanno Buddenbrook zog unter seinem Namen einen Strich in die Familienchronik. Sein Vater Thomas fragte entsetzt, was das bedeute. Hanno antwortete: „Ich glaubte — ich glaubte — es käme nichts mehr..."
231.000 Unternehmen glauben: Es kommt nichts mehr. Nicht weil sie gescheitert wären. Nicht weil der Markt verschwunden wäre. Sondern weil niemand mehr da ist, der übernehmen will. Weil die Erben andere Pläne haben. Oder weil es keine Erben gibt.
45 Großerben erhalten 12 Milliarden Euro und zahlen 1,5 Prozent. 231.000 Kleinunternehmer finden keinen Nachfolger und schließen ihre Betriebe. Das ist kein Widerspruch. Das ist dasselbe System. Das Vermögen fließt nach oben, zu denen, die nicht bauen. Es versickert unten, wo gebaut wurde.
Die Stiftung Familienunternehmen fordert weniger Erbschaftsteuer. Die Gewerkschaften fordern mehr. Beide haben recht. Und beide verfehlen den Punkt. Denn das Problem ist nicht die Höhe der Steuer. Das Problem ist, dass eine Gesellschaft, die mehr vererbt als gründet, ihren eigenen Untergang organisiert — steuerbegünstigt.
1933 sangen sie: Wir werden weiter marschieren, bis alles in Scherben fällt. Das war eine Drohung.
2026 vererben sie: Anteile, Dividenden, Privilegien, Marken ohne Substanz, Unternehmen ohne Nachfolger, Wohlstand ohne Kompetenz. Das ist keine Drohung. Das ist Alltag.
Thomas Mann hat Hanno Buddenbrook mit fünfzehn Jahren sterben lassen. An Typhus. In Wahrheit starb Hanno an etwas anderem: an der Weigerung, ein Erbe anzutreten, das nur aus Pflicht bestand und nicht aus Können. Er war der ehrlichste Buddenbrook — weil er den Strich zog, den die anderen nicht ziehen wollten.
231.000 Unternehmer ziehen jetzt den Strich. Nicht aus Ehrlichkeit. Aus Not. Und die 45, die 12 Milliarden erben, ziehen gar keinen Strich. Sie brauchen keinen. Für sie kommt immer noch etwas. Drei Millionen Euro pro Tag.
Wir werden weiter vererben, bis alles in Scherben fällt.
Der einzige Unterschied zu 1933: Damals wussten sie, wohin sie marschierten. Heute weiß niemand mehr, was er erbt.