Woran die FDP gescheitert ist
I. Der Befund
Bei der Bundestagswahl im Februar 2025 erhielt die Freie Demokratische Partei 4,3 Prozent der Zweitstimmen. Es ist das schlechteste Ergebnis in der Geschichte der Partei. Sie verfehlte die Fünf-Prozent-Hürde und schied aus dem Bundestag aus — zum zweiten Mal innerhalb von zwölf Jahren. Christian Lindner, der die FDP seit 2013 führte, länger als einst Hans-Dietrich Genscher, gewann nicht einmal in seinem eigenen Wahlkreis ein Mandat; er kam dort auf 4,9 Prozent der Erststimmen. Am Tag nach der Wahl erklärte er seinen Rückzug aus der aktiven Politik. Er wechselte in die Wirtschaft, in das Shareholder-Board des Personaldienstleisters Stepstone.
Eine Partei, die zweimal in zwölf Jahren aus dem Parlament fliegt, hat kein Wahlkampfproblem. Sie hat ein Substanzproblem. Das Wahlergebnis ist das sichtbare Ende eines Vorgangs, der lange vorher begonnen hat und dessen Ursache nicht in der Kampagne von 2025 liegt, sondern in dem, was die FDP über Jahre aus sich gemacht hat. Wer das Scheitern verstehen will, muss an der Oberfläche beginnen — bei dem, was alle sahen — und dann zu dem vordringen, was darunter liegt.
II. Die Oberfläche: der inszenierte Bruch
Im November 2024 zerbrach die Ampelkoalition aus SPD, Grünen und FDP. Wenige Wochen später wurde bekannt, dass die FDP-Zentrale den Bruch nicht erlitten, sondern geplant hatte. Ein achtseitiges Strategiepapier aus dem Hans-Dietrich-Genscher-Haus trug den Titel D-Day — Ablaufszenarien und Maßnahmen. Es benannte einen idealen Zeitpunkt für den Ausstieg aus der Koalition und beschrieb die Phasen des Vorgehens. Die letzte Phase trug die Überschrift Beginn der offenen Feldschlacht. Der Bundesgeschäftsführer hatte das Papier am 24. Oktober 2024 erstellt.
Die militärische Sprache war das eine. Das andere war die Lüge. Der damalige Generalsekretär hatte am 18. November 2024, als die ersten Berichte über das Papier auftauchten, öffentlich erklärt, der Begriff D-Day sei nicht verwendet worden, die Unterstellung sei eine Frechheit. Elf Tage später, als das Papier im Wortlaut vorlag, trat er zurück, zusammen mit dem Bundesgeschäftsführer. Lindner kündigte eine Aufarbeitung der Kommunikationsfehler an und bedauerte, dass dadurch die Lauterkeit der Motive habe in Frage gestellt werden können.
Dieser Vorgang hat der FDP im Wahlkampf geschadet. Etwa vierzig Prozent der Deutschen sahen in der Partei die Hauptverantwortliche für das Scheitern der Regierung. Aber die D-Day-Affäre war nicht die Ursache des Scheiterns. Sie war ein Symptom. Eine Partei, die den Bruch einer Regierung, der sie angehört, wie eine Feldschlacht plant und die Planung dann leugnet, hat ein gestörtes Verhältnis zu dem, wofür eine liberale Partei einmal stand: zu Offenheit, zu Redlichkeit, zur Achtung vor dem Bürger, dem man die Wahrheit zumutet. Die Affäre zeigte, was aus der FDP geworden war, aber sie erklärte es nicht. Die Erklärung liegt tiefer.
III. Die Verengung: aus dem Liberalismus wurde eine Klientel
Der Liberalismus ist eine der großen politischen Ideen der Moderne. Er handelt von der Freiheit des Einzelnen gegenüber der Macht — der Macht des Staates, der Kirche, der Obrigkeit, des Apparats. Er handelt von Bürgerrechten, von der Begrenzung der Herrschaft, von der Würde des Menschen, der nicht Untertan ist, sondern Bürger. Er handelt von der Freiheit des Denkens, der Rede, des Glaubens, des Erwerbs. Das ist ein großer Anspruch, und er gilt seinem Wesen nach für alle, weil die Freiheit, die nur für einige gilt, kein Liberalismus ist, sondern ein Privileg.
Was die FDP über Jahrzehnte aus diesem Anspruch gemacht hat, ist eine Verengung. Aus der Freiheit des Einzelnen wurde die wirtschaftliche Freiheit der Besserverdienenden. Aus dem großen liberalen Programm wurde die Steuersenkung, die Schuldenbremse, die Entlastung der Freiberufler und Unternehmer. Die FDP wurde, in ihrer Wahrnehmung wie in ihrer Praxis, die Partei der oberen Einkommensschichten. Sie sprach für Freiberufler, für Unternehmer, für die gut Verdienenden — und sie wurde von diesen gewählt und von den anderen nicht.
Das ist kein Problem der Kommunikation und kein Problem des Personals. Es ist ein strukturelles Problem, und es lässt sich in einem Satz fassen: Eine Partei, die für wenige spricht, wird von wenigen gewählt. Solange die FDP primär die Interessen einer Klientel bedient, wird sie um die Fünf-Prozent-Hürde kämpfen, weil die Klientel, für die sie spricht, etwa diese Größenordnung hat. Das ist keine Frage der Anstrengung. Es ist Arithmetik. Wer für fünf Prozent spricht, bekommt die Stimmen von fünf Prozent, mal mehr, mal weniger, je nach Tageslage — und fällt heraus, wenn die Tageslage schlecht ist.
Es lohnt sich, an dieser Stelle an den Ursprung zu erinnern, auf den die FDP sich gern beruft, den sie aber preisgegeben hat. Ludwig Erhard, der Vater der sozialen Marktwirtschaft, hat sein Programm nicht Wohlstand für Unternehmer genannt und nicht Wohlstand für Leistungsträger. Er hat es Wohlstand für alle genannt. Das war kein Slogan, sondern eine Bestimmung des Zwecks: Die Marktwirtschaft rechtfertigt sich nicht dadurch, dass sie einige reich macht, sondern dadurch, dass sie den allgemeinen Wohlstand hebt. Die Freiheit des Marktes ist kein Selbstzweck und kein Privileg der Erfolgreichen, sondern ein Mittel zum Wohlstand aller. Erhard hat Wohlstand und Freiheit zusammen gedacht, und er hat beides für alle gemeint, nicht für eine Klientel.
Genau dieses Erbe hat die FDP verspielt. Sie hat den Wohlstand von den vielen auf die wenigen verengt und die Freiheit von dem großen bürgerrechtlichen Anspruch auf die schmale ökonomische Entlastung. Sie hat aus einer Idee, die für alle gilt, ein Interesse gemacht, das für einige gilt. Und sie hat sich dann gewundert, dass nur einige sie wählen.
IV. Eine persönliche Erfahrung
Ich schreibe diesen Abschnitt in der ersten Person, weil ich an dieser Stelle nicht Beobachter bin, sondern Beteiligter war.
Ich bin 2016 in die FDP eingetreten. Geworben hat mich Christian Lindner, mit dem ich eine Zeit lang in persönlichem Kontakt stand. Es war die Phase des Wiederaufbaus, nach dem ersten Rauswurf aus dem Bundestag von 2013. Lindner holte die Partei aus dem Nichts zurück; 2017 zog sie wieder ins Parlament ein. Ich war Mitglied in Bonn, später in Nürnberg, und ich glaubte für eine Weile, dass hier etwas entstand — eine liberale Kraft, die gebraucht wurde.
Ich bin 2021 ausgetreten, kurz vor der Bundestagswahl, in dem Jahr, in dem die FDP in die Regierung eintrat. Der Grund war einfach, und ich nenne ihn so, wie ich ihn empfand: Ich konnte das Geschwätz nicht mehr ertragen. Ich meine damit nicht die rhetorische Begabung Lindners, die unbestreitbar ist. Ich meine die wachsende Diskrepanz zwischen der Brillanz der Rede und der Leere dessen, was gesagt wurde. Es wurde immer eleganter formuliert und immer weniger gemeint. Die Sprache lief der Sache davon. Was als liberale Erneuerung begonnen hatte, war zu einer Inszenierung geworden, in der die Form die Substanz ersetzte.
Mein Austritt fiel mit dem Moment des Machteintritts zusammen. Das war kein Zufall. Ich ging nicht, weil die Partei scheiterte — sie stand damals auf ihrem Höhepunkt. Ich ging, weil ich im Moment des Erfolgs hörte, was die Wähler vier Jahre später quittierten. Die FDP gewann die Macht und verlor die Substanz im selben Vorgang. Sie trat in eine Regierung ein, in der sie für ihre Klientel das Erreichbare herausholte — die Schuldenbremse hielt, große Steuererhöhungen blieben aus —, und sie verlor darüber jeden Anspruch, für mehr zu stehen als für diese Klientel. Am Ende inszenierte sie den Bruch dieser Regierung als Feldschlacht und flog aus dem Parlament.
V. Lindner als Personifizierung
Christian Lindner war nicht die Ursache des Scheiterns, aber er war seine vollständigste Verkörperung. Er hat die FDP zweimal geprägt: einmal im Wiederaufbau nach 2013, als seine Energie und sein Talent die Partei aus dem Nichts zurückholten, und einmal im Niedergang, als dieselben Eigenschaften, die im Aufbau trugen, im Erfolg zur Last wurden.
Die FDP unter Lindner war eine Ein-Mann-Partei. Sie war auf ihn zugeschnitten, auf seine Rhetorik, seine Auftritte, sein Gesicht auf den Plakaten. Das funktioniert in der Opposition und im Wiederaufbau, wo eine Partei eine Stimme braucht, die gehört wird. Es funktioniert nicht in der Regierung, wo eine Partei zeigen muss, dass sie für etwas steht, das über die Person ihres Vorsitzenden hinausreicht. Lindner hat die FDP so sehr mit sich selbst identifiziert, dass am Ende mit seinem persönlichen Scheitern auch die Partei fiel. Als er in seinem eigenen Wahlkreis verlor, verlor die Partei das Land.
Der Schluss war bezeichnend. Am Tag nach der Niederlage erklärte Lindner seinen Rückzug aus der aktiven Politik. Seine letzten Worte als Parteivorsitzender, abgesetzt über den Kurznachrichtendienst, lauteten, die Wahl habe eine Niederlage für die FDP gebracht, aber hoffentlich einen Neuanfang für Deutschland. Es war, als habe das Land nur auf sein Ausscheiden gewartet, um durchstarten zu können. Wenige Monate später saß er im Shareholder-Board eines Personaldienstleisters. Der Mann, der fast 25 Jahre lang von der Politik gelebt und die Partei mit sich identifiziert hatte, wechselte ohne erkennbaren Übergang in die Wirtschaft, sobald die Politik ihn nicht mehr trug. Das ist keine moralische Verfehlung — jeder hat das Recht, seinen Beruf zu wechseln. Aber es ist ein Hinweis darauf, was die Politik für ihn gewesen war: eine Position, kein Auftrag.
VI. Was das Scheitern bedeutet
Die FDP ist heute eine außerparlamentarische Partei. Ihre Mitgliederzahl, 2023 noch bei rund 72.000, lag 1990 bei über 168.000 — sie hat sich in einer Generation mehr als halbiert. Um die Nachfolge Lindners bewerben sich Gestalten aus der alten Riege. Ein Grundsatzprogramm, heißt es, täte not. Die Hoffnung ist, mit neuen Inhalten bei den nächsten Landtagswahlen wieder bessere Ergebnisse zu erzielen und nicht in Vergessenheit zu geraten.
Diese Hoffnung verkennt die Lage. Das Problem der FDP ist nicht, dass ihr die richtigen Inhalte fehlen, die man nur neu formulieren müsste. Das Problem ist, dass sie die liberale Idee auf ein Klientelinteresse verengt hat und dass keine Umformulierung dieses Interesses es zu einem Angebot für alle macht. Solange die FDP die Partei der oberen Einkommensschichten bleiben will und zugleich Volkspartei werden möchte, wird sie an diesem Widerspruch scheitern, weil man nicht für wenige sprechen und von vielen gewählt werden kann.
Und doch ist das Scheitern der FDP nicht das Ende des Liberalismus. Es ist im Gegenteil die Bedingung dafür, ihn neu zu denken. Deutschland braucht eine starke liberale Kraft — dringender denn je, in einer Zeit, in der die Freiheit des Einzelnen von vielen Seiten bedrängt wird: vom überwachenden Staat, vom bevormundenden Apparat, von den anonymen Strukturen, die das Leben der Bürger bestimmen, ohne dass man einen Verantwortlichen benennen könnte. Diese liberale Kraft kann die FDP in ihrer heutigen Gestalt nicht sein. Aber die Idee, die sie verraten hat, ist nicht mit ihr gefallen. Sie wartet darauf, von ihrer Verengung befreit zu werden — und auf das Erbe Erhards zurückgeführt zu werden, das die FDP preisgegeben hat: Wohlstand und Freiheit, beides zusammen, beides für alle.
Wie eine solche Kraft aussehen könnte, was ihr Programm wäre und woran sie sich von der gescheiterten FDP unterschiede, ist Gegenstand eines zweiten Teils. Dieser erste hatte nur die Aufgabe, den Befund zu stellen: Die FDP ist nicht an einem Wahlkampf gescheitert, nicht an einer Affäre, nicht an einer Person. Sie ist an einer Verengung gescheitert, die sie selbst vollzogen hat — und die sie, solange sie an ihr festhält, immer wieder scheitern lassen wird.
Woran die FDP gescheitert ist ist der erste Teil einer Überlegung zu einer liberalen Partei, die Deutschland braucht. Der zweite Teil wird das Programm einer solchen Partei skizzieren — unter dem Leitgedanken Wohlstand und Freiheit für alle.
Quellen: Bundeswahlergebnis 2025 (Statista, Bundeswahlleiter); ZDF, taz, Euronews zur D-Day-Affäre und den Rücktritten vom November 2024; t-online und Das Investment zur Wahlnacht und zum Rückzug Lindners; Statista zu Mitgliederzahlen und Wahlergebnissen der FDP. Die persönliche Erfahrung des Autors als FDP-Mitglied (2016–2021) ist eigenes Zeugnis.
Mai 2026