Arbeitsteilung
Von der Aufteilung der Tat zu ihrer Automatisierung.
arbeitsteilung
herrschende, mitfühlend, zart besaitet,
denen sich der magen umdreht,
wenn ihnen das hirn der opfer auf
ihre, glänzenden, schwarzen stiefel spritzt.
unbeherrschte, von den herrschenden beherscht,
robust und unbekümmert machen die drecksarbeit.
ökonomische, effiziente arbeitsteilung
und am ende sind alle unschuldig.
die einen haben niemandem ein haar gekrümmt
und die anderen haben nur befehle ausgeführt.
Hans Ley, aus: Lyrische Pflaster für wunde Seelen
I. Die Szene
Das Gedicht bezieht sich auf einen überlieferten Vorgang. Im August 1941 wohnte Heinrich Himmler bei Minsk einer Massenerschießung bei. Nach Aussagen Anwesender wurde ihm dabei übel; er war sichtlich mitgenommen, und Spritzer trafen ihn.
Der Ekel war echt. Das ist der Ausgangspunkt, und es ist keine Entlastung.
II. Was aus dem Ekel folgte
Es wäre falsch, in diesem Ekel einen Rest von Gewissen zu sehen, der zu spät kam. Er kam nicht zu spät. Er kam an — und wurde beantwortet.
Denn was folgte, war kein Innehalten, sondern eine Verfahrensfrage: Die Erschießungen seien den eigenen Leuten nicht länger zuzumuten. Aus dieser Erwägung heraus wurden Methoden entwickelt, die den Tätern den Anblick ersparen — zunächst Gaswagen, dann ortsfeste Anlagen.
Die Arbeitsteilung wurde nicht trotz des Ekels ausgebaut, sondern seinetwegen.
Damit steht die Sache anders, als sie zunächst aussieht. Der Ekel war nicht das, was hätte aufhalten können. Er war der Anlass für den nächsten Schritt. Was ihn erregte, war nicht die Tötung, sondern ihre Ausführungsart — und Ausführungsarten lassen sich ändern.
Wer daraus schlösse, der Empfindsame sei immerhin kein Heuchler gewesen, hätte den Vorgang nicht verstanden. Es geht nicht um Heuchelei. Es geht darum, dass sich Empfinden und Handeln trennen lassen, ohne dass der Handelnde einen Widerspruch bemerkt. Das ist schlimmer als Heuchelei, weil es keine Verstellung erfordert.
III. Die Linie
Von hier führt eine Linie, und sie hat ihre eigene Logik.
Die Guillotine. 1792 in Frankreich eingeführt und als Fortschritt begründet: dieselbe Hinrichtungsart für alle Stände, schneller Tod, kein fehlgehender Hieb, keine Abhängigkeit von der Geschicklichkeit oder der Verfassung des Scharfrichters. Das trifft alles zu. Und im selben Zug wird aus dem Scharfrichter, der zuschlägt, ein Mann, der einen Hebel bedient. Die Tat ist noch da; ihre Ausführung ist ein Handgriff geworden.
Die Anlage. Anderthalb Jahrhunderte später ist der Handgriff eine geöffnete Büchse, die durch eine Öffnung geschüttet wird. Der Ausführende sieht das Ergebnis nicht. Alles Übrige — Zuführung, Erfassung, Beseitigung — ist auf Stellen verteilt, von denen jede etwas tut, das für sich genommen niemanden tötet.
Der Koffer. Heute genügt eine Freigabe. Sie besteht aus einer Zahlenfolge, sie wird an einem Gerät eingegeben, und wer sie eingibt, empfindet dabei nichts, was der Wirkung entspräche. Zwischen dem Handgriff und dem, was aus ihm folgt, besteht keine Ähnlichkeit mehr.
Der Fluchtpunkt der Arbeitsteilung ist die Automatisierung. Erst wird die Tat auf viele verteilt, dann wird jeder Teilschritt so weit vereinfacht, dass ein Gerät ihn übernehmen kann, und am Ende bleibt eine einzige Bewegung übrig, die mit ihrer Wirkung nichts mehr gemein hat.
Jeder Schritt auf diesem Weg ist mit denselben Gründen gerechtfertigt worden, mit denen Arbeitsteilung immer gerechtfertigt wird: zuverlässiger, wirtschaftlicher, weniger belastend für die Beteiligten.
IV. Das Wort
Arbeitsteilung ist der Begriff, mit dem seit Adam Smith der Wohlstand erklärt wird. Jeder tut, was er am besten kann, keiner muss alles können, und alle zusammen bringen mehr zustande als jeder für sich. Das ist die Grundlage jeder entwickelten Gesellschaft, und es stimmt.
Dasselbe Wort erklärt, warum am Ende niemand mehr zuständig ist.
Kein Wortspiel, sondern derselbe Vorgang. Eine Aufgabe wird zerlegt, jeder Schritt einem Zuständigen gegeben, die Summe ergibt das Ergebnis. Nur wird dabei nicht Arbeit geteilt, sondern Verantwortung — und die verhält sich beim Teilen anders.
Arbeit addiert sich. Zehn Leute schaffen mehr als einer.
Verantwortung addiert sich nicht. Sie verdünnt sich. Zehn Leute, die je ein Zehntel tun, tragen zusammen weniger als einer, der alles tut — nicht weil weniger geschieht, sondern weil jeder auf seinen Teil zeigen kann, und ein Zehntel trifft niemanden.
V. Wo die Teilung umschlägt
Nicht jede Aufteilung entlastet. Ein Krankenhaus ist arbeitsteilig, eine Werkzeugmaschine wird von Dutzenden gebaut, ein Flugzeug von Tausenden. Nichts davon ist verdächtig.
Die Stelle, an der es umschlägt, lässt sich benennen: Wenn eine Teilstelle das Ergebnis nicht mehr sehen kann, für das sie arbeitet.
Solange der Chirurg den Patienten sieht, trägt die Teilung. Sobald jemand nur noch ein Formular bearbeitet, dessen Wirkung er nicht kennt, ist die Rückkopplung durchtrennt — und mit ihr die Möglichkeit, die eigene Arbeit an ihrem Ergebnis zu messen.
Zwei Dinge geschehen dann zugleich und stützen einander.
Der Ausführende kann nicht mehr urteilen, weil er das Ganze nicht sieht.
Der Entscheidende muss nicht mehr hinsehen, weil er den Vorgang bestimmt und nicht die Ausführung.
Beide sind aufrichtig, wenn sie sagen, sie hätten nichts getan. Und beide haben recht — für ihren Teil.
VI. Eine notwendige Unterscheidung
Dieselbe Bauform findet sich in Vorgängen, die mit dem Vorstehenden nichts gemein haben als eben die Bauform. Eine Lieferkette über sechs Länder, an deren Anfang niemand hinsieht. Eine Kennzahl, die an die Stelle des Ziels tritt, sodass für das Ziel niemand mehr zuständig ist. Ein Verfahren aus vielen Regeln, das am Ende zu einer Entscheidung führt, die keiner angeordnet hat.
Diese Fälle sind mit dem historischen nicht vergleichbar, und dieser Satz gehört ausdrücklich hierher. Wer das eine zur Erklärung des anderen benutzt, verharmlost das eine und überhöht das andere.
Übertragbar ist allein die Frage, nicht das Urteil: Sieht die Teilstelle, wofür sie arbeitet? Wo die Antwort nein lautet, stimmt mit dem Verfahren etwas nicht — und wie schwer das wiegt, entscheidet nicht die Bauform, sondern das, was am Ende der Kette geschieht.
VII. Warum es so schwer zu ändern ist
Weil die Aufteilung nicht der Fehler ist, sondern die Leistung.
Ein Gemeinwesen, das nur täte, was ein Einzelner überblickt, bliebe auf die Größe eines Dorfes beschränkt. Alles Weitere verlangt, dass Menschen an Dingen arbeiten, deren Ganzes sie nicht sehen. Wer das abschafft, schafft die moderne Gesellschaft ab.
Die Antwort kann also nicht lauten, weniger zu teilen, sondern die Rückkopplung wiederherzustellen: dafür zu sorgen, dass jede Teilstelle erfährt, was aus ihrer Arbeit wird.
Wie unwillkommen das ist, zeigt ein Vorschlag aus dem Jahr 1981. Ein amerikanischer Rechtswissenschaftler schlug vor, die Startcodes für Kernwaffen in einer Kapsel neben dem Herzen eines Freiwilligen einzupflanzen. Wer sie braucht, müsste diesen einen Menschen zuerst mit eigener Hand töten. Alles Übrige bliebe, wie es ist.
Aus dem Verteidigungsministerium kam sinngemäß die Antwort, das sei entsetzlich: Jemanden töten zu müssen, würde das Urteilsvermögen des Präsidenten trüben.
Genau darum ging es. Der Einwand bestätigt den Vorschlag. Man hält es für einen Vorzug, dass die Entscheidung ohne die Empfindung getroffen wird, die zu ihr gehört.
VIII. Was bleibt
Der Ekel war das letzte Hindernis. Er saß nicht in der Überlegung, sondern im Körper, und deshalb ließ er sich nicht wegargumentieren.
Er ließ sich wegkonstruieren.
Nicht durch Abstumpfung und nicht durch Überredung, sondern durch Verfahren: durch Aufteilung, bis kein Teilschritt mehr aussieht wie das Ganze, und durch Automatisierung, bis vom letzten Handgriff nichts übrig ist als das Umlegen eines Hebels, das Ausschütten einer Büchse, die Eingabe einer Zahlenfolge.
Am Ende hat das Untier gesiegt — nicht weil es stärker gewesen wäre als das Gewissen, sondern weil es gelernt hat, ihm auszuweichen.