Ausbruchssicher
Was wäre, wenn in der Ukraine Frieden wäre? Ein einziger deutscher Industriezweig wächst — und er wächst, weil Krieg ist.
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unbemerkt war über nacht
der frieden ausgebrochen,
doch schnell hatte man ihn
wieder eingefangen.
seitdem ist er im
ausbruchssicheren
hochsicherheitsgewahrsam
und kann unsere geschäfte
jetzt nicht mehr stören.
Hans Ley, aus: Lyrische Pflaster, 2024
Die Frage klingt zynisch, und sie ist es nicht. Sie lautet nicht, ob Frieden wünschenswert wäre — das ist er, und dieser Text nimmt es als gegeben. Sie lautet: Was käme zum Vorschein, wenn er einträte?
I. Was der Krieg nicht getan hat
Zuerst muss ein Missverständnis ausgeräumt werden, denn es liegt nahe und ist falsch. Deutschland profitiert nicht vom Krieg. Die Zahlen lassen daran keinen Zweifel.
Der Index der Industrieproduktion, Jahresdurchschnitte, 2021 gleich hundert: Das verarbeitende Gewerbe stand 2019 bei 105,2 und liegt im ersten Halbjahr 2026 bei 92,0. Der Maschinenbau fiel von 107,0 auf 84,5. Der Fahrzeugbau von 127,2 auf 106,2.
Gegenüber 2019 liegt das verarbeitende Gewerbe damit zwölfeinhalb Prozent tiefer, der Maschinenbau einundzwanzig, der Fahrzeugbau siebzehn.
Dazu die Energie. Erdgas für industrielle Abnehmer, ohne Steuern: 2,38 Cent je Kilowattstunde im ersten Halbjahr 2021, im Spitzenjahr 2023 6,68 Cent, zuletzt 5,52 Cent — mehr als das Doppelte des Ausgangswerts, und der Rückgang vom Höchststand ist längst zum Stillstand gekommen. Strom für industrielle Abnehmer: von 7,34 auf 16,13 Cent.
Das ist die Rechnung, die Deutschland bezahlt hat. Sie ist hoch, und sie ist nicht der Gegenstand dieses Textes.
II. Die eine Zeile, die nach oben zeigt
In derselben Statistik steht eine Zeile, die sich anders verhält. Waffen und Munition: 2019 bei 90,5, im Jahr 2021 bei 100,0, 2023 bei 128,2, 2025 bei 188,7 und im ersten Halbjahr 2026 bei 186,9.
Gegenüber 2019 ein Plus von hundertsechs Prozent. Im Juni 2026 stand der Monatswert bei 303,5 — mehr als das Dreifache des Niveaus von 2021.
Der Verlauf ist aufschlussreich. Bis August 2022 lag der Index unter hundert; im September 2022 sprang er auf 163 und blieb dort. Die Kurve beginnt nicht mit der Invasion, sondern ein halbes Jahr danach — mit den ersten großen Beschaffungsentscheidungen.
Damit steht es so: Im deutschen verarbeitenden Gewerbe gibt es gegenwärtig genau einen Zweig, der kräftig wächst, und er wächst, weil Krieg ist.
III. Was Frieden nähme
Er nähme zweierlei, und das Zweite wiegt schwerer.
Er nähme den Wachstumsposten. Wie schnell, ist offen — Lagerbestände müssen aufgefüllt, Zusagen eingelöst werden, und die europäischen Beschaffungsprogramme laufen über Jahre. Aber die Richtung ist eindeutig, und sie trifft eine Branche, die gerade Kapazitäten aufgebaut hat.
Er nähme die Begründung. Und das ist der eigentliche Punkt.
Die Lockerung der Schuldenbremse wurde sicherheitspolitisch begründet. Die hohen Energiepreise werden als Preis der Unabhängigkeit von russischem Gas getragen. Das Ausbleiben einer ernsthaften Debatte über den Zustand des Maschinenbaus hat viele Ursachen, und eine davon ist, dass anderes dringlicher erschien.
Frieden nähme all dem den Vorwand. Die Schulden blieben, die Energiepreise blieben, der Maschinenbau bliebe bei vierundachtzig Punkten — nur ohne die Erklärung, warum das gerade jetzt hinzunehmen sei.
IV. Die Rechnung, die dann offenläge
Es gibt eine These, die in Berlin gern vorgetragen wird: Die Verteidigungsausgaben seien der Ersatz für die verlorenen Exportmärkte. Was China wegnimmt, hole die Rüstung zurück.
Sie hält nicht, und das ist auch außerhalb Deutschlands aufgefallen. Selbst bei einem Anstieg der Verteidigungsausgaben auf dreieinhalb Prozent der Wirtschaftsleistung fließt nur ein Bruchteil davon in Ausrüstung, und der Sektor ist zu klein, um die Nachfrage für ein verarbeitendes Gewerbe zu tragen, das ein Fünftel der Volkswirtschaft ausmacht.
Unsere eigene Rechnung an den Zolldaten hat gezeigt, worin das Problem im Maschinenbau tatsächlich besteht: Der deutsche Werkzeugmaschinenexport nach China fiel zwischen 2018 und 2025 um 1.039 Millionen Euro, während der Import aus China um 51 Millionen stieg — ein Verhältnis von zwanzig zu eins. Es ist kein Importschock, sondern ein Marktverlust. Und der Export in die Welt insgesamt fiel um sechzehn Prozent, wovon der China-Anteil nur etwa die Hälfte ausmacht.
Kein Rüstungsauftrag behebt das. Er verdeckt es.
V. Die Versuchung
Es gibt einen weiteren Grund, warum ein plötzlicher Frieden unbequem wäre, und er wird selten ausgesprochen.
Er brächte die Möglichkeit billigen russischen Gases zurück. Bei einem Industriepreis, der sich gegenüber 2021 mehr als verdoppelt hat, wäre der Druck erheblich — und die Verlockung, genau die Abhängigkeit wiederherzustellen, deren Beendigung teuer erkauft wurde.
Wer glaubt, diese Entscheidung sei gefallen, sollte sich die Energiekosten ansehen und überlegen, welche Argumente in einer Branche wiegen, die seit sechs Jahren schrumpft.
VI. Der eigentliche Befund
Damit lässt sich die Ausgangsfrage beantworten, und die Antwort ist unbequemer als die Vermutung, mit der man beginnt.
Es ist nicht so, dass Deutschland den Krieg braucht. Es ist so, dass der Krieg eine Anpassung verhindert hat, die ohnehin fällig war — und dass diese Anpassung mit jedem Jahr teurer wird.
Wir haben an anderer Stelle beschrieben, was mit einer Ordnung geschieht, die kleine Störungen unterdrückt: Die Spannung läuft auf und entlädt sich auf einmal. Genau das ist hier zu besichtigen. Der Krieg hat die kleinen Korrekturen unnötig gemacht, weil er größere Sorgen lieferte. Was sich in diesen Jahren nicht angepasst hat, wird sich später anpassen müssen, und dann nicht mehr in Portionen.
Frieden wäre demnach nicht das Problem. Er wäre der Zeitpunkt, an dem sichtbar wird, was ohnehin da ist.
VII. Was dagegen spricht
Drei Einwände nehmen wir an.
Der Übergang ist nicht abrupt. Waffenlager müssen aufgefüllt werden, auch nach einem Waffenstillstand; Beschaffungsprogramme laufen über ein Jahrzehnt. Der Rüstungsposten bräche nicht weg, er würde langsamer wachsen. Das mildert den Vorgang und hebt ihn nicht auf.
Frieden brächte auch Entlastung. Niedrigere Energiepreise, Wiederaufbaunachfrage aus der Ukraine, geringere Aufwendungen für Geflüchtete, ein ruhigeres Investitionsklima. Es ist offen, ob die Bilanz negativ ausfiele; wir behaupten es nicht. Behauptet wird nur, dass die Verdeckung endet.
Und die Zahlen taugen nicht als Motiv. Aus der Beobachtung, dass ein Land in einer Lage bestimmte Vorteile hat, folgt nicht, dass es diese Lage will. Wer aus dieser Rechnung ableitet, deutsche Politik verlängere den Krieg absichtlich, benutzt sie für etwas, wofür sie nicht taugt — und tut genau das, was die Gegenseite dieses Krieges seit Jahren versucht.
VIII. Zurück zum Gedicht
1989 war der Frieden über Nacht ausgebrochen. Was danach kam, war nicht seine Einkerkerung durch eine finstere Absicht, sondern etwas Alltäglicheres: Man hat ihn nicht gebraucht, um die eigenen Verhältnisse zu ordnen, und deshalb nicht daran gearbeitet, ihn zu behalten.
Die Friedensdividende wurde verbraucht, nicht angelegt. Die Bundeswehr wurde verkleinert, ohne dass die Ersparnis in etwas anderes Tragfähiges floss. Die Abhängigkeit von billiger Energie aus einer Richtung wurde vertieft. Die Frage, wovon dieses Land in zwanzig Jahren leben soll, wurde nicht gestellt, solange die Antwort sich von selbst zu ergeben schien.
Jetzt sitzt der Frieden im ausbruchssicheren Gewahrsam, und die Geschäfte laufen. Nur laufen sie in genau einer Zeile der Tabelle.
Das ist der Preis dafür, eine Anpassung aufzuschieben: Man behält die Zahlen und verliert die Substanz. Und irgendwann kommt jemand und öffnet die Zellentür.