Hannover Messe, April 2026. Bundeskanzler Friedrich Merz erzählt von einem Telefonat mit Donald Trump. Es ging um 6G — den nächsten Mobilfunkstandard, der die digitale Infrastruktur der nächsten Jahrzehnte bestimmen wird. Merz hatte Trump eine gemeinsame westliche Initiative vorgeschlagen. Trump wollte nicht.
Und dann sagt Merz sinngemäß: Wenn die Amerikaner das nicht wollen — verdammt noch mal, warum machen wir das dann nicht selbst?
Der Satz ist bemerkenswert. Nicht wegen 6G. Wegen allem was dahintersteht.
I. Was Dahrendorf 2003 gesehen hat
Ralf Dahrendorf hat in seinen Acht Anmerkungen zum Populismus, erschienen 2003 in der Wiener Zeitschrift Transit, eine Diagnose formuliert die heute präziser klingt als damals:
Parlamente existieren in Nationalstaaten und in ihren Teilen wie Ländern und Kommunen. Indes sind die Räume, in denen politische Entscheidungen heute getroffen werden, diffuser geworden. Aus gutem Grund ist zunehmend von Governance statt von Government die Rede. Wir werden regiert, ohne dass man mit dem Finger auf Regierungen zeigen könnte, die das bewerkstelligen. Die Diffusion der Macht reicht zudem vom Globalen bis zum Lokalen.
— Ralf Dahrendorf, Transit, Wien 2003
Dahrendorf beschreibt den Übergang von Government zu Governance — von Regierung zu Steuerung. Government ist sichtbar: ein Parlament beschließt, eine Regierung handelt, Bürger können abwählen. Governance ist diffus: Normen entstehen in internationalen Gremien, Standards werden von Konsortien gesetzt, Entscheidungen fallen in Verhandlungen die niemand beobachtet. Die Macht ist real. Aber man kann nicht mit dem Finger auf sie zeigen.
Das ist kein technokratisches Detailproblem. Es ist die strukturelle Grundlage auf der die Megamaschine operiert. Sie braucht keine Regierung. Sie braucht Governance — diffuse, nicht zurechenbare, nicht abwählbare Steuerung die im Namen des Allgemeinwohls handelt ohne dafür demokratisch legitimiert zu sein.
II. Was der Fluch verrät
Merz' "verdammt noch mal" ist kein Ausrutscher. Es ist ein Moment der Klarheit — ein kurzer Riss in der Governance-Fassade durch den das eigentliche Problem sichtbar wird.
Ein Kanzler der stärksten Wirtschaft Europas ruft den amerikanischen Präsidenten an und bittet um Erlaubnis einen technologischen Standard mitzugestalten. Der Präsident sagt nein. Und der Kanzler ist überrascht — oder tut so als wäre er überrascht — und fragt sich öffentlich ob Europa das vielleicht alleine tun könnte.
Die Frage stellt sich dreifach. Erstens: Warum fragt ein souveräner Staatschef den amerikanischen Präsidenten ob Europa einen eigenen Technologiestandard entwickeln darf? Zweitens: Warum ist die Antwort "wir machen das selbst" eine Überraschung und kein Selbstverständnis? Und drittens — das ist die eigentliche Frage: Wenn Merz das für 6G richtig erkennt, warum gilt dasselbe nicht für alles andere?
Für Halbleiter. Für KI-Infrastruktur. Für Zahlungssysteme. Für Verteidigung. Für Energieversorgung. Für die strategischen Abhängigkeiten die Deutschland und Europa in dreißig Jahren aufgebaut haben während sie glaubten Globalisierung sei immer gut und strategische Überlegungen seien anachronistisch.
III. Das Detail und das Ganze
6G ist ein wichtiges Detail. Es ist nicht das Ganze.
Das Ganze ist was Dahrendorf beschrieben hat: eine Welt in der politische Entscheidungen in Räumen fallen die demokratisch nicht kontrolliert werden. In der Normen von Konsortien gesetzt werden in denen Konzerne sitzen aber keine Bürger. In der Abhängigkeiten entstehen nicht durch Beschlüsse sondern durch tausend kleine Entscheidungen die jede für sich vernünftig scheinen und zusammen eine Struktur ergeben die niemand so gewollt hat — und die niemand mehr ändern kann ohne massive Kosten zu tragen.
Das ist die Megamaschine in ihrer reinsten Form: kein Plan, kein Komplott, keine böse Absicht. Nur Rückkopplungsschleifen die Abhängigkeit erzeugen, Pfadabhängigkeiten die Alternativen verbauen, Governance-Strukturen die Macht diffundieren bis niemand mehr für irgendetwas verantwortlich ist.
Merz flucht über 6G. Aber die Frage "verdammt noch mal, warum machen wir das nicht selbst?" hätte vor zehn Jahren gestellt werden müssen — als KUKA an China verkauft wurde. Als die Energieabhängigkeit von Russland systematisch ausgebaut wurde. Als Europa seine Halbleiterindustrie verkommen ließ. Als die digitale Infrastruktur auf amerikanischen Plattformen aufgebaut wurde. Als die Zahlungssysteme ohne europäische Alternative blieben.
Bei all dem gab es keinen Fluch. Nur Governance.
IV. Warum niemand nachdenken will
Dahrendorf hat nicht nur das Problem beschrieben — er hat auch erklärt warum es sich nicht löst. Die Governance-Lücken sind Orte an denen der Bazillus des Populismus gedeiht, schreibt er. Wo demokratische Institutionen nicht hinreichen entsteht das Vakuum das Vereinfacher füllen.
Aber der Populismus ist nicht die Ursache. Er ist das Symptom. Die Ursache ist dass niemand mit dem Finger auf die Macht zeigen kann. Wer nicht zeigen kann wer entscheidet kann auch nicht fragen warum so entschieden wurde. Wer nicht fragen kann kann nicht widersprechen. Wer nicht widersprechen kann kann nicht verändern.
Das ist das Design — nicht einer Verschwörung, sondern der Megamaschine selbst. Governance ist effizienter als Government. Konsortien entscheiden schneller als Parlamente. Märkte reagieren rascher als Demokratien. Und jede dieser Effizienzen ist für sich genommen vernünftig. Zusammen ergeben sie eine Struktur in der demokratische Kontrolle systematisch ausgehöhlt wird — ohne dass jemand das beschlossen hätte.
Niemand will darüber nachdenken weil nachdenken bedeuten würde zu erkennen wie tief die Abhängigkeit geht. Wie viel aufzugeben wäre um sie zu überwinden. Wie viele Entscheidungen nicht bei Regierungen liegen sondern bei Märkten, Konsortien, Rating-Agenturen, Plattformen, Protokollen.
Ein Kanzler der das wirklich durchdenkt kann nicht mehr "Zuversicht, das ist der Geist" sagen. Er muss anfangen zu benennen was er nicht kontrolliert. Und dann erklären warum er es trotzdem akzeptiert. Das ist politisch nicht überlebensfähig. Also denkt man es nicht zu Ende.
V. Warum niemand etwas verändern will
Selbst wenn jemand nachdenken würde — die Veränderung scheitert an der Struktur.
Die Governance-Räume die Dahrendorf beschreibt sind nicht demokratisch reformierbar weil sie außerhalb demokratischer Kontrolle entstanden sind. Die WTO-Normen werden nicht im Bundestag beschlossen. Die EZB-Zinspolitik nicht im Europäischen Parlament. Die 5G-Standards nicht von gewählten Vertretern. Die Dateninfrastruktur nicht von Bürgern.
Wer diese Räume demokratisieren will muss gegen die Interessen aller ankämpfen die von ihrer Intransparenz profitieren — Konzerne, Lobbyisten, Technokraten, und nicht zuletzt die Regierungen selbst die ihre Handlungsfreiheit in diesen Räumen genießen ohne parlamentarische Kontrolle fürchten zu müssen. Das ist die Megamaschine als Selbsterhaltungssystem: sie hat keine Interessen, aber sie hat Strukturen die jeden Anreiz zur Veränderung systematisch unterdrücken.
Merz' Fluch über 6G ist deshalb so bezeichnend. Er erkennt ein Detail. Er reagiert mit dem richtigen Reflex — warum machen wir das nicht selbst? Aber der Reflex bleibt Reflex. Er wird nicht zur Frage: Warum haben wir das jahrzehntelang nicht selbst gemacht? Und er wird erst recht nicht zur Konsequenz: Was müssen wir an den Strukturen verändern damit wir es künftig können?
Denn diese Konsequenz würde bedeuten anzuerkennen dass die Governance-Architektur der letzten dreißig Jahre ein Fehler war. Dass die Diffusion der Macht kein Naturgesetz ist sondern eine politische Entscheidung die rückgängig gemacht werden kann — aber nur durch den Aufbau von Institutionen, Kompetenzen und strategischen Kapazitäten die heute nicht existieren.
Das ist die eigentliche Arbeit. Nicht ein Telefonat mit Trump. Nicht ein Fluch auf einer Messe. Sondern die mühsame, unspektakuläre, jahrzehntelange Arbeit an Strukturen die demokratische Kontrolle über die Räume zurückgewinnen in denen heute über unser Leben entschieden wird.
Wir werden regiert, ohne dass man mit dem Finger auf Regierungen zeigen könnte, die das bewerkstelligen. Das bedeutet, dass vielerorts institutionelle Lücken entstanden sind — Räume für die wir keine demokratischen Einrichtungen haben.
— Ralf Dahrendorf, 2003. Dreiundzwanzig Jahre später flucht ein Bundeskanzler über einen Mobilfunkstandard. Die Lücken sind größer geworden.