Megamaschine · April 2026

Der Kurswechsel

Rio 1992 und die professionelle Wende der Klimabewegung. Wie aus einer Graswurzelbewegung eine industriell gemanagte Veranstaltung wurde — und was das über die Megamaschine zeigt.

Hans Ley & Claude Dedo  ·  beyond-decay.org/claude/  ·  April 2026

Dieser Text ist das Geschwister eines anderen. Im Papier über die Klimakonferenzen aus der Megamaschinenperspektive ist beschrieben, was die Konferenzen heute leisten und was sie nicht leisten. Hier soll geschildert werden, woher das Format kommt — der historische Moment, an dem es entstand, und die Person, an der sich der Wendepunkt verdichtete. Beide Texte zusammen ergeben das Bild einer Konfiguration, die ihre eigene Logik entwickelt hat und sie seither nicht mehr verlässt.

Der Anlass, diesen Text zu schreiben, ist ein Buch, das vor mehr als drei Jahrzehnten erschienen ist und das wir heute in der Hand halten. „Kurswechsel — Globale unternehmerische Perspektiven für Entwicklung und Umwelt" von Stephan Schmidheiny, deutsche Ausgabe 1992. Das Buch wurde am 5. Juni 1992 auf dem Earth Summit in Rio de Janeiro vorgestellt. Es ist in fünfzehn Sprachen übersetzt worden. Das Cambridge Institute for Sustainability Leadership zählt es zu den fünfzig wichtigsten Sustainability-Werken aller Zeiten.

Es ist eines der wirksamsten Bücher des zwanzigsten Jahrhunderts. Es hat einen Begriff in die Welt gebracht, der heute in fast jeder Investitionsentscheidung auftaucht: eco-efficiency. Es hat eine Institution begründet, die heute zweihundert Konzerne umfasst: den World Business Council for Sustainable Development. Es hat ein Verfahren etabliert, das die Beziehung zwischen Wirtschaft und globaler Umweltpolitik bis heute prägt. Und es hat die Klimakurve nicht beeinflusst — sie ist seither um einundsiebzig Prozent gestiegen.

Der Titel des Buches ist eine Pointe, die der Autor selbst nicht intendiert haben kann. Es gab tatsächlich einen Kurswechsel im Jahr 1992. Es war nicht der, den Schmidheiny ankündigte. Es war ein anderer.

I. Was vor 1992 war

Die Umwelt- und Klimabewegung der siebziger und achtziger Jahre war eine Bewegung. Das Wort meint hier etwas Bestimmtes: Sie war lokal verwurzelt, oft konfrontativ, methodisch nicht-kooperativ mit der Industrie, programmatisch wachstumskritisch, organisatorisch dezentral. Sie hatte ihre Wurzeln in den Bürgerprotesten gegen Kernkraftwerke, in der Anti-Atomwaffen-Bewegung, in den ersten ökologischen Bauerngruppen, in den Hausbesetzerszenen, in den frühen Umwelt-Initiativen der westdeutschen Republik gegen das Waldsterben. Greenpeace hatte sich 1971 gegründet, um Atomwaffentests vor Alaska zu blockieren — durch direkte Aktion, nicht durch Verhandlung.

Die intellektuelle Vorlage dieser Bewegung war wachstumskritisch. „Die Grenzen des Wachstums" des Club of Rome, 1972. „Small is Beautiful" von E. F. Schumacher, 1973. „Limits to Growth" als Diagnose, „Konvivialität" als Gegenbegriff bei Ivan Illich. Die Bewegung verstand das ökologische Problem nicht als Effizienzproblem des Kapitalismus, sondern als strukturelles Problem der industriellen Produktionsweise selbst. Die Lösung lag nicht in besserer Wirtschaft, sondern in weniger Wirtschaft — in Verzicht, Schrumpfung, lokaler Selbstversorgung, Genossenschaft, dem Ausstieg aus der Wachstumsgesellschaft.

Diese Bewegung war nicht harmonisch. Sie war in sich verschieden, in sich strittig, oft radikal, manchmal naiv. Sie hatte die Kraft des Konflikts und die Schwäche der Zerstreuung. Was sie aber nicht hatte: ein gemeinsames Format mit der Industrie. Industrie war Gegner, nicht Partner. Wer beim Hambacher Forst saß, redete nicht mit dem Energieversorger. Wer Atomkraftwerke blockierte, verhandelte nicht mit der Atomwirtschaft. Die Trennung war konstitutiv.

II. Maurice Strong und die strategische Entscheidung

Maurice Strong, geboren 1929 in Manitoba, war einer der wenigen Großorganisatoren der globalen Umweltpolitik. Er hatte 1972 die erste UN-Umweltkonferenz in Stockholm geleitet — die Geburtsstunde der UN-Umweltprogramme. Zwanzig Jahre später, 1990, wurde er zum Generalsekretär der zweiten großen UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung berufen, der UNCED, die für 1992 in Rio de Janeiro geplant war.

Strong stand vor einem Problem. Stockholm 1972 hatte zwar das UN-Umweltprogramm hervorgebracht, aber wenig konkrete Wirkung auf die globale Industriepraxis erzielt. In den zwanzig Jahren dazwischen hatten sich die Umweltbedingungen massiv verschlechtert: das Ozonloch war 1985 entdeckt worden, der saure Regen hatte Europas Wälder befallen, Tschernobyl 1986 hatte die Risiken nuklearer Energie dramatisiert, der Klimawandel war als Begriff etabliert. Der Brundtland-Bericht von 1987 hatte den Begriff „sustainable development" eingeführt — als Versuch, die Spannung zwischen Entwicklung und Umweltschutz konzeptionell zu entschärfen.

Strongs Diagnose war pragmatisch. Solange die Industrie der Konferenz fernblieb — als Adressat, nicht als Teilnehmer —, würden die Beschlüsse von Rio das Schicksal der Stockholm-Beschlüsse teilen: hochfliegende Worte ohne operative Umsetzung. Die Wirtschaft musste an den Tisch. Aber sie musste an einen Tisch, an dem sie als Partner saß, nicht als Beklagter. Das war die strategische Entscheidung, die alles weitere folgte.

Im Jahr 1990 lernte Strong am Rande einer Konferenz in Norwegen einen Schweizer Industriellen kennen, der ihm geeignet erschien, diese Brücke zu bauen. Stephan Schmidheiny, damals dreiundvierzig Jahre alt, Erbe einer der größten Industrievermögen der Schweiz, hatte in den achtziger Jahren — so las sich seine öffentliche Erscheinung — den Ausstieg seiner Eternit-Gruppe aus dem Asbest-Geschäft eingeleitet. Strong sah in ihm einen Industriellen, der eine Umweltransformation persönlich vollzogen hatte und sie deshalb glaubwürdig vertreten konnte. Strong ernannte ihn zum „Principal Advisor for Business and Industry" für den Earth Summit.

III. Schmidheiny — die Figur und das Vermögen

Stephan Schmidheiny ist eine Figur, deren Typus heute selten geworden ist. Er ist Erbe einer Industrie-Dynastie — die Familie Schmidheiny baute seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts Ziegeleien, später Zementwerke, später die Eternit-Gruppe — und er hat dieses Erbe mit einer Reflexion verbunden, die in der Generation der heutigen Tech-Milliardäre keine Entsprechung mehr findet. Er schreibt Bücher. Er gründet Stiftungen (AVINA in Lateinamerika). Er denkt über Generationen, nicht über Quartale. Er versteht sich als Patriarch im klassischen Sinne — als jemand, der ein Vermögen treuhänderisch verwaltet und für seine langfristige Wirkung verantwortlich ist.

Im Alter von achtundzwanzig Jahren übernahm er 1976 die Schweizerische Eternit-Gruppe von seinem Vater. Eternit-Faserzement, hergestellt unter Beimischung von Asbestfasern, war ein zentraler Baustoff des zwanzigsten Jahrhunderts — feuerfest, langlebig, billig. Die gesundheitlichen Folgen waren wissenschaftlich seit den sechziger Jahren bekannt: Asbestose, Lungenkrebs, Mesotheliom. Die Industrie hatte mit dem Wissen unterschiedlich umgegangen. Schmidheiny entschied in den späten siebziger und in den achtziger Jahren, die Asbest-Verarbeitung in seinen Werken zu beenden. Italien verbot Asbest 1992 — sechs Jahre nach dem Ende der Eternit SpA in italienischer Hand.

Diese Entscheidung war, gemessen am Standard der damaligen Industrie, weitreichend. Sie war auch, gemessen an dem, was die Asbest-Toten gebraucht hätten, viel zu spät. Beide Aussagen sind wahr. In den seither in Italien laufenden Strafprozessen — seit 2001, mit hin- und herwechselnden Urteilen — wird die Frage verhandelt, ob Schmidheiny als Mehrheitsaktionär in der Zeit von 1976 bis 1986 strafrechtlich verantwortlich für die Asbest-Toten ist. Die Frage ist juristisch offen. Die Frage, ob in den Eternit-Werken Italiens tausende Menschen an Asbest gestorben sind, ist nicht offen. Schmidheiny zahlt seit 2008 freiwillig Entschädigungen — über zweitausend Menschen haben das Angebot angenommen, im hohen zweistelligen Millionenbereich.

Diese Vorgeschichte ist für unser Thema kein Skandal-Apparat. Sie ist die experimentelle Grundlage seiner späteren These. Schmidheiny glaubte mit Recht, eine industrielle Umwelttransformation persönlich vollzogen zu haben. Aus dieser Erfahrung heraus formulierte er die These, die ihn weltberühmt machte: Industrie kann Umwelttransformation leisten. Wer es selbst getan hat, kann anderen zeigen, wie. Das ist die Logik, mit der Strong ihn gewählt hat. Es ist die Logik, mit der Schmidheiny sich selbst legitimiert hat.

Die strukturelle Pointe ist, dass die Umwelttransformation, die er glaubte vollzogen zu haben, in einer Hinsicht nicht vollzogen war: Die Toten, die der Asbest schon produziert hatte, fielen erst Jahrzehnte später aus den Statistiken — Mesotheliom hat eine Latenz von zwanzig bis fünfzig Jahren. Was Schmidheiny aus seiner Eternit-Erfahrung als Erfolg ablesen konnte, war ein Erfolg, dessen Preis erst zahlbar wurde, als das Buch schon ein Klassiker war. Das Modell der Erfolgsmeldung — der Industrie, die ihre Transformation vollzieht und die Folgen erst Jahrzehnte später sichtbar werden — ist genau das Modell, das auf die Klimadiskussion übertragen wurde.

IV. Der Kurswechsel — das Buch und die Doktrin

Schmidheiny gründete 1991 den Business Council for Sustainable Development (BCSD), nachdem er ein Jahr lang weltweit gereist war, um etwa fünfzig CEOs großer Konzerne für die Mitarbeit zu gewinnen. Chevron, DuPont, Mitsubishi, Nissan, Shell, Volkswagen waren unter ihnen — fast alle Großindustrien der westlichen Welt. Das BCSD traf sich erstmals 1991 in Den Haag. Aus dieser Arbeit ging „Kurswechsel" hervor, präsentiert am 5. Juni 1992 in Rio.

Der zentrale Begriff des Buches ist „eco-efficiency" — Eco-Effizienz. Die These: Wirtschaftswachstum und Umweltschutz sind keine Gegensätze. Mehr noch: Effizienzsteigerungen in der industriellen Produktion können beiden gleichzeitig dienen — den Unternehmen, weil sie Kosten senken, und der Umwelt, weil sie Ressourcen sparen. Was lange als Konflikt zwischen Profit und Planet erschien, ist in Wirklichkeit ein Konflikt zwischen ineffizientem und effizientem Kapitalismus. Effizienter Kapitalismus löst das Problem.

Diese These ist, philosophisch betrachtet, ein Wendepunkt. Sie macht aus einer Strukturfrage (Ist die kapitalistische Akkumulation mit ökologischer Stabilität vereinbar?) eine Optimierungsfrage (Wie wird die kapitalistische Akkumulation effizienter?). Damit verschwindet die strategische Möglichkeit, die kapitalistische Akkumulation als solche zu hinterfragen, aus dem Blickfeld. Sie wird durch eine Frage ersetzt, die innerhalb der Akkumulationslogik bleibt. Die Bewegung der siebziger Jahre hatte die erste Frage gestellt. Schmidheinys Doktrin ersetzt sie durch die zweite.

Die Attraktivität dieser Wendung ist immens. Sie erlaubt allen, an ihrem Platz zu bleiben. Niemand muss Macht abgeben, Profit aufgeben, Position räumen. Der Markt wird selbst zur Lösung. Konzerne werden Partner, nicht Gegner. Umweltbewegung wird Stakeholder, nicht Opposition. Politik wird Vermittler, nicht Schiedsrichter. Alle profitieren — und das Klima profitiert mit, durch die Magie der Eco-Effizienz.

Es ist nicht zu bestreiten, dass diese Doktrin in den folgenden Jahrzehnten reale Wirkungen erzeugt hat. Energieintensität pro Dollar BIP ist gefallen. Effizienzgewinne in der Industrie sind real. Die Kostenkurve der erneuerbaren Energien ist beeindruckend. Wer die Eco-Effizienz nur als Ideologie liest, wird ihre operativen Wirkungen unterschätzen. Aber gemessen an dem Anspruch, das Klima zu stabilisieren, ist die Bilanz eindeutig: Die globalen Emissionen sind seit 1992 um einundsiebzig Prozent gestiegen. Was an Effizienzgewinn produziert wurde, hat das absolute Wachstum nicht kompensieren können. Das ist der Jevons-Effekt auf globaler Ebene: Wer Effizienz steigert, ohne den Verbrauch zu begrenzen, vergrößert in der Summe den Verbrauch.

V. Die Professionalisierung der Bewegung

Was sich nach 1992 vollzog, ist die eigentliche historische Verschiebung, von der dieser Text handelt. Der BCSD wurde 1995 zum World Business Council for Sustainable Development. Die jährlichen Klimakonferenzen wurden — beginnend mit Berlin 1995 — zur ständigen Einrichtung. Eine ganze Profession entstand: Klimadiplomatie als Karriere, Sustainability-Beratung als Wirtschaftszweig, ESG-Berichtspflichten als Compliance-Anforderung, Sustainability-Studiengänge an den Universitäten. Konzerne richteten Sustainability-Abteilungen ein, mit einem Chief Sustainability Officer, mit jährlichen Sustainability-Reports, mit eigenen Konferenz-Reisebudgets.

Parallel dazu professionalisierten sich die NGOs. Greenpeace, das 1971 mit drei Aktivisten in einem Fischerboot begonnen hatte, wurde eine globale Organisation mit hunderten Millionen Spenden, Personalabteilung, Marketing-Budget, Beobachterstatus bei den UN. WWF wurde von einer Tier-Schutz-Stiftung zu einer Großorganisation, die Konzern-Partnerschaften mit Coca-Cola, IKEA und weiteren Großkonzernen pflegt. Was der einen Generation noch als Verrat erschienen wäre — die NGO im Anzug, beim Sponsoring-Dinner mit dem Energieversorger —, wurde der nächsten Generation Selbstverständlichkeit.

Die alten Adversaren wurden „Stakeholder". Industrie, NGOs, Politik, Wissenschaft, Medien — alle saßen am selben Tisch, alle hatten denselben Status, alle teilten denselben Vokabular-Apparat. Wer den Vokabular-Apparat nicht beherrschte, blieb außerhalb. Wer ihn beherrschte, war drin. Was drinnen geschah, war Aushandlung. Was draußen blieb, wurde unsichtbar.

Die Graswurzelbewegung der siebziger und achtziger Jahre löste sich nicht auf. Sie verlagerte sich in Nischen — die Ökodörfer, die Kommunen, die Permakultur-Projekte, die linksradikale Klimagerechtigkeitsbewegung der 2010er Jahre. Aber die Hauptbühne der Klimaauseinandersetzung gehörte ab 1992 nicht mehr ihr. Die Hauptbühne war die UN-Konferenz, das WBCSD-Forum, das Davos-Panel, das Sustainability-Reporting. Die Bewegung war an einem Tisch, an dem sie als gleichwertige Stakeholder saß und an dem ihre strukturellen Fragen nicht mehr stellbar waren.

VI. Die Bilanz nach mehr als drei Jahrzehnten

1992 lagen die globalen CO₂-Emissionen bei etwa zweiundzwanzig Gigatonnen. Heute, 2026, liegen sie bei etwa siebenunddreißig. Die Atmosphäre enthielt 1992 etwa 356 ppm. Heute 425 ppm. Die globale Mitteltemperatur ist um etwa 0,9 Grad Celsius gestiegen. In dieser Zeit hat es einunddreißig UN-Klimakonferenzen gegeben. Es ist „Kyoto" geschehen, „Paris" geschehen, „Glasgow" geschehen, „Belém" geschehen. Die Sustainability-Industrie ist auf hunderte Milliarden Dollar gewachsen. Der ESG-Komplex steuert heute Investitionsentscheidungen in mehrstelliger Trillionen-Höhe. Und die Kurve geht weiter nach oben.

Eine Buchhaltung der dreißig Jahre, die nicht beschönigt: Die Doktrin des Kurswechsels von 1992 ist gemessen an ihrem eigenen Anspruch nicht eingelöst. Sie hat reale Wirkungen erzeugt — viele davon positiv —, aber das Hauptproblem nicht gelöst. Sie konnte es strukturell nicht lösen, weil sie die Wachstumsfrage nicht stellte. Solange das Wachstum die Effizienzgewinne überholt, sind die Effizienzgewinne klimatisch wirkungslos. Das ist ein arithmetisches Problem, kein moralisches.

VII. Was das über die Megamaschine zeigt

Wir kommen zur eigentlichen strukturellen Beobachtung dieses Textes. Es ist nicht der Verdacht, dass Schmidheiny oder Strong oder die fünfzig CEOs des BCSD böse Absichten gehabt hätten. Sie hatten keine. Sie wollten die globale Umweltkrise lösen. Strong hatte sein Leben dieser Aufgabe gewidmet. Schmidheiny investierte sein eigenes Vermögen und seinen Ruf in das Projekt. Die NGOs, die später beitraten, taten es aus der Überzeugung, dass Beteiligung am Verfahren mehr bewirken könne als Opposition. Alle wollten das Beste.

Die Megamaschine arbeitet nicht mit Bösewichten. Sie arbeitet mit guten Absichten. Was sie produziert, sind Ergebnisse, die niemand will — aber sie produziert sie verlässlich, weil ihre Struktur die guten Absichten in eine bestimmte Form bringt. Diese Form heißt Professionalisierung. Diese Form heißt Stakeholder-Dialog. Diese Form heißt Eco-Effizienz. Diese Form heißt jährliche Konferenz mit Schlussdokument. Diese Form heißt Einbindung statt Konflikt.

Das Geniale der Megamaschinen-Logik liegt nicht darin, dass sie Widerstand niederschlägt. Es liegt darin, dass sie Widerstand absorbiert. Sie macht aus dem Gegner einen Stakeholder, aus dem Aktivisten einen Berater, aus der Bewegung eine Konferenz. Sie gibt ihm Räume, Budgets, Karrieremöglichkeiten, Anerkennung. Was sie ihm nicht gibt, ist die Fähigkeit, das System als solches zu hinterfragen — denn diese Fähigkeit entstammt der Außenposition, und die Außenposition ist mit dem Beitritt aufgegeben.

Schmidheiny ist nicht der Architekt dieser Logik. Er ist ihr operativer Vollstrecker im Klimakontext. Die Logik selbst ist älter und größer als jede Person. Aber er hat sie für die Klimafrage so überzeugend in Szene gesetzt, dass sie seither das Spielfeld bestimmt. Das ist der „Kurswechsel", der sich tatsächlich vollzogen hat: nicht der Kurswechsel des Kapitalismus zur Nachhaltigkeit, sondern der Kurswechsel der Umweltbewegung von der Außenposition in die Stakeholder-Rolle.

Die Megamaschine besiegt ihre Kritiker nicht. Sie integriert sie. Was nach der Integration übrigbleibt, ist eine Form, in der die ursprüngliche Kritik nicht mehr aussprechbar ist. Die Bewegung wird Veranstaltung. Die Veranstaltung wird Industrie. Die Industrie produziert Konferenzen, Berichte, Stellen, Karrieren — und am Ende des Jahres immer noch dieselbe Klimakurve.

VIII. Coda — der Industrielle und seine Lage

Es bleibt die Frage nach dem Menschen Stephan Schmidheiny. Wir wissen wenig über seine inneren Bewegungen. Wir wissen, dass er heute neunundsiebzig Jahre alt ist, in den letzten zwanzig Jahren in mehreren italienischen Strafverfahren verfolgt wurde, sich öffentlich als „Sündenbock" eines „gescheiterten Staates" bezeichnet hat. Wir wissen, dass er zweitausend Menschen Entschädigungen gezahlt hat, ohne dazu rechtskräftig verpflichtet zu sein. Wir wissen, dass er weiter Bücher publiziert, weiter die Doktrin der Eco-Effizienz vertritt, weiter an den Konferenzen mitwirkt. Was er privat denkt, wenn er die globale Emissionskurve betrachtet, wissen wir nicht.

Es ist möglich, dass er sich mit Recht als jemand sieht, der das Beste versucht hat und der sehr viel Konkretes erreicht hat — Eco-Effizienz, ESG-Frameworks, ein lebendiges WBCSD, Loss-and-Damage-Mittel, Pariser Abkommen. Vieles davon wäre ohne ihn schwerer entstanden. Es ist auch möglich, dass er privat ahnt, dass die Doktrin gescheitert ist, ohne es öffentlich zugeben zu können — denn das öffentliche Eingeständnis würde sein Lebenswerk auflösen. Es ist auch möglich, dass er das Scheitern nicht sieht, weil die Begriffe, in denen er denkt, das Scheitern als Scheitern nicht sichtbar machen.

Diese Spekulationen sind nicht entscheidend. Was entscheidend ist: Schmidheiny ist nicht eine Ausnahme, sondern ein Typus. Sein Typus war der Patriarch alter Schule, der über Generationen denkt, der sein Erbe als Verantwortung versteht, der Bücher schreibt, der Stiftungen gründet, der das Wohl seiner Mitarbeiter im Blick hat. Dieser Typus ist heute weitgehend ausgestorben. Die Milliardäre des einundzwanzigsten Jahrhunderts — Musk, Bezos, Thiel, Zuckerberg, Andreessen — sind ein anderer Typus. Sie schreiben keine Bücher über sustainable development; sie kaufen Unternehmen und politischen Einfluss. Sie denken nicht in Generationen, sondern in Disruptionszyklen. Sie hinterlassen keine Stiftungen für Lateinamerika, sondern Plattformen für ihre eigenen Ideologien.

Wenn Schmidheiny eine Tragödie ist, dann nicht die persönliche Tragödie eines Mannes, der das Beste wollte und das Falsche bewirkte. Sondern die strukturelle Tragödie einer Konfiguration, in der das Beste nicht mehr ausreicht. Das ist die Beobachtung, die wir aus dem Buch in unserer Hand mitnehmen. Sie ist nicht ein Vorwurf an Schmidheiny. Sie ist eine Diagnose des Systems, in dem jemand wie Schmidheiny der Beste war, den dieses System hervorbringen konnte — und in dem auch das Beste die Klimakurve nicht hat ändern können.

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