Im April 2025 publizierten Naomi Klein und Astra Taylor im Guardian einen Essay mit einem Begriff, der seither nicht mehr zu vermeiden ist: End Times Fascism. Auf Deutsch ist der Begriff schwierig — Faschismus ist das, was am Anfang des 20. Jahrhunderts in Italien und Deutschland passiert ist, und jeder gegenwärtige Vergleich wird sofort von einer Kontroverse über die Eignung der historischen Analogie überlagert. Ich schlage einen leicht verschobenen Begriff vor, weil er das gleiche Phänomen ohne den Streit um die Analogie benennt: Endzeitkapitalismus.
Was Klein und Taylor beschrieben haben, ist eine Beobachtung, die seit Jahren auf dem Tisch lag, aber nie scharf benannt wurde. Die reichsten Menschen der Welt verhalten sich seit etwa zehn Jahren so, als würden sie eine Welt vorbereiten, in der die meisten Menschen nicht mehr vorkommen — und sie selbst überleben. Mark Zuckerberg lässt einen unterirdischen Bunker auf Hawaii bauen, geschätzte Größe einige Hektar, ausgestattet für eine längere Abschottung. Peter Thiel hat mehr als zweihundert Hektar in Neuseeland gekauft, mit Bauplänen, die er nach lokalem Widerstand zurückziehen musste. Larry Ellison hat die Insel Lanai für eine halbe Milliarde Dollar erworben. Elon Musk redet seit Jahren von der Mars-Kolonie. Andere Tech-Milliardäre investieren in seasteading, in charter cities wie Próspera in Honduras, in Network-State-Projekte, in freedom cities, die Trump bei seinem Wahlkampf 2023 mit zehn Prototypen versprochen hat.
Diese Aktivitäten sind kein Hobby von Preppern. Sie sind keine luxuriöse Sicherheitspolitik. Sie sind der materielle Ausdruck einer Erwartung. Und die Erwartung lässt sich knapp formulieren: Es wird in den nächsten Jahrzehnten einen Punkt geben, an dem die gegenwärtige Ordnung nicht mehr funktioniert. Wir bereiten uns darauf vor — nicht für alle, sondern für uns.
Eine Bewegung, die glaubt, dass das Leben auf der Erde in naher Zukunft nicht mehr lebenswert sein wird und die Probleme nicht mehr lösbar sind, investiert ihre Energie und ihre Ressourcen nicht in den Erhalt der Erde — sondern in die private Absicherung, in das Überleben der eigenen Klasse.
Das ist keine neue Logik. Es gibt sogar ein Denkmal, das sie über vierzig Jahre lang offen formulierte. In Elberton County im US-Bundesstaat Georgia stand von 1980 bis 2022 ein Granit-Monument, fast sechs Meter hoch, hundert Tonnen schwer, in acht Sprachen beschriftet — die Georgia Guidestones. In Auftrag gegeben hatte sie ein anonymer Mann, der sich R.C. Christian nannte; Recherchen deuten auf einen Arzt aus Iowa hin, mit Verbindungen zu Eugenikern wie William Shockley und David Duke. Die zehn Gebote für ein Zeitalter der Vernunft begannen mit zwei Sätzen, die alles sagen, was über die Logik des Endzeitkapitalismus zu wissen ist:
Halte die Menschheit unter 500.000.000 in dauerndem Gleichgewicht mit der Natur.
Steuere die Fortpflanzung weise — um Tauglichkeit und Vielfalt zu verbessern.
Fünfhundert Millionen. Bei einer Weltbevölkerung von acht Milliarden bedeutet das den Wegfall von 94 Prozent der Menschheit. Wer die Reduktion vornehmen soll, sagen die Steine nicht. Wer übrig bleiben soll, sagen sie indirekt: gesteuerte Fortpflanzung zur Verbesserung von Tauglichkeit und Vielfalt — die Eugenik-Sprache des frühen 20. Jahrhunderts, die in Deutschland bekanntermaßen praktisch geworden ist. Am 6. Juli 2022 sprengten unbekannte Täter eine der Granitplatten; der Rest wurde aus Sicherheitsgründen abgerissen. Die Identität der Sprenger ist nie geklärt worden. Die republikanische Gouverneurskandidatin von Georgia, Kandiss Taylor, hatte die Zerstörung der Steine zu einem Punkt ihres Wahlprogramms gemacht — als satanisches Monument.
Die offizielle Lesart sieht in der Sprengung also einen Akt religiös motivierten Vandalismus von rechts. Plausibler ist eine andere Lesart: Die Steine wurden gesprengt, weil sie in ihren Forderungen zu plump waren und nicht mehr ins Konzept passten. Halte die Menschheit unter 500.000.000 ist die operative Logik des Endzeitkapitalismus — aber in einer Form, die nicht mehr verkäuflich ist. Was 1980 noch als esoterische Kuriosität durchging, klingt 2022, in der Phase, in der Thiel seine theologischen Vorlesungen vorbereitet und Yarvin seinen King-CEO konzipiert, wie eine offene Selbstbelastung. Wer dieselbe Botschaft heute kommunizieren will, formuliert sie in den feineren Vokabularien von Souveränität, Antichrist, Innovation, Effizienz. Die plumpe Granit-Version stört. Sie ist das Bild, das niemand neben dem eigenen Pitch-Deck haben will.
Die wahrscheinlichste Konstellation der Sprengung ist deshalb keine reine: Die Ausführenden waren wahrscheinlich genau die christlich-rechten Akteure, die das Monument seit Jahren öffentlich als satanisch denunzierten — instrumentalisiert von einer Seite, die das Denkmal aus anderen Gründen weghaben wollte. Das ist nicht so zu verstehen, dass jemand jemanden gesteuert hätte. Es ist die Wirkungsweise, die wir im Hauptpapier zur Megamaschine als evolutionäre Selektion beschrieben haben: Die Megamaschine braucht keine Verschwörer. Sie braucht Akteure mit bereitstehenden Interessen und Gelegenheiten, die sie nutzen, wenn sie entstehen. Wenn die ideologische Atmosphäre so vorbereitet ist, dass jemand früher oder später zur Tat schreitet — und gleichzeitig eine andere Seite ein Interesse hat, dass das Monument verschwindet —, dann muss niemand etwas absprechen. Es reicht, dass die Selektionsbedingungen so beschaffen sind, dass die richtigen Stimmen im richtigen Moment lauter werden. Stimmen wie die der republikanischen Gouverneurskandidatin von Georgia, Kandiss Taylor, die die Zerstörung der Steine zu einem Punkt ihres Wahlprogramms gemacht hatte. Die Ausführenden handeln aus eigenem Antrieb. Sie werden nicht gesteuert. Sie werden selektiert.
Das ist die präzise Wirkungsweise der Megamaschine: kein Komplott, kein einzelner Entscheider, sondern eine Interessenkonstellation, die sich selbst verstärkt. Variation — die unzähligen christlich-rechten Akteure, die das Denkmal verachteten. Selektion — die Atmosphäre 2022, die einen davon zur Tat brachte. Reproduktion — die Erzählung als Sieg über den Teufel, die andere ermutigt, ähnlich zu handeln. Und der externe Schock, den das alles ermöglicht: das Bewusstsein, dass eine Phase kommt, in der die Stelen-Botschaft nicht mehr offen, sondern nur noch verschlüsselt kommunizierbar ist. Wer in der Megamaschine überlebt, ist derjenige, der ihre Logik am besten bedient — auch ohne ihre Logik zu kennen.
Wer die Stelen tatsächlich gesprengt hat, ist nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass die Logik, die sie formulierten, weiter operativ ist — und dass die Form, in der sie heute kommuniziert wird, gerade so feinkörnig ist, dass sie nicht mehr durch einen einzelnen Sprengstoffanschlag beseitigt werden könnte. Sie steckt in Bunker-Bauplänen, in Investitionsentscheidungen, in Investorenpräsentationen, in theologischen Vorlesungen. Sie versteckt sich nicht. Sie zeigt sich nur nicht mehr in einer Form, die einer Sprengung ausgesetzt wäre.
I. Was Klein und Taylor erkannt haben
Klein und Taylor formulieren die These so: Die Rechtsbewegung des 21. Jahrhunderts hat sich von der Rechtsbewegung des 20. Jahrhunderts in einem entscheidenden Punkt entfernt. Die Faschisten der 1920er und 30er Jahre hatten einen Horizont nach der Apokalypse. Sie wollten Blutbäder anrichten, ja — aber sie versprachen ihren Anhängern auch eine pastorale, friedliche Zukunft danach, für die Auserwählten. Sie hatten eine Utopie. Heute fehlt diese Utopie. Was bleibt, ist die Apokalypse selbst, mit Bunker für die Wenigen.
Klein in einem Interview im Mai 2025: Wir stehen Menschen gegenüber, die aktiv gegen die Zukunft wetten — und nicht nur das, sie schüren die Feuer, die diese Welt verbrennen. Das ist die scharfe Formulierung. Eine Bewegung, die nicht mehr glaubt, dass die Erde lebbar bleibt — und die deshalb ihre Energie nicht in den Erhalt der Erde investiert, sondern in die private Absicherung der eigenen Klasse.
Diese Diagnose verbindet drei Phänomene, die in der öffentlichen Diskussion meist getrennt verhandelt werden. Erstens die Klimakrise und ihre absehbare Verschärfung. Zweitens die Erosion demokratischer Institutionen. Drittens den Aufstieg autoritärer Tech-Visionen wie Yarvins CEO-Monarchie oder die Network-State-Bewegung. Klein und Taylor zeigen: Das sind nicht drei Phänomene. Es ist ein Phänomen mit drei Gesichtern. Eine Klasse, die zugleich die Klimakrise verschärft, die demokratische Korrektur dieser Verschärfung blockiert, und sich autoritäre Strukturen sichert für den Moment, in dem die Konsequenzen sichtbar werden.
II. Warum die Theologie kein Zufall ist
Diese Diagnose verändert die Lesart der theologischen Sprache, in der Peter Thiel sich seit Jahren bewegt. In meinem ersten Essay zu Thiels San-Francisco-Vorlesungen (The Antichrist as Business Model) habe ich diese Sprache als Marketing für ein Portfolio gelesen — als Brand-Positionierung. Das war richtig, aber zu wenig. Die theologische Sprache hat eine zweite Funktion, die wichtiger ist.
Wenn man eine Welt vorbereitet, in der die meisten Menschen nicht mehr gerettet werden, braucht man eine Sprache, in der diese Tatsache nicht mehr als Skandal erscheint. Säkulare Sprachen taugen dafür nicht. Wer säkular sagt wir lassen die meisten zurück, sagt einen unhaltbaren Satz. Wer aber theologisch sagt der Weltstaat ist der Antichrist und wir müssen uns ihm widersetzen, auch wenn das Opfer kostet, sagt scheinbar etwas Edles. Die theologische Verpackung ist die rhetorische Operation, die das ökonomische Verhalten erträglich macht — für die Ausführenden zuerst, dann für die Beobachter.
Den Begriff Opfer bezieht in dieser Sprache niemand auf sich selbst. Das Opfer bringen immer die anderen. Solange das Wort abstrakt bleibt — es wird Opfer kosten —, lässt es sich edel hören. Sobald die Frage konkret wird — welche Opfer, wessen Opfer, wieviel Prozent —, kippt die Edle Geste. Wenn die Stelen in Georgia 500 Millionen als Zielwert nennen, bedeutet das den Wegfall von 94 Prozent der heutigen Weltbevölkerung. In dem Moment, in dem ein Hörer dieses Satzes versteht, dass er statistisch zu den 94 Prozent gehört und nicht zu den 6 Prozent, sieht er seine Zukunftsperspektive anders. Die theologische Verpackung funktioniert nur, solange sie diese Rechnung nicht aufmachen lässt. Genau das ist ihre Funktion — die Rechnung verhindern, indem die Begriffe für die abstrakte Edle Geste reserviert bleiben.
Thiel kennt die katholische Tradition, in der zwei Begriffe eine zentrale Rolle spielen: der Antichrist und der Katechon. Der Antichrist ist die Figur, die alle retten will, die durch falsche Friedensversprechungen verführt, die einen Weltstaat aufbaut, in dem niemand mehr ausgeschlossen ist. Der Katechon ist der Aufhalter, der diesen Weltstaat verhindert. In Thiels Übersetzung: Internationale Institutionen, Klimaregulierung, KI-Sicherheitsdebatten, der Internationale Strafgerichtshof — alles antichristlich. Souveräne Nationalstaaten mit starker militärischer Macht, also vor allem die USA — das sind die Katechons.
Wolfgang Palaver, der Innsbrucker Theologe, der Thiel seit 1996 persönlich kennt, hat diese Lesart theologisch zerlegt. Im Januar 2026 sagte er der Neuen Kirchenzeitung: Thiels Antichrist-Deutung sei theologisch nicht haltbar. Die zentrale Bibelstelle, auf die Thiel sich beruft — 1 Thessalonicher 5,3 mit dem Slogan Frieden und Sicherheit — gibt das, was Thiel ihr unterstellt, gar nicht her. Sie sei keine Beschreibung eines kommenden Weltstaates, sondern eine Warnung vor falschen Sicherheitsversprechen. Palaver weiter: Den Antichristen in Thiels Verständnis sehe ich heute überhaupt nicht. Wir sind von einer Weltordnung oder von Weltregulierung so weit weg, wie schon lange nicht mehr.
Das ist die theologisch saubere Korrektur. Die heutige Welt hat kein Weltregulierungs-Problem. Sie hat ein Weltregulierungs-Defizit. Die UN ist schwächer als je seit 1945. Die WTO ist seit Jahren paralysiert. Die WHO konnte die Pandemie nicht koordinieren. Der Internationale Strafgerichtshof wird von den USA und Israel offen sabotiert. Die Klimaverhandlungen produzieren Erklärungen, aber keine durchsetzungsfähigen Mechanismen. Wenn Thiel den Antichristen in dieser globalen Architektur sieht, sieht er etwas, das nicht da ist.
III. Die Schmitt-Linie
Aber Thiel sieht nicht zufällig falsch. Er sieht in einer Tradition, die einen Namen hat: Carl Schmitt.
Schmitt — Staatsrechtler, NSDAP-Mitglied seit 1933, in der Bundesrepublik nie wieder akademisch reintegriert, aber in autoritären und neuen rechten Strömungen weltweit gelesen — hat den Begriff des Katechon aus dem 2. Thessalonicherbrief in die politische Theologie eingeführt. Bei Schmitt ist der Katechon immer ein konkreter politischer Souverän, der das Chaos aufhält, das andernfalls hereinbrechen würde. Wer der Katechon ist, ist die zentrale Frage der politischen Theologie.
Wie diese Souveränitätstheorie operativ aussieht, hat Schmitt selbst dokumentiert. Am 1. August 1934, einen Monat nach der Nacht der langen Messer — der Mordaktion vom 30. Juni 1934, bei der Hitler etwa 200 SA-Führer und politische Gegner durch SS-Einheiten ohne Gerichtsverfahren erschießen ließ —, veröffentlichte Schmitt in der gleichgeschalteten Deutschen Juristen-Zeitung einen Artikel mit dem Titel Der Führer schützt das Recht. Der zentrale Satz lautet:
Der Führer schützt das Recht vor dem schlimmsten Mißbrauch, wenn er im Augenblick der Gefahr kraft seines Führertums als oberster Gerichtsherr unmittelbar Recht schafft. […] Der wahre Führer ist immer auch Richter.
Das ist die juristische Rechtfertigung von Massenmord als Akt echter Gerichtsbarkeit. Hitler hatte ohne Gerichtsverfahren töten lassen — Schmitt erklärte, der Führer schaffe in diesem Augenblick selbst das Recht, weil er als Souverän über dem Recht stehe. Genau diese Operation — der Souverän als der, der über die Ausnahme entscheidet, der Souverän als unmittelbare Quelle des Rechts — ist Schmitts dauerhafter theoretischer Beitrag. Die Mordaktion war 1934 die Anwendung. Die Theorie überlebte ihre erste Anwendung und wartete auf die nächste.
Bei Schmitt ist der Katechon in den 1920er Jahren der starke Staat, der den Bolschewismus aufhält. In den 1930er Jahren ist es der Führer, der das Chaos der Weimarer Republik aufhält — und der zur Aufhaltung auch direkt töten darf. Nach 1945 ist es bei Schmitt der amerikanische Antikommunismus, der die sowjetische Weltherrschaft aufhält. Nach 1989, in den späten Schmitt-Tagebüchern, weiß Schmitt nicht mehr, wer der Katechon ist — die Figur sucht ein neues Subjekt.
Thiel liefert diese neue Subjektzuschreibung. Bei ihm ist der Katechon das souveräne Amerika, das den Weltstaat verhindert. Der Weltstaat ist der Antichrist. Wer für den Weltstaat ist, ist objektiv für die Apokalypse. Wer gegen den Weltstaat ist, hält sie auf.
Diese Argumentation ist rhetorisch elegant, weil sie jede Form von internationaler Kooperation in eine apokalyptische Drohung verwandelt. Klimaregulierung ist nicht mehr Klimaregulierung — sie ist Vorbereitung des Antichristen. KI-Sicherheitsdebatten sind nicht mehr KI-Sicherheitsdebatten — sie sind Vorbereitung des Antichristen. Internationale Steuerkoordination, die globale Steueroasen schließen würde, ist nicht mehr Steuerkoordination — sie ist Vorbereitung des Antichristen. Was alle drei verbindet, ist nicht apokalyptisch. Was sie verbindet, ist, dass sie die Position der Tech-Milliardäre ökonomisch beschneiden würden.
Wer Schmitt liest, kann nicht so tun, als wisse er nicht, wohin diese Operation führt. Schmitts eigener Lebensweg hat es gezeigt. Wer Schmitt zitiert — und Thiel zitiert ihn explizit, im Gespräch mit Ross Douthat in der New York Times im Mai 2025 —, übernimmt nicht nur die rhetorische Eleganz, sondern auch die Implikation.
Der Antichrist ist bei Thiel jede Politik, die seine Steueroasen schließen würde. Der Katechon ist jede Politik, die sie offen hält.
IV. Yarvin und die operative Übersetzung
Was Thiel theologisch andeutet, hat Curtis Yarvin politisch ausbuchstabiert. Yarvin — Software-Entwickler, Blogger unter dem Pseudonym Mencius Moldbug, von Thiel über sein Startup Tlon mitfinanziert — fordert seit 2007 die Abschaffung der amerikanischen Demokratie. An ihre Stelle soll ein King-CEO treten, ein absolutistischer Monarch im Stil eines Konzernvorstands, mit unbeschränkter Vollmacht.
In einem Interview mit der New York Times im Januar 2025 sagte Yarvin auf die Frage, warum die Demokratie schlecht sei: Es ist nicht, dass die Demokratie schlecht ist. Es ist, dass sie sehr schwach ist. Und ihre Schwäche zeigt sich daran, dass sehr unpopuläre Politiken wie Massenmigration trotz starker Mehrheiten dagegen weiter bestehen. JD Vance, der gegenwärtige US-Vizepräsident, hat Yarvin mehrfach als Einfluss genannt. Yarvin selbst sagte in einem Podcast 2025, er könne sich Vance als König von Amerika vorstellen. Für 2028 wird das nicht mehr eine theoretische Frage sein.
Yarvins operatives Programm hat einen Namen, den er 2012 erfunden hat: RAGE — Retire All Government Employees. Alle Regierungsbeamten in den Ruhestand schicken, durch loyales Personal ersetzen. Im Mai 2021, im Podcast The Stakes des Claremont-Instituts, hat Yarvin mit Michael Anton — heute Director of Policy Planning im US-Außenministerium — fast zwei Stunden lang detailliert besprochen, wie ein American Caesar die Macht ergreifen könnte. Yarvin schlug vor, der Caesar solle am ersten Tag den nationalen Notstand ausrufen, mit Ninja-Teams in alle Bundesbehörden eindringen, alle Machtpositionen übernehmen ohne Rücksicht auf Papierschutz, also auch gegen Gerichtsentscheidungen. Eine Trump-App solle die 80 Millionen Anhänger direkt mobilisieren, um vor jede widerständige Behörde menschliche Barrikaden zu stellen.
Was 2021 noch als Spinnerei galt, ist 2025 in Teilen umgesetzt: Das DOGE — Department of Government Efficiency — unter Elon Musk hat zwischen Januar und Mai 2025 Zehntausende Bundesbeamte entlassen, Behörden geschlossen, Daten in Echtzeit abgegriffen. Die Operation entsprach Yarvins RAGE-Plan in einer abgeschwächten Form. Yarvin selbst sagte CNN im Mai 2025: Was DOGE getan habe, sei nicht in dem Umfang, den ich mir wünsche. Aber strukturell sei es seine Linie.
V. Die Verbindung zum Endzeitkapitalismus
Hier schließt sich der Kreis. Yarvins Programm ist nicht zufällig anschlussfähig an Thiels Theologie. Beide gehören zu einer Operation, die ein gemeinsames Ziel hat: die Schwächung jeder Institution, die die Selbstrettung der Wenigen behindern könnte. Demokratische Mehrheiten könnten Klimaregulierung erzwingen — also müssen sie geschwächt werden. Internationale Institutionen könnten Steueroasen schließen — also müssen sie als antichristlich diskreditiert werden. Bürokratien könnten Umweltschutz und Arbeitsstandards durchsetzen — also müssen sie aufgelöst werden. Universitäten könnten alternative Erzählungen produzieren — also müssen sie als Kathedrale der herrschenden Ideologie gebrandmarkt und entmachtet werden.
Jeder einzelne dieser Schritte ist rationalisiert mit eigenen Argumenten. Demokratie sei zu langsam. Internationale Institutionen seien korrupt. Bürokratien seien parasitär. Universitäten seien ideologisch. Jede einzelne Rationalisierung enthält ein Körnchen Wahrheit. Aber zusammen ergeben die Schritte ein Muster, das nur Sinn ergibt, wenn man die Endzeitkapitalismus-These ernst nimmt: die schrittweise Demontage aller Strukturen, die der vorbereiteten Selbstrettung der Wenigen im Wege stehen würden.
Das ist nicht die Verschwörungstheorie eines Geheimplans. Es ist eine anonyme Strategie im Sinne von Foucault — ein Netz von Einzeltaktiken, deren bewusste Ziele jeweils begrenzt sind, deren Gesamttendenz aber unverkennbar ist. Yarvin will Bürokratie abschaffen, weil er Effizienz will. Thiel will Steueroasen erhalten, weil er Freiheit will. Hegseth will Frauen aus dem Wahlrecht entfernen, weil er biblische Ordnung will. Wallnau will Trump als Heilsbringer, weil er Christianisierung will. Musk will zum Mars, weil er Innovation will. Niemand verfolgt explizit das Ziel, eine Welt vorzubereiten, in der die Mehrheit zurückgelassen wird. Aber das ist die Resultante.
VI. Die deutsche Resonanz
In Deutschland wird das alles bisher als amerikanisches Phänomen behandelt. Das ist ein Fehler. Die Logik des Endzeitkapitalismus kennt keine nationalen Grenzen, weil das Kapital, das ihn trägt, keine kennt. Was bisher fehlt, sind die operativen Akteure auf europäischer Ebene — aber die Vorbereitung läuft. Die Verbindungen zwischen FPÖ, AfD, Lega und ungarischer Fidesz, die deutschsprachigen Network-State-Projekte, die libertären Tech-Investoren in Berlin und München — all das sind die Bausteine einer europäischen Variante derselben Operation. Sie ist langsamer als in den USA, aber sie wächst.
Konkret personifiziert wird die Vernetzung von Jens Spahn. Wir haben ihn in einem eigenen Essay Das Endprodukt als Symptom eines Systems beschrieben, das Aufstieg ohne Substanz ermöglicht — und das genau deshalb anschlussfähig ist an die ideologische Operation, die Thiel im Antichrist-Essay fährt. Spahn ist mit 22 Jahren in den Bundestag eingezogen und hat seitdem keinen Tag in einer Tätigkeit verbracht, die nicht von Steuergeldern finanziert wurde. Ein Politiker ohne Beruf, ohne Praxis, ohne Werkstatt, ohne Klinik, ohne Schule. Eine Karriere, deren einzige Qualifikation die Karriere selbst ist.
Was diesen Lebenslauf gefährlich macht, ist nicht die fehlende Erfahrung. Es ist die Kombination aus fehlender Erfahrung und einer Politik der gezielten Vernetzung mit einem Milieu, das demokratische Strukturen nicht mehr als Bedingung des eigenen Erfolgs versteht, sondern als Hindernis. Spahn war im Juli 2024 beim Republikaner-Parteitag in Milwaukee, als JD Vance zum Vizepräsidentschaftskandidaten gewählt wurde. Er nannte Vance dort öffentlich einen wahnsinnig intelligenten Mann. Er kommentierte, hinter den breiten Schultern eines Präsidenten Trump könne Vance in aller Stille die Truppen für einen grundlegenden politischen Wandel sammeln. Das ist die Sprache eines Bewunderers, nicht eines Beobachters.
Bereits 2017, in Trumps erster Amtszeit, sprach Spahn im Weißen Haus mit Stephen Bannon. Er kennt Peter Thiel persönlich. Die Brücke zwischen ihm und Thiel verläuft meist über Christian Angermayer — den deutschstämmigen Tech-Investor, der mit Thiel mehrere Geschäfte teilt: das Pharmaunternehmen Atai Life Sciences, Compass Pathways im Psychedelika-Sektor, die Enhanced Games als Doping-Olympiade. Angermayer pflegt enge Beziehungen zu Spahn, zum österreichischen Ex-Kanzler Sebastian Kurz und zu mehreren CDU-Spitzenpolitikern. Eine Geburtstagsfeier Angermayers fand in einem Wiener Palast statt, mit Spahn und Kurz als Gästen. Während der Pandemie profitierte Angermayer von einer Bestellung der Bundesregierung an Covid-Arznei eines seiner Beteiligungsunternehmen — die Bestellung lief unter Spahns Verantwortung als Gesundheitsminister.
Spahns Gesundheitsministerium hat 5,9 Milliarden Euro für Masken ausgegeben, von denen über vier Milliarden vernichtet werden mussten. Die Vergaben gingen an Unternehmen aus seinem persönlichen Umfeld, an Vermittler aus dem Parteinetzwerk, an einen Friedrich-Merz-Vertrauten ohne Ausschreibung. Masken, die Qualitätstests nicht bestanden, wurden an Obdachlose verteilt. Im Juni 2025 ließ seine Parteikollegin und Nachfolgerin Nina Warken den Untersuchungsbericht Margaretha Sudhofs schwärzen — gerade an den Stellen, die Spahn betreffen. Die Union blockiert einen Untersuchungsausschuss, setzt auf eine zahnlose Enquete-Kommission. Im Bundestag fragte Andreas Audretsch von den Grünen: Wir wissen nicht, ob Spahn bis heute erpressbar ist. Der Satz steht im Raum, unbeantwortet.
Spahn ist außerdem Vice Chairman der International Democrat Union, in der CDU/CSU, die US-Republikaner und Fratelli d'Italia zusammensitzen. Die Heritage Foundation, die das Project 2025 für die Trump-Administration entworfen hat, vernetzt sich aktiv mit deutschen Akteuren wie der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft und Hans-Georg Maaßen. Bei der National Conservatism Conference in Washington im September 2025 sprachen Steve Bannon, Peter Thiel und Russell Vought (Trumps Direktor des Office of Management and Budget) auf derselben Bühne. Die National Conservatism Conference in Brüssel im April 2024 wurde vom ungarischen Mathias Corvinus Collegium koordiniert.
Das ist keine Verschwörung. Es ist ein dokumentiertes Netzwerk, das in Recherchen unabhängig voneinander rekonstruiert wurde — vom Freitag, von Correctiv, von Campact, von Lobbypedia. Die Akteure machen aus ihrer Vernetzung kein Geheimnis. Sie kennen sich, treffen sich, finanzieren sich gegenseitig, sprechen auf gemeinsamen Konferenzen. Was sie verbindet, ist eine geteilte Agenda: niedrige Steuern, Schwächung internationaler Institutionen, Ausweitung fossiler Energien, Atomkraft-Ausbau, Migrationsabwehr, Auflösung von ESG- und Lieferkettenregulierung. Das sind die Politikfelder, auf denen sich Endzeitkapitalismus operativ niederschlägt — die Demontage all dessen, was die Selbstrettung der Wenigen erschweren würde.
Spahn als CDU-Fraktionsvorsitzender im Bundestag ist der ranghöchste deutsche Politiker, der diese Vernetzung offen pflegt. Wenn Friedrich Merz in den nächsten Jahren stolpert — und die Anzeichen mehren sich —, ist Spahn der wahrscheinliche Nachfolger. Was Vance für Trump ist, könnte Spahn für die Bundesrepublik werden: der jüngere, ideologisch konsequentere Nachfolger, der die Linie weiterführt, an die der Vorgänger sich nicht ganz herantraute. Mit dem Unterschied: Vance hat als US-Marine in Irak gedient, hat einen Yale-Abschluss in Jura, hat eine Karriere als Investment-Manager hinter sich. Spahn hat das alles nicht. Was Spahn gefährlich macht, ist nicht seine Substanz. Es ist sein Fehlen von Substanz, kombiniert mit der Bereitschaft, das Vakuum durch die Übernahme einer fertigen Ideologie zu füllen — der Ideologie, die wir in diesem Essay als Endzeitkapitalismus beschreiben.
Im Juni 2025 forderte Spahn einen europäischen nuklearen Schutzschirm: Wer nicht nuklear abschrecken kann, wird zum Spielball der Weltpolitik. Der Satz ist sachlich nicht falsch. Er ist allerdings von einem Mann gesprochen, der nie einen Tag in einer Sicherheitsbehörde gearbeitet hat, dessen Verteidigungsexpertise sich auf Parteitagsreden beschränkt, und der ihn nicht als strategische Analyse meint, sondern als Positionierungsmanöver für die Post-Merz-Ära. Wenn die wichtigste sicherheitspolitische Frage Europas in den Händen von Menschen landet, deren einzige nachgewiesene Fähigkeit die Parteikarriere ist, dann ist das nicht die Lösung des Problems. Es ist die Vollendung des Problems.
Wer die Spahn-Diagnose in voller Tiefe lesen will — die adverse Selektion in der Berufspolitik, die Maskenaffäre als Fallstudie in Klientelismus, die Villa, die 9.999-Euro-Spenden, das Karriereprinzip Wir werden einander viel verzeihen müssen als vorauseilende Amnestie — findet sie im Essay Das Endprodukt auf dieser Website. Hier reicht der Befund: Der wahrscheinliche nächste Kanzlerkandidat der CDU ist mit dem Thiel-Vance-Netzwerk dichter vernetzt als mit der deutschen Industriegesellschaft. Das ist die deutsche Resonanz des Endzeitkapitalismus. Sie hat einen Namen.
VII. Die deutsche Diskussion ist schlecht vorbereitet
Die deutsche Diskussion ist auf diese Variante schlecht vorbereitet, weil sie immer noch die Begriffe der 1930er Jahre als einzige Folie hat. Wer Faschismus sagt, denkt an Mussolini. Wer Diktatur sagt, denkt an Hitler. Wer autoritär sagt, denkt an die DDR. Was aber gerade entsteht, sieht keinem dieser Vorbilder ähnlich. Es hat keinen Massenaufmarsch, keinen Einheitsführer, keine Parteimitglieder mit Uniformen. Es hat Stiftungen, Podcasts, Investmentfonds, Talk-Show-Auftritte, Network-State-Projekte. Die Form ist nicht massenpolitisch. Die Form ist netzwerk-ökonomisch.
Genau deshalb ist die Diagnose so schwierig. Eine Bewegung ohne Massenaufmarsch sieht nicht aus wie eine Bewegung. Eine Diktatur ohne Einheitsführer sieht nicht aus wie eine Diktatur. Eine Endzeit-Ökonomie ohne offizielle Endzeit-Sprache sieht aus wie normale Wirtschaft. Erst wenn man die Aktivitäten zusammen liest — den Bunker in Hawaii, die Insel in Neuseeland, die Network-State-Projekte, die theologischen Vorlesungen, die Yarvin-Vorschläge, die DOGE-Operationen, die evangelikale Trump-Salbung, die Klimaverleugnung, die UN-Demontage, die Mars-Visionen, das Spahn-Angermayer-Netzwerk in Deutschland, die Heritage-IDU-Verbindungen — ergibt sich das Bild.
VIII. Was den Begriff trägt
Endzeitfaschismus ist Klein und Taylors Begriff, und er hat seine Berechtigung. Ich verwende stattdessen Endzeitkapitalismus, weil ich denke, dass die ökonomische Substruktur die politische Form bestimmt, nicht umgekehrt. Faschismus ist eine politische Form. Endzeitkapitalismus ist die ökonomische Logik, die diese politische Form hervorbringen kann, aber auch andere Formen — autoritären Liberalismus, Tech-Caesarismus, Network-State-Sezession, oder Kombinationen davon, die wir noch nicht kennen.
Was der Begriff präzise benennt, ist die Tatsache, dass die führenden Akteure dieses Kapitalismus nicht mehr an die Lebbarkeit ihrer eigenen Welt glauben. Die alten Kapitalisten investierten in Schulen, weil sie Arbeiter brauchten. Sie investierten in Krankenhäuser, weil sie gesunde Konsumenten brauchten. Sie investierten in Infrastruktur, weil sie Märkte brauchten. Sie investierten in Frieden, weil Krieg ihre Produktion störte. Der gegenwärtige Kapitalismus investiert in nichts davon mehr in dem Maße, das nötig wäre. Er investiert in private Bunker, in private Sicherheitssysteme, in private Energieversorgung, in private Datenzentren, in private Raumfahrt. Die Asymmetrie zwischen privaten und öffentlichen Investitionen wächst exponentiell. Das ist messbar. Das ist die Diagnose.
Was daraus folgt, ist die Frage, die diesen Essay beendet — und die ich nicht beantworten kann.
IX. Was zu tun wäre
Naomi Klein und Astra Taylor schließen ihren Aufsatz mit einem Aufruf zur Bewegung. Sie schreiben: Unsere Aufgabe ist es, eine breite und tiefe Bewegung aufzubauen, geistlich wie politisch, stark genug, um diese unverankerten Verräter aufzuhalten. Das ist die Tradition, aus der Klein kommt — die globalisierungskritische Linke der frühen 2000er Jahre, die ihre Hoffnung auf soziale Bewegungen setzte. Michael Jäger im Freitag formuliert die deutsche Variante: Wann, wenn nicht jetzt, ist die Zeit gekommen, den Kapitalismus zu beenden, sich also für eine andere und bessere Produktionsweise zu engagieren?
Beide Aufrufe haben ihre Berechtigung, und ich nehme sie ernst. Aber sie setzen ein Subjekt voraus, das in dieser Form nicht mehr existiert. Die organisierte Arbeiterklasse, die in den 1970er Jahren noch das Subjekt der globalisierungskritischen Linken sein konnte, ist heute in den meisten westlichen Ländern keine politische Klasse mehr. Die Gewerkschaften sind Dienstleistungsorganisationen. Die sozialdemokratischen Parteien sind in der Regel auf historischen Tiefstständen. Die Klimabewegung ist 2019 hochgeschossen und seitdem fragmentiert. Die globalisierungskritische Linke der frühen 2000er Jahre hat sich in NGOs, Akademien und Stiftungsdiskursen aufgelöst.
Wer den Endzeitkapitalismus aufhalten will, kann nicht auf das Subjekt warten, das ihn aufhalten soll. Das Subjekt ist nicht da. Was möglich ist, ist die Vorbereitung von Strukturen, die das Subjekt ermöglichen, wenn es entsteht. Das ist der Punkt, an dem die Arbeit an konkreten Projekten beginnt — Genossenschaften, lokale Energieautonomie, kommunale Datenarchitekturen, alternative Bildungsstrukturen, neue Formen der politischen Organisation jenseits der Parteien. Vieles davon klingt klein. Es ist klein, gemessen an der Größe des Problems. Aber es ist nicht kleiner als das, was den Endzeitkapitalismus selbst angefangen hat — eine Handvoll Tech-Investoren, einige libertäre Theoretiker, ein paar Stiftungen. Auch die haben mit kleinen Projekten begonnen.
Der Unterschied ist nur, dass die andere Seite ihren Plan ernst genommen hat, geduldig daran gearbeitet hat, über Jahrzehnte. Wer eine Gegenbewegung aufbauen will, muss die gleiche Geduld haben. Endzeitkapitalismus zu identifizieren ist die Voraussetzung. Ihn zu bekämpfen ist eine Aufgabe, die mit der Identifikation gerade erst beginnt.