Im Megamaschinen-Papier zum Fall DMG Mori haben wir eine abgeschlossene Geschichte erzählt — vom regionalen Pionier in Bielefeld zur japanischen Tochter mit deutscher Hülle, über einundzwanzig Jahre, dreißig Übernahmen, zwei Fusionen, einen Beherrschungsvertrag, dreißig vergessene Markennamen. Die Geschichte war abgeschlossen, weil sie ihren Endpunkt erreicht hatte — am 24. August 2016, mit dem Eintrag des Beherrschungsvertrags ins Handelsregister. Die fünf Schichten waren zu diesem Zeitpunkt bereits in unterschiedlichem Maße erodiert. Die juristische Hülle blieb stehen, und sie steht heute noch.
Das vorliegende Papier erzählt eine andere Geschichte — eine, die noch offen ist. Sie betrifft die Index-Werke GmbH & Co. KG Hahn & Tessky in Esslingen am Neckar, einen der letzten unabhängigen deutschen Drehmaschinen-Mittelständler, und seine seit 2023 vertiefte Vertriebsallianz mit dem japanischen Premium-Werkzeugmaschinenhersteller Makino Milling Machine Co. mit Sitz in Tokio. Die Allianz ähnelt strukturell der Mori-Seiki-Gildemeister-Allianz von 2009, die der DMG-Mori-Geschichte als Eingangstor diente. Aber sie spielt sich unter anderen Rahmenbedingungen ab, mit anderen Akteuren, in einer anderen Phase der globalen Werkzeugmaschinen-Konsolidierung.
Das macht die Index-Makino-Konstellation für den Beobachter besonders interessant. Sie ist nicht eine retrospektive Diagnose, sondern eine prospektive Frage. Was wird hier geschehen? Welche Pfade sind absehbar, welche offen? Was lässt sich aus dem heutigen Bild schon ablesen, was bleibt im Werden? Dieses Papier versucht, eine Antwort zu geben, ohne den Anschein zu erwecken, mehr zu wissen als das, was öffentlich zugänglich ist.
I. Eine andere Konstellation als DMG Mori
Die Index-Makino-Konstellation unterscheidet sich von der DMG-Mori-Konstellation in zwei strukturellen Punkten, die das Endspiel öffnen.
Erstens, die Eigentümerstruktur. Index ist eine Kommanditgesellschaft, deren Anteile zu 85 Prozent von einer gemeinnützigen Stiftung gehalten werden. Eine Stiftung kann nicht verkaufen — sie ist an ihre Stiftungszwecke gebunden. Eine feindliche Übernahme im Stil von Mori Seiki 2015 ist hier strukturell ausgeschlossen. Die übrigen 15 Prozent hält die Erbengemeinschaft der Mitgründerfamilie Tessky in einer eigens dafür gegründeten Beteiligungs-GmbH. Auch hier gibt es keinen Streubesitz, keine Aktien an einer Börse, keine Käufer-fähigen Anteile.
Zweitens, die Größenverhältnisse. Mori Seiki und Gildemeister waren 2009 etwa gleich groß. Makino ist heute etwa drei Mal so groß wie Index — 1,4 Milliarden Euro Umsatz gegen 460 Millionen, 4.800 Mitarbeiter gegen 2.000. Die Asymmetrie ist von Anfang an größer. Eine Allianz unter Gleichen ist das nicht.
Diese beiden Unterschiede erzeugen eine eigene Dynamik. Die Stiftung schützt vor dem ökonomischen Endpunkt einer feindlichen Übernahme. Aber die Asymmetrie macht das Operative schwerer in Balance zu halten. Der kleinere Partner kann den größeren nicht erpressen, der größere den kleineren irgendwann auch ohne Verhandlung formen. Wenn die Verflechtung dicht wird, ist die Frage nicht mehr, wer wem etwas wegnehmen kann, sondern wessen strategische Präferenzen die operative Realität bestimmen.
Genau das ist die Stelle, an der die Geschichte heute steht. Die Verflechtung ist da. Sie wird von beiden Seiten als Erfolg gewertet. Sie wird mit jedem gemeinsamen Messeauftritt enger. Aber sie hat keinen festgelegten Endpunkt — und der größere Partner ist seit Dezember 2024 selbst in einer Übernahmeschlacht, deren Ausgang in den nächsten Wochen entschieden wird.
II. Index — wie ein deutscher Mittelständler überleben kann
Das Unternehmen wurde am 2. Januar 1914 von Hermann Hahn in Esslingen am Neckar gegründet. Hahn war ein schwäbischer Maschinenbauer mit eigenen Patenten — sein erster Revolverdrehautomat war für die Produktion von Massenteilen in der Munitions- und Fahrradindustrie konzipiert. Bis zum Tod Hermann Hahns 1939 wuchs die Belegschaft auf 850. 1945 wurde das Werk demontiert und das bewegliche Inventar nach Großbritannien verschifft — eine Reparation, von der sich das Unternehmen nur durch den industriellen Wiederaufbau der Bundesrepublik erholte. 1953 waren wieder 530 Mitarbeiter beschäftigt; bis Mitte der 1970er Jahre wurden mehr als zwanzigtausend Drehautomaten verkauft.
1975 begann Index mit der Produktion von Mehrspindel-Drehautomaten. Wenige Jahre später folgte der Einstieg in die CNC-Technik — also die computergesteuerte Fertigung, die in den 1980er Jahren die Werkzeugmaschinen-Branche revolutionierte. Index hat hier eine Vorreiterrolle übernommen, die das Unternehmen bis heute prägt. 1992 stellte Index eine neue Generation von Dreh-Fräszentren auf einem modularen Baukasten vor — ein technisches Konzept, das die Komplettbearbeitung anspruchsvoller Drehteile in einer einzigen Aufspannung erlaubt.
1997 erwarb Index die in finanzielle Not geratene TRAUB Drehmaschinen GmbH & Co. KG aus dem benachbarten Reichenbach an der Fils. TRAUB war auf Lang- und Kurzdrehautomaten für sehr kleine Werkstücke spezialisiert — typische Anwendungen in der Medizintechnik und in der Uhrenindustrie. Index entschied sich für eine Zwei-Marken-Strategie: Index für die größeren, TRAUB für die kleineren Werkstücke; Vertriebskanäle und Produktion blieben getrennt; die Verschmelzung der rechtlichen Strukturen kam erst Jahrzehnte später.
2002 begann Index mit multifunktionalen Produktionszentren — Maschinen, in denen mehrere Bearbeitungstechnologien (Drehen, Fräsen, Bohren, Verzahnen) zur Komplettbearbeitung integriert sind. 2007, vor der globalen Finanzkrise, beschäftigte Index 2.335 Mitarbeiter weltweit und erzielte einen konsolidierten Umsatz von 493 Millionen Euro. 2008 stieg der Umsatz auf 505 Millionen — der historische Höchststand bis zu diesem Zeitpunkt.
2009 brach der Umsatz drastisch ein. Im Januar 2010 berichtete die Stuttgarter Zeitung von einem Vereinbarungsverfahren mit der IG Metall: Statt 780 Stellen zu streichen, wurden 1.100 Mitarbeiter auf vier Tage Arbeit pro Woche umgestellt, weitere 700 in „Kurzarbeit Null" überführt. Berater waren über Monate im Haus, ein Restrukturierungsmanager (Chief Restructuring Officer) eingesetzt. Die Frage stand im Raum, ob die Zwei-Marken-Strategie aufrecht erhalten oder zugunsten einer Verschmelzung mit Index in Esslingen aufgegeben werden sollte. Der Betriebsrat von TRAUB protestierte. Die Lösung kam aus dem Markt — die Aufträge zogen wieder an, und die Zwei-Marken-Strategie überlebte den Einbruch von 2009/2010.
2014, zum hundertjährigen Bestehen, beschäftigte Index 2.200 Mitarbeiter und erzielte 450 Millionen Euro Umsatz — niedriger als 2008, aber konsolidiert. Anfang 2015 trat Dr.-Ing. Dirk Prust als technischer Geschäftsführer und Sprecher der Geschäftsleitung ein. Prust kam aus der Chiron-Gruppe, in der er 16 Jahre tätig war, davon 12 Jahre als Geschäftsführer. Mit ihm begann eine neue strategische Phase — der Gedanke der globalen Expansion wurde zu einem zentralen Thema. 2017 trat Harald Klaiber als kaufmännischer Geschäftsführer hinzu, mit der ausdrücklichen Aufgabe, den globalen Footprint der Auslandsgesellschaften strategisch weiterzuentwickeln.
III. Die Stiftung als Schutzschild — und das Kuratorium als Brücke
Die Eigentümerstruktur von Index geht auf das Jahr 1968 zurück. In diesem Jahr gründeten Senator e. h. Eugen C. Hahn — der 1907 geborene Sohn des Firmengründers — und seine Ehefrau Irmgard Hahn die gemeinnützige Eugen und Irmgard Hahn Stiftung. Die Stiftung wurde mit dem Ziel ausgestattet, drei Bereiche zu fördern: die medizinische Forschung auf dem Gebiet der Volkskrankheiten, die technische Berufsausbildung Jugendlicher und die Betreuung älterer Menschen. Nach dem Tod Eugen Hahns wurden 85 Prozent der Index-Anteile in die Stiftung eingebracht. Damit war die Eigentümerstruktur, die das Unternehmen bis heute trägt, fixiert.
Die juristische Architektur ist mehrstufig. An der Spitze steht die Stiftung selbst, deren Vorstand Dr. Achim Schäfer und Klaus Winkler bilden. Den Vorsitz des Kuratoriums hat Dr.-Ing. E. h. Peter Leibinger inne. Dieser Name ist analytisch wichtig — Peter Leibinger ist Mitglied der Eigentümerfamilie Leibinger des Werkzeugmaschinenherstellers Trumpf, des größten deutschen Herstellers in dieser Branche, jahrelang stellvertretender Vorstandsvorsitzender bei Trumpf. Das bedeutet, dass über die Spitze des Kuratoriums eine direkte personelle Verbindung in den größten deutschen Werkzeugmaschinen-Akteur besteht. Wer das Kuratorium informiert, informiert mittelbar Trumpf. Wer Trumpf informiert, informiert mittelbar das Kuratorium.
Unter der Stiftung steht die Eugen und Irmgard Hahn Stiftung Verwaltungs-GmbH, gegründet 2004 mit einem Stammkapital von 18,5 Millionen Euro, deren Geschäftsführer Christian Eberhard Kunz aus Unterensingen ist. Diese Verwaltungs-GmbH ist die juristische Trägerin der 85-Prozent-Beteiligung an den Index-Werken. Eingegliedert in die Struktur ist außerdem eine Hahn Stiftung Beteiligungs-GmbH & Co. KG, die als Kommanditgesellschaft die operative Beteiligungsverwaltung erlaubt. Die Konstruktion ist typisch für deutsche Familien-Stiftungs-Strukturen, deren Ziel es ist, gemeinnützige Verwendung mit unternehmerischer Flexibilität zu kombinieren.
Die Stiftung schützt Index. Sie schützt vor einer feindlichen Übernahme — eine solche Übernahme würde voraussetzen, dass die Stiftung ihre Anteile verkauft, was rechtlich nur unter sehr engen Voraussetzungen möglich wäre. Sie schützt vor der Verteilung von Gewinnen an Privatpersonen — die Stiftung muss ihre Mittel für ihre satzungsgemäßen Zwecke verwenden. Sie schützt vor dem typischen Mittelstands-Generationen-Problem — die Erbschaftsfrage ist gelöst, weil das Unternehmen nicht mehr personalisiert wird.
Die Stiftung schützt aber nicht alles. Sie schützt das juristische Eigentum, aber sie kann nicht jeden operativen Schritt überwachen. Sie schützt die formale Selbstständigkeit, aber sie kann nicht verhindern, dass operative Abhängigkeiten entstehen, die die Selbstständigkeit nur noch nominell machen. Und sie schützt nicht vor den Konsequenzen der Marktentwicklung — wenn das Unternehmen seine Marktanteile verliert, kann auch die Stiftung als Eigentümer das nicht ausgleichen.
Das Kuratorium mit Peter Leibinger an der Spitze fügt eine weitere Schicht hinzu, die analytisch nicht zu unterschätzen ist. Es ist eine Brücke in die deutsche Werkzeugmaschinen-Welt, eine personelle Verbindung in einen größeren Akteur. Sie wird im Zweifelsfall — wenn die operative Lage akut wird und Optionen jenseits der bestehenden Allianz mit Makino bedacht werden müssen — eine Rolle spielen, die heute noch unsichtbar ist.
IV. Die Tessky-Erben — ein 15-Prozent-Fenster
Die Dr. Tessky Erben Beteiligungs-GmbH, mit Sitz in Stuttgart, hält die übrigen 15 Prozent der Index-Anteile. Diese Tranche ist analytisch eine andere Sache als die Stiftungstranche. Sie ist privates Eigentum, gehalten von der Erbengemeinschaft der Mitgründerfamilie. Stiftungsrecht greift hier nicht.
Die Beteiligungs-GmbH wurde am 4. März 2008 in Stuttgart gegründet. Stammkapital aktuell 450.000 Euro, gehalten von drei Gesellschaftern aus dem Familienstamm. Die Geschäftsführung ist heute vollständig weiblich besetzt: Beate Straßacker, M. Straßacker-Cockle, Caroline-Christine de Sadeleer (geb. Wilhelm, 1988), Julia Marina Cockle. Die Bilanzsumme lag 2023 bei etwa 27,5 Millionen Euro.
Diese Struktur hat eine eigene Dynamik. Erbengemeinschaften der dritten oder vierten Generation halten ihre Anteile selten so fest wie die ursprünglichen Stifter. Die Generation, die das Unternehmen aufgebaut hat, ist verstorben. Die Generation, die heute die Beteiligungs-GmbH führt, hat eigene Lebenspläne, eigene wirtschaftliche Vorstellungen, eigene Investmentstrategien. Wenn ein Käufer für die 15-Prozent-Tranche auftritt — sei es ein strategischer Investor, sei es ein Finanzinvestor, sei es ein Unternehmen wie Makino selbst — gibt es keinen rechtlichen Mechanismus, der den Verkauf strikt ausschließt. Die Stiftung als Hauptgesellschafterin würde Vetorechte über bestimmte gemeinsame Beschlüsse haben, aber sie könnte einen Anteilseignerwechsel der Tessky-Tranche nicht ohne weiteres verhindern.
Das macht die 15-Prozent-Tranche zu einer Art beweglicher Bohle in der Eigentümerstruktur. Sie ist klein genug, um keine Mehrheitsverhältnisse zu verschieben — die Stiftung allein hat 85 Prozent. Aber sie ist groß genug, um einem Außenstehenden einen Sitz im Gesellschafterkreis zu verschaffen, eine Stimme bei Beschlüssen, einen Einblick in die operativen Unterlagen. In einer Konstellation wie der Index-Makino-Allianz wäre das ein Schritt, der die operative Verflechtung in eine kapitalmäßige verwandelt.
Es gibt heute keine öffentlichen Hinweise darauf, dass die Tessky-Erben Anteile veräußern wollen. Aber strukturell existiert die Möglichkeit, und sie ist die einzige Stelle, an der das Eigentums-System Index überhaupt angreifbar ist.
V. Die Strategieentscheidung 2018 — Wachstum nur in Asien
Im Sommer 2018 lud Index zu einem Open House nach Reichenbach an der Fils ein. Die Geschäftsführung Dr. Dirk Prust, Reiner Hammerl und Harald Klaiber stellte eine Diagnose auf, die bis heute den strategischen Rahmen bildet. Index erwirtschafte 52 Prozent seines Umsatzes in Deutschland — das sei zu viel. Das Unternehmen müsse globaler werden. „Wir wollen massiv expandieren, vor allem in Asien und Amerika, mit Fokus auf Anwendungstechnik und Automation," sagte Reiner Hammerl gegenüber dem Fachmagazin Production Machining.
Diese Diagnose war nicht zufällig. Der globale Werkzeugmaschinen-Markt hatte sich seit der Jahrtausendwende dramatisch verschoben. China war zum größten Maschinenbaumarkt der Welt geworden — 2022 mit 1,2 Billionen Euro Umsatz, mehr als der gemeinsame Umsatz der vier folgenden Nationen. Indien wuchs zweistellig. Südostasien — Thailand, Vietnam, Indonesien — wurde zum Empfänger von Produktionsverlagerungen aus China. Die deutschen Hersteller, die zwanzig Jahre zuvor noch dominiert hatten, hatten Marktanteile an japanische, koreanische und chinesische Wettbewerber verloren.
Für Index war das eine doppelte Herausforderung. Erstens, die Kunden wanderten — wer in Deutschland Drehmaschinen verkaufte, verkaufte sie in den nächsten Jahren zunehmend an Tochtergesellschaften deutscher Unternehmen, die in Asien produzierten, oder an asiatische Originalkunden. Zweitens, die Wettbewerber waren bereits präsent — Mazak, DMG Mori, Doosan, Okuma hatten in Asien eigene Vertriebs- und Servicestrukturen, mit denen Index nicht ohne weiteres konkurrieren konnte. Eine eigene Asien-Vertriebsstruktur aufzubauen, hätte hunderte Millionen Euro gekostet — Geld, das Index angesichts seiner Umsatzgröße nicht hatte.
Was übrig blieb, war die Frage nach einer Allianz. Mit wem? Es gab mehrere Optionen — japanische, koreanische, chinesische Hersteller, die ihrerseits in Europa Vertriebspartner suchten. Mazak hatte eigene europäische Strukturen, DMG Mori war Konkurrent, Doosan und Okuma hatten Komplementärsortimente. Makino — japanischer Premium-Hersteller von Bearbeitungszentren, mit eigener Europazentrale in Kirchheim unter Teck und einer starken Position in Asien — bot sich an.
Die Komplementarität war real. Index baut Drehmaschinen, Makino Bearbeitungszentren — die beiden Maschinenkategorien ergänzen sich, sie konkurrieren nicht. Wer Index-Maschinen kauft, kauft auch Makino-Maschinen — und umgekehrt. Eine Vertriebskooperation, in der beide Partner die Maschinen des jeweils anderen in der eigenen Region mitvertreiben, ist betriebswirtschaftlich naheliegend. Die Verhandlungen müssen 2021 oder 2022 begonnen haben, denn der erste öffentliche Niederschlag findet sich in der Berichterstattung zur EMO Hannover 2023, wo das Fachmagazin mav schrieb: „Seit kurzem pflegt Index auch eine weltweite Vertriebskooperation mit dem japanischen Premium-Werkzeugmaschinenhersteller Makino."
VI. Die Allianz mit Makino — was bisher geschah
Die Vertriebskooperation hat eine einfache operative Logik. Index unterstützt Makino beim Vertrieb und Service in Deutschland. Makino unterstützt Index beim Vertrieb und Service in Asien — insbesondere in Indien (über Makino India in Bangalore) und in Südostasien sowie China (über Makino Singapore). Beide Partner treten gemeinsam auf Messen auf.
Die operative Vertiefung ist gut dokumentiert. Auf der EMO Hannover 2023 (16. bis 21. September 2023) stand das horizontale 5-Achs-Bearbeitungszentrum Makino a40SE auf dem Index-Stand — die erste sichtbare gemeinsame Präsenz. Im Open House 2024 in Deizisau zeigte Index die N2-5XA von Makino zusammen mit eigenen Drehmaschinen. Im Open House 2025 (25. bis 28. März 2025) waren die Makino a500Z und die a40SE ausgestellt, letztere mit einer integrierten Index iXcenter-Roboterzelle, die ein PCU-Aluminium-Gehäuse von 500 mal 450 mal 150 Millimeter Größe in 190 Sekunden bearbeitete. Im selben Open House gab es zum ersten Mal den „Hydraulic Day" — eine halbtägige Vortragsveranstaltung, in der Experten von Index, Makino, Mapal und SFT gemeinsam zur Bearbeitung von Hydraulikkomponenten referierten.
Auf der Global Industrie Paris 2025 traten beide Partner mit gemeinsamem Stand auf. Im Open House 2026 (17. bis 20. März 2026) — sechs Wochen vor diesem Papier — stellte Makino wiederum die a40SE aus, und 20 Partnerunternehmen begleiteten die Veranstaltung, von denen Makino und die Index-Tochter One Click Metal die größten Stände belegten.
Der Index-Marketingleiter Rainer Gondek formuliert die Logik der Allianz so: „Wir kommen uns auf technologischem Gebiet nicht ins Gehege, sondern unterstützen uns gegenseitig auf noch jeweils ausbaufähigen Gebieten." Die Sprache ist die der gleichberechtigten Partnerschaft. Sie erinnert in Wortwahl und Tonalität fast eins zu eins an die Sprache, mit der Mori Seiki und Gildemeister 2009 ihre strategische Allianz öffentlich begründeten.
Die operative Dichte der Allianz ist heute schon erheblich. Sie ist in den drei letzten Jahresberichten von Index sichtbar geworden, sie ist in jeder Messepräsentation präsent, sie wird mit jedem Open House tiefer. Sie ist heute kein experimenteller Vertriebsversuch mehr, sondern ein Strukturelement der Index-Strategie. Wer in den nächsten Jahren die Index-Asien-Verkäufe analysiert, wird die Makino-Kooperation als entscheidenden Faktor identifizieren. Wer die Makino-Deutschland-Verkäufe analysiert, wird die Index-Kooperation als wichtigen Beitrag erkennen.
VII. Makino — der Partner und seine eigene Substanz-Frage
Makino Milling Machine Co. wurde im Mai 1937 von Tsunezō Makino in Tokio gegründet. 1958 stellte Makino Japans erste numerisch gesteuerte Fräsmaschine her. 1961 erhielt das Unternehmen seinen heutigen Namen. 1978 — eine historisch bedeutsame Notiz — erfolgte eine Kapitalbeteiligung an der deutschen Heidenreich & Harbeck GmbH in Hamburg, also genau jener Firma, an der Gildemeister 1970 die Mehrheit erworben hatte und die als technologische Quelle für Gildemeisters CNC-Aufstieg diente. Makino kaufte 1978 also Anteile an einer Firma, die zuvor schon im Gildemeister-Verbund war. Die deutsch-japanische Verflechtung der Werkzeugmaschinen-Welt ist alt und Makino ist seit langem dabei.
2000 baute Makino einen zweiten deutschen Standort in Kirchheim unter Teck auf, in der Nähe von Stuttgart. 2018 wurde der europäische Hauptsitz von Hamburg nach Kirchheim verlegt — ein deutliches Zeichen für die strategische Aufwertung des baden-württembergischen Standorts. 2022 wurde das Hamburger Gebäude abgerissen. Heute beschäftigt Makino Europe rund 250 Mitarbeiter in Niederlassungen in Deutschland, Italien, Frankreich, Spanien, der Slowakei und Polen.
Makino ist an der Tokioter Börse notiert (Ticker 6135). Im Geschäftsjahr endend 31. März 2025 erzielte Makino einen Umsatz von 1,4 Milliarden Euro mit 4.800 Mitarbeitern weltweit. Die Auftragseingänge stiegen um 11,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr, vor allem in den Exportmärkten Europa (plus 19,8 Prozent), Amerika (plus 12,6 Prozent) und Asien (plus 11,6 Prozent). Makino hatte 2025 strukturell ein außerordentlich gutes Jahr.
Das hat aber nicht verhindert, dass Makino selbst zum Übernahmeziel wurde — im Gegenteil, das gute Ergebnis hat den Aktienkurs auf ein Niveau gehoben, an dem die Übernahme attraktiv wurde. Mehr noch: Die Makino-Hauptaktionäre — Pensionsfonds, institutionelle Investoren — hatten im Lauf der 2010er Jahre ihre Anteile an Makino schrittweise verkauft. Die japanischen Quoten der „cross-shareholding"-Strukturen waren von 45 Prozent im Jahr 2000 auf 18 Prozent gesunken. Diese Erosion der Eigentümer-Verteidigung machte Makino angreifbar, ähnlich wie sie zwanzig Jahre früher Gildemeister angreifbar gemacht hatte.
VIII. Die Übernahmeschlacht 2024 bis 2026 — was gerade läuft
Am 27. Dezember 2024 — drei Tage nach dem japanischen Weihnachtsfest und damit zu einem strategisch unauffälligen Zeitpunkt — kündigte die Nidec Corporation eine feindliche Übernahme von Makino an. Nidec ist ein japanischer Industriekonzern, ursprünglich auf Elektromotoren spezialisiert, der unter seinem Gründer und langjährigen Chairman Shigenobu Nagamori durch über sechzig Übernahmen zu einem der größten japanischen Industriekonglomerate aufgebaut wurde. Das Übernahmeangebot lag bei 11.000 Yen je Aktie, was Makino mit insgesamt 257 Milliarden Yen oder etwa 1,78 Milliarden US-Dollar bewertete. Es gab keine vorherige Beratung zwischen den Vorständen — es war eine klassische unfreundliche Übernahme.
Makino reagierte zunächst mit einer Bitte um Verschiebung des Übernahmeangebots. Nidec lehnte ab und kündigte den Beginn des Tender Offers für den 4. April 2025 an. Im März 2025 verabschiedete der Makino-Vorstand eine Poison-Pill-Verteidigung — bei Vollzug der feindlichen Übernahme würden Aktienoptionen an die bestehenden Aktionäre ausgegeben, deren Ausübung Nidecs Anteil massiv verwässert hätte. Im Februar 2025 trat MBK Partners als möglicher „weißer Ritter" auf den Plan — der größte koreanische Private-Equity-Fonds, gegründet 2005 in Seoul von Michael ByungJu Kim, einem ehemaligen Carlyle-Manager.
Am 7. Mai 2025 wies das Tokioter Bezirksgericht eine einstweilige Verfügung Nidecs gegen die Poison-Pill-Verteidigung zurück. Am 9. Mai zog Nidec das Angebot zurück. Am 3. Juni 2025 trat MBK Partners mit einem verbindlichen Übernahmeangebot von 11.751 Yen je Aktie hervor — exakt 751 Yen über dem zurückgezogenen Nidec-Angebot — und damit insgesamt 274,8 Milliarden Yen oder etwa 1,9 Milliarden US-Dollar. Der Makino-Vorstand befürwortete den MBK-Deal — als Übergang in das Privatbesitz-Eigentum, mit Kapital für Digitalisierung und globale Expansion, ohne den Druck einer feindlichen Übernahme.
Im Dezember 2025 genehmigten die Wettbewerbsbehörden in den USA, in der EU und in China die Übernahme. Japan zog die Prüfung in die Länge. Am 22. April 2026 — vor acht Tagen, am Vortag der Recherche zu diesem Papier — erließ die japanische Regierung eine erstmalige Stoppanordnung unter dem Foreign Exchange and Foreign Trade Act, dem FEFTA, Artikel 27 Absatz 5. Die Begründung: Makinos Hochpräzisions-Werkzeugmaschinen werden auch für die Verteidigungsindustrie eingesetzt; eine Übernahme durch einen ausländischen Fonds könne zu einem „Abfluss von Technologie und Informationen mit potenziellem militärischem Anwendungsbezug" und damit zu einer „Gefährdung der nationalen Sicherheit Japans" führen. Es war die erste Anwendung der FEFTA-Stoppregel seit ihrer Verschärfung 2017 und nach der einzigen früheren Anwendung 2008. Finanzministerin Satsuki Katayama erläuterte die Entscheidung am 23. April 2026 vor dem Finanzausschuss des Oberhauses.
MBK Partners hat bis zum 1. Mai 2026 — also morgen, dem Folgetag dieses Papiers — Zeit, die Empfehlung anzunehmen oder abzulehnen. Wenn MBK ablehnt, wird die Empfehlung in einen rechtsverbindlichen Veräußerungsbefehl überführt. Am 23. April 2026 hat ein anderer Bieter — Nippon Sangyo Suishin Kiko (NSSK), ein japanischer Investmentfonds — ein eigenes Übernahmeangebot eingereicht. Damit ist klar: Makino wird in den nächsten Wochen den Eigentümer wechseln. Nur wer der neue Eigentümer wird, ist offen. Die Optionen sind: NSSK (japanisch, mit Regierungs-Zustimmung), Carlyle (US-Fonds, der schon 2025 als white knight diskutiert worden war), Nidec (in einem zweiten Versuch, mit angepassten Bedingungen), oder ein anderer japanischer Industriebieter.
IX. Der Personalwechsel an der Makino-Europe-Spitze
Am 22. April 2026, am selben Tag wie die FEFTA-Stoppanordnung, wurde Dr. P. Anders Ingemarsson nach 23 Jahren als President und Chief Executive Officer von Makino Europe abgelöst. Sein Nachfolger ist Neo Eng Chong, vormals President von Makino Asia in Singapur, mit dokumentierter Erfolgsbilanz „insbesondere in der Verdopplung des Net..." — der Pressetext der Branchenpresse bricht an dieser Stelle ab, gemeint ist mutmaßlich die Verdopplung des Netto-Umsatzes der asiatischen Tochter unter seiner Führung. Laurent Chevet, langjähriger Mitarbeiter mit Schwerpunkt auf der Atlantikregion und der Luft- und Raumfahrt, wurde zum Vice President und Chief Operating Officer ernannt.
Dieser Wechsel ist analytisch nicht zu unterschätzen. Anders Ingemarsson war 23 Jahre lang Makino-Europas zentrale Figur — er hatte das Verhältnis zu den europäischen Kunden, zu den Werkzeugmaschinen-Verbänden, zu den deutschen Mittelständlern wie Index aufgebaut. Er war der Verhandlungspartner, mit dem die Index-Geschäftsführung unter Dirk Prust und Reiner Hammerl die Vertriebskooperation entwickelt hatte. Sein Ausscheiden in derselben Woche, in der die japanische Regierung die FEFTA-Stoppanordnung erließ, wirkt nicht zufällig.
Sein Nachfolger Neo Eng Chong kommt aus Singapur. Er ist ehemaliger Board Director von Makino Europe — also nicht ein vollständiger Außenseiter, sondern jemand, der die europäische Struktur kennt. Aber sein operativer Schwerpunkt war Asien. Dass jetzt ein asiatisch geprägter Manager Europa führt, signalisiert, dass die Asien-Logik des Konzerns in Europa stärker einziehen wird. Was unter Ingemarsson eine deutsche oder europäische Unternehmenskultur war, kann unter Neo Eng Chong eine asiatische werden — mit anderen Hierarchien, anderen Verhandlungsstilen, anderen strategischen Prioritäten.
Für Index bedeutet das, dass die Verhandlungsbasis für die Vertriebskooperation, die seit 2022 oder 2023 aufgebaut wurde, in den nächsten Monaten potenziell neu zu definieren ist. Was Anders Ingemarsson für Esslingen versprochen oder eingegangen hat, kann Neo Eng Chong neu bewerten. Welcher Stellenwert die Index-Kooperation in der neuen Makino-Europe-Architektur bekommt, ist eine offene Frage.
X. Was absehbar ist
Acht Beobachtungen, die heute schon ableitbar sind und die für das Index-Makino-Verhältnis in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren bestimmend sein werden.
Erstens, die globale Werkzeugmaschinen-Konsolidierung läuft weiter. Die Skalenerfordernisse für F&E-Investitionen in die nächste Maschinengeneration steigen — Digitalisierung, KI-gesteuerte Bearbeitung, Automatisierung, vorausschauende Wartung. Wer nicht ein bis zwei Milliarden Euro Umsatz erreicht, kann diese Investitionen nicht aus eigener Kraft stemmen. Index liegt heute bei einem Viertel davon. Die Kooperation mit einem größeren Partner ist betriebswirtschaftlich nicht nur attraktiv, sondern in den nächsten Jahren strukturell zunehmend notwendig.
Zweitens, der globale Werkzeugmaschinen-Markt verschiebt sich nach Asien. China ist seit 2010 der größte Hersteller, indische Wachstumsraten sind hoch, südostasiatische Länder werden zur Empfängerregion für Produktionsverlagerungen. Wer diesen Markt nicht erreicht, verliert Marktanteile. Index hat seine Asien-Strategie seit 2018 explizit auf Wachstum gesetzt — das ist nicht reversibel.
Drittens, die deutsche Belegschaft von Index schrumpft weiter. Die Geschäftsführung erwartet für 2028 bis 2029 eine deutsche Belegschaft von 1.500, gegenüber heute 1.750 und gegenüber 2007 noch 2.335. Das ist ein Rückgang um 35 Prozent über zwanzig Jahre. Es geschieht ohne Kündigungen, durch natürliche Fluktuation, die nicht durch Neueinstellungen kompensiert wird. Parallel wird Malacky in der Slowakei ausgebaut. Die operative Substanz wandert teilweise nach Osten — nicht abrupt, sondern stetig.
Viertens, der Asien-Vertrieb hängt operativ an Makino. Index könnte theoretisch eine eigene Asien-Vertriebsstruktur aufbauen — aber das würde investierte Mittel binden, die heute nicht zur Verfügung stehen, und es würde Jahre dauern, in denen Index gegenüber asiatisch verankerten Wettbewerbern weiter Marktanteile verlieren würde. Die Allianz mit Makino ist heute der einzige realistische Asien-Pfad.
Fünftens, die Stiftungsstruktur bleibt stabil. Es gibt keine Anzeichen, dass die Hahn-Stiftung ihre 85 Prozent veräußern könnte oder wollte. Der Stiftungszweck — Volkskrankheiten-Forschung, technische Berufsausbildung, Altenpflege — wird durch die Index-Erträge finanziert; ein Verkauf würde die Mittelverwendung gefährden. Die Stiftung ist langfristig gebunden an die operative Erfolgsfähigkeit von Index.
Sechstens, die Tessky-Erben-Tranche bleibt das einzige bewegliche Stück in der Eigentümerstruktur. Heute besteht keine offene Verkaufsabsicht. Aber die Struktur einer Erbengemeinschaft in dritter oder vierter Generation ist nicht so fest wie eine Stiftung. Wenn ein attraktiver Kaufpreis und eine glaubwürdige Käuferin auftauchten, könnte sich die Tranche bewegen.
Siebtens, Peter Leibinger im Kuratorium ist eine deutsche Werkzeugmaschinen-Brücke. Er ist nicht eine ausführende Person bei Index, aber er ist informiert und einflussreich. Wenn die operative Lage akut wird, wird die Verbindung zu Trumpf eine Option mitspielen.
Achtens, Makino selbst wird in den nächsten Wochen einen Eigentümerwechsel erleben. Wer auch immer übernimmt — NSSK, Carlyle, ein zweiter Nidec-Versuch, oder Makino bleibt unabhängig mit volatilem Kurs —, die Bedingungen der Vertriebskooperation werden in den nächsten zwölf Monaten neu bewertet. Es ist nicht garantiert, dass Index unter neuen Bedingungen den gleichen Stellenwert behält wie unter Anders Ingemarsson.
XI. Was offen ist — drei Szenarien
Aus den absehbaren Faktoren lassen sich drei Szenarien ableiten, die das Index-Makino-Verhältnis in den nächsten Jahren bestimmen können. Sie sind nicht voneinander streng getrennt — Mischformen sind möglich, und die tatsächliche Entwicklung wird wahrscheinlich Elemente aus mehreren Szenarien enthalten.
Szenario A — die ruhige Vertiefung. NSSK übernimmt Makino nach FEFTA-Genehmigung. Der japanische Hintergrund schützt vor weiteren regulatorischen Komplikationen. Die operativen Strukturen bleiben weitgehend stabil. Neo Eng Chong bestätigt die Vertriebskooperation mit Index, möglicherweise mit moderaten Anpassungen — etwa einer leichten Verschiebung der Margen oder einer Erweiterung der Komplementarität auf weitere Produktbereiche. Index profitiert weiter vom Asien-Vertrieb über Makino India, Makino Singapore und Makino China. Die deutsche Belegschaft schrumpft langsam wie geplant, Malacky wächst, das Geschäft erholt sich von der 2024er Schwäche. In zehn Jahren ist Index ein Unternehmen mit etwa 1.500 deutschen Mitarbeitern, 600 osteuropäischen Mitarbeitern, 500 Millionen Euro Umsatz, davon 30 bis 35 Prozent in Asien — fest verflochten mit einem japanischen Partner unter neuer Eigentümerschaft. Die juristische Schicht — Stiftung, deutsche KG — bleibt intakt. Die Substanz hat sich verschoben, aber die Hülle steht.
Szenario B — die abrupte Verschiebung. MBK akzeptiert die FEFTA-Empfehlung nicht und tritt zurück. NSSK kommt nicht zum Zug, weil das Angebot zu niedrig ist oder andere Bedingungen nicht passen. Nidec startet einen zweiten Versuch, diesmal mit einer höheren Bewertung und einem politisch akzeptablen Profil — Nidec ist japanisch, das schließt FEFTA-Sicherheitsbedenken aus. Makino wird Teil von Nidec — und damit Bestandteil eines Industriekonglomerats, das seine eigene Strategie verfolgt. Die Index-Vertriebskooperation wird neu bewertet. Möglicherweise wird sie aufrecht erhalten, möglicherweise gekündigt. Falls gekündigt, hat Index ein akutes Asien-Problem, das es allein nicht lösen kann. Die Reaktion könnte mehrere Formen annehmen: eine eigene, beschleunigte Asien-Aufbauphase, die Investitionen verlangt, die Index nicht ohne weiteres aufbringen kann; eine Ersatz-Allianz mit einem anderen japanischen oder koreanischen Hersteller; oder — und das ist die strukturell interessanteste Option — eine Annäherung an Trumpf, wo Peter Leibinger im Kuratorium die Brücke schon vorbereitet hat. Die Hahn-Stiftung könnte einen Anteilstausch mit Trumpf akzeptieren, wenn er den langfristigen Stiftungszweck nicht gefährdet. Eine deutsche Konsolidierungslösung wäre denkbar — die das Bild der globalen Konsolidierung um eine deutsche Variante erweitert.
Szenario C — die unerwartete Eskalation. Die Übernahmeschlacht um Makino zieht sich in die Länge, weil keiner der Bieter das richtige Profil hat. Der Aktienkurs bleibt unter Druck. Makino wird in dieser Phase strategisch zurückhaltend — Investitionen werden zurückgestellt, Personalentscheidungen verzögert, die Vertriebskooperation mit Index wird auf Sparflamme geführt. In dieser Phase könnte ein Außenstehender — ein chinesischer Hersteller, ein US-PE-Fonds — auf eine andere Stelle in der Kette zielen, nämlich auf Index selbst. Über die 15-Prozent-Tessky-Tranche ließe sich ein Sitz im Gesellschafterkreis erwerben, der die operative Verflechtung in eine kapitalmäßige verwandelt. Das wäre nicht eine feindliche Übernahme im DMG-Mori-Stil, aber ein Hebel, der die strategischen Optionen von Index limitiert. Die Stiftung könnte das verhindern, wenn sie das Vorkaufsrecht hat und die Mittel aufbringt — aber sie ist eine gemeinnützige Stiftung, deren primäre Aufgabe nicht die Verteidigung der Eigentümerstruktur ist, sondern die Förderung von Volkskrankheiten-Forschung und Berufsausbildung.
Welches dieser Szenarien sich realisiert, wird in den nächsten zwölf Monaten weitgehend entschieden. Die FEFTA-Frist endet morgen, am 1. Mai 2026. Die NSSK-Verhandlungen werden in den nächsten Wochen bewertet. Der neue Makino-Europe-Chef Neo Eng Chong wird in den ersten Monaten seine strategischen Akzente setzen. Die Index-Geschäftsführung wird im Verlauf 2026 entscheiden müssen, wie sie auf die Veränderungen reagiert.
XII. Die Megamaschinen-Lehre und der Schluss
Was lehrt die Index-Makino-Konstellation für die Megamaschinen-Reihe?
Die Megamaschine, wie wir sie in den vorigen Papieren beschrieben haben, ist ein soziotechnisches System, das durch Verflechtung Substanz verschiebt — ohne dass eine einzelne Instanz die Verschiebung intendiert oder überblickt. Im DMG-Mori-Fall war die Verschiebung am Ende juristisch durch einen Beherrschungsvertrag besiegelt — die Hülle blieb deutsch, die Substanz wurde japanisch. Die Megamaschine arbeitet hier durch klassische M&A-Mechanismen: Aktien werden gehandelt, Mehrheiten verschieben sich, Beherrschungsverträge werden geschlossen.
Im Index-Makino-Fall ist die juristische Architektur viel widerstandsfähiger. Die Stiftung schützt das Eigentum auf eine Art, die Aktiengesellschaften nicht kennen. Aber das schützt nicht die operative Substanz. Die Substanz verschiebt sich nicht durch einen Akt — sie verschiebt sich durch tausende kleine Entscheidungen über Vertriebsverteilung, Service-Beauftragung, Kundenpräsenz, Messeauftritte, Komponentenbeschaffung. Wer nicht in Asien anwesend ist, ist nicht in den Köpfen der dortigen Entscheider. Wer nicht in den Köpfen ist, verliert die nächste Generation an Aufträgen.
Die Megamaschine arbeitet hier durch das, was man mit Mumford als „akkumulativen Effekt" bezeichnen könnte — Tausende kleine Entscheidungen, von denen jede für sich rational und unproblematisch ist, ergeben ein Gesamtbild, das niemand explizit beschlossen hat. Index hat sich 2018 für Asien-Wachstum entschieden, 2022/2023 die Allianz mit Makino geschlossen, 2024 die Belegschaft an die Marktlage angepasst, 2025 den slowakischen Standort ausgebaut. Jede dieser Entscheidungen war begründbar. Zusammengenommen sind sie der Pfad einer industriellen Verschiebung, deren Endpunkt heute nicht abzusehen ist — aber dessen Richtung sich nicht mehr leicht umkehren lässt.
Die Stiftungsstruktur ist in dieser Konstellation eine andere Art von Schutzschild als die juristische Hülle einer DMG Mori AG & Co. KGaA. Sie schützt vor dem ökonomischen Endpunkt — vor der Übernahme. Sie schützt aber nicht vor der schleichenden Aushöhlung. Wenn der Asien-Vertrieb zwanzig Jahre lang an einem Partner hängt, ist Index in zwanzig Jahren ein Unternehmen, dessen Selbstständigkeit nicht mehr in der Substanz, sondern nur noch im Eigentum besteht. Eine Hülle ohne Substanz — und die Hülle hier ist eine Stiftung, was es schwerer macht, die Substanz wiederherzustellen, weil eine Stiftung keine Investoren rufen kann, die das Unternehmen restrukturieren.
Genau das ist die Pointe, an der diese Geschichte sich von der DMG-Mori-Geschichte unterscheidet. DMG Mori hat den Beherrschungsvertrag akzeptiert — eine klare juristische Tatsache, die als Endpunkt benannt werden kann. Index wird, wenn der pessimistische Pfad sich realisiert, keinen Beherrschungsvertrag erleben — sondern eine Erosion, die nie an einem einzelnen Datum festgemacht werden kann. Genau das macht sie schwerer zu erkennen und schwerer zu thematisieren. Die Megamaschine arbeitet im Index-Fall geräuschloser als im DMG-Mori-Fall — und vielleicht auch wirksamer.
Die Stiftung schützt das Eigentum, aber sie schützt nicht die Substanz. Wer Substanz verlieren will oder verlieren muss, braucht keinen Beherrschungsvertrag — er braucht nur Geduld.
Was an der Index-Makino-Konstellation absehbar ist, ist die strategische Verflechtung. Die Allianz wird tiefer werden, weil beide Partner sie brauchen. Was offen ist, ist die politische und eigentumstechnische Architektur des größeren Partners. Makinos Eigentümerwechsel wird die Bedingungen ändern. Die Frage, unter welchen Bedingungen, ist nicht heute zu beantworten.
Was sich von außen sagen lässt, ist nur das: Der Schutzschild der Stiftung ist real, aber er ist nicht absolut. Die deutsche Werkzeugmaschinen-Branche hat in den letzten zwanzig Jahren mehrere ihrer Pioniere an asiatische, schweizerische, US-amerikanische Eigentümer verloren. Index ist heute einer der letzten unabhängigen großen Drehmaschinen-Hersteller. Wenn die Geschichte gut endet — also Index in fünfzehn Jahren noch unabhängig ist und seine Marktposition halten kann —, wird es daran liegen, dass die Stiftung als Eigentümer und das Kuratorium mit Peter Leibinger die strategischen Entscheidungen klüger getroffen haben, als heute absehbar. Wenn die Geschichte anders endet, wird sie als Fall erinnert werden, in dem ein deutscher Mittelständler trotz aller Schutzmechanismen seine operative Selbstständigkeit verloren hat — durch keine spektakuläre Übernahme, sondern durch die langsame Logik einer Allianz, die zunächst eine Gleichberechtigung versprach.
Die Geschichte ist heute, am 30. April 2026, offen. Sie wird in den nächsten zwölf Monaten viele ihrer entscheidenden Konturen annehmen. Wer in zwei Jahren auf diesen Text zurückblickt, wird wissen, in welchem der drei Szenarien — oder welcher Mischform — sie gelandet ist. Heute lässt sich nur sagen: Sie ist im Werden.