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Essay · beyond decay · Hans Ley & Claude (Anthropic)

Das goldene Lenkrad

Über Wirtschaftsjournalisten, die Manager mit Trophäen behängen, wenn sie an der Macht sind — und mit Vorwürfen, wenn sie weg sind
März 2026 · Autoren: Hans Ley & Claude (Anthropic)

Es gibt eine besondere Form der Feigheit im Journalismus. Sie besteht nicht darin, die Wahrheit zu verschweigen. Sie besteht darin, die Wahrheit erst dann zu sagen, wenn sie nichts mehr kostet.

I. Die Entdeckung der Schlafmützen

Im März 2026 veröffentlichte ein bekannter deutscher Wirtschaftsjournalist einen Artikel, der die Managementfehler der deutschen Automobilindustrie der vergangenen zwanzig Jahre auflistete. Die Analyse war präzise. Die Fakten stimmten. Dieter Zetsche hatte 2014 seine restlichen Tesla-Anteile verkauft — weil er glaubte, Tesla habe seinen Zenit bereits hinter sich. Der 9,1-Prozent-Anteil wäre heute 2,5-mal so viel wert wie die gesamte Mercedes-Benz Group. Bosch und Mercedes halten die meisten Patente für autonomes Fahren weltweit — und haben ihre Lobbymacht jahrzehntelang eingesetzt, um Dieselsubventionen zu sichern statt Zulassungsregeln für autonomes Fahren zu erzwingen. Die IG Metall sagte Nein zu Lohnsenkungen und Nein zur Automatisierungswelle — und niemand riskierte den Konflikt.

Das Fazit des Artikels lautete: Winterkorn, Zetsche, Pischetsrieder, Stadler — keine Helden, sondern Schlafmützen. Sie hätten den Vorsprung verspielt, den andere ihnen verschafft hatten. Rückwirkend müssten ihre Bonuszahlungen eingesammelt werden.

Die Analyse war richtig. Der Zeitpunkt war interessant.

II. Was der Zeitpunkt bedeutet

Martin Winterkorn ist seit 2015 nicht mehr VW-Chef — er trat nach dem Dieselskandal zurück und wurde 2021 in Deutschland wegen Betrugs verurteilt. Rupert Stadler sitzt seit 2023 auf Bewährung. Dieter Zetsche verabschiedete sich 2019 mit stehenden Ovationen aus dem Amt. Bernd Pischetsrieder war von 2002 bis 2006 VW-Chef — er ist seit zwei Jahrzehnten aus dem Geschäft.

Diese Männer können nicht mehr klagen. Sie können keine Anzeigen entziehen. Sie haben keine Pressesprecher mehr, die Redaktionen anrufen. Sie sitzen nicht mehr in den Aufsichtsräten von Unternehmen, die Medienkonzerne mit Inseraten versorgen. Sie sind, mit anderen Worten, sichere Ziele.

Kritik an sicheren Zielen ist keine Kritik. Sie ist Nachtragsrechnung.

III. Was während ihrer Amtszeit geschrieben wurde

Das goldene Lenkrad ist kein abstraktes Symbol. Es ist ein konkreter Preis, den Automobilzeitschriften jährlich vergeben — und den die genannten Manager in ihren aktiven Jahren mehrfach erhalten haben. Winterkorn wurde 2007 von der Fachpresse zum „Auto-Mann des Jahres“ gekürt. Zetsche bekam den Titel „Manager des Jahres“ — von Wirtschaftsmedien, die er durch Inserate und exklusive Interviews alimentierte. Pischetsrieder galt als „Visionär“, als er BMW und Rover zusammenführte — ein Deal, der BMW Milliarden kostete und mit der Demontage von Rover endete.

In all diesen Jahren, in denen die Fehlentscheidungen fielen, die der Artikel von 2026 so präzise beschreibt — die verpasste Elektromobilität, die verschlafene Ladeinfrastruktur, die verpfändete Lobbymacht — in all diesen Jahren schrieben dieselben Medien, die heute anklagen, Lobeshymnen. Nicht weil sie blind waren. Sondern weil Loyalität gegenüber der Macht ein Geschäftsmodell ist.

IV. Die Mechanik des nachträglichen Mutes

Nachträglicher Mut folgt einem erkennbaren Muster. Solange ein Manager an der Macht ist, wird er hofiert. Exklusive Interviews, Titelgeschichten, Preisverleihungen. Die Kritik — wenn sie vorkommt — ist konstruktiv, eingebettet, abgefedert. Man will den Zugang nicht verlieren.

Sobald der Manager weg ist — durch Rücktritt, Skandal, Verurteilung oder Ruhestand — dreht sich das Narrativ. Jetzt ist Platz für die Wahrheit. Jetzt kann man sagen, was man immer schon gewusst hat. Die Analyse, die 2014 hätte gedruckt werden müssen, erscheint 2026. Sie ist genauso richtig wie damals — und kostet nichts mehr.

Das ist keine Verschwörung. Es ist Struktur. Werbefinanzierter Journalismus ist strukturell darauf angewiesen, die Unternehmen nicht zu verfeinden, von denen er sein Geld bekommt. Das Ergebnis ist kein Lügen — es ist ein systematisches Verschieben des kritischen Blicks auf Ziele, die sich nicht mehr wehren können.

V. Die geteilte Mitschuld

Was der Artikel von 2026 richtig beschreibt, aber unvollständig benennt, ist die Verteilung der Verantwortung. Winterkorn, Zetsche, Pischetsrieder, Stadler — ja. Aber auch die Aufsichtsräte, die ihre Strategien Jahr für Jahr abgesegnet haben. Die IG Metall, die Nein sagte zur Modernisierung und Ja zu Löhnen, die keine internationale Konkurrenz mehr zuließen. Die Politik, die Dieselsubventionen lieber verteidigte als Rahmenbedingungen für Elektromobilität zu schaffen. Und die Medien, die all das begleitet und legitimiert haben — mit Trophäen, Titeln und Titelgeschichten.

Die Schlafmützen saßen nicht nur in den Vorstandsetagen. Sie saßen auch in den Redaktionen. Der Unterschied ist: Die Vorstände haben inzwischen Konsequenzen erfahren. Die Redaktionen schreiben weiter — und verteilen weiter Preise an die, die gerade an der Macht sind.

VI. Was echter Qualitätsjournalismus bedeutet hätte

Im Jahr 2012, als Tesla das Model S vorstellte und offenkundig war, dass Elektromobilität kein Nischenphänomen mehr war, hätte ein unabhängiger Wirtschaftsjournalist schreiben müssen: Warum hat Mercedes 40 Prozent seiner Tesla-Beteiligung an einen Staatsfonds verkauft? Warum baut Volkswagen kein eigenes Ladenetz? Warum werden die weltweit meisten Patente für autonomes Fahren gehalten — aber kein einziges Auto gebaut, das fährt?

Diese Fragen hätten gestellt werden müssen, als sie noch Konsequenzen gehabt hätten. Als die Entscheidungen noch revidierbar waren. Als die Männer, die sie zu beantworten gehabt hätten, noch im Amt waren und noch hätten reagieren müssen.

Stattdessen kamen die Fragen 2026. Nach den Verurteilungen. Nach den Pensionierungen. Nach dem Verlust von Milliarden Börsenwert, Hunderttausenden Jobs, dem Ansehen einer ganzen Industrie.

Das goldene Lenkrad ist nicht nur ein Preis. Es ist ein Spiegel. Er zeigt, was ein Medium für wertvoll hält — und wann.

VII. Der blinde Fleck des Mutigen

Es gibt eine letzte Frage, die in solchen Artikeln nie gestellt wird: Was schreibe ich gerade über die Manager, die heute im Amt sind — und wer bekommt heute die goldenen Lenkräder?

Wer heute über Oliver Blume schreibt, über Ola Källenius, über die Entscheider, die die nächsten zwanzig Jahre prägen werden — schreibt er, was er wirklich denkt? Oder schreibt er, was den Zugang sichert, die Exklusivinterviews, die Einladungen zu Hintergrundgesprächen auf Yachten und in Vorstandsvillän?

Wer 2026 Winterkorn und Zetsche als Schlafmützen bezeichnet, macht sich damit noch nicht zum mutigen Journalisten. Mut wäre es, denselben Maßstab auf die Lebenden anzuwenden. Mut wäre es, das goldene Lenkrad zurückzufordern, bevor der Empfänger verurteilt wird.

Mut wäre es, die Frage zu stellen: Wenn ich in zehn Jahren zurückblicke — was hätte ich heute schreiben müssen, das ich nicht geschrieben habe?