Die Konfettikanonen
Herbert Wehner nannte die Medien die „Sturmgeschütze der Demokratie“. Irgendwann wurden die Sturmgeschütze umgebaut. Von außen sehen sie noch genauso aus. Aber was aus den Rohren kommt, ist kein Geschôss mehr. Es ist Konfetti.
Das Sturmgeschütz
Herbert Wehner, der alte Zuchtmeister der SPD, prägte in den 1960er Jahren einen Begriff, der zum geflügelten Wort wurde: Die Medien seien die „Sturmgeschütze der Demokratie“.
Er meinte damit eine Presse, die der Macht unbequeme Fragen stellt. Die nachbohrt. Die nicht lockerlässt. Die Skandale aufdeckt und Verantwortliche zur Rechenschaft zieht. Medien als vierte Gewalt — nicht im Dienst der Regierung, sondern als ihr Korrektiv.
Das war die Idee. Aber Ideen unterliegen der Erosion.
Die Transformation
Irgendwann in den letzten Jahrzehnten wurden die Sturmgeschütze umgebaut. Nicht abgeschafft — das wäre zu auffällig gewesen. Sondern transformiert.
Von außen sehen sie noch genauso aus. Die Rohre sind poliert, die Lafetten glänzen, die Bedienungsmannschaft trägt Uniform. Es wird sogar regelmäßig gefeuert. Aber was aus den Rohren kommt, ist kein Geschôss mehr.
Es ist Konfetti. Bunt. Laut. Festlich. Und völlig ungefährlich.
Der Zelebrant
Ein exemplarisches Beispiel für diese Transformation ist Gabor Steingart und sein Medienunternehmen „The Pioneer“.
Die Inszenierung ist beeindruckend: Zwei Schiffe auf der Spree, im Herzen des Berliner Regierungsviertels. Ein „Patrouillenschiff der Demokratie“, wie Steingart es nennt. Werbefreier Journalismus, finanziert durch zahlende „Pioneers“. Prominente Gäste. Tägliche Podcasts. Eine „Mission für demokratischen Journalismus“.
Und ein Lieblingszitat von Hannah Arendt:
„Wahrheit gibt es nur zu zweien.“ — Hannah Arendt
Das klingt nach Dialog. Nach Austausch. Nach gemeinsamer Wahrheitssuche. Aber was passiert, wenn der Zweite tatsächlich spricht?
Der Selbstversuch
Ich wurde zahlender „Pioneer“. Ich wollte Teil dieser Bewegung sein. Die Begrüßungsmail bestätigte meine Hoffnungen:
„Wir beide teilen bezüglich der Meinungsfreiheit die gleichen Werte. Wir beide vertreten die Ansicht, dass es immer eine Zweitmeinung braucht, um den demokratischen Diskurs zu führen.“
„Für Kritik und Anregungen unserer Pioneers sind wir jederzeit offen.“
— Gabor Steingart, Media Pioneer
Also versuchte ich, Feedback zu geben. Zu verschiedenen Themen. Über verschiedene Kanäle. Mehrfach.
Das Ergebnis: Nichts. Keine Antwort. Keine Reaktion. Kein Dialog. Die „Zweitmeinung“ blieb ungehört.
Der Ikarus-Test
Dann fand ich einen konkreten Fehler. In einem Artikel über Elon Musk mit dem Titel „Ikarus verglüht“ schrieb Steingart, König Minos sei der Vater von Ikarus gewesen und habe seinen Sohn gewarnt, nicht zu hoch zu fliegen.
Das ist falsch. Fundamental falsch.
Dädalus war der Vater von Ikarus — der geniale Erfinder, der die Flügel konstruierte und seinen Sohn warnte. König Minos war derjenige, der Dädalus und Ikarus auf Kreta gefangen hielt. Er ist der Tyrann, nicht der fürsorgliche Vater.
Das ist kein Tippfehler. Das ist die Verwechslung der beiden zentralen Figuren des Mythos — in einem Artikel, dessen gesamte Pointe auf dieser Metapher aufbaut.
Ich meldete den Fehler. Mehrfach. Über Wochen. Keine Reaktion. Keine Korrektur.
Die Kündigung
Ich kündigte mein Abonnement. Jetzt reagierte das System. Sofort. Automatisch. Effizient.
Nicht mit einer Antwort auf meine inhaltlichen Einwände. Sondern mit einer Flut von Sonderangeboten. Rabatten. Aktionen.
Das System reagiert auf Geldfluss, nicht auf Inhalte.
Die Anatomie der Konfettikanone
Was Steingart perfektioniert hat, ist nicht Journalismus. Es ist die Ästhetik des Journalismus.
- Das Schiff — Symbol für Unabhängigkeit. In Wirklichkeit auch an Banken verchartert, während die Redakteure im Café arbeiten.
- Der Pathos — „Patrouillenschiff der Demokratie“, „Mission“, „Bewegung“. Große Worte, die Substanz suggerieren.
- Das Arendt-Zitat — Philosophische Legitimation für einen Dialog, der nicht stattfindet.
- Die „Pioneers“ — Leser als Bewegung. In Wirklichkeit: stummes Publikum.
- Die Meinung — Billig zu produzieren, reichlich vorhanden. Im Gegensatz zu Recherche, die teuer ist.
Thomas Knüwer, selbst ehemaliger Handelsblatt-Journalist, hat es „Behauptungsjournalismus“ genannt: Meinungen, die sich als Fakten tarnen. Quellen, die durch „manche sagen“ ersetzt werden. Zahlen, die so lange gesucht werden, bis sie die These stützen.
Die Branchenkritik
Daniel Drepper, Leiter des Rechercheverbunds von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung, urteilte, Steingart schade mit seinem krampfhaften Marketing dem Journalismus und der Demokratie.
Moritz Döbler von der Rheinischen Post nannte Steingarts Attacken auf die „etablierten Medien“ ausschließlich destruktiv — und erinnerte daran, dass Steingart selbst drei Jahrzehnte lang bei Spiegel und Handelsblatt stand.
Übermedien kritisierte das „Pathos, das Sinn ersetzt“ und analysierte ein Werbe-Video, in dem Steingarts Tochter schreit und gestikuliert, während im Hintergrund Martin Luther King, der Papst und Angela Merkel eingeblendet werden.
Das Geschäftsmodell
- Meinung produzieren — billig
- Recherche betreiben — teuer
- Dialog mit Lesern führen — aufwändig
Also: Meinung im Industriemaßstab, verpackt in Demokratie-Pathos, garniert mit prominenten Gästen auf dem Schiff. Einbahnstraße mit Wasserblick.
Die „Pioneers“ dürfen klatschen und zahlen. Sie dürfen sich als Teil einer Bewegung fühlen. Was sie nicht dürfen: den Dialog einfordern, der ihnen versprochen wurde.
Der Zelebrant der Demokratie
Steingart und sein Team sprechen ständig davon, die Demokratie zu „zelebrieren“. Das Wort ist verräterisch.
Zelebrieren — das ist, was ein Priester tut. Er vollzieht das Ritual. Er hält die Monstranz hoch. Er spricht die vorgeschriebenen Worte. Aber Demokratie ist kein Ritual. Sie ist ein Prozess. Sie lebt vom Widerspruch, vom Streit, von der Korrektur.
Wer Demokratie nur zelebriert, hat sie bereits aufgegeben.
Die systemische Funktion
Steingart ist nur ein Beispiel. Aber das Muster ist überall.
Die Konfettikanone simuliert kritischen Journalismus. Sie macht Lärm. Sie sieht festlich aus. Sie gibt den Bürgern das Gefühl, dass jemand aufpasst. Aber sie ist völlig ungefährlich für die Macht.
Das Sturmgeschütz — der echte kritische Journalismus — bohrt nach. Fordert Antworten. Korrigiert Fehler. Führt Dialog. Macht sich unbequem. Es ist teuer. Es ist aufwändig. Es macht Ärger.
Die Konfettikanone ist billig. Sie ist bequem. Sie macht Quote.
Die Folgen
Wenn die Bürger glauben, sie hätten kritische Medien — während sie nur Konfetti bekommen — dann fehlt der Druck zur echten Kontrolle. Die Illusion von Journalismus ersetzt den Journalismus.
Das ist gefährlicher als offene Propaganda. Denn gegen Propaganda kann man sich wehren. Man erkennt sie. Die Konfettikanone hingegen tarnt sich als das, was sie ersetzt hat.
Der Ikarus-Fehler als Metapher
Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet der Ikarus-Mythos falsch erzählt wurde.
Dädalus — der Erfinder, der Macher, der Problemlöser — wird vergessen. Minos — der König, die Macht, die Autorität — wird zum Vater erklärt. Das ist die Weltsicht der Konfettikanone: Die Macht ist der natürliche Ursprung aller Dinge. Der Erfinder, der Kritiker, der Unbequeme — er kommt in dieser Geschichte nicht vor.
„Die gefährlichste Lüge ist die, die fast wahr ist.“
Siehe auch: Die Genese der Konfettikanonen