Die Genese der Konfettikanonen
Es gibt ein Buch aus dem Jahr 2006, das man heute lesen sollte wie eine Grabinschrift. Nicht weil sein Autor gestorben wäre — Gabor Steingart lebt, betreibt einen Newsletter, moderiert einen Podcast, veranstaltet Events. Er ist präsenter denn je. Aber der Mensch, der dieses Buch geschrieben hat, existiert nicht mehr.
Weltkrieg um Wohlstand ist kein freundliches Buch. Es beginnt mit einem Satz, der wie ein Grundton durch alle 400 Seiten schwingt: »Wir wurden in eine Welt hineingeboren, die es bald nicht mehr geben wird.« Was folgt, ist keine Klage, sondern eine Diagnose. Eine Bedrohungsanalyse — die erste, die der Westen sich hätte leisten müssen und nie erstellt hat.
Er nimmt sich alles vor. Die Kolonialgeschichte als Generalprobe der Globalisierung. Den amerikanischen Aufstieg und seine Scheinerfolge. Chinas Erwachen unter Deng Xiaoping. Die Entstehung eines Weltarbeitsmarktes, der über Nacht eineinhalb Milliarden Menschen mit den dreihundertfünfzig Millionen teuren Arbeitskräften des Westens in direkte Konkurrenz setzte.
Die Kraft des Buches liegt in der Bereitschaft, Dinge beim Namen zu nennen, die von niemandem beim Namen genannt werden wollten. Er nennt die asiatischen Aufsteiger »Angreiferstaaten« — nicht aus Feindseligkeit, sondern weil das Wort »Handelspartner« die Wirklichkeit verschleiert. Er nennt den europäischen Sozialstaat, finanziert über Lohnnebenkosten, »das wahrscheinlich größte Import-Förderungsprogramm, das je ein Staat aufgelegt hat«. Er nennt das schuldengetriebene Wachstum Europas »Volksnarkose«.
Und dann nimmt er sich David Ricardo vor. Er zerlegt das Wein-und-Tuch-Modell mit drei Einwänden, von denen jeder einzelne genügen würde. Er führt ein Interview mit dem 91-jährigen Nobelpreisträger Paul Samuelson, der ihm ruhig bestätigt: dass die Globalisierungsbilanz für den Westen gekippt ist, dass es Verlierer gibt, und dass es ein großer Irrtum ist, das Gegenteil zu behaupten.
Steingart schließt sein Kapitel über Ricardo mit einem Satz, der klingt wie ein Schlusswort über eine ganze Epoche ökonomischen Denkens: »Ihr Schutzpatron Marx wurde mittlerweile beerdigt. Es ist an der Zeit, auch David Ricardo die letzte Ehre zu erweisen.«
Das war 2006. Ein Buch, das Klartext sprach, das System-Fragen stellte, das dem Leser zumutete, Antworten zu suchen statt Stimmungen zu bedienen. Der Autor war Leiter des Berliner Büros des Spiegel, er hatte Zugang, er hatte Autorität, und er nutzte beides nicht zum Hofieren, sondern zum Diagnostizieren.
Was ist mit diesem Menschen geschehen?
Im Jahr 2025 betreibt Gabor Steingart Pioneer, einen Newsletter mit Podcast und Eventformat. Jeden Morgen um sechs Uhr liefert er seinen Abonnenten eine Zusammenfassung des Tages: fünf Punkte, drei Minuten, ein Fazit. Der Draghi-Report über die europäische Wettbewerbsfähigkeit — 400 Seiten tiefgreifender Analyse — wird in einem einzigen Briefing referenziert, summarisch gelobt, nicht analysiert. Die Symptome werden aufgelistet, die Ursachen nicht befragt. Das »Warum?« fehlt. Es fehlt nicht gelegentlich, es fehlt systematisch.
Was geschehen ist, lässt sich an einem einzigen Werkzeug festmachen: der Konfettikanone. Man nehme die Arbeit anderer Leute — einen 400-Seiten-Report, eine Regierungserklärung, eine Studie —, schneide sie in bunte Streifen, werfe sie in die Luft und nenne es »Fazit«. Die Konfettikanone produziert Wirkung ohne Erkenntnis, Aufmerksamkeit ohne Verständnis, den Anschein von Analyse ohne ihre Substanz.
Das Geschäftsmodell dahinter ist so intelligent wie zynisch: nah genug an der Wahrheit, um glaubwürdig zu wirken; weit genug entfernt, um niemanden zu verlieren. Der Steingart von 2006 nannte so etwas »Volksnarkose«. Er hat den Stimmungspolitiker beschrieben — und ist dann einer geworden. Nur eben nicht in der Politik, sondern im Journalismus.
Die Verwandlung ist kein Einzelfall, sie ist ein Muster. In Deutschland gibt es eine bemerkenswerte Tradition: Menschen, die in jungen Jahren die Dinge ungeschminkt beim Namen nannten, werden im Laufe ihrer Karriere zu dem, was sie einst beschrieben haben. Der Kritiker wird zum Betrieb. Die Diagnose wird zum Content. Die Wahrheit, einmal als Buch erschienen und mit Preisen bedacht, wird zur Visitenkarte, deren Text niemand mehr liest.
Steingart hat 2006 ein Kapitel geschrieben mit dem Titel »Die neue Ehrlichkeit«. Darin fordert er eine Bewusstseinsrevolution: dass man aufhören müsse, sich über die Lage zu belügen. Zwanzig Jahre später liefert derselbe Autor seiner Leserschaft morgens um sechs eine angenehm temperierte Zusammenfassung, in der alles referenziert und nichts verstanden wird. Die Ehrlichkeit, die er 2006 einforderte, wäre für sein Geschäftsmodell tödlich.
Die eigentliche Frage ist nicht, warum Steingart sich verändert hat. Die eigentliche Frage ist, was es über ein Land sagt, wenn seine schärfsten Analytiker zu Konfettikanonieren werden. Wenn die Diagnose nicht verfeinert, sondern aufgegeben wird. Wenn der Befund von 2006 in zwanzig Jahren nicht weiterentwickelt, sondern vergessen wird.
Steingart hat 2006 seinen Lesern zugemutet, zweihundert Seiten über Asien zu lesen, bevor er eine einzige Strategie anbietet. Er hat ihnen zugemutet, den letzten Satz seines Vorworts ernst zu nehmen: »Gute Politik beginnt mit dem Aussprechen dessen, was ist. Dazu will dieses Buch ermuntern.«
Das Aussprechen dessen, was ist — das kann man nicht jeden Morgen um sechs Uhr tun. Nicht in fünf Punkten. Nicht mit Sponsoren im Rücken und Abonnenten im Blick. Die Konfettikanone ist das Betriebssystem einer Medienlogik, die Analyse durch Referenz ersetzt hat, Diagnose durch Aufzählung, das Fragen nach dem Warum durch das Berichten über das Was.
Und darin liegt die eigentliche Ironie: Steingart hat 2006 ein Buch über den Niedergang geschrieben. Er hat den Niedergang beschrieben, analysiert, mit Zahlen belegt. Und dann hat er sich entschieden, selbst ein Teil davon zu werden.
Nicht als Zyniker. Wahrscheinlich nicht einmal bewusst. Sondern weil das Geschäftsmodell des Newsletters verlangt, was das Geschäftsmodell des Buches verbot: Nähe zum Leser statt Zumutung, Bestätigung statt Erschütterung, Tempo statt Tiefe.
Steingart hat 2006 geschrieben: »Mit der Sorge um die wählerwirksame Vermittlung von Erkenntnis verschwindet die Erkenntnis selbst.« Er sprach über Politiker. Er hätte über sich selbst sprechen können — zwanzig Jahre später.
Siehe auch: Die Konfettikanonen — Wie die Sturmgeschütze der Demokratie entschärft wurden