Essay · Hans Ley & Claude Dedo · 1. Oktober 2026

Die Zahl vor dem Angriff

Was aus der Verantwortung wird, wenn das Töten eine Kennzahl bekommt.

„Die letzte Entscheidung trifft mit Sicherheit ein Mensch.“
Matías Rott, Experte für Cyberaufklärung, in der Jerusalem Post über den Einsatz von KI in der israelischen Armee, September 2026

I. Ein Wort für eine Zahl

In unserem Essay „Wer die Büchse öffnet“ haben wir geschrieben, die Grenze verlaufe nicht zwischen Mensch und Maschine, sondern zwischen der Abwehr eines Geschosses und der Auswahl eines Menschen. Ein Film, der im September in Venedig gezeigt wurde, handelt von dem Raum, der zwischen diesen beiden Polen liegt: von einem Krieg, in dem formal jedes Mal ein Mensch entscheidet, die Maschine aber die Ziele vorschlägt und eine Zahl schon vorher feststeht.

„NAZA“ ist ein Kürzel der israelischen Armee. Es steht für nezek agavi, Kollateralschaden. Gemeint ist die Zahl der Zivilisten, deren Tod bei einem Luftangriff als annehmbar gilt. Yuval Abraham und Rachel Szor, die mit „No Other Land“ bekannt wurden, haben dafür 24 Offiziere und Soldaten aus Armee und Geheimdienst befragt, anonym und auf Dächern in Tel Aviv. Produziert hat den Film der Guardian. In Venedig lief er als einziger Dokumentarfilm im Wettbewerb und erhielt den Spezialpreis der Jury.

Die Befragten beschreiben, dass jedes mögliche Ziel im Gazastreifen eine NAZA-Zahl erhält: die Zahl der Unbeteiligten, deren Tod für dieses eine Ziel hingenommen wird. Nach dem 7. Oktober 2023 seien diese Schwellen stark angehoben worden. In einem Fall seien für eine einzige Person bis zu 500 genehmigt worden.

Der Film knüpft an Recherchen an, die Abraham 2024 für die Magazine +972 und Local Call veröffentlicht hat. Damals ging es um ein System namens „Lavender“, das nach Angaben der Quellen bis zu 37.000 Menschen als mutmaßliche Kämpfer markierte. Für einfache Mitglieder der Hamas seien 15 bis 20 zivile Tote hingenommen worden, für hohe Kommandeure in einzelnen Fällen mehr als 100. Die Prüfung eines Vorschlags habe oft nur etwa 20 Sekunden gedauert, und die Fehlerquote des Systems hätten die Quellen selbst auf rund zehn Prozent geschätzt.

II. Was die Armee sagt

Die israelische Armee weist die zentralen Aussagen des Films zurück, und ihre Gegendarstellung verdient es, ausführlich wiedergegeben zu werden.

Die Armee habe „niemals einen Angriff geplant, bei dem zu erwarten war, dass 500 Zivilisten getötet würden“. Ihre verbindlichen Richtlinien unterschieden „ausdrücklich, kategorisch und eindeutig zwischen Terroristen und unbeteiligten Zivilisten“. Künstliche Intelligenz habe „niemals eigenständig Ziele ausgewählt“, die Identifizierung eines Ziels erfolge ausschließlich durch ausgebildete Nachrichtenoffiziere. Lavender sei keine Angriffsliste, sondern eine Datenbank, die Erkenntnisse aus verschiedenen Quellen miteinander abgleicht. Automatische Freigaben habe es nie gegeben. Jeder Angriff werde von Kommandeuren und Rechtsberatern geprüft, die ihn ändern oder ablehnen könnten.

Vor allem aber, so die Armee, sei die Abschätzung der zu erwartenden zivilen Opfer keine Erlaubnis zum Töten, sondern eine Pflicht, die das Völkerrecht vorschreibt. Sie werde gemacht, damit ein Kommandeur den Angriffsplan ändern oder den Angriff ganz abbrechen kann. Dazu kämen Warnungen an die Bevölkerung, die Wahl kleinerer Munition und humanitäre Hilfe. Und der Film verschweige, dass die Hamas sich gezielt in Wohnhäusern, Schulen und Krankenhäusern verschanze und damit die Zivilisten selbst in Gefahr bringe.

Ein Kommentator der Jerusalem Post hat das Argument zugespitzt: Eine Armee, die auf Vernichtung aus wäre, bräuchte keine Rechenverfahren für zivile Opfer. Dass sie gezählt und abgewogen werden, zeige, dass sie begrenzt werden sollen. Und der Experte aus dem Motto sagt, wer mit solchen Systemen arbeite, wolle Kollateralschäden verringern, und am Ende entscheide immer ein Mensch.

III. Die Zahl ist keine israelische Erfindung

Wer den Film nur als Anklage gegen Israel liest, übersieht das Wichtigste. Das Völkerrecht verlangt seit dem Zusatzprotokoll zu den Genfer Abkommen von 1977, dass die zu erwartenden zivilen Opfer eines Angriffs nicht „übermäßig“ sein dürfen im Verhältnis zum erwarteten militärischen Vorteil. Jede Armee, die das ernst nimmt, muss diese Abwägung irgendwie in ihre Abläufe übersetzen.

Die amerikanischen Streitkräfte tun das seit Jahrzehnten mit einem eigenen Verfahren und einem eigenen Begriff, dem Non-combatant Casualty Cut-off Value. Beim Einmarsch in den Irak 2003 mussten Angriffe, bei denen mehr als etwa 30 zivile Tote zu erwarten waren, vom Verteidigungsminister selbst genehmigt werden. Für Drohnenangriffe außerhalb der eigentlichen Kriegsgebiete verlangte eine Richtlinie von 2013 dagegen die nahezu sichere Gewissheit, dass keine Zivilisten getroffen werden.

Die Frage ist also nicht, ob es eine Zahl gibt. Sie lautet: Wie hoch ist sie, wer legt sie fest, wie viel Zeit bleibt für die Prüfung, und was macht die Zahl mit dem Menschen, der sie anwendet?

IV. Was die Zahl mit dem Menschen macht

Das Völkerrecht verlangt ein Urteil. „Übermäßig“ ist kein Messwert, sondern eine Abwägung, die in jedem einzelnen Fall neu getroffen werden muss: dieses Ziel, dieses Haus, diese Menschen darin. Eine Schwelle verwandelt dieses Urteil in eine Prüfung. Die Frage lautet dann nicht mehr, ob dieser Angriff zu viele Opfer kostet, sondern ob die geschätzte Zahl unter der Linie liegt.

Man kennt das aus ganz anderen Bereichen. Ein Bankangestellter, der einen Kredit ablehnt, weil der Punktwert des Kunden unter einer Grenze liegt, hat nicht entschieden. Er hat abgelesen. Wenn man ihn fragt, warum, verweist er auf das System. Wer das System eingerichtet hat, kennt den Kunden nicht. Die Entscheidung ist gefallen, aber niemand hat sie getroffen.

Hannah Arendt hat die Bürokratie einmal die „Herrschaft des Niemand“ genannt: eine Ordnung, in der man niemanden mehr zur Verantwortung ziehen kann, weil jeder nur seinen Teil getan hat. Im Krieg mit Zielvorschlägen und Schwellenwerten sieht das so aus: Die Maschine schlägt vor, die Tabelle erlaubt, der Offizier zeichnet ab, der Pilot fliegt. Jeder kann sagen, er habe sich an die Regeln gehalten. Die Last, die das Völkerrecht einem Menschen auferlegen wollte, verteilt sich so lange, bis keiner sie mehr trägt.

Das gilt auch dann, wenn die Zahl niedrig ist. Aber es wiegt schwerer, wenn sie hoch ist und wenn die Zeit für die Prüfung kurz ist. Ob beides in Gaza der Fall war, ist genau der Streit zwischen dem Film und der Armee.

V. Zwanzig Sekunden

In Genf wird seit Jahren über die Formel von der „bedeutsamen menschlichen Kontrolle“ gestritten. Der Fall zeigt, warum das Wort „bedeutsam“ der eigentliche Kern ist. Dass ein Mensch im Ablauf steht, sagt noch nichts. Ein Mensch, der zwanzig Sekunden hat, um einen Vorschlag zu prüfen, den eine Maschine aus Tausenden Datenpunkten errechnet hat, kontrolliert nichts. Er bestätigt. Der Experte aus dem Motto hat das selbst angesprochen: Die Frage sei, ob der Mensch die Information unabhängig bewertet oder nur noch als „Gummistempel“ dient.

Die Armee bestreitet die zwanzig Sekunden. Aber auch wer ihr glaubt, kommt an einer Verschiebung nicht vorbei. Früher war das Finden der Ziele der Engpass eines Luftkriegs. Aufklärer mussten wochenlang beobachten, bevor ein Ziel feststand. Systeme, die Ziele in großer Zahl vorschlagen, beseitigen diesen Engpass. Der neue Engpass ist der Mensch, der prüft, und auf ihm lastet nun der Druck, Schritt zu halten. Genau davor hat der offene Brief von 2017 gewarnt: Kriege „in einer Geschwindigkeit, die Menschen nicht mehr erfassen können“.

VI. Der Streit um den Film

Die Reaktion in Israel kam zu einem großen Teil, bevor jemand den Film gesehen hatte. Der Kulturminister warf den Regisseuren Verrat vor. Der Generalstabschef kündigte an, gegen den Film vorzugehen, auch mit rechtlichen Mitteln. Der Ministerpräsident stellte ein Gesetz in Aussicht, das die Verleumdung von Soldaten mit höheren Strafen und dem Entzug der Staatsbürgerschaft ahnden soll. Vor dem Elternhaus von Rachel Szor versammelten sich Demonstranten und forderten, es abzureißen. Das Committee to Protect Journalists und zehn weitere Organisationen verlangten Schutz für die beiden Regisseure.

Dass eine Armee die Vorwürfe eines Films zurückweist, ist ihr gutes Recht. Dass ein Staat darauf mit dem Entzug der Staatsbürgerschaft droht, ist etwas anderes. Bemerkenswert ist auch, wer hier spricht. Die Regisseure sind israelische Journalisten, die Quellen sind israelische Soldaten. Dass es in diesem Land noch Menschen gibt, die das, was sie getan haben, nicht einfach abzeichnen, sondern darüber reden, ist kein Zeichen von Verrat. Es ist der Rest von Urteil, um den es in diesem Essay geht.

Ob die Angaben der Quellen im Einzelnen stimmen oder die der Armee, lässt sich von außen nicht entscheiden. Wir entscheiden es hier auch nicht, ebenso wenig wie die Frage, ob in Gaza ein Völkermord begangen wird. Darüber verhandelt der Internationale Gerichtshof. Was wir feststellen können, ist, was fehlt: eine unabhängige Stelle, die nachsehen darf. Es ist dieselbe Lücke, die wir in „Wer darf nachsehen“ für die KI im Allgemeinen beschrieben haben.

VII. Woran dieser Essay zu widerlegen wäre

Der erste Einwand: Der Film stützt sich auf anonyme Quellen, die niemand überprüfen kann, und seine Macher haben eine klare politische Haltung. Das ist richtig, und es ist ein ernster Einwand gegen jede einzelne Zahl im Film. Unser Argument hängt aber nicht an der Zahl 500. Es hängt daran, was eine Schwelle aus einer Abwägung macht, und das gilt für jede Armee, die so arbeitet.

Der zweite Einwand: Ohne Zahlen wären die Entscheidungen willkürlicher, nicht menschlicher. Eine Schwelle ist eine Grenze, keine Erlaubnis, und eine KI, die besser weiß, wer sich in einem Gebäude aufhält, kann Leben retten. Auch das ist richtig. Eine Grenze kann Leben schützen. Sie wird aber zur Erlaubnis, wenn sie hoch angesetzt und schnell abgehakt wird. Was sie im Einzelfall ist, hängt an ihrer Höhe und an der Zeit für die Prüfung, und beides ist umstritten.

Der dritte Einwand: Die Verantwortung für die zivilen Opfer trägt die Hamas, die ihre Kämpfer unter Zivilisten versteckt. Das Völkerrecht sieht das anders, und zwar ausdrücklich. Wer Zivilisten als Schutzschilde missbraucht, begeht selbst ein Kriegsverbrechen. Aber das entbindet die angreifende Seite nicht von ihrer eigenen Pflicht, die Zivilisten zu schonen. Das Zusatzprotokoll von 1977 sagt das in einem eigenen Absatz.

Widerlegt wäre der Essay, wenn eine unabhängige Untersuchung zeigte, dass die Schwellen so niedrig und die Prüfungen so gründlich waren, wie die Armee es darstellt, und dass die Offiziere jeden einzelnen Angriff tatsächlich abgewogen und nicht nur abgezeichnet haben.

VIII. Die Zahl

Eine Zahl hat eine eigene Kraft. Sie macht vergleichbar, was unvergleichbar ist, und sie nimmt dem, der sie anwendet, eine Last ab. Ein Offizier, der vor jedem Angriff abwägen muss, ob es diese Menschen wert ist, trägt diese Last. Wer nur prüft, ob ein Wert unter einer Linie liegt, trägt sie nicht mehr. Das ist der Zweck der Zahl, und es ist ihre Gefahr.

Wenn der Tod von Unbeteiligten schon vor dem Angriff eine Zahl hat: Wer verantwortet ihn dann? Der, der die Zahl festlegt, der, der sie abliest, oder niemand?

Hans Ley & Claude Dedo (Anthropic) — Nürnberg, 1. Oktober 2026.

Verwandte Texte: „Wer die Büchse öffnet“ · „Wer darf nachsehen“ · „Wem gehört die menschenleere Halle?“.

Zur Quellenlage. Wir haben den Film nicht gesehen. Seine Aussagen geben wir nach Berichten wieder: Columbia Journalism Review, South Asia Times, Jüdische Allgemeine, Wikipedia. Die Stellungnahme der israelischen Armee nach haGalil, Israel Hayom und VIN News; das Interview mit Matías Rott und der Kommentar zur Rolle der KI in der Jerusalem Post und ebenda. Zu Lavender die Berichte von +972 und Local Call vom April 2024, zitiert nach Al Jazeera. Zum amerikanischen Schwellenwert: Non-combatant casualty value und Just Security. Zusatzprotokoll I zu den Genfer Abkommen (1977), Artikel 51 und 57. Hannah Arendt, Macht und Gewalt (1970). Englische Fassung verfügbar.