beyond-decay.org
Größe EN

Europa skaliert nicht

Über einen Schweizer Rekord, der nicht in Europa landen wird — Perowskit-Solarzellen und die strukturelle Lage
beyond-decay.org — Mai 2026

I. Eine Nachricht, die anders gelesen werden muss

Im März 2026 hat ein Schweizer Forschungsteam in Nature einen neuen Rekord für die Perowskit-Silizium-Mehrfachsolarzelle veröffentlicht: 30,02 Prozent zertifizierter Wirkungsgrad. Die Fachpresse hat das als Durchbruch gemeldet. Die ingenieur.de schrieb am 25. Mai von einem Massenmarkt, der sich öffne. Die Aussage stimmt — aber nicht im Sinn, in dem sie verstanden werden möchte. Der Massenmarkt wird sich öffnen. Er wird sich nicht in Europa öffnen.

Die Lage, in die der Schweizer Rekord fällt, ist nicht die einer technologischen Pionierphase. Sie ist die einer Industrie, die längst skaliert — überwiegend nicht dort, wo geforscht wird. Wer den Artikel nüchtern liest, sieht das. Wer ihn als Erfolgsmeldung liest, übersieht etwas, das in den letzten zwei Jahrzehnten zum Muster geworden ist und das in der Photovoltaik besonders sichtbar wird.

II. Was die Schweizer Forscher erreicht haben

Die EPFL Lausanne und das Centre Suisse d'Electronique et de Microtechnique haben in Nature vom 17. März eine Dreischicht-Solarzelle auf vierundfünfzig Quadratzentimetern beschrieben. Der Aufbau ist konzeptionell elegant: Silizium unten für das langwellige Licht, eine Perowskit-Schicht mit mittlerer Bandlücke für den grün-gelben Bereich, eine Perowskit-Schicht mit weiter Bandlücke oben für das kurzwellige Licht. Drei technische Innovationen tragen den Rekord: ein Additiv, das die Kristallisation der oberen Schicht regelt, ein dreistufiger Herstellungsprozess für die mittlere Zelle, Siliziumoxid-Nanopartikel als interner Lichtreflektor.

Bezeichnend für die Lage ist die Zertifizierungsinstanz. Die Schweizer Forschungsleistung wurde vom Shanghai Institute of Microsystem and Information Technology zertifiziert. Eine westliche Spitzenarbeit lässt sich in China beglaubigen, weil dort die Zertifizierungsinfrastruktur sitzt. Der bisherige Rekord von 27,1 Prozent wurde von der National University of Singapore gehalten. Die akademische Frontlinie verläuft zwischen Singapur, Schanghai, Lausanne — drei Punkte auf einer Karte, die nicht mehr die alte ist.

III. Wer skaliert tatsächlich

Die chinesische Spitze liegt schon jenseits dessen, was die EPFL erreicht hat. LONGi Green Energy hält den NREL-zertifizierten Weltrekord für die Tandem-Zelle bei 34,85 Prozent, aus dem April 2025. Auf einer großflächigen Zelle von 260,9 Quadratzentimetern — also einem industrierelevanten Format, nicht mehr Labormaßstab — erreicht LONGi 33 Prozent. LONGi-Module liegen bei zertifizierten 30,1 Prozent. Trina Solar hat im Juni 2025 ein Modul mit 30,6 Prozent und 829 Watt vorgestellt, später auf 841,5 Watt gesteigert — der erste Hersteller weltweit, der bei einem Modul über 30 Prozent kommt. Jinko Solar zielt für 2026 auf 34 Prozent Zellwirkungsgrad. Aiko Solar führt im Patentportfolio bei Perowskit-Tandem mit zwölf relevanten Patenten unter den chinesischen Herstellern.

Diese Akteure forschen nicht nur. Sie produzieren. GCL hat im Juni 2024 eine Gigawatt-Fertigung für Tandem-Zellen fertiggestellt. UtmoLight plant Gigawatt-Kapazität. Ren Shuo Optoelectronics hat zwei 500-Megawatt-Linien im Aufbau, Inbetriebnahme bis Frühjahr 2026 angekündigt. Xianna Photovoltaic ebenfalls zwei 500-Megawatt-Linien. In den USA baut First Solar in South Carolina eine sechste Fabrik mit 3,7 Gigawatt jährlicher Kapazität für die zweite Hälfte 2026, im Februar 2026 unterzeichnete First Solar ein Lizenzabkommen mit Oxford PV. In Korea plant Hanwha Qcells Massenproduktion ab erster Jahreshälfte 2027.

In Europa sieht es anders aus. Enel baut über sein Tochterunternehmen 3Sun in Catania, Sizilien, eine Gigafactory mit 3 Gigawatt jährlicher Kapazität auf — das ist die einzige europäische Anlage in der Liga der globalen Akteure. Oxford PV in Brandenburg an der Havel ist die einzige Eigenproduktion an Perowskit-Tandem-Modulen in Europa, derzeit mit einer Pilotkapazität von hundert Megawatt. Die geplante Gigawatt-Fabrik wurde zuletzt auf Ende 2027 oder Anfang 2028 verschoben. CEO David Ward strebt eine 20-jährige Modullebensdauer bis 2028 an — bemerkenswerterweise als Zielwert, nicht als gegebene Eigenschaft. Heute halten die Module weniger als die fünfundzwanzig Jahre, die Silizium-Module garantieren.

IV. Die Wendung zur Lizenzierung

Oxford PV hat sich strategisch umgestellt. Statt selbst Gigawatt-Kapazitäten aufzubauen, lizenziert das Unternehmen seine Patente an die globalen Hersteller. Trina Solar hat eine exklusive Oxford-PV-Lizenz für den chinesischen Markt abgeschlossen. First Solar hat im Februar 2026 ein ähnliches Lizenzabkommen unterzeichnet. CEO Ward erwartet für 2026 verstärkte Lizenzaktivität als Hauptgeschäft.

Das ist die Strategie eines Unternehmens, das seine eigene Skalierung als unrealistisch erkannt hat und sich mit der Verwertung seiner Schutzrechte ein Auskommen sichert. Wirtschaftlich ist das nicht unsinnig. Strukturell ist es die Niederlage. Wer die Patente besitzt, aber nicht die Gigafactories, lebt von der Substanz seiner Erfindung, bis die Patente auslaufen. Wer die Gigafactories besitzt, lebt von der laufenden Produktion über Jahrzehnte. Die ungleiche Werthaltigkeit der beiden Positionen wird in den nächsten zehn Jahren in den Bilanzen sichtbar werden.

V. Die ungelösten Probleme

Drei technische Hürden sind nicht gelöst, und sie werden die Geschwindigkeit der Skalierung bestimmen, nicht ihre Richtung. Die erste ist die Stabilität. Standard-Silizium-Module halten heute fünfundzwanzig Jahre mit Leistungsgarantien, die nach dieser Zeit noch achtzig Prozent ursprüngliche Leistung versprechen. Perowskit-Materialien degradieren unter Feuchtigkeit, Sauerstoff, UV-Strahlung und Temperatur deutlich schneller. Die Hydratisierung lässt den inneren Perowskit allmählich zerfallen, Sauerstoff oxidiert besonders Titandioxid-Schichten. Lange Felddatenlaufzeiten existieren noch nicht — die ersten kommerziellen Module sind weniger als zwei Jahre im Feld.

Die zweite Hürde ist die Blei-Toxizität. Die effizientesten Perowskit-Materialien enthalten Blei in der Kristallstruktur. Eine Beschädigung eines Moduls — Hagelschlag, Sturmschaden, Brand, Glasbruch — kann zu Blei-Auswaschung in Boden, Luft und Grundwasser führen. Lösungsansätze gibt es: Polymere mit Selbstheilungsfunktion, ECR-Protokolle, Recycling-Strukturen. Aber Blei-freie Perowskite auf Basis von Zinn, Antimon, Bismut oder Germanium haben gegenwärtig deutlich niedrigere Effizienz und schlechtere Stabilität. Ein vollständiger Ersatz von Blei ist auf absehbare Zeit nicht in Sicht. In Europa, wo die Regulierung schärfer ist als in China oder den USA, wird das ein verzögernder Faktor sein — und damit ein weiterer Standortnachteil.

Die dritte Hürde ist die Flächenskalierung. Was im Labor auf einem Quadratzentimeter funktioniert, funktioniert nicht automatisch auf einem Quadratmeter. Die EPFL-Zelle hat vierundfünfzig Quadratzentimeter — ein Zwischenwert zwischen Labor und Modul. LONGi hat den Sprung auf 260,9 Quadratzentimeter geschafft, das ist der gegenwärtige industrierelevante Maßstab. Ein vollwertiges Photovoltaik-Modul hat etwa zwei Quadratmeter. Hier liegt die EPFL-Forschung um Größenordnungen zurück, nicht im Labor, sondern in der Produktionsfähigkeit, die mit dem Labor verbunden ist.

VI. Die strukturelle Lage

Die Frage wer wird skalieren ist nicht eine technische Frage. Sie ist eine Frage der industriellen Selbstvergewisserung Europas, die in den vergangenen drei Jahrzehnten in zwei Richtungen versagt hat. Erstens, indem Europa seine Industriebasis durch Auslagerung an Niedrigkostenländer geschwächt hat — eine Politik, die als ökonomische Vernunft gepriesen wurde und strategisch katastrophal war. Zweitens, indem Europa sich vorzugsweise als regulierender Akteur verstanden hat, dessen wichtigste Beiträge zur Welt nicht in Produkten, sondern in Verordnungen liegen.

Diese Lage ist nicht spezifisch für Perowskit. Sie ist die europäische Lage in fast jeder Technologiefrontline seit etwa 2010. Die mRNA-Impfstoffe wurden in Mainz erfunden — die Massenproduktion läuft in den USA und Indien. Die Lithium-Ionen-Batterietechnologie wurde in Oxford und Tübingen entwickelt — die Produktion läuft in China, Korea und Japan zu neunzig Prozent. Die Solarzellen-Massenproduktion wurde in Deutschland aufgebaut, Q-Cells in Bitterfeld-Wolfen, SolarWorld in Bonn, und ist zwischen 2012 und 2018 fast vollständig zusammengebrochen, nachdem chinesische Hersteller die Preise mit staatlich gestützten Überkapazitäten in den Boden gefahren hatten. Heute kommen über achtzig Prozent der weltweit produzierten Solarmodule aus China.

Die Folge ist eine Ironie, die nicht moralisch zu lösen ist. Die EPFL kann den Rekord halten. Die Zertifizierung erfolgt in Shanghai. LONGi-Ingenieure werden den Nature-Artikel lesen. Die Additivierungsmethode wird in Hangzhou nachgebaut, mit Variationen, die Patente umgehen oder neue Patente begründen. In achtzehn bis vierundzwanzig Monaten wird ein chinesisches Modul mit der EPFL-inspirierten Architektur auf dem Markt sein, zu einem Preis, der den europäischen Wettbewerb zur Bedeutungslosigkeit relativiert.

Das ist nicht Diebstahl. Es ist die normale Funktionsweise einer globalisierten Wissenschafts- und Industriewelt, in der akademische Veröffentlichungen öffentliches Gut sind und industrielle Produktionsanlagen privates Eigentum. Wer die Produktionsinfrastruktur hat, kann das Veröffentlichte in Produkte überführen. Wer nicht, kann es nicht. Die EPFL hat die Infrastruktur nicht. Das CSEM hat sie nicht. Oxford PV hat sie in Pilotgröße und ist auf Lizenzen umgeschwenkt.

VII. Was die Skalierung wirklich kostet

Eine moderne Photovoltaik-Gigafactory mit ein bis drei Gigawatt jährlicher Kapazität kostet zwischen einer halben und zwei Milliarden Euro im Aufbau. Hinzu kommen Betriebskosten, Personalkosten, Energiekosten, Materialkosten. Die Amortisationszeit dieser Investitionen liegt bei sieben bis fünfzehn Jahren, abhängig vom Marktpreis und vom politischen Umfeld.

Eine solche Investition tätigen weltweit nur Akteure mit der entsprechenden Kapitalbasis und der industriellen Erfahrung in Massenfertigung. Das sind in China etwa zwölf Unternehmen mit jeweiligen Marktkapitalisierungen zwischen fünf und fünfzig Milliarden Dollar. In den USA First Solar mit etwa zwanzig Milliarden Dollar. In Korea Hanwha Qcells als Teil des Hanwha-Konglomerats. In Europa Enel, dessen Photovoltaik-Aktivitäten allerdings nur einen kleinen Teil seines Energiegeschäfts ausmachen.

Eine Forschungseinrichtung wie die EPFL hat ein Jahresbudget von etwa einer Milliarde Schweizer Franken für die gesamte Hochschule, davon der allergrößte Teil für Lehre und Grundlagenforschung. Das CSEM hat etwa achtzig Millionen Franken Jahresumsatz. Diese Größenordnungen sind nicht in derselben Liga wie die Gigafactory-Investitionen, die das Spiel entscheiden. Das ist nicht eine Frage des Wollens. Es ist eine Frage der industriellen Infrastruktur, die in Europa fehlt und die nicht in fünf Jahren durch Förderprogramme aufgebaut werden kann.

VIII. Was bleibt

Die Lage ist nicht hoffnungslos. Sie ist nüchtern. Drei Möglichkeiten bleiben offen, die nicht den Hauptwettlauf entscheiden, aber sinnvolle Beiträge leisten können.

Die erste ist die Nischenanwendung. Building-Integrated Photovoltaics, wo die Anforderungen anders sind als bei utility-scale Installationen — kleinere Stückzahlen, höhere Anpassungsanforderungen, ästhetische und integrative Funktionen. Hier können kleinere europäische Akteure eine Rolle spielen, weil die chinesischen Massenhersteller diese Nische strukturell nicht gut bedienen. Die zweite ist die spezialisierte Teilforschung an Stabilität, Verkapselung, lokalem Recycling, Blei-freien Varianten — eine Strategie, die Oxford PV gewählt hat und die in kleinerem Maßstab auch deutschen Forschungseinrichtungen offensteht. Die dritte ist die Ausbildungs- und Demonstrationsfunktion: Fachkräfte qualifizieren, die in der kommenden Industrie gebraucht werden, Pilotanlagen betreiben, an denen die Funktionsweise sichtbar wird.

Was Europa unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht leisten kann, ist die Massenproduktion. Das ist die nüchterne Lage. Wer sie anders darstellt, läuft Gefahr, durch politische Selbstvergewisserung die strategische Klarheit zu verlieren. Die Energiewende wird sich vollziehen. Die Frage ist nicht mehr, ob, sondern wo die Module produziert werden, die sie tragen. Auf diese Frage hat Europa heute keine eigene Antwort.

Die Schweizer Forschungsleistung vom März 2026 ist eine eindrucksvolle akademische Arbeit. Sie wird in die Literatur eingehen. Sie wird in chinesischen, amerikanischen und koreanischen Produktionsanlagen ihre Spuren hinterlassen. Sie wird nicht in einer Schweizer oder europäischen Gigafactory zu massengefertigten Modulen werden. Das ist die Lage, die diese Reihe seit ihrem ersten Beitrag beschreibt — eine Megamaschine, die ihre Substrate so verteilt hat, dass die Wertschöpfung dort entsteht, wo die Produktion läuft, und nicht dort, wo die Forschung geschrieben wird.

Europa skaliert nicht ist ein Essay der Neuen Reihe auf beyond-decay.org. Anlass: ein Bericht in ingenieur.de vom 25. Mai 2026 über den EPFL-Rekord von 30,02 Prozent bei Perowskit-Silizium-Mehrfachsolarzellen — und die Frage, was diese Nachricht eigentlich bedeutet.

Vorarbeiten und Bezüge: Der Zwitter und die Maschine (Mai 2026) zur Aushöhlung der ökonomischen Substanz, Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr (Mai 2026) zur industriellen Erbschaft, Null gegen Fünfzehn (Mai 2026) zur Verhandlungsschwäche Europas.

Hauptquellen: Artuk K., Wolff C. et al. (2026), Triple-junction solar cells with improved carrier and photon management, Nature 653, 90–97; ingenieur.de, 25. Mai 2026; PV Magazine International, März 2026; Electrek, Februar 2026; PatSnap-Analyse, April 2026; EnergyTrend, Dezember 2025.

Hans Ley, Nürnberg
und Claude Dedo (Anthropic)
Mai 2026