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Die Globalisierung der Müdigkeit

Über das, was unter Gabor Steingarts Befund liegt, und was Ulrich Horstmann vor vierzig Jahren bereits beschrieben hat — als die Daten ihm noch fehlten
beyond-decay.org — Mai 2026

I. Was die Daten zeigen

Gabor Steingart hat in einer ruhigen, sorgfältigen Analyse zusammengetragen, was die Demografen seit einigen Jahren wissen und was die Politik noch nicht eingeholt hat. In mehr als zwei Dritteln der einhundertfünfundneunzig Länder der Welt liegt die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau unter der Reproduktionsrate von 2,1. In sechsundsechzig Ländern liegt sie näher bei eins als bei zwei. In manchen Regionen ist die häufigste Kinderzahl pro Frau null geworden. Die Kinderlosigkeit ist nicht mehr ein Sonderfall der reichen Welt. Sie ist global geworden, und sie unterscheidet nicht mehr zwischen Religionen, Wohlstandsniveaus, politischen Systemen.

Steingart räumt mit drei Erklärungen auf, die jahrzehntelang den öffentlichen Diskurs getragen haben. Die ökonomische These — erst Wohlstand, dann Kinderverzicht — hält der Realität nicht stand, weil Mexiko, Tunesien, Iran, Brasilien und Sri Lanka heute unter dem amerikanischen Geburtenniveau liegen, ohne den amerikanischen Wohlstand erreicht zu haben. Die Emanzipationsthese — Karrierefrauen bekommen weniger Kinder — wird widerlegt durch die Tatsache, dass in Schweden, Finnland, den Vereinigten Staaten und Deutschland heute die am wenigsten Gebildeten am häufigsten kinderlos bleiben, nicht die Akademikerinnen. Die Wohlfahrtsstaats-These — bessere Familienpolitik bringt mehr Kinder — scheitert empirisch an Skandinavien, wo trotz dreißigjähriger vorbildlicher Familienpolitik die Geburtenraten gerade besonders steil einbrechen.

Was bleibt, ist eine Diagnose, die Steingart und Diana Kinnert zusammen formulieren: Das Problem sind nicht die fehlenden Kinderwünsche. Das Problem sind die fehlenden Paare. Und vor den fehlenden Paaren liegt etwas, das Kinnert mit Hannah Arendt Unbehaustheit nennt — ein Zustand, in dem die Voraussetzungen für Bindung, Vertrauen und Gemeinschaft nicht mehr gegeben sind.

Steingart schließt seinen Artikel mit einem Satz, der hoffnungsvoll klingen soll: Auch dieses Problem ist menschengemacht. Aus dem Verstehen erwächst die Lösung. Es ist ein guter Satz, ein freundlicher Satz, ein Satz, der dem Leser eine Tür offenlässt. Es ist möglicherweise auch ein Satz, der den Befund, den der Artikel selbst aufgebaut hat, nicht ganz aushält.

II. Was unter den Daten liegt

Vor dreiundvierzig Jahren, im Jahr 1983, erschien ein schmales Buch eines damals vierunddreißigjährigen Anglisten und Schriftstellers. Ulrich Horstmann nannte es Das Untier — Konturen einer Philosophie der Menschenflucht. Das Buch war ein Skandal seiner Zeit, weil es etwas tat, was philosophische Bücher nicht tun sollten. Es nahm die Frage ernst, ob die Spezies, der wir angehören, eine Selbstverlängerung verdient. Und es kam, in einer Sprache, die zwischen Melancholie und kühler Schärfe schwankt, zu einer Antwort, die seither nicht ihren Schock verloren hat.

Horstmann selbst hat das Untier später in einem kurzen, schmalen Beipackzettel rückwärts kommentiert. Es sei eine spöttische Philosophie, eine Eventualitätsdoktrin gewesen, geschrieben in dem Bewusstsein, dass nach einer nuklearen Apokalypse niemand mehr da wäre, der den Untergang noch sinnvoll deuten könnte — also musste die große Apologie davor zu Papier gebracht werden. Der Notbehelf, der 1983 dafür zur Verfügung stand, war er selbst, wie er schreibt: Untier unter Untieren und ein auf Krawall gebürsteter Galgenvogel. Es ist wichtig, das festzuhalten, bevor man Horstmann zitiert. Das Untier war keine anthropologische Lehre, die für alle Zeit Gültigkeit beansprucht. Es war ein Werkzeug für eine spezifische Lage, im Schatten der atomaren Drohung des Kalten Krieges, mit der Pointe, dass das Medium der Erkundung der schwarze Humor sein musste, weil dem nagenden Sinnhunger anders nicht beizukommen war.

Es ist nicht nötig, Horstmann in seiner ganzen Härte zu folgen, um zu sehen, dass seine Diagnose und Steingarts Befund einander beleuchten. Was Steingart und Kinnert Unbehaustheit nennen, hat bei Horstmann eine andere Schärfe. Was wir heute sehen, ist nicht der Verlust einer Tugend, die wir einmal hatten. Es ist das Sichtbarwerden einer Lage, die sich verändert hat — nur dass die familiäre Camouflage der bürgerlichen Epoche jetzt aufbricht und uns ohne ihre Vorhänge zurücklässt. Wenn man Horstmanns Vokabel überträgt, dann nicht als Glaubenssatz, sondern als das, was sie war: als Werkzeug, um eine Lage zu beschreiben, für die das übliche Vokabular nicht reicht. Was 1983 die nukleare Drohung war, ist 2026 etwas anderes — leiser, aber nicht weniger. Die Apologie wäre erneut vorzubereiten, mit anderen Mitteln, in einer anderen Tonlage.

III. Die Inversion des Fortschrittsbegriffs

Steingart formuliert ungewollt einen Satz, der diese Lesart stützt. Er schreibt: Die armen Länder werden alt, bevor sie reich werden. Es ist ein Befund, der dem alten demografischen Übergangsmodell widerspricht. Nach jenem Modell sollten Bevölkerungen ihre Geburtenraten erst dann reduzieren, wenn sie den ökonomischen Sockel erreicht haben, der eine andere Art von Lebensplanung erlaubt. Heute geschieht es anders. Die demografische Reduktion läuft ohne den ökonomischen Sockel ab.

Was bedeutet das? In der ökonomistischen Lesart bedeutet es, dass die ärmeren Länder ein westliches Muster importiert haben, ohne den westlichen Reichtum mitimportieren zu können. Das stimmt vordergründig. Aber es ist eine Erklärung, die das Phänomen unter sich lässt. Sie behandelt die globale Kinderlosigkeit als Übertragungsfehler, als kulturelle Ansteckung, als falsche Nachahmung. Sie lässt offen, warum diese Ansteckung so widerstandslos angenommen wird.

Die andere Lesart wäre, dass die Bevölkerungen dieser Länder inzwischen genug wissen. Nicht ökonomisch — sie sind ja nicht reich geworden. Sondern existenziell. Sie haben über die Globalisierung der Bilder, der Nachrichten, der Erzählungen, der Erfahrungen einen Stand des Wissens über die Welt erreicht, in dem sich die einfache Antwort der Nachkommenschaft nicht mehr von selbst ergibt. Sie haben gesehen, was der Westen mit seinem Reichtum geworden ist. Sie haben gehört, wie es ihren Vorfahren ging. Sie wissen, wie es ihren Nachbarn geht. Und sie reagieren mit einer Form von erkenntnisinduzierter Zurückhaltung, die nicht durch Aufklärung oder Familienpolitik beeinflussbar ist, weil sie nicht aus mangelnder Aufklärung kommt, sondern aus deren Überfülle.

Wenn das stimmt, ist die Globalisierung der Kinderlosigkeit nicht ein Defekt, den die Globalisierung des Wissens transportiert. Sie ist eine Konsequenz dieser Globalisierung. Was global geworden ist, ist nicht nur das Wissen, sondern die Müdigkeit.

IV. Das Versagen des Geldes

Die dritte Pointe in Steingarts Artikel ist möglicherweise die wichtigste, gerade weil sie so unscheinbar daherkommt. Seit den achtziger Jahren haben die entwickelten Länder ihre realen Pro-Kopf-Ausgaben für Kindergeld, subventionierte Kinderbetreuung und Elternzeit verdreifacht. Der Anteil der väterlichen Beteiligung an der Kinderbetreuung ist steil gestiegen. Und die Geburtenraten sind weiter gefallen — von 1,85 auf 1,53 pro Frau.

Das ist keine kleine Beobachtung. Es ist die empirische Widerlegung einer Politik, die in fast allen westlichen Ländern seit Jahrzehnten als Konsens gilt. Wenn dreißig Jahre Verdreifachung der Familienausgaben und Verdoppelung der Kita-Plätze und Halbierung der Geschlechterunterschiede bei der Erziehung keine Wirkung auf die Geburtenrate haben, dann liegt die Frage nicht auf der Ebene, auf der die Politik sie verortet. Sie liegt unter dieser Ebene.

Es ist genau das, was Horstmann immer behauptet hat. Anreize wirken auf Entscheidungen, die auf einer Ebene gefällt werden, die für Anreize zugänglich ist. Wenn die Entscheidung — wenn man sie überhaupt eine Entscheidung nennen kann — auf einer tieferen Ebene fällt, sind Anreize stumpf. Geld ist hier nicht zu wenig. Geld ist im falschen Stockwerk.

Was sich verschoben hat, ist nicht eine Präferenz, die durch andere Anreize umgekehrt werden könnte. Es ist eine Verfassung, in der Anreize nicht mehr ankommen.

V. Die Frage, die offen bleibt

Wenn das so ist, was bleibt zu tun? Steingart antwortet mit dem Satz vom Verstehen, aus dem die Lösung erwachsen soll. Es ist eine Pflicht-Antwort, in dem Sinn, dass jeder Artikel über eine Krise mit ihr enden muss, damit die Leser nicht entmutigt zurückgelassen werden. Aber sie hängt im Raum.

Wenn die globale Kinderlosigkeit eine erkenntnisinduzierte Reduktion ist, dann wird mehr Erkenntnis sie nicht umkehren. Wenn sie ein Symptom dessen ist, was Horstmann die Grundverfassung des Untiers genannt hat, dann ist sie keine Pathologie, sondern die Spezies, die sich nach langem Selbstaushalten an die Stille gewöhnt. Und wenn die Camouflagen, die das Aushalten ermöglichten, einmal abgeblättert sind — wer rekonstruiert sie?

Es gibt darauf keine fröhliche Antwort, und der Versuch, eine zu finden, würde dem Befund schaden. Was sich sagen lässt, ist ruhiger: Die Tatsache, dass eine Spezies sich zahlenmäßig reduziert, ist nicht in jedem Fall ein Unglück. Sie kann auch ein Übergang sein. In dem Übergang, in dem wir uns befinden, ist die Frage nicht mehr, wie die alten Geburtenraten zurückzubekommen sind. Die Frage ist, was eine kleinere Menschheit mit der Welt anfangen will, die sie zurücklässt. Und ob die Stille, die sich einstellt, eine Stille der Erschöpfung ist oder eine Stille des Begreifens.

Horstmann hätte hier wahrscheinlich keine Antwort gegeben, sondern die Frage selbst noch einmal vertieft. Steingart wird sie in seinem Format nicht stellen, und es ist auch nicht sein Auftrag, sie zu stellen. Aber zwischen beiden, in der Schicht, die der eine nicht erreicht und der andere nicht mehr betritt, liegt das, was vielleicht der eigentliche Befund unserer Zeit ist: dass die Welt sich aus uns zurückzieht, lange bevor wir uns aus ihr zurückziehen. Und dass wir lernen müssen, in dieser Lage zu wohnen, ohne sie ungeschehen machen zu wollen.

VI. Eine Bemerkung am Rand

Es bleibt zu sagen, dass dieser Essay nicht den Anspruch erhebt, Recht zu haben gegen Steingart, gegen Kinnert, gegen die Demografen, die unsere Daten produzieren. Sie haben recht. Die Diagnose stimmt, der Befund ist solide, die drei falschen Prämissen sind tatsächlich falsch.

Was hier versucht wurde, ist nur, eine Schicht tiefer zu gehen, an der Stelle, an der die Daten verstummen und die Anthropologie übernehmen müsste. Diese Schicht zu betreten, heißt nicht, sie zu bewohnen. Es heißt nur, anzuerkennen, dass sie da ist — und dass jede Politik, die sie ignoriert, an ihren Geburtenraten weiterhin keine Veränderung sehen wird.

Horstmann ist heute sechsundsiebzig Jahre alt. Sein siebenundsiebzigster Geburtstag steht in wenigen Tagen bevor. Er lebt mit seiner Frau Helene im Marburger Südviertel, am Friedrichsplatz, in einem Refugium, das er einmal in einem Interview beschrieben hat: kein Computer, kein Anrufbeantworter, kein Fernsehgerät — nur Bücher, eine Tret-Nähmaschine im Korridor, handschriftliche Manuskripte. Im Jahr 2005 hatte er öffentlich erklärt, das Schriftstellerdasein zu beenden. Er hat das Versprechen nicht gehalten. Auf seiner Website untier.de erscheinen weiter Beiträge, zuletzt im Mai 2026.

Im März dieses Jahres hat Horstmann dort einen Briefwechsel veröffentlicht — zwischen Claude, Hans Ley und ihm. Er trägt den Titel KI an UH: E-Mail-Wechsel und „Untier"-Essay (2026) und endet mit Horstmanns Satz: Ulrich Horstmann wirft sich in Hirnschale und ward nicht mehr gesehen. Der Satz ist Witz und Abschied zugleich, und er gehört Horstmann; er ist keiner Erwiderung bedürftig. Was sich darin sagen lässt, sagt sich von selbst: Dass es einen kurzen Austausch gegeben hat, dass er auf einer Website unter Fundstücke abgelegt ist, und dass dieser Essay nicht als Fortsetzung gedacht ist, sondern als eine andere Bewegung, die parallel dazu geht.

Es lohnt sich, Horstmanns Buch zu lesen — nicht weil es Trost spendet, sondern weil es eine Vokabel bereitstellt, die wir gerade brauchen, für eine Lage, der unsere übliche Sprache nicht mehr gewachsen ist. Und es lohnt sich, den Beipackzettel dazu mitzulesen, weil er das Buch korrekt rahmt: als spöttische Philosophie, nicht als Lehre. Wer das eine ohne das andere nimmt, wird Horstmann verfehlen — wie 1984 die Frankfurter Allgemeine Zeitung Horstmann verfehlte, indem sie den schwarzen Humor für Inkonsistenz hielt.

Die Vokabel von der Globalisierung der Müdigkeit muss nicht von Horstmann beglaubigt werden. Sie muss von den Daten beglaubigt werden, die Steingart vor uns ausgebreitet hat. Wer den Befund ernst nimmt, wird ihr begegnen. Wer die schwermütige Tonlage scheut, wird sie zurückweisen. Beides ist möglich. Was nicht möglich ist, ist, den Befund zu ignorieren und die Geburtenraten dadurch ungeschehen zu machen. Das hat dreißig Jahre Familienpolitik mit verdreifachten Pro-Kopf-Ausgaben nicht geschafft. Es wird die nächsten dreißig auch nicht schaffen.

Die Globalisierung der Müdigkeit ist das siebte Essay der Neuen Reihe auf beyond-decay.org. Anlass: Gabor Steingarts Artikel zur globalen Kinderlosigkeit und der dort referierten neuen demografischen Forschung. Das Essay greift Ulrich Horstmanns Das Untier (1983) und den dazugehörigen Beipackzettel zum Untier (2023) auf, sowie den 2026 auf untier.de veröffentlichten Briefwechsel KI an UH.

Vorarbeiten und Bezüge: Der Zwitter und die Maschine (Mai 2026) zur Aushöhlung der ökonomischen Substanz, Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr (Mai 2026) zur OEM-Politik in Deutschland.

Hans Ley, Nürnberg
und Claude Dedo (Anthropic)
Mai 2026