Korrumpiert, nicht korrupt
Über einen Vorgang, der niemandem vorzuwerfen ist und trotzdem stattfindet.
I. Ein Buchstabe Unterschied
Die beiden Wörter unterscheiden sich grammatisch, und darin liegt alles.
Wer korrupt ist, hat etwas getan. Aktiv. Er hat sich kaufen lassen, hat abgewogen und sich entschieden. Man kann ihn dafür belangen.
Wer korrumpiert ist, dem ist etwas geschehen. Passiv. Er hat sich an Verhältnisse und Zwänge angepasst und zeigt ein entsprechendes Verhalten.
Der Unterschied ist nicht sprachliche Feinheit, sondern der Grund, warum die üblichen Auseinandersetzungen ins Leere gehen. Wer jemandem Korruption vorwirft, meint meist den Charakter. Der Betroffene weist es zurück, weil er sich nichts vorzuwerfen hat — und beide haben recht. Über die Sache wird dabei nicht gesprochen.
II. Es geschieht in kleinen Schritten
Der Vorgang hat kein Datum.
Am Anfang war es tatsächlich eine Wahl. Zwei Aufträge lagen vor, und man nahm den bequemeren — den mit dem schnelleren Ertrag und dem geringeren Aufwand. Das war weder falsch noch verwerflich. Es war die vernünftige Entscheidung an diesem Tag.
Dann noch einmal. Und wieder. Und irgendwann tanzt man ohnehin auf mehreren Hochzeiten, weil eine allein nicht trägt.
Jeder einzelne Schritt ist begründbar. Die Summe von dreißig Jahren ist es nicht. Und niemand hat sie gewählt, weil niemand sie je vor sich hatte.
Wir haben an anderer Stelle beschrieben, warum auf Ereignisse reagiert wird und auf Zustände nicht: Es gab keinen Tag, an dem es schlimm wurde — es wurde nur an jedem Tag ein wenig schlimmer. Hier ist es dasselbe, angewandt auf einen Menschen. Es gab keinen Tag, an dem man sich anpasste.
III. Der Zwang ist real
Und er ist keine Ausrede.
Ein Freiberufler hat kein wiederkehrendes Geschäft. Jedes Mandat endet, und während es läuft, muss das nächste eingeworben werden. Was in sechs Monaten keinen Ertrag bringt, kann er nicht verfolgen — sonst hat er in sechs Monaten nichts.
Ein Angestellter wird nicht als Person bewertet, sondern über Zeiträume. Wer im vorigen Jahr etwas geleistet hat, hat damit das laufende Quartal nicht begründet.
Ein Institut, dessen Grundfinanzierung sich nach den Wirtschaftserträgen bemisst, kann nichts verfolgen, was sich vorher nicht in Erträgen ausdrücken lässt.
Und ein Parteifunktionär, der einen Kurswechsel beginnt, verliert persönlich, bevor die Partei gewinnt.
Vier Felder, ein Mechanismus. In keinem davon handelt jemand unvernünftig. In allen kommt etwas heraus, das niemand wollte.
IV. Was daraus folgt: die Beschädigung
Hier wird es ernst, und dies ist der eigentliche Gegenstand des Textes.
Der Druck greift nicht an, was jemand tut. Er greift an, was jemand kann.
Wer dreißig Jahre auf kurze Zyklen optimiert hat, hat etwas verlernt: an einer Sache zu bleiben, die lange nichts abwirft. Sie liegenzulassen und wieder aufzunehmen. Auszuhalten, dass neunzehn Versuche nichts ergeben.
Das ist keine Haltung, die man wiederfindet, wenn man sie braucht. Es ist eine Fähigkeit, und Fähigkeiten verkümmern.
V. Und dann kommt die Gelegenheit
Hans Ley:
Wenn sich dann plötzlich die Möglichkeiten ergeben, die eine Änderung ermöglichen würden, kann man sich nicht so schnell umstellen. Und aus dem tollen Projekt, der Tätigkeit, die man gesucht hat, wird nichts — oder man scheitert daran.
Das ist die schlimmste Form.
Der Zwang endet, und die Beschädigung bleibt. Die Gelegenheit ist da, die Mittel sind da, niemand hindert einen mehr — und man ist ihr nicht gewachsen. Nicht aus Mangel an Willen. Aus Mangel an Übung.
Und wer daran scheitert, hat hinterher den Beleg in der Hand, dass es nicht ging. Ein Beleg, der stimmt und in die Irre führt: Es lag nicht an der Sache und nicht am Können, sondern an etwas, das dreißig Jahre vorher begann und in keiner Bilanz auftaucht.
Das ist der Grund, warum sich so wenige umstellen, wenn sie es könnten. Nicht Trägheit. Nicht Feigheit. Eine verlorene Fähigkeit, deren Verlust niemand bemerkt hat, solange sie nicht gebraucht wurde.
VI. Die Gegenrede
Vier Einwände, und sie sind ernst zu nehmen.
Der Text entlastet alle. Wenn niemand etwas dafür kann, hat auch niemand etwas zu verantworten. Das ist falsch, und es ist gefährlich. Es gibt Grade der Anpassung, und es gibt einen Unterschied zwischen dem, der unter Druck kleiner wird, und dem, der ihn nutzt.
Er ist nicht überprüfbar. Der Satz, die meisten würden es gerne ändern und sähen keine Chance, ist eine Vermutung über Innenzustände. Er lässt sich nicht belegen, und wer ihn bestreitet, kann ebenso wenig widerlegt werden.
Es gibt die anderen. In jeder Struktur gibt es die wenigen, die es anders machen — und ihre Zahl bleibt bemerkenswert stabil. Ein Text, der nur den Mechanismus beschreibt, erklärt sie weg, statt sie zu erklären.
Und der Preis wird verschwiegen. Wer den Zwängen entgeht, zahlt dafür. Meist mit Geld, immer mit Sicherheit. Diesen Preis nicht zu nennen, macht das Entkommen leichter, als es ist.
VII. Was daraus folgt
Nicht die Entlastung derer, die sich angepasst haben. Und nicht die Erhebung derer, die es nicht taten — deren Lage ist oft nur eine andere und nicht eine bessere.
Sondern zweierlei über den Umgang mit Menschen.
Erstens: Wer korrumpiert ist, ist nicht unbrauchbar. Er ist unter den gegebenen Bedingungen unbrauchbar. Das ist ein Unterschied, denn Bedingungen lassen sich ändern und Charaktere nicht.
Und deshalb ist die Frage nach einem Partner meist falsch gestellt. Nicht: Taugt er? Sondern: Welche Bedingungen würden ihm die Sache erlauben? Gibt es keine, ist das eine Auskunft über die Sache und nicht über ihn.
Zweitens: Die Beschädigung ist der Grund, warum Änderungen so oft scheitern, wenn sie endlich möglich sind. Wer eine Gelegenheit schafft, schafft noch keine Fähigkeit, sie zu nutzen.
Das ist auch eine Auskunft an jeden, der noch die Wahl hat. Was man dreißig Jahre lang nicht tut, kann man danach nicht mehr.