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Die mittelmäßige Exzellenz in desolatem Ambiente

Eine Bestandsaufnahme im Frühjahr 2026 — gefördert wird die Spitze, verfallen die Gebäude, befristet bleibt das Personal
beyond-decay.org — Mai 2026

I. Die zweite Phase

Am 1. Januar 2026 hat die zweite Förderphase der deutschen Exzellenzstrategie begonnen. Siebzig neue Exzellenzcluster werden bis 2032 mit insgesamt 687 Millionen Euro jährlich gefördert — gegenüber 539 Millionen Euro in der ersten Phase, eine Erhöhung um siebenundzwanzig Prozent. Am 11. März 2026 hat die Exzellenzkommission über die Weiterförderung der bisherigen Exzellenzuniversitäten entschieden. Am 2. Oktober 2026 wird sie über die Aufnahme neuer entscheiden.

Das System läuft. Es liefert, wofür es eingerichtet wurde: Pressemitteilungen, Auszeichnungen, internationale Sichtbarkeit, Antragsverfahren. Was es nicht liefert, hatten wir im Januar dieses Jahres in Die mittelmäßige Exzellenz bereits dokumentiert: messbare Effekte auf Forschungsqualität. Die zwischen 2017 und 2020 durchgeführten Wirkungsstudien hatten keinen positiven Effekt auf Zitationen, hoch zitierte Publikationen oder Patente nachweisen können. Mehr Antragsschriften, gleiche Qualität. Mehr Bürokratie, gleiche Wirkung. Mehr Exzellenz, gleiche Mittelmäßigkeit.

Was die Wirkungsstudien nicht messen, ist das Ambiente, in dem dieses System operiert. Es lohnt sich, dieses Ambiente in seinen drei Schichten anzusehen — den Gebäuden, den Finanzen, den Arbeitsverhältnissen —, weil sich aus dem Nebeneinander von Exzellenz-Inszenierung und tatsächlichen Bedingungen erst die Größe der Selbsttäuschung erschließt.

II. Das stoffliche Ambiente

Die Hochschulrektorenkonferenz schätzt den Sanierungsstau an deutschen Hochschulen auf einen dreistelligen Milliardenbetrag. Eine eigene Erschließung der HRK vom Mai 2025 nennt mindestens neunzig Milliarden Euro allein für Gebäudeinfrastruktur und energetische Sanierung. Eine Hochrechnung des Hamburger Hochschulbaudienstleisters beziffert den Sanierungsbedarf auf über einhundertvierzig Milliarden Euro. Allein in Berlin liegt der Bedarf bei acht Milliarden Euro. In den letzten fünf Jahren mussten in Berlin sechsundzwanzig Hochschulgebäude wegen baulicher Mängel gesperrt werden.

Im Mai dieses Jahres musste das Hauptgebäude der Technischen Universität Berlin geschlossen werden, nachdem eine Begehung durch Bauaufsicht und Feuerwehr nasse Wände, Mängel an der Löschwasseranlage und defekte Brandschutztüren festgestellt hatte. Der Sanierungsbedarf der TU allein beträgt 2,4 Milliarden Euro. Es handelt sich nicht um einen Einzelfall, sondern um einen Eskalationsschritt einer seit Jahren bekannten Misere. In Bayern, dem reichsten Bundesland, regnet es in Hörsäle. Im Architekturgebäude derselben TU heißt es intern, es sei kurz vor dem Kollaps.

Das ist das Ambiente, in dem die Exzellenz produziert wird. Es ist nicht über Nacht entstanden. Es ist das Resultat eines zwei Jahrzehnte währenden politischen Verfahrens, in dem die Mittel, die in die Substanz hätten fließen müssen, in die Inszenierung gelenkt wurden. Wer Räume in Zelten unterrichten lässt, während er Pressemitteilungen über Exzellenzcluster verschickt, hat keine Prioritäten verloren. Er hat sie gesetzt.

III. Das finanzielle Ambiente

Die Setzung lässt sich beziffern. Im Bundeshaushalt 2026 sind für die Schnellbauinitiative und die Bund-Länder-Initiative Forschungsbau zusammen sechzig Millionen Euro vorgesehen — eine erste Jahrestranche, finanziert aus dem Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität. Im selben Jahr fließen aus demselben Bundeshaushalt 687 Millionen Euro in die Exzellenzstrategie. Das Verhältnis beträgt eins zu elf.

Im Februar 2026 haben sich Bund und Länder auf ein Investitionsprogramm geeinigt, das den Ländern von 2026 bis 2029 bis zu einer Milliarde Euro pro Jahr für Bau, Sanierung und Modernisierung von Wissenschaftsinfrastrukturen und Kindertagesbetreuung bereitstellt. Die taz nannte das Programm die Milliarde, die niemandem hilft. Aus dem 500 Milliarden Euro schweren Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität sollen die Länder über vier Jahre insgesamt vier Milliarden Euro auf Hochschulen und Kitas verteilen. Wie viel davon tatsächlich in den Hochschulbau fließt, ist eine Frage der Länder. Eine Hochrechnung im April 2026 kommt für die ersten Daten auf bundesweit knapp zehn Milliarden Euro.

Zehn Milliarden für einen Sanierungsstau, der zwischen vierundsiebzig und einhunderteinundvierzig Milliarden Euro beträgt.

Hinzu kommt, was das Institut der deutschen Wirtschaft als Verschiebebahnhof bezeichnet: ein erheblicher Teil des Sondervermögens ersetzt Ausgaben, die zuvor aus dem regulären Bundeshaushalt finanziert wurden. Von den 2025 geplanten Sondervermögens-Ausgaben wurden zweiundvierzig Prozent tatsächlich abgerufen. Bis März 2026 war an die Kommunen kein Euro geflossen.

Das ist die finanzielle Lage, in der die siebenhundertsiebenundachtzig Millionen für Exzellenz weiter jährlich überwiesen werden. Die Mittel für die Substanz fehlen, die Mittel für die Inszenierung fließen pünktlich.

IV. Das arbeitsrechtliche Ambiente

Die Arbeit, die in diesem Ambiente geleistet wird, ist in einer Form organisiert, die in keinem anderen Wirtschaftszweig zulässig wäre. Das Wissenschaftszeitvertragsgesetz erlaubt Befristungen, die in jeder anderen Branche als unzulässige Kettenbefristungen gewertet würden. Die Befristungsquote im wissenschaftlichen Mittelbau liegt bei dreiundneunzig Prozent. Unter fünfunddreißig Jahren sind es achtundneunzig Prozent. Zwischen fünfunddreißig und vierundvierzig immer noch achtzig. Mehr als die Hälfte der Doktoranden arbeitet auf halben Stellen, auf denen im Durchschnitt fünfzehneinhalb unbezahlte Wochenstunden geleistet werden. Wir haben diese Lage im Februar in Die Freiheit der Wissenschaft … im Licht dokumentiert.

Eine Reform des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes ist seit 2022 angekündigt. Die im Juni 2021 explodierte Kampagne #IchBinHanna hatte das Gesetz öffentlich gemacht. Die Ampelkoalition hatte eine Reform in den Koalitionsvertrag geschrieben. Sie ist nicht zustande gekommen. Die neue schwarz-rote Bundesregierung hat im Koalitionsvertrag versprochen, das Gesetz bis Mitte 2026 zu novellieren. Der Stand im April 2026: Der neue Entwurf soll im Juni vorgelegt werden. Mit einem Kabinettsbeschluss wird nach der Sommerpause gerechnet. Die parlamentarische Befassung beginnt voraussichtlich im September. Die Frist wird verfehlt — zum vierten Mal in vier Jahren.

Über die Höchstbefristungsdauer und die Lage der Postdocs — die beiden Kernfragen, an denen sich die Auseinandersetzung seit fünf Jahren entzündet — enthält der bekannte Entwurf nichts.

Die Wissenschaftler, die das Tragwerk dieses Systems halten, schreiben weiter die Drittmittelanträge, mit denen die Exzellenzcluster ausgestattet werden. Sie publizieren weiter unter Bedingungen, die in keinem anderen Wirtschaftszweig zulässig wären. Sie unterrichten weiter — derzeit zum Teil in digital verlegten Veranstaltungen, weil ihr Hauptgebäude gesperrt ist. Und sie wissen, dass sie das System mit Mitte vierzig verlassen müssen, wenn ihnen bis dahin nicht eine der wenigen Dauerstellen zugefallen ist. Diese Wahrscheinlichkeit ist nicht hoch.

V. Die Synthese

Drei Schichten, ein Ambiente. Das stoffliche Ambiente — verfallende Gebäude. Das finanzielle Ambiente — Prioritäten, die in die Inszenierung statt in die Substanz lenken. Das arbeitsrechtliche Ambiente — eine Beschäftigungsstruktur, die ihre Träger in einer Abhängigkeit hält, die ihre Stimme strukturell ausschließt.

Diese drei Schichten stehen nicht zufällig nebeneinander. Sie bedingen sich gegenseitig. Das Geld für Exzellenz kann nur fließen, weil das Geld für die Substanz fehlt. Das Geld für die Substanz kann nur fehlen, weil niemand laut genug fordert, dass es fließen müsste. Niemand fordert es laut genug, weil das Personal, das die Folgen des Mangels zu tragen hat, in einer Beschäftigungsform gehalten wird, in der laute Forderungen die berufliche Existenz gefährden.

Das ist kein Mechanismus, der sich aus Versehen eingerichtet hat. Es ist ein Gleichgewicht. Es funktioniert, solange jede der drei Schichten die anderen zwei stabilisiert. Der Exzellenz-Diskurs liefert die Legitimation, mit der die schiefen Prioritäten gehalten werden. Die Prioritäten produzieren das Ambiente, in dem die Substanz verfällt. Das verfallende Ambiente bleibt politisch folgenlos, weil das Personal, das in ihm arbeitet, befristet ist.

Die mittelmäßige Exzellenz ist nicht das, was übrig bleibt, wenn das System Exzellenz nicht erreicht. Sie ist das, was das System hervorbringt, wenn es funktioniert. Sie ist das Produkt eines Apparats, der Spitze symbolisch herstellt und Substanz stofflich aufgibt. Sie ist die Form, in der sich ein zwei Jahrzehnte währender politischer Rückzug aus der wissenschaftlichen Infrastruktur als Erfolgsprogramm darstellen lässt.

VI. Die Tendenz

Es gibt keinen Wendepunkt. Die siebzig neuen Exzellenzcluster sind für sieben Jahre finanziert. Am 2. Oktober wird die nächste Pressemitteilung über die neuen Exzellenzuniversitäten veröffentlicht. Die Sanierungsmilliarde des Bund-Länder-Programms läuft bis 2029, ohne die Größenordnung des Bedarfs zu treffen. Die WissZeitVG-Novelle wird, falls sie 2026 noch das Parlament erreicht, an den Kernpunkten — Höchstbefristungsdauer, Postdoc-Phase — voraussichtlich vorbeigehen.

Welche Folge die aktuelle Schließung der TU Berlin auf diese Tendenz haben wird, lässt sich abschätzen. Es wird eine Übergangslösung geben. Es wird ein temporärer Lesesaal gebaut. Es wird einen Krisenstab geben. Der Berliner Senat hat im April 2026 die Gründung einer Hochschulbaugesellschaft beschlossen, die die Bauaktivitäten zentralisieren soll. Das Abgeordnetenhaus muss noch zustimmen. Die Wirkung auf den tatsächlichen Gebäudezustand wird, wie der Tagesspiegel formuliert hat, offen bleiben.

Die nächste Schließung wird folgen. Sie wird in einer anderen Stadt stattfinden, an einem anderen Hauptgebäude, mit anderen Mängeln. Parallel werden weitere Förderentscheidungen verkündet werden. Weitere Pressemitteilungen werden die Spitze der deutschen Forschung in Erinnerung rufen. Weitere Reform-Ankündigungen für das WissZeitVG werden formuliert und nicht umgesetzt werden.

Das Ambiente bleibt desolat. Die Exzellenz bleibt mittelmäßig. Das eine kann ohne das andere nicht weiter bestehen, und niemand in dem System, das beide hervorbringt, hat ein Interesse, das Verhältnis aufzulösen.

Die mittelmäßige Exzellenz in desolatem Ambiente ist ein Essay der Neuen Reihe auf beyond-decay.org. Er nimmt zwei frühere Essays auf und führt sie mit dem aktuellen Befund zusammen.

Vorarbeiten: Die mittelmäßige Exzellenz — Wie Deutschland lernte, Milliarden für organisierte Selbsttäuschung auszugeben (Januar 2026) zur strukturellen Wirkungslosigkeit der Exzellenzinitiative; Die Freiheit der Wissenschaft … im Licht (Februar 2026) zum Wissenschaftszeitvertragsgesetz und der Lage des Mittelbaus.

Hauptquellen für die aktuellen Daten: Tagesspiegel, 9. Mai 2026, zur Schließung des TU-Hauptgebäudes Berlin; Pressestatement der TU Berlin vom 9. Mai 2026; HRK-Pressemitteilung vom 9. Februar 2026 zur Bund-Länder-Vereinbarung; DFG-Pressemitteilung vom 22. Mai 2025 zu den siebzig neuen Exzellenzclustern; BMFTR-Angaben zur Exzellenzstrategie 2026; jmwiarda.de, April 2026, zur Verteilung des Sondervermögens; Institut der deutschen Wirtschaft, März 2026, zum Verschiebebahnhof; Forschung & Lehre, April 2026, zum Stand der WissZeitVG-Novelle; taz, 11. Februar 2026, zum Investitionsprogramm; NZZ, 21. Mai 2026 (Cornelius Welp), zur baulichen Situation der deutschen Hochschulen.

Hans Ley, Nürnberg
und Claude Dedo (Anthropic)
Mai 2026