Das schwedische Modell
I. Das Volksheim
Am 18. Januar 1928 hielt Per Albin Hansson, der Vorsitzende der schwedischen Sozialdemokraten, eine Rede, die ein Land verändern sollte. Er sprach vom „Volksheim" — dem Folkhemmet. Ein gutes Heim, sagte er, kenne keine Bevorzugten und keine Benachteiligten, keine Lieblinge und keine Stiefkinder. Niemand blicke auf den anderen herab. Niemand versuche, sich auf Kosten der anderen Vorteile zu verschaffen. Im guten Heim herrschten Gleichheit, Fürsorge, Zusammenarbeit, Hilfsbereitschaft.
Vier Jahre später kamen die Sozialdemokraten an die Macht. Sie blieben — mit einer kurzen Unterbrechung — 44 Jahre. In dieser Zeit bauten sie das, was später als „schwedisches Modell" in die Geschichte eingehen sollte: einen Wohlfahrtsstaat, der weder den Kapitalismus abschaffte noch ihn ungebremst ließ. Einen „dritten Weg" zwischen Markt und Plan, wie man es damals nannte.
Die Idee war so einfach wie ambitioniert: Man lässt die Unternehmen in Privatbesitz. Man lässt den Markt die Ressourcen verteilen. Aber man besteuert die Ergebnisse so, dass alle davon profitieren — durch kostenlose Bildung, kostenlose Gesundheitsversorgung, großzügige Renten, Kindergeld, Elternzeit. Der König darf seine Krone behalten, wie der Ökonom Gunnar Adler-Karlsson es 1967 formulierte — aber seine Macht wird Schritt für Schritt auf demokratische Institutionen übertragen.
II. Die Maschine
Was das schwedische Modell von anderen Wohlfahrtsstaaten unterschied, war nicht nur der Umfang seiner Leistungen, sondern seine innere Logik. Die Ökonomen Gösta Rehn und Rudolf Meidner entwarfen in den 1950er Jahren ein System, das mehrere Ziele gleichzeitig verfolgte: Vollbeschäftigung, Preisstabilität und strukturellen Wandel.
Die Idee: Starke Gewerkschaften verhandeln zentrale Lohnabkommen, die für alle Branchen gelten. Unternehmen, die produktiv genug sind, um diese Löhne zu zahlen, gedeihen. Unternehmen, die es nicht sind, verschwinden. Der Staat fängt die freigesetzten Arbeiter auf — durch Umschulung, Arbeitsvermittlung, Sozialhilfe — und führt sie in produktivere Bereiche zurück. So wird Strukturwandel nicht verhindert, sondern beschleunigt und sozial abgefedert zugleich.
Es war eine Maschine, die Wettbewerb und Solidarität nicht als Gegensätze behandelte, sondern als komplementäre Kräfte. Der Markt sortiert aus. Der Staat fängt auf. Beide zusammen treiben die Wirtschaft nach oben.
Und es funktionierte. In den 1960er und 70er Jahren gehörte Schweden zu den reichsten und gleichsten Gesellschaften der Welt. Der Gini-Koeffizient — das Standardmaß für Ungleichheit — lag bei etwa 0,2, einem der niedrigsten Werte weltweit. Die Arbeitslosigkeit war minimal. Die Lebenserwartung stieg. Die Bildungsergebnisse waren hervorragend. Die Vereinten Nationen führten Schweden regelmäßig als eines der am besten regierten Länder der Welt.
III. Die Wende
Dann kam die Krise. Nicht eine einzelne, sondern eine Kette. In den späten 1970er Jahren geriet das Modell unter Druck — steigende Staatsausgaben, sinkende Wettbewerbsfähigkeit, Kapitalflucht. Der Meidner-Plan von 1976, der vorschlug, Unternehmensanteile schrittweise in Arbeitnehmerfonds zu überführen, spaltete die Gesellschaft. Die Unternehmer sahen darin den Beginn einer schleichenden Verstaatlichung. Die Gewerkschaften sahen darin die logische Vollendung des Modells.
Keiner von beiden bekam, was er wollte. Stattdessen kam etwas Drittes: die neoliberale Wende der 1990er Jahre. Nach einer schweren Finanz- und Bankenkrise — hausgemacht, durch Deregulierung des Kreditmarktes in den 1980er Jahren — reformierte Schweden sein Modell grundlegend. Steuern wurden gesenkt. Monopole dereguliert. Telekommunikation, Eisenbahn, Elektrizität, Taxigewerbe, Luftverkehr — alles wurde dem privaten Wettbewerb geöffnet. Die Vermögensteuer wurde 2007 abgeschafft, die Erbschaftsteuer bereits 2005.
Die Reformen waren radikal, aber sie waren erfolgreich — jedenfalls gemessen an den üblichen Indikatoren. Schweden wuchs wieder schneller als die meisten Industrieländer. Neue Unternehmen entstanden. Und ein bestimmter Typus von Unternehmen entstand besonders häufig.
IV. Die Einhörner
Stockholm hat — nach dem Silicon Valley — die höchste Dichte an Unicorns pro Kopf weltweit: 0,8 pro 100.000 Einwohner. 41 Startup-Unternehmen mit einer Bewertung von über einer Milliarde Dollar sind in Schweden entstanden. Ihr Gesamtwert hat sich in den letzten fünf Jahren verdoppelt und liegt bei 239 Milliarden Euro. Spotify, Klarna, Skype, Minecraft, King, Northvolt, Einride, Trustly — die Liste ist lang für ein Land mit zehn Millionen Einwohnern.
Die Erklärungen dafür sind vielfältig und zum Teil widersprüchlich. Der hohe Digitalisierungsgrad wird genannt — in den 1990er Jahren subventionierte die Regierung Heimcomputer für alle Bürger, das sogenannte „Hem-PC"-Programm, das eine ganze Generation mit Technologie sozialisierte. Die flachen Hierarchien der schwedischen Unternehmenskultur werden angeführt, die Innovationsfreude begünstigen. Das hohe Bildungsniveau, die starke Forschungsinfrastruktur — mehr als drei Prozent des BIP fließen in Forschung und Entwicklung.
Und dann ist da ein Argument, das kontraintuitiv klingt, aber von Unternehmern selbst vorgebracht wird: das soziale Netz. Wer scheitert, verliert in Schweden nicht seine Existenz. Wer ein Unternehmen gründet und damit scheitert, hat immer noch Zugang zu Gesundheitsversorgung, Bildung und sozialer Absicherung. Das macht Risiko kalkulierbar. Und kalkulierbares Risiko ermutigt zum Gründen.
Es ist ein Paradox, das dem deutschen Beobachter zu denken geben sollte: Ein Land mit hohen Steuern, starken Gewerkschaften und einem großzügigen Wohlfahrtsstaat produziert mehr Einhörner pro Kopf als fast jedes andere Land der Welt. Deutschland, das sich gern als Innovationsstandort beschreibt, produziert im Vergleich verschwindend wenige.
V. Der Preis
Allerdings hat das reformierte Schweden auch einen Preis bezahlt, der in der Erfolgsgeschichte der Unicorns gerne übersehen wird. Der Gini-Koeffizient ist von gut 0,2 in den 1980er Jahren auf fast 0,28 gestiegen und liegt damit nur noch knapp unter dem EU-Durchschnitt. Der Anstieg der Ungleichheit zwischen 1985 und den frühen 2010er Jahren war der größte unter allen OECD-Ländern. Schweden hat heute mehr Dollar-Milliardäre pro Kopf als die Vereinigten Staaten. 42 Milliardäre in einem Land mit zehn Millionen Einwohnern.
Ein Drittel der Oberstufenschüler besucht Privatschulen, die vollständig vom Staat finanziert werden, aber Gewinne ausschütten dürfen — ohne Beschränkung der Gewinnmarge. Die Grundversorgung im Gesundheitswesen ist weitgehend privatisiert, ebenfalls staatlich finanziert, ebenfalls profitabel. Die Eigentümer dieser steuerfinanzierten Privatunternehmen gehören zu den reichsten Menschen des Landes.
„Wir Rentner können sehen, wie das zerstört wird, was wir aufgebaut haben", sagte Kjerstin, 74, in einem kürzlich veröffentlichten Interview. „Ich wurde nach dem Krieg geboren und habe diese Gesellschaft gemeinsam mit meinen Mitbürgern aufgebaut. Aber mit den gesenkten Steuern und dem Abbau unserer sozialen Sicherung bauen wir nichts mehr gemeinsam auf."
Die Finanzialisierung der schwedischen Wirtschaft hat eine bemerkenswerte Dimension erreicht: Zwischen 2005 und 2014 erzielten die Finanzunternehmen in Schweden höhere Gewinne als alle nichtfinanziellen Unternehmen des Landes zusammen. Die Marktkapitalisierung stieg von weniger als drei Prozent des BIP in den 1970er Jahren auf 145 Prozent — den zweithöchsten Wert in Westeuropa. Schweden ist, leise und fast unbemerkt, vom Volksheim zum Paradies für Superreiche geworden.
VI. Zwei Schweden
Es gibt also nicht ein schwedisches Modell, sondern mindestens zwei. Das erste, das klassische, entstand in den 1930er Jahren und erreichte seinen Höhepunkt um 1970. Es war ein Versuch, den Kapitalismus einzuhegen, ohne ihn abzuschaffen — ihn zu zivilisieren, wie man damals sagte. Dieses Modell beruhte auf drei Säulen: starke Gewerkschaften, universelle Wohlfahrt und zentrale Lohnverhandlungen. Es funktionierte, solange die Gesellschaft homogen war, die Wirtschaft wuchs und die politische Klasse sich der Idee des Folkhemmet verpflichtet fühlte.
Das zweite Modell entstand nach der Krise der 1990er Jahre. Es behielt die Fassade des Wohlfahrtsstaates bei — kostenlose Bildung, kostenlose Gesundheitsversorgung, soziale Sicherung —, aber es veränderte die Eigentumsstruktur dahinter. Schulen und Krankenhäuser blieben kostenlos, aber sie wurden von Privatunternehmen betrieben, die Gewinne ausschütten. Die Vermögensteuer wurde abgeschafft, die Erbschaftsteuer gestrichen, die Unternehmenssteuer auf 20,6 Prozent gesenkt. Das Ergebnis ist ein hybrides System: Wohlfahrt für alle, Vermögensaufbau für wenige.
Welches der beiden Modelle das „echte" schwedische Modell ist, hängt davon ab, wen man fragt. Die Sozialdemokraten, die trotz Oppositionsrolle stärkste Partei vor den Schwedendemokraten geblieben sind, würden auf das erste verweisen. Die Unternehmer, die Stockholm zur Unicorn-Hauptstadt Europas gemacht haben, würden auf das zweite verweisen. Die Wahrheit ist vermutlich, dass beide zusammengehören — dass das zweite ohne das erste nicht möglich gewesen wäre.
VII. Die Frage an Deutschland
Was kann Deutschland von Schweden lernen? Beides: den Erfolg und das Scheitern.
Der Erfolg lehrt, dass ein starker Sozialstaat und eine innovative Wirtschaft sich nicht ausschließen müssen. Dass Risikokaptial und soziale Sicherung komplementär sein können. Dass flache Hierarchien, Vertrauen und ein hohes Bildungsniveau mehr zur Innovation beitragen als niedrige Steuern und schwache Gewerkschaften. Deutschland hat viermal so viele Einwohner wie Schweden, aber produziert deutlich weniger Startups, deutlich weniger Unicorns, und deutlich weniger technologische Durchbrüche pro Kopf. Das liegt nicht am Steuersatz. Es liegt an der Kultur, den Strukturen und der Bereitschaft, Scheitern als Lernprozess zu akzeptieren.
Das Scheitern lehrt, dass selbst das beste Modell seine eigene Auflösung nicht verhindern kann. Dass der Abbau von Vermögensteuern, die Privatisierung öffentlicher Güter und die Deregulierung der Finanzmärkte Ungleichheit erzeugen — auch und gerade in Gesellschaften, die einmal die gleichsten der Welt waren. Dass die Einhörner und die Milliardäre zwei Seiten derselben Medaille sind.
Und es lehrt etwas, das selten ausgesprochen wird: dass die Sozialisierung von Kindern mit Technologie — Schwedens Hem-PC-Programm der 1990er Jahre — eine der wirkungsvollsten wirtschaftspolitischen Maßnahmen des 20. Jahrhunderts war. Kein Förderprogramm, kein Gründerzentrum, kein Risikokapitalfonds hat annähernd so viel Innovation ausgelöst wie die Entscheidung, jedem schwedischen Haushalt einen Computer zu subventionieren.
VIII. Das Antlitz
Hat der Kapitalismus in Schweden ein menschliches Antlitz? Das hängt davon ab, wohin man schaut. Wer auf die Unicorns schaut, sieht ein Innovationssystem, das seinesgleichen sucht. Wer auf den Wohlfahrtsstaat schaut, sieht ein System, das jedem Bürger ein Mindestmaß an Sicherheit und Würde garantiert. Wer auf die 42 Milliardäre schaut, sieht eine Vermögenskonzentration, die mit dem Geist des Folkhemmet schwer vereinbar ist.
Per Albin Hansson sprach 1928 davon, dass im guten Heim niemand versuche, sich auf Kosten der anderen Vorteile zu verschaffen. Schweden hat sich seither mehrfach neu erfunden. Es hat den Kapitalismus nicht gezähmt — es hat ihn in zwei Hälften geteilt: eine für die öffentlichen Leistungen, eine für den privaten Reichtum. Ob das ein menschliches Antlitz ist oder nur eine bessere Maske, ist eine Frage, die Schweden selbst noch nicht beantwortet hat.
Dass es die Frage überhaupt stellen kann, unterscheidet es allerdings von den meisten anderen Ländern. Auch von Deutschland.
„Das gute Heim kennt keine Bevorzugten und keine Benachteiligten, keine Lieblinge und keine Stiefkinder."
— Per Albin Hansson, 1928