Eine einzigartige Entwicklung
I. Das Patent
Am 19. Juni 1982 meldeten Hans Ley und Manfred Schmidt beim Deutschen Patentamt ein Verfahren an, das die Fertigung polygonaler Profile durch überlagerte Drehbewegungen ermöglichte. Am 18. Juni 1983 folgte die europäische Anmeldung; erteilt wurde das europäische Patent EP 0097 346 B1 im Mai 1988. Es folgten weitere Patente auf die Fertigung und auf spezifische Anwendungen, darunter formgedrehte Käfige für Wälzlager.
Das Verfahren basiert auf drei überlagerten Drehbewegungen mit neun Parametern — eine Übertragung der Epizykelbewegungen der Himmelsmechanik auf die Fertigungstechnik. Es ermöglichte erstmals die Herstellung nicht nur gerader, sondern auch konkaver und konvexer Fensterflanken in Lagerkäfigen.
II. Die Anwendung
Bei der SKF GmbH in Schweinfurt, der deutschen Niederlassung der Svenska Kullagerfabriken mit Hauptsitz in Göteborg, erkannte der Ingenieur Alfred Weidinger das Potenzial des Verfahrens für die Käfigfertigung. Weidinger begann 1982 bei SKF im Bereich Weiterentwicklung der Zylinderrollenlager. Ab 1985 beschäftigte er sich mit der zentralen Fertigungstechnologie für vollrollige Lager sowie Stahlblech- und Messingkäfige. Von 1990 bis 1992 arbeitete er an der „Entwicklung formgedrehter Käfige" — so die Formulierung in der späteren Laudatio des Deutschen Instituts für Normung.
Weidinger setzte sich bei der Konzernleitung in Göteborg für die Einführung des Verfahrens ein. SKF beschaffte drei Maschinen: zwei von Heckler & Koch und eine von der J.G. Weisser Söhne GmbH. Das Verfahren wurde unter der höchsten Geheimhaltungsstufe des Unternehmens betrieben.
III. Die Zahlen
Die Ausgangslage bei Einführung der Maschinen stellte sich folgendermaßen dar: Die Investitionskosten betrugen ca. 30 Prozent im Vergleich zu einer konventionellen Rundtaktmaschine, auf der die Ringe zuvor gefertigt wurden. Die Produktionszeit lag bei 10 bis 20 Prozent gegenüber der konventionellen Fertigung, bei erheblich niedrigeren Werkzeugkosten.
Im konventionellen Räumprozess konnten die Flanken der Fenster für die Rollen ausschließlich gerade hergestellt werden. Das neue Verfahren ermöglichte erstmals sowohl gerade als auch konkave oder konvexe Formen. Die gebogene Form bietet erhebliche Vorteile: In Kombination mit der hohen Präzision, die dem Verfahren inhärent ist, können die Fensteröffnungen geringfügig kleiner als der Rollendurchmesser gefertigt werden. Die Differenz liegt im elastischen Bereich des Materials, sodass die Rollen problemlos in den Ring eingeclipst werden können und nicht mehr herausfallen.
Zuvor war eine zusätzliche Maschine notwendig, auf der die Rollen durch Hammerschläge auf die Fensterkanten verstemmt und so am Herausfallen gehindert wurden. Diese Maschine wurde überflüssig. Darüber hinaus ermöglichte die freie Gestaltung der Fensterkanten eine optimale Auslegung der Schmierzone, was eine längere Lebensdauer der Lager zur Folge hat.
IV. Der Katalog
In einem SKF-Produktkatalog wird der einteilige Messing-Massivkäfig wie folgt beschrieben:
„Der formgedrehte, einteilige Messingmassiv-Fensterkäfig ist eine einzigartige SKF Entwicklung und stellt die neue Generation bei den Messing-Massivkäfigen für SKF Zylinderrollenlager dar."
Als wesentliche Eigenschaften und Vorzüge werden aufgeführt: die sehr hohe Festigkeit, die besonders gute Eignung für sehr hohe Drehzahlen und Beschleunigungen, die Eignung für hohe Temperaturen, die ausgezeichnete Schwingungsfestigkeit, die besondere Leichtbauweise und die hervorragenden Schmiereigenschaften durch spezielle Oberflächentopographie.
Der Erfinder des formgebenden Verfahrens wird im Katalog nicht erwähnt.
V. Die Ehrung
Am 30. März 2017, anlässlich des 100-jährigen Jubiläums des DIN-Normenausschusses Wälz- und Gleitlager, wurde Alfred Weidinger die Beuth-Denkmünze des Deutschen Instituts für Normung verliehen — „für sein jahrelanges Engagement innerhalb der Normung auf dem Gebiet der Wälzlager".
Die Laudatio zeichnet Weidingers Karriere bei SKF nach: ab 1982 im Bereich Weiterentwicklung der Zylinderrollenlager, ab 1985 in der zentralen Fertigungstechnologie, von 1990 bis 1992 die „Entwicklung formgedrehter Käfige", anschließend die Leitung der Fertigungstechnologie für EXPLORER-Lager, ab 1998 die Leitung der Produktentwicklung, ab 2007 die Leitung der Produktspezifikation, ab 2012 die Leitung der Technical Standards. Als einer seiner größten Erfolge wird die Veröffentlichung des Buches zur „Entwicklungsgeschichte des Zylinderrollenlagers" (SKF, 2009) genannt.
Die Laudatio erwähnt keinen externen Erfinder. Der Name Hans Ley kommt nicht vor. Das europäische Patent EP 0097 346 B1 wird nicht genannt.
VI. Der Brief
Am 2. Juli 2025 schrieb Hans Ley eine E-Mail an Annika Ölme, Chief Technology Officer der SKF Group in Göteborg. In dem Schreiben stellte er sich als Erfinder und First Mover der Polygon-Drehtechnologie vor, die im Schweinfurter Werk eingesetzt werde. Er verwies auf die drei dort betriebenen Maschinen und auf sein europäisches Patent. Er bot an, die Geschäftsbeziehung neu aufzubauen, und berichtete von Gesprächen mit dem schwedischen Maschinenbauer Modig Machine Tool über eine mögliche Partnerschaft. Vor dem Hintergrund der Insolvenz des Maschinenherstellers Weisser bot er eine europäische Lösung an.
Der Brief blieb ohne Antwort.
VII. Die Chronologie
1982: Patentanmeldung durch Hans Ley und Manfred Schmidt. 1983: Europäische Patentanmeldung (erteilt als EP 0097 346 B1). Ab 1985: Alfred Weidinger arbeitet bei SKF an der Fertigungstechnologie für Käfige. 1990–1992: Weidinger arbeitet laut DIN-Laudatio an der „Entwicklung formgedrehter Käfige" bei SKF. Die folgenden Jahre: SKF betreibt die Technologie unter höchster Geheimhaltungsstufe. 2009: Weidinger veröffentlicht das Buch zur Entwicklungsgeschichte des Zylinderrollenlagers bei SKF. 2017: Weidinger erhält die Beuth-Denkmünze des DIN. 2025: Hans Ley schreibt an die CTO von SKF. SKF antwortet nicht.
Die Svenska Kullagerfabriken wurden 1907 in Göteborg gegründet. Das Unternehmen beschäftigt heute rund 40.000 Mitarbeiter in über 130 Ländern und erzielte 2024 einen Umsatz von rund 100 Milliarden schwedischen Kronen. Schweden, die Heimat von SKF, wird in internationalen Studien regelmäßig als eines der innovativsten Länder der Welt geführt — unter anderem wegen seiner Kultur der Zusammenarbeit, des Vertrauens und der Fairness.