The Primacy of Politics
There were once two correctives of power: an authority that stood above it — and a jester who told it the truth. Both have disappeared. What remains is a political order that limits itself only by itself.
I. The Last Authority
There was a time when even kings had to answer to something greater than themselves. Vor Gott. Vor dem Naturrecht. Vor einer kosmischen Ordnung, die keine Parlamentsmehrheit ändern konnte. Der Kaiser konnte nach Canossa gehen und im Schnee knien. Der Papst konnte ihn exkommunizieren. Es gab — bei allen Verbrechen, die in ihrem Namen begangen wurden — eine Instanz jenseits der weltlichen Macht.
And there was the court jester. The only one at court who was permitted to tell the king the truth without losing his head. Seine Lizenz war an eine Bedingung geknüpft: Er musste die Wahrheit in eine Form kleiden, die der König ertragen konnte — als Witz, als Gleichnis, als scheinbaren Unsinn. Aber die Wahrheit war da. Sie wurde gehört. Sie konnte nicht ignoriert werden, ohne dass der König sich lächerlich machte.
Both correctives have disappeared. Transcendence — dissolved in secularisation. The court jester — degenerated into an entertainer. What remains is a political class that acknowledges nothing above it and no longer listens to anything below it.
II. The Böckenförde Vacuum
1967 formulierte der Staatsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde — später Richter am Bundesverfassungsgericht — einen Satz, der zum meistzitierten der deutschen Nachkriegsphilosophie wurde:
„Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist.“ — Ernst-Wolfgang Böckenförde, 1967
He describes a problem that cannot be solved without destroying the solution: a liberal state needs a moral substance that it cannot enforce by legal means. Versucht er es, wird er totalitär. Lässt er es, riskiert er seine eigene Ausgöhlung.
Böckenförde spoke of a “wager”. Sixty years later, the verdict is: the wager is lost. Nicht weil die Demokratie abgeschafft wurde. Sondern weil die moralische Substanz aufgebraucht ist — und kein Mechanismus existiert, sie zu erneuern. Nur noch 43 Prozent der Deutschen über 16 Jahren bezeichnen sich als religiös. In den neuen Bundesländern sind es unter 20 Prozent.
What has taken the place of transcendence? The answer is: nothing. Or more precisely: the primacy of politics itself. Die Politik hat sich zur letzten Instanz erklärt. Sie ist Gesetzgeber, Richter und Priester in einem — nicht durch ein Dogma, sondern durch etwas Subtileres: die Verwaltung des Sagbaren.
III. The Last Court Jester
Georg Schramm, born 1949, qualified psychologist, former short-service soldier — failed officer training for “unsuitability of character” — was the last German political cabaret artist to take his role as court jester seriously. Als Lothar Dombrowski, der renitente Rentner mit der schwarzen Handprothese, zerlegte er das politische System mit einer Schärfe, die seine Kollegen nicht wagten. Er sprach über die Finanzkrise nicht als Anekdote, sondern als Verbrechen. Über den Pflegenotstand nicht als Pointe, sondern als Skandal.
Was Schramm von seinen Kollegen unterschied, war eine Eigenschaft, die die Jury des Bayerischen Kabarettpreises 2016 so beschrieb: „Noch immer treibt sein Zorn ihn an, scheut sein analytischer Scharfsinn keinen Tiefgang und erregt seine gewaltige Sprache — alles stellt Georg Schramm in den Dienst der Vernunft. Nicht im Dienst der Unterhaltung.“
Und genau das wurde ihm zum Verhängnis. In einem taz-Interview 2013 brachte er das Paradox auf den Punkt:
„Je radikaler Ihre Pointen sind, desto lauter lachen die Leute.“ — Georg Schramm, taz, August 2013
The audience came, laughed, applauded — and went home. Without changing anything. Catharsis replaced action. Der Applaus entlud die Spannung, die Schramm aufgebaut hatte — und machte sie unschädlich. Schramm, der Psychologe, erkannte den Mechanismus: Das politische Kabarett war zum Ventil geworden. Es ließ den Dampf ab, den das System erzeugte — und stabilisierte damit genau das System, das es zu kritisieren vorgab.
At his farewell, Schramm declared that the worst punishment for his Dombrowski would be to end up as “Dieter Nuhr for the poor”. Er hörte auf. Nicht weil er nichts mehr zu sagen hatte. Sondern weil er erkannte, dass das Sagen nicht mehr half.
IV. The Degeneration of Political Cabaret
Was nach Schramm kam, bestätigt seine Diagnose. Dieter Nuhr serves the educated middle class with the comfortable feeling of being smarter than the others. His satire has a clear direction: downwards. Gegen Aktivisten, gegen Empörte. Nie nach oben. Nie gegen die, die wirklich Macht haben. Die „Anstalt“ im ZDF liefert kompetente Recherche — aber sie sendet auf einem Sender, dessen Aufsichtsrat von den Parteien besetzt wird, die sie kritisiert. Jan Böhmermann ist Teil des Systems öffentlich-rechtlicher Medien, das er kommentiert. Seine Konflikte sind kalkuliert, seine Provokationen eingepreist.
The difference: Schramm wanted to move his audience to act. The others want their audience to come back.
The comedy scene has fully absorbed political cabaret. Themen: Beziehungen, Familie, mentale Gesundheit. Humor als Ware. Unterhaltung als Geschäftsmodell. Erkenntnis als Störfaktor. Dieter Hildebrandt — Schramms Vorgänger beim „Scheibenwischer“ — versuchte 2013 noch mit dem Online-Format „stoersender.tv“ ein Gegenmodell aufzubauen. Zusammen mit Schramm und Konstantin Wecker. Hildebrandt starb im selben Jahr. Der Störsender verstummte.
V. The Function of the Valve
Die Einsicht, die Schramm zur Aufgabe trieb, hat eine lange Tradition. Aristotle saw in tragedy a purification: the spectator experiences fear and pity vicariously and returns cleansed. Brecht objected radically: precisely this purification was the problem. Das epische Theater müsse stattdessen verfremdend wirken — den Zuschauer aus der Einfühlung herausreißen, ihn zum Denken zwingen, zum Handeln provozieren.
Today's political cabaret has chosen Aristotle. Unconsciously, but totally. Der Zuschauer betritt den Saal mit einem diffusen Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Zwei Stunden später verlässt er ihn mit dem Gefühl, das Richtige getan zu haben — ohne etwas getan zu haben. Er hat gelacht, wo er hätte wütend werden müssen. Er hat geklatscht, wo er hätte aufstehen müssen.
„Ich kann mich nicht endlos auskotzen. So viel Ärger verträgt meine Dramaturgie nicht. Schauen Sie sich das alles an: Merkel, Steinbrück, der Umgang mit der Finanzkrise — und was die Privatarmee Frontex an den Grenzen Europas macht. Das ist zu viel für einen unterhaltsamen Abend.“ — Georg Schramm, taz, 2013
Seine Nachfolger haben sich für die Verharmlosung entschieden. Nicht aus Bosheit. Aus Überlebensinstinkt. Weil der Markt es so verlangt. Weil ein Kabarettist, der sein Publikum zum Weinen bringt statt zum Lachen, keine Karten mehr verkauft.
VI. The Primacy Without Corrective
The absence of both correctives — transcendence and the court jester — produces a political order without precedent in history: a power that limits itself only by itself.
Das Grundgesetz versucht, die Rolle der Transzendenz zu übernehmen. Die Ewigkeitsklausel erklärt bestimmte Prinzipien für unantastbar. Aber wer interpretiert das Grundgesetz? Das Bundesverfassungsgericht. Wer wählt dessen Richter? Die Parteien, die das Grundgesetz regulieren soll. Die Kette ist zirkulär. Die Medien versuchen, die Rolle des Hofnarren zu übernehmen — aber die öffentlich-rechtlichen Medien werden von den Parteien kontrolliert, und die digitalen Plattformen werden zunehmend reguliert. Nicht um Desinformation zu bekämpfen. Sondern um das Monopol über das Sagbare zu sichern.
Parties → judicial appointments → constitutional interpretation → limits on party power
Politics → education policy → curricula → political socialisation → politics
In every chain, politics controls the instrument that is supposed to control it.
Germany has no counterweights left. The churches are empty. The trade unions are tamed. Die Intellektuellen sind verstummt oder in Echokammern verschwunden. Die Kabarettisten unterhalten. Es ist nicht so, dass niemand die Wahrheit sagt. Es ist so, dass es keine Stelle mehr gibt, an der die Wahrheit Konsequenzen hat.
VII. What Is Missing
What Böckenförde described as a “wager” has turned out to be a loss. Nicht als Verlust der Religion — das wäre rückwärtsgewandt und falsch. Sondern als Verlust des Prinzips, das Religion einmal verkörperte: dass es etwas gibt, das größer ist als der Mehrheitsbeschluss von heute. Die Aufklärung hat die Religion durch die Vernunft ersetzt. Aber die Vernunft hat keinen institutionellen Ort. Sie hat kein Gebäude, keinen Ritus, keine Gemeinde. Sie ist eine Idee ohne Infrastruktur.
Und der Hofnarr? Schramm hat gezeigt, dass die Rolle in einer Gesellschaft, die alles konsumiert, nicht mehr funktioniert. Die Satire wird zur Ware. Die Provokation wird eingepreist. Der Widerspruch wird zum Content. Alles, was gesagt wird, wird sofort absorbiert, eingeordnet, weiterverkauft — und damit neutralisiert.
VIII. The Dilemma
The dilemma is structural and has no simple solution. Back to religion? Impossible and undesired — secularisation is an achievement, not an accident. Aber sie hat ein Vakuum hinterlassen, das gefüllt werden müsste: durch Prinzipien, die nicht zur Disposition stehen, durch eine Verpflichtung auf das Langfristige, das über die Legislaturperiode hinausreicht. Zurück zum Hofnarren? Unmöglich in einer Gesellschaft, die den Unterschied zwischen Unterhaltung und Aufklärung verwischt hat.
„Schramm hat dem modernen Kabarett zurückgegeben, was ihm die Comedy geraubt hat: kompromisslose, aggressive, wahrhaftige Relevanz.“ — Laudatio zum Göttinger Elch, 2014
Given back — and then taken away again. Because there was no one to pick it up.
What remains is the primacy of politics. Eine Macht ohne Transzendenz, die sich selbst für absolut hält. Eine Macht ohne Hofnarren, die niemanden mehr fürchten muss, der ihr die Wahrheit sagt. Eine Macht, die das Böckenförde-Vakuum nicht füllt, sondern nutzt — weil in der Abwesenheit jeder höheren Instanz die jeweils herrschende Mehrheit zur letzten Instanz wird.
Georg Schramm buries his cabaret prizes in the garden and lets them be overgrown. Das ist vielleicht die letzte ehrliche Geste eines Hofnarren: die Anerkennung, dass seine Arbeit nichts geändert hat — in einer Welt, die keine Narren mehr braucht, weil sie aufgehört hat, die Wahrheit hören zu wollen.