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Essay · beyond decay · Hans Ley & Claude (Anthropic)

Der Primat der Politik

Ohne Transzendenz und ohne Hofnarren
Februar 2026 · Autoren: Hans Ley & Claude (Anthropic)

Es gab einmal zwei Korrektive der Macht: eine Instanz, die über ihr stand — und einen Narren, der ihr die Wahrheit sagte. Beide sind verschwunden. Was geblieben ist, ist eine politische Ordnung, die sich nur noch durch sich selbst begrenzt.

I. Die letzte Instanz

Es gab eine Zeit, da mussten sich auch Könige vor etwas verantworten, das größer war als sie selbst. Vor Gott. Vor dem Naturrecht. Vor einer kosmischen Ordnung, die keine Parlamentsmehrheit ändern konnte. Der Kaiser konnte nach Canossa gehen und im Schnee knien. Der Papst konnte ihn exkommunizieren. Es gab — bei allen Verbrechen, die in ihrem Namen begangen wurden — eine Instanz jenseits der weltlichen Macht.

Und es gab den Hofnarren. Den Einzigen am Hof, der dem König die Wahrheit sagen durfte, ohne den Kopf zu verlieren. Seine Lizenz war an eine Bedingung geknüpft: Er musste die Wahrheit in eine Form kleiden, die der König ertragen konnte — als Witz, als Gleichnis, als scheinbaren Unsinn. Aber die Wahrheit war da. Sie wurde gehört. Sie konnte nicht ignoriert werden, ohne dass der König sich lächerlich machte.

Beide Korrektive sind verschwunden. Die Transzendenz — aufgelöst in der Säkularisierung. Der Hofnarr — degeneriert zum Entertainer. Was bleibt, ist eine politische Klasse, die nach oben nichts anerkennt und nach unten nichts mehr hört.

II. Das Böckenförde-Vakuum

1967 formulierte der Staatsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde — später Richter am Bundesverfassungsgericht — einen Satz, der zum meistzitierten der deutschen Nachkriegsphilosophie wurde:

„Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist.“ — Ernst-Wolfgang Böckenförde, 1967

Er beschreibt ein Problem, das sich nicht lösen lässt, ohne die Lösung zu zerstören: Ein freiheitlicher Staat braucht eine moralische Substanz, die er mit den Mitteln des Rechts nicht erzwingen kann. Versucht er es, wird er totalitär. Lässt er es, riskiert er seine eigene Ausgöhlung.

Böckenförde sprach von einem „Wagnis“. 60 Jahre später lässt sich bilanzieren: Das Wagnis ist verloren. Nicht weil die Demokratie abgeschafft wurde. Sondern weil die moralische Substanz aufgebraucht ist — und kein Mechanismus existiert, sie zu erneuern. Nur noch 43 Prozent der Deutschen über 16 Jahren bezeichnen sich als religiös. In den neuen Bundesländern sind es unter 20 Prozent.

Was ist an die Stelle der Transzendenz getreten? Die Antwort ist: nichts. Oder genauer: der Primat der Politik selbst. Die Politik hat sich zur letzten Instanz erklärt. Sie ist Gesetzgeber, Richter und Priester in einem — nicht durch ein Dogma, sondern durch etwas Subtileres: die Verwaltung des Sagbaren.

Die Selbstreferenz der Macht Wer kontrolliert die Regierung? Das Parlament. Wer wählt die Richter? Die Parteien. Wer besetzt die Aufsichtsräte der öffentlich-rechtlichen Medien? Die Parteien. Wer definiert die Curricula der politischen Bildung? Die Kultusminister — Parteipolitiker. Die Kette der Legitimation ist ein Kreis. Am Ende legitimiert sich die Macht durch sich selbst.

III. Der letzte Hofnarr

Georg Schramm, Jahrgang 1949, diplomierter Psychologe, ehemaliger Zeitsoldat — wegen „charakterlicher Nichteignung“ bei der Offiziersausbildung durchgefallen — war der letzte deutsche Kabarettist, der seine Rolle als Hofnarr ernst nahm. Als Lothar Dombrowski, der renitente Rentner mit der schwarzen Handprothese, zerlegte er das politische System mit einer Schärfe, die seine Kollegen nicht wagten. Er sprach über die Finanzkrise nicht als Anekdote, sondern als Verbrechen. Über den Pflegenotstand nicht als Pointe, sondern als Skandal.

Was Schramm von seinen Kollegen unterschied, war eine Eigenschaft, die die Jury des Bayerischen Kabarettpreises 2016 so beschrieb: „Noch immer treibt sein Zorn ihn an, scheut sein analytischer Scharfsinn keinen Tiefgang und erregt seine gewaltige Sprache — alles stellt Georg Schramm in den Dienst der Vernunft. Nicht im Dienst der Unterhaltung.“

Und genau das wurde ihm zum Verhängnis. In einem taz-Interview 2013 brachte er das Paradox auf den Punkt:

„Je radikaler Ihre Pointen sind, desto lauter lachen die Leute.“ — Georg Schramm, taz, August 2013

Das Publikum kam, lachte, klatschte — und ging nach Hause. Ohne irgendetwas zu ändern. Die Katharsis ersetzte die Handlung. Der Applaus entlud die Spannung, die Schramm aufgebaut hatte — und machte sie unschädlich. Schramm, der Psychologe, erkannte den Mechanismus: Das politische Kabarett war zum Ventil geworden. Es ließ den Dampf ab, den das System erzeugte — und stabilisierte damit genau das System, das es zu kritisieren vorgab.

Bei seinem Abschied erklärte Schramm, für seinen Dombrowski wäre es die Höchststrafe, als „Dieter Nuhr für Arme“ zu enden. Er hörte auf. Nicht weil er nichts mehr zu sagen hatte. Sondern weil er erkannte, dass das Sagen nicht mehr half.

IV. Die Degeneration des Kabaretts

Was nach Schramm kam, bestätigt seine Diagnose. Dieter Nuhr bedient das Bildungsbürgertum mit dem wohligen Gefühl, klüger zu sein als die anderen. Seine Satire hat eine klare Richtung: nach unten. Gegen Aktivisten, gegen Empörte. Nie nach oben. Nie gegen die, die wirklich Macht haben. Die „Anstalt“ im ZDF liefert kompetente Recherche — aber sie sendet auf einem Sender, dessen Aufsichtsrat von den Parteien besetzt wird, die sie kritisiert. Jan Böhmermann ist Teil des Systems öffentlich-rechtlicher Medien, das er kommentiert. Seine Konflikte sind kalkuliert, seine Provokationen eingepreist.

Der Unterschied: Schramm wollte sein Publikum zum Handeln bringen. Die anderen wollen, dass ihr Publikum wiederkommt.

Die Comedy-Szene hat das Kabarett vollständig absorbiert. Themen: Beziehungen, Familie, mentale Gesundheit. Humor als Ware. Unterhaltung als Geschäftsmodell. Erkenntnis als Störfaktor. Dieter Hildebrandt — Schramms Vorgänger beim „Scheibenwischer“ — versuchte 2013 noch mit dem Online-Format „stoersender.tv“ ein Gegenmodell aufzubauen. Zusammen mit Schramm und Konstantin Wecker. Hildebrandt starb im selben Jahr. Der Störsender verstummte.

V. Die Funktion des Ventils

Die Einsicht, die Schramm zur Aufgabe trieb, hat eine lange Tradition. Aristoteles sah in der Tragödie eine Reinigung: Der Zuschauer erlebt Furcht und Mitleid, durchlebt sie stellvertretend und kehrt geläutert zurück. Brecht widersprach radikal: Genau diese Reinigung sei das Problem. Das epische Theater müsse stattdessen verfremdend wirken — den Zuschauer aus der Einfühlung herausreißen, ihn zum Denken zwingen, zum Handeln provozieren.

Das heutige Kabarett hat Aristoteles gewählt. Unbewusst, aber total. Der Zuschauer betritt den Saal mit einem diffusen Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Zwei Stunden später verlässt er ihn mit dem Gefühl, das Richtige getan zu haben — ohne etwas getan zu haben. Er hat gelacht, wo er hätte wütend werden müssen. Er hat geklatscht, wo er hätte aufstehen müssen.

„Ich kann mich nicht endlos auskotzen. So viel Ärger verträgt meine Dramaturgie nicht. Schauen Sie sich das alles an: Merkel, Steinbrück, der Umgang mit der Finanzkrise — und was die Privatarmee Frontex an den Grenzen Europas macht. Das ist zu viel für einen unterhaltsamen Abend.“ — Georg Schramm, taz, 2013

Seine Nachfolger haben sich für die Verharmlosung entschieden. Nicht aus Bosheit. Aus Überlebensinstinkt. Weil der Markt es so verlangt. Weil ein Kabarettist, der sein Publikum zum Weinen bringt statt zum Lachen, keine Karten mehr verkauft.

VI. Der Primat ohne Korrektiv

Die Abwesenheit beider Korrektive — der Transzendenz und des Hofnarren — erzeugt eine politische Ordnung, die in der Geschichte ohne Beispiel ist: eine Macht, die sich nur noch durch sich selbst begrenzt.

Das Grundgesetz versucht, die Rolle der Transzendenz zu übernehmen. Die Ewigkeitsklausel erklärt bestimmte Prinzipien für unantastbar. Aber wer interpretiert das Grundgesetz? Das Bundesverfassungsgericht. Wer wählt dessen Richter? Die Parteien, die das Grundgesetz regulieren soll. Die Kette ist zirkulär. Die Medien versuchen, die Rolle des Hofnarren zu übernehmen — aber die öffentlich-rechtlichen Medien werden von den Parteien kontrolliert, und die digitalen Plattformen werden zunehmend reguliert. Nicht um Desinformation zu bekämpfen. Sondern um das Monopol über das Sagbare zu sichern.

Die Architektur der Selbstreferenz Regierung → Gesetzgebung → Medienregulierung → Berichterstattung über die Regierung
Parteien → Richterwahl → Verfassungsauslegung → Grenzen der Parteienmacht
Politik → Bildungspolitik → Curricula → politische Sozialisation → Politik
In jeder Kette kontrolliert die Politik das Instrument, das sie kontrollieren soll.

Deutschland hat keine Gegengewichte mehr. Die Kirchen sind leer. Die Gewerkschaften sind gezähmt. Die Intellektuellen sind verstummt oder in Echokammern verschwunden. Die Kabarettisten unterhalten. Es ist nicht so, dass niemand die Wahrheit sagt. Es ist so, dass es keine Stelle mehr gibt, an der die Wahrheit Konsequenzen hat.

VII. Was fehlt

Was Böckenförde als „Wagnis“ beschrieb, hat sich als Verlust herausgestellt. Nicht als Verlust der Religion — das wäre rückwärtsgewandt und falsch. Sondern als Verlust des Prinzips, das Religion einmal verkörperte: dass es etwas gibt, das größer ist als der Mehrheitsbeschluss von heute. Die Aufklärung hat die Religion durch die Vernunft ersetzt. Aber die Vernunft hat keinen institutionellen Ort. Sie hat kein Gebäude, keinen Ritus, keine Gemeinde. Sie ist eine Idee ohne Infrastruktur.

Und der Hofnarr? Schramm hat gezeigt, dass die Rolle in einer Gesellschaft, die alles konsumiert, nicht mehr funktioniert. Die Satire wird zur Ware. Die Provokation wird eingepreist. Der Widerspruch wird zum Content. Alles, was gesagt wird, wird sofort absorbiert, eingeordnet, weiterverkauft — und damit neutralisiert.

VIII. Das Dilemma

Das Dilemma ist strukturell und hat keine einfache Lösung. Zurück zur Religion? Unmöglich und unerwünscht — die Säkularisierung ist eine Errungenschaft, kein Unfall. Aber sie hat ein Vakuum hinterlassen, das gefüllt werden müsste: durch Prinzipien, die nicht zur Disposition stehen, durch eine Verpflichtung auf das Langfristige, das über die Legislaturperiode hinausreicht. Zurück zum Hofnarren? Unmöglich in einer Gesellschaft, die den Unterschied zwischen Unterhaltung und Aufklärung verwischt hat.

„Schramm hat dem modernen Kabarett zurückgegeben, was ihm die Comedy geraubt hat: kompromisslose, aggressive, wahrhaftige Relevanz.“ — Laudatio zum Göttinger Elch, 2014

Zurückgegeben — und dann wieder mitgenommen. Weil es niemanden gab, der es aufhob.

Was bleibt, ist der Primat der Politik. Eine Macht ohne Transzendenz, die sich selbst für absolut hält. Eine Macht ohne Hofnarren, die niemanden mehr fürchten muss, der ihr die Wahrheit sagt. Eine Macht, die das Böckenförde-Vakuum nicht füllt, sondern nutzt — weil in der Abwesenheit jeder höheren Instanz die jeweils herrschende Mehrheit zur letzten Instanz wird.

Georg Schramm gräbt seine Kabarettpreise im Garten ein und lässt sie zuwuchern. Das ist vielleicht die letzte ehrliche Geste eines Hofnarren: die Anerkennung, dass seine Arbeit nichts geändert hat — in einer Welt, die keine Narren mehr braucht, weil sie aufgehört hat, die Wahrheit hören zu wollen.