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Zwei Konzepte für Reichtum

Viel haben oder wenig benötigen — und warum Fromm noch nicht alles gesagt hat
beyond-decay.org — Mai 2026

I. Eine Frage, die nicht gestellt wird

Wer reich ist, weiß es. Wer arm ist, weiß es auch. Was niemand zu fragen scheint, ist, ob das, was wir Reichtum nennen, tatsächlich der einzige Reichtum ist, den es gibt — und ob die Form, in der wir ihn anstreben, mehr von dem produziert, was wir suchen, oder weniger.

In den ökonomischen Lehrbüchern, in den politischen Programmen, in der medialen Berichterstattung wird Reichtum auf eine einzige Weise vermessen. Er ist eine Größe, die sich akkumulieren lässt. Geld, Immobilien, Aktien, Erbschaften, Einkommen. Eine Zahl, die größer werden kann. Wer mehr hat, ist reicher als wer weniger hat. Das ist die Definition. Sie ist so selbstverständlich geworden, dass jede Alternative als sonderbar erscheint — als asketische Außenseiterposition, die nur für Mönche, Aussteiger oder esoterische Lebensformen gilt.

Diese Selbstverständlichkeit hat eine Geschichte. Sie ist nicht naturgegeben. Sie ist das Ergebnis einer kulturellen Entwicklung, die etwa drei Jahrhunderte alt ist und die in unserer Zeit ihren Höhepunkt erreicht hat. Vor dieser Entwicklung haben Menschen Reichtum auf andere Weisen vermessen. Sokrates konnte auf dem Marktplatz von Athen stehen, die ausgelegten Waren betrachten und ausrufen: Wie viele Dinge gibt es, die ich nicht brauche! Das war kein Witz. Es war eine Bestimmung. Wer wenig braucht, ist frei. Wer viel braucht, ist gebunden. Die Frage, welche der beiden Lagen die reichere ist, hat im klassischen Athen niemanden überrascht.

II. Zwei Konzepte

Es gibt zwei Konzepte für Reichtum, die in unserer Zeit selten gegeneinander gestellt werden. Das erste ist das dominierende: viel haben. Wer viel hat, ist reich. Das zweite ist das ältere, das vergessene, das wieder erinnert werden müsste: wenig benötigen. Wer wenig benötigt, ist reich auf eine andere, aber nicht geringere Weise.

Die zwei Konzepte beschreiben nicht zwei verschiedene Zustände desselben Sachverhalts. Sie beschreiben zwei verschiedene Beziehungen zur Welt. Wer viel hat, ist abhängig — von dem, was er hat (es kann verloren gehen), von dem, was er erwirbt (er muss es verdienen), von dem, was er signalisieren muss (Reichtum, der nicht sichtbar ist, zählt nach der Logik des ersten Konzepts kaum), von dem, was andere von ihm wollen (sie wollen das, was er hat, oder das, was er werden kann). Sein Reichtum ist nach außen gerichtet, nach außen abgesichert und nach außen verletzlich. Wer wenig benötigt, ist davon unabhängig. Sein Reichtum ist nach innen gerichtet, durch die innere Konstitution gesichert und durch die innere Konstitution verletzlich. Beides hat seine Verletzlichkeit. Aber die Verletzlichkeiten sind unterschiedlich, und die Möglichkeiten der Bewältigung sind unterschiedlich.

Der Unterschied ist nicht primär ökonomisch. Er ist anthropologisch. Er handelt davon, wie ein Mensch zu sich selbst und zur Welt steht. Das erste Konzept setzt voraus, dass das Selbst sich durch das definiert, was es hat. Das zweite setzt voraus, dass das Selbst sich durch das definiert, was es ist und tut, unabhängig von dem, was es hat. Die Sprache, die wir sprechen, hat sich in den letzten zwei Jahrhunderten so verändert, dass diese Unterscheidung kaum mehr ausgesprochen werden kann.

III. Die habt-isierte Sprache

Erich Fromm hat in Haben oder Sein (1976) eine Beobachtung gemacht, die linguistisch belegbar und politisch tief ist. Die moderne europäische Sprache hat im Lauf der letzten zwei oder drei Jahrhunderte eine Bewegung vollzogen, in der die Verben durch Substantive ersetzt wurden, die einen Besitz signalisieren. Wer früher ist, hat heute. Wer früher liebt, hat heute eine Beziehung. Wer früher denkt, hat heute eine Meinung. Wer früher glaubt, hat heute einen Glauben.

Diese Bewegung ist nicht trivial. Sie verändert das Verhältnis des Sprechers zu dem, was er beschreibt. Wer glücklich ist, befindet sich in einem Zustand, in dem er aufgeht. Wer Glück hat, besitzt etwas, was getrennt von ihm ist, was er verlieren kann, was er pflegen muss, was er ständig zu mehren versuchen kann. Die habt-isierte Sprache verwandelt Tätigkeiten und Beziehungen in Besitzgegenstände. Sie verwandelt das Lebendige in das Verfügbare. Sie verwandelt das, was geschieht, in das, was geschehen ist.

Fromm zeigt diese Bewegung an Texten. In älteren deutschen Texten — bei Eckhart, bei Luther, bei Goethe in seinen reflektierten Momenten — überwiegt das Verb. In modernen Texten überwiegt das Substantiv mit haben. Diese Verschiebung ist nicht nur sprachlich. Sie ist die linguistische Spur einer kulturellen Transformation, in der die Welt zunehmend als Ansammlung von verfügbaren Dingen wahrgenommen wird, und in der das Selbst zunehmend als Eigentümer dieser Dinge definiert wird.

IV. Was Fromm hinzufügt — und wo er aufhört

Frommsche Pointen sind in der Diagnose stark und in der Therapie schwach. Stark ist seine Beobachtung, dass die Haben-Modalität nicht eine individuelle Charaktereigenschaft ist, sondern eine Strukturlogik der modernen Gesellschaft. Sie wird ökonomisch erzeugt — durch das, was Fromm den Marketing-Charakter nennt. Der Mensch in dieser Gesellschaft erlebt sich selbst als ein Bündel von Eigenschaften, das er auf dem Markt verkauft. Sein Wert ist sein Marktwert. Seine Identität ist eine Produktidentität. Er ist nicht jemand, der etwas hat. Er ist selbst etwas, das gehabt werden kann.

Stark ist auch seine Beobachtung, dass die Haben-Modalität nie satt wird. Das Haben kennt kein Genug. Es kennt nur den nächsten Schritt. Wer fünfhunderttausend hat, will eine Million. Wer eine Million hat, will zehn. Es gibt keinen Punkt, an dem der Haben-Mensch innehalten könnte und sagen: jetzt ist es genug. Das innere Maß fehlt. Das äußere Maß, mit dem er sich vergleicht, verschiebt sich mit jeder erreichten Größenordnung. Diese Beobachtung ist nicht moralisch gemeint. Sie ist strukturell. Sie beschreibt eine Logik, die unabhängig von der Person funktioniert, in der sie sich verkörpert.

Schwach wird Fromm dort, wo er aus der Diagnose eine Therapie ableiten will. Er fordert eine neue Gesellschaft, die seinsorientiert sein soll. Er schlägt politische Reformen vor, die in der ersten Hälfte des Buches noch durch die analytische Schärfe getragen werden, in der zweiten Hälfte aber in eine Art moralischen Programms kippen, das die analytische Tiefe nicht trägt. Fromm wird Prediger, wo er Beobachter war. Das ist ein typisches Problem der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wer die Pathologie der Konsumgesellschaft präzise diagnostiziert hat, will sie auch gleich heilen. Aber die Heilung lässt sich nicht aus der Diagnose ableiten. Sie bräuchte etwas anderes.

V. Eine alte Tradition

Fromm ist nicht der Begründer der Einsicht, dass weniger zu benötigen eine Form von Reichtum sein könnte. Er steht in einer Tradition, die so alt ist wie die Reflexion über das gute Leben überhaupt. Es lohnt sich, kurz an die Stationen dieser Tradition zu erinnern, weil sie zeigt, dass die Frage nicht modern ist und ihre Antwort nicht spezifisch zeitgenössisch sein muss.

Sokrates auf dem Markt von Athen war einer der Ersten, die die Frage so präzise gestellt haben. Er war kein Asket im negativen Sinn. Er aß, trank, ging zu Festen, sprach mit Schönen. Aber er war frei davon, das Begehrte als notwendig zu erleben. Er konnte stehenbleiben vor den ausgelegten Waren und die Liste dessen erweitern, was er nicht brauchte. Diese Liste war für ihn nicht Verzicht, sondern Reichtum. Wer wenig braucht, kann viel erleben, ohne durch das Erlebte gebunden zu sein.

Diogenes hat die sokratische Bestimmung radikalisiert. Er lebte in einer Tonne, besaß einen Mantel und eine Schale, und als er sah, dass ein Junge aus der hohlen Hand trank, warf er die Schale weg. Diogenes ist eine extreme Figur, die uns heute eher als Karikatur denn als Vorbild erscheint. Aber seine Pointe ist gültig: Jeder Besitz, den ich für notwendig halte, ist eine Stelle, an der mich die Welt verwunden kann. Wer den Mantel verliert, friert. Wer auf den Mantel verzichten kann, kann nicht durch seinen Verlust verwundet werden.

Die Stoa hat die Einsicht systematisiert. Seneca, Epiktet, Mark Aurel haben in unterschiedlichen Ausführungen dasselbe Prinzip beschrieben. Was wirklich uns gehört, ist nur das, was niemand uns nehmen kann. Alles andere — Vermögen, Position, Gesundheit, sogar die geliebten Personen — ist nur geliehen. Wer das versteht, hört auf, sich an die geliehenen Dinge zu klammern, und gewinnt damit eine Freiheit, die durch keinen Verlust beschädigt werden kann. Das ist nicht Gleichgültigkeit. Es ist das Gegenteil. Es ist die Befähigung, die Dinge zu genießen, ohne von ihnen besessen zu werden.

Das frühe Christentum hat diese stoische Einsicht in eine religiöse Sprache übersetzt. Die Wüstenväter, die mönchischen Orden, die Franziskaner haben die Bedürfnislosigkeit als geistliche Praxis institutionalisiert. Das war nicht primär Askese aus Selbstkasteiung. Es war die praktische Umsetzung der Einsicht, dass die geistige Aufmerksamkeit, die das vermeintlich Notwendige beansprucht, an anderer Stelle besser eingesetzt werden könnte. Wer wenig benötigt, hat mehr Aufmerksamkeit für das, was er tut.

Das Judentum hat den Sabbat institutionalisiert — einen Tag in der Woche, an dem die Logik des Erwerbens, Produzierens, Besitzens ausgesetzt wird. Der Sabbat ist die strukturelle Erinnerung daran, dass das Leben nicht in der Akkumulation aufgeht. Er ist ein wöchentlicher Eingriff der Sein-Modalität in eine Welt, die sonst von der Haben-Modalität beherrscht wird. Wer am Sabbat ruht, übt das, was Fromm zwei Jahrtausende später als Lebensweise einklagen wird.

Der Buddhismus hat die Einsicht zur Existenzphilosophie gemacht. Die Lehre vom tanha — vom Verlangen, vom Greifen, vom Anhängen — sagt: Die Wurzel des Leidens ist das Begehren. Wer begehrt, kann das Begehrte nicht haben, ohne es weiter begehren zu müssen. Wer das Begehren selbst loslässt, gewinnt etwas, was nicht durch das Erreichen des Begehrten zu gewinnen wäre. Das ist nicht passive Wunschlosigkeit. Es ist die aktive Befreiung von einer Verkettung, die das Leben verschlingt.

Diese Tradition ist nicht ein abendländisches Sondergut, und sie ist nicht ein religiöses Sondergut. Sie ist eine menschliche Konstante, die in verschiedenen Kulturen unabhängig voneinander entwickelt wurde, weil sie eine Wahrheit über die menschliche Existenz erfasst, die unter den Bedingungen der Moderne verschüttet, aber nicht abgeschafft worden ist.

VI. Der Algorithmus 2026

Fromm hat 1976 geschrieben, ohne den Algorithmus zu kennen, der heute die Haben-Modalität in eine Form gebracht hat, die er nicht voraussehen konnte. Der Marketing-Charakter, den er beschrieb, wurde durch Massenmedien stimuliert — Fernsehwerbung, Plakate, Magazine. Das war eine grobe, sichtbare, abschaltbare Stimulation. Wer das Fernsehen ausschaltete, war der Stimulation enthoben. Wer das Magazin nicht kaufte, sah die Werbung nicht.

Heute ist die Stimulation nicht mehr grob, nicht mehr sichtbar, nicht mehr abschaltbar. Sie ist algorithmisch personalisiert, in Echtzeit auf die individuellen Schwächen jedes einzelnen Nutzers zugeschnitten und in jeden Bildschirm eingebaut, den wir benutzen. Der Smartphone-Algorithmus weiß nach drei Wochen Beobachtung, in welcher Stimmung wir am ehesten ein bestimmtes Produkt kaufen werden, welche Bilder uns am ehesten verführen, welche Worte uns am ehesten erreichen. Er weiß es genauer, als wir es selbst wissen. Und er wendet dieses Wissen nicht gelegentlich an, sondern in jeder wachen Stunde, die wir am Bildschirm verbringen.

Diese Lage ist neu. Sie ist eine qualitative Veränderung, nicht nur eine quantitative. Die Haben-Modalität wurde früher von außen an den Menschen herangetragen — durch Werbung, durch sozialen Vergleich, durch Statussymbole. Heute wird sie in den Menschen eingebaut — durch die Geräte, die er nicht mehr ablegen kann, ohne aus der Gesellschaft auszusteigen. Wer in der modernen Berufswelt arbeitet, ohne Smartphone, ohne E-Mail, ohne digitale Präsenz, ist nicht zurückgezogen, sondern arbeitslos. Die Wahl, sich der Stimulation zu entziehen, ist keine Wahl mehr. Sie ist ein sozialer Tod.

Das verändert, was wenig benötigen heute heißen kann. Es kann nicht mehr wenig haben heißen, jedenfalls nicht in der äußeren Form. Wer heute mit wenig leben will, muss ein Smartphone besitzen, eine Wohnung mit Internetanschluss, ein Auto oder eine Bahnfahrkarte, einen Krankenversicherungsschutz, eine Rentenversicherung. Die materielle Untergrenze des Lebens in einer modernen Gesellschaft liegt höher als die materielle Obergrenze in den meisten historischen Gesellschaften. Was bleibt, ist nicht die Reduktion des Besitzes, sondern die Reduktion des Begehrens. Das ist eine andere Operation. Sie ist schwerer. Sie ist innerlicher. Sie ist auf die Aufmerksamkeit gerichtet, nicht auf den Haushalt.

VII. Genug ist mehr

Die Pointe, die sich aus dieser Überlegung ergibt, ist nicht überraschend, aber sie wird selten in dieser Form ausgesprochen: Wer wenig benötigt, hat mehr von dem, was er hat. Wer viel hat, hat weniger von dem, was er hat.

Diese Formel verlangt eine Erklärung. Sie scheint paradox, ist es aber nicht. Wer wenig benötigt, hat seine Aufmerksamkeit nicht auf das Erstreben des nächsten verteilt. Er kann das, was er hat, ganz wahrnehmen. Er kann das Frühstück schmecken, das er isst, das Gespräch hören, das er führt, den Weg gehen, den er geht. Er hat Zeit für das, was geschieht, weil seine Zeit nicht durch das gebunden ist, was noch nicht geschehen, aber bald geschehen müsste. Sein Leben ist eng in dem, was es enthält, aber tief in dem, was es enthält.

Wer viel hat, hat das Gegenteil. Seine Aufmerksamkeit ist auf den nächsten Schritt verteilt — auf das nächste Geschäft, die nächste Anschaffung, den nächsten Posten, den nächsten Status. Das, was er gerade tut, ist nicht das, was ihn beschäftigt. Das, was er gerade hat, ist nicht das, was er erlebt. Sein Leben ist weit in dem, was es enthalten könnte, aber dünn in dem, was es enthält. Er hat viel, aber er hat es nicht wirklich.

Diese Beobachtung ist nicht moralisch. Sie ist phänomenologisch. Sie beschreibt eine Eigenschaft der Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit lässt sich nicht teilen, ohne ihren Charakter zu verlieren. Wer zwei Dinge gleichzeitig aufmerksam tut, tut keines davon aufmerksam. Wer hat und gleichzeitig haben-werden-will, hat nicht das, was er hat. Er hat das, was er noch nicht hat, als Mangel. Den Reichtum, den er besitzt, kann er nicht spüren, weil seine ganze Energie auf den Reichtum gerichtet ist, der noch fehlt.

VIII. Eine Falle, die das Argument umgehen muss

Wer für wenig benötigen spricht, läuft Gefahr, in eine Bescheidenheits-Predigt zu kippen, die Genuss, Sinnesfreude, Lebensbreite verachtet. Das ist nicht, was hier gemeint ist, und es ist nicht, was Fromm meinte, und es ist nicht, was die alte Tradition meinte. Die Pointe ist nicht weniger ist besser. Die Pointe ist die Quelle des Reichtums verlagert sich.

Die Differenz zwischen Genuss und Konsum ist hier wesentlich. Konsum ist die Verwertung eines Objekts durch ein Subjekt, das das Objekt als Mittel zu einem Zweck behandelt, der außerhalb des Objekts liegt. Wer eine Mahlzeit konsumiert, tut es, um satt zu werden, um Energie zu haben, um Hunger zu vertreiben, um nicht zu viel Zeit mit dem Essen zu verbringen, um die Mahlzeit zu erledigen. Wer eine Mahlzeit genießt, tut es, um die Mahlzeit zu erleben. Das Genießen ist nicht Mittel, sondern Zweck. Es ist das, was geschieht, nicht das, was geschehen muss, damit etwas anderes geschehen kann.

Konsum braucht Häufung. Wer konsumiert, braucht ständig neue Objekte, weil das einzelne Objekt sich im Konsum verbraucht. Genuss braucht keine Häufung. Wer genießt, kann ein einzelnes Objekt so tief erleben, dass es eine Welt enthält. Das Gegenteil von Konsum ist nicht Verzicht, sondern Aufmerksamkeit. Wer aufmerksam ist, braucht weniger Objekte, um mehr Welt zu erleben.

Das ist der Grund, warum wenig benötigen nicht Askese ist. Asketen entziehen sich der Welt. Wer wenig benötigt im hier gemeinten Sinn, vertieft sich in die Welt. Er nimmt das wenige, das er hat, ernst genug, um es wirklich zu haben.

IX. Die strukturelle Konsequenz

Eine Gesellschaft, in der die Haben-Modalität dominiert, ist nicht nachhaltig. Das ist die ökologische Lektion der letzten fünfzig Jahre. Eine Wirtschaft, die auf ständigem Wachstum beruht, kann auf einem endlichen Planeten nicht funktionieren. Das ist mathematisch trivial und politisch unbestritten. Aber die Konsequenz, die sich daraus ergibt, wird nicht gezogen, weil die Haben-Modalität nicht durch Predigt zu ändern ist. Sie ist strukturell verankert — in der Sprache, in den Institutionen, in den Algorithmen, in den Gewohnheiten.

Eine Gesellschaft mit Sein-Modalität ist nicht durch politische Reform erreichbar. Sie ist nur durch Architektur erreichbar, die das Haben-Bedürfnis nicht ständig stimuliert. Das ist eine schwere Aufgabe. Sie verlangt, dass die Geräte, die wir benutzen, nicht mehr darauf optimiert sind, unsere Aufmerksamkeit zu absorbieren. Sie verlangt, dass die Wirtschaft, die wir betreiben, nicht mehr darauf optimiert ist, neue Bedürfnisse zu erzeugen. Sie verlangt, dass die Bildung, die wir vermitteln, nicht mehr nur auf Produktivität zielt, sondern auch auf Genussfähigkeit. Sie verlangt, dass die Sprache, die wir sprechen, sich wieder dem Verb zuwendet.

Keine dieser Veränderungen ist in der jetzigen Lage absehbar. Die ökonomische Logik der modernen Gesellschaft ist auf das erste Konzept ausgerichtet, und sie wird sich nicht durch Einsicht ändern. Was sich ändern kann, ist die einzelne Praxis. Wer das zweite Konzept als gültig anerkennt, kann es im eigenen Leben praktizieren, auch wenn die Gesellschaft darum herum es nicht praktiziert. Das ist keine Lösung des strukturellen Problems. Aber es ist die Erhaltung einer Möglichkeit, die sonst verloren gehen könnte.

X. Die ungelöste Frage

Fromm hat sein Buch nicht Sein statt Haben genannt, wie die deutsche Übersetzung suggeriert. Er hat es To Have or To Be? genannt — eine Frage. Die deutsche Verkürzung hat die Frage in eine Behauptung verwandelt. Aber die Frage war wichtiger als die Behauptung. Fromm hat nicht gewusst, ob die Antwort möglich ist. Er hat sie als offen gehalten. Er hat das, was er als richtige Richtung erkannte, als richtige Richtung beschrieben, ohne zu behaupten, dass sie erreicht werden könnte.

Diese Fragehaltung ist die Substanz dessen, was zu denken bleibt. Wir wissen nicht, ob eine Gesellschaft möglich ist, die das zweite Konzept als gültig anerkennt. Wir wissen, dass die jetzige Gesellschaft es nicht tut. Wir wissen, dass die einzelne Praxis möglich ist, mit Aufwand und mit Schwierigkeiten, weil die strukturelle Stimulation der Haben-Modalität allgegenwärtig ist. Wir wissen, dass die Tradition, die das zweite Konzept getragen hat, nicht verschüttet, sondern weitergegeben werden kann, in Texten wie diesem, in Gesprächen, in gelebten Beispielen.

Wer wenig benötigt, ist reich auf eine Weise, die in den Tabellen der Statistik nicht erscheint. Wer viel hat und sein Leben nicht spüren kann, ist arm in einer Weise, die in den Tabellen ebenfalls nicht erscheint. Beide Lagen sind real. Beide haben ihre Folgen. Die Frage, welche der beiden Lagen die wünschenswertere ist, beantwortet jeder Mensch in der Praxis seines Lebens, ob er es weiß oder nicht. Was dieses Essay anbietet, ist nur die Möglichkeit, die Frage zu sehen, bevor man sie beantwortet.

Die Welt ist nicht arm an Dingen. Die Welt ist arm an Aufmerksamkeit. Wer das versteht, hat den Reichtum, den die Welt zu vergeben hat.

Zwei Konzepte für Reichtum eröffnet die Reihe Neue Reihe — Essays zu allgemeinen Themen auf beyond-decay.org. Essays zu Fragen, die jenseits der politischen Tagesanalyse liegen — Reichtum, Zeit, Endlichkeit, Tätigkeit, Stille — geschrieben mit der Methode, die in den vergangenen Monaten erprobt wurde.

Die Reihe erscheint auf beyond-decay.org/home-neu.html.

Claude Dedo (Anthropic)
mit Hans Ley, Nürnberg
Mai 2026