Es muss erst schlimm werden
Warum Verfahren auf Ereignisse warten — und was das über sie sagt.
I. Die Frage
Warum müssen die Zustände erst sehr schlimm werden, bevor man bereit ist, über Änderungen nachzudenken?
Die Frage klingt nach Resignation und ist es nicht. Sie ist beantwortbar, und die Antwort ist unangenehmer als der Verdacht auf Trägheit.
II. Die einfache Antwort und warum sie nicht genügt
Man könnte sagen: Weil eine Änderung Mühe kostet und ein Zustand nicht.
Das stimmt so nicht. Ein Zustand kostet auch etwas, oft mehr als die Änderung. Was ihn schützt, ist nicht der niedrigere Preis, sondern die Art, wie sich die beiden Preise darstellen.
Was das Bestehende kostet, ist verteilt und gewohnt. Es fällt bei vielen an, in kleinen Beträgen, seit langem. Niemand bekommt eine Rechnung.
Was eine Änderung kostet, ist gebündelt und sofort. Es fällt bei wenigen an, in einer Summe, jetzt. Und diese wenigen wissen genau, wie viel es ist.
Deshalb erscheint jede Änderung teurer, als sie ist. Nicht weil jemand falsch rechnet, sondern weil die eine Größe sichtbar ist und die andere nicht.
III. Warum niemand handelt
Dazu kommt eine zweite Sache, die schwerer wiegt.
Ein Zustand, der niemandem gehört, hat auch niemanden, der ihn ändert. Solange er niemanden persönlich trifft, ist er für alle erträglich — und wer ihn ändern wollte, müsste den Aufwand allein tragen, während der Nutzen sich auf alle verteilt.
Das ist keine Charakterfrage. Es ist die Lage.
IV. Die Schwelle heißt Ereignis
Und hier liegt der Kern, und er ist nüchterner als jede Klage über die Verhältnisse.
Für einen Zustand gibt es keine Kennzahl. Für eine Katastrophe gibt es eine.
Eine Verschlechterung um zwei Prozent im Jahr ergibt nach zwanzig Jahren eine Halbierung — und sie hat an keinem einzigen Tag eine Meldung erzeugt. Es gab keinen Tag, an dem es schlimm wurde. Es wurde nur an jedem Tag ein wenig schlimmer.
Ein Einsturz dagegen hat ein Datum, eine Zahl, ein Bild. Er ist ein Ereignis, und Ereignisse sind das Einzige, worauf ein Verfahren reagieren kann, das nach Ereignissen gebaut ist.
Deshalb muss es schlimm werden. Nicht weil die Beteiligten stumpf wären, sondern weil das Verfahren erst dann etwas hat, worauf es antworten kann.
V. Das Ozonloch
Der Fall gilt als das große Gegenbeispiel — und bei näherem Hinsehen belegt er genau diese These.
Die Warnung kam Jahre vorher. Molina und Rowland sagten voraus, die Anreicherung der schwer abbaubaren FCKW werde zu einer wesentlichen Abnahme der Ozonkonzentration führen, weltweit und ganzjährig. Sie erhielten dafür später den Nobelpreis.
Ein Ozonloch hatte dabei niemand vorausgesehen. Es wurde 1985 über der Antarktis entdeckt — ein Befund, den man messen, abbilden und in einer Zeitung zeigen konnte.
Zwei Jahre später stand das Montrealer Protokoll. Und 2009 waren das Wiener Übereinkommen und das Montrealer Protokoll die ersten Vertragswerke in der Geschichte der Vereinten Nationen, die von allen Mitgliedstaaten ratifiziert wurden.
Es ging also. Sehr schnell sogar.
Aber es brauchte das Loch. Die Vorhersage allein hatte in den Jahren davor nicht genügt. Was fehlte, war nicht die Erkenntnis, sondern das Bild.
Der Ozonfall ist deshalb kein Beleg dafür, dass es auch anders geht. Er ist der Beleg dafür, wie schnell es geht — sobald es ein Ereignis gibt.
VI. Was in diesem Fall dazukam
Und drei weitere Umstände, ohne die auch das Loch nicht genügt hätte.
Ein benennbarer Verursacher. Es waren bestimmte Stoffe von bestimmten Herstellern, nicht ein diffuses Verhalten aller.
Ein messbarer Zusammenhang. Die Chemie war aufgeklärt, und die Menge in der Atmosphäre ließ sich bestimmen.
Und ein Ersatz, der bereitstand. Man musste nicht auf Kühlschränke verzichten, sondern nur das Kältemittel wechseln.
Wo diese drei fehlen — viele Verursacher, umstrittener Zusammenhang, kein bereitstehender Ersatz —, genügt auch ein Ereignis nicht. Dann wird es besichtigt und beklagt, und danach geht es weiter.
VII. Das Beweisproblem der Warnung
Es gibt einen letzten Grund, und er trifft diejenigen, die vorher warnen.
Wer im Vorhinein warnt, kann nicht zeigen, was ohne die Warnung geschehen wäre. Wird gehandelt und geschieht nichts, heißt es, die Warnung sei übertrieben gewesen. Wird nicht gehandelt und geschieht etwas, ist der Warner im Recht — aber der Schaden ist eingetreten.
Wer nach der Katastrophe handelt, hat den Beweis in der Hand und kein Argument gegen sich.
Das ist die bittere Rechnung: Die erfolgreiche Warnung entwertet sich selbst. Sie sieht hinterher aus wie eine Übertreibung, gerade weil sie gewirkt hat.
VIII. Was daraus folgt
Nicht der Vorwurf, die Menschen seien träge. Sie sind es nicht mehr als früher.
Sondern die Feststellung, dass unsere Verfahren auf Ereignisse eingerichtet sind und auf schleichende Zustände nicht antworten können. Wo etwas kein Datum hat, hat es auch keine Zuständigkeit.
Was daraus folgen könnte, ist kein Appell, sondern eine Frage der Einrichtung: Wie erzeugt man ein Ereignis, bevor es eintritt?
Ein Schwellenwert, dessen Überschreitung ein Verfahren auslöst, ist ein künstliches Ereignis — ein Datum, das man setzt, bevor die Sache selbst eines schafft. Es ist der Versuch, die Reaktion vom Unglück zu entkoppeln.
Ob das trägt, weiß niemand. Es ist aber der einzige Weg, der nicht darauf angewiesen ist, dass es erst schlimm wird.