Sich nach oben irren
Über den Raum zwischen Erkenntnis und Produkt, der niemandem gehört.
I. Ein Satz zum Anfang
Die Chinesen experimentieren und irren sich nach oben. Die Deutschen wissen schon alles und machen Experimente nur noch in ihren Elfenbeintürmen.
Der Satz ist zugespitzt und in dieser Form nicht haltbar. Was in ihm steckt, ist trotzdem prüfbar — und was bei der Prüfung übrig bleibt, ist unangenehmer als die Zuspitzung.
II. Was ein Experiment ist
Ein Experiment ist kein Versuch, recht zu behalten. Es ist der Versuch, eine Annahme zu bestätigen oder zu widerlegen — und beides ist ein Ergebnis.
Daraus folgt etwas, das im Alltag als Mangel gilt: Auch der Fehler ist ein Ergebnis. Er liefert eine Richtung, und oft die brauchbarere, weil eine Bestätigung nur sagt, dass man weitermachen kann, während eine Widerlegung sagt, wo es eventuell langgehen könnte. Sie zwingt zum erneuten Nachdenken oder zum Aufgeben.
Wer dagegen nur rechnet, bekommt gar keine Richtung, sondern die Bestätigung dessen, was er in die Rechnung hineingegeben hat.
„Sich nach oben irren" ist deshalb keine Wendung, sondern die genaue Beschreibung eines Verfahrens: Jede Lösung schafft neue Probleme, und die neuen Probleme sind, wenn man Glück hat, einfacher lösbar als die alten.
Und daraus folgt der eigentliche Prüfstein für eine Gesellschaft — nicht, wie viel sie forscht, sondern: Wo darf geirrt werden, und was kostet es?
III. China: ein Land, das ausdrücklich probiert
Das ist nicht als Lob gemeint und nicht als Warnung, sondern als Beobachtung an einem Fall.
Die chinesischen Sonderwirtschaftszonen wurden Ende der siebziger Jahre ausdrücklich als Experiment eingerichtet — nach Jahrzehnten planwirtschaftlicher Abschottung. Zuerst vier Orte: Shenzhen, Zhuhai, Shantou, Xiamen. Dazu später Hainan. Der Rest des Landes blieb unberührt.
Bemerkenswert ist der Zuschnitt. Erprobt wurde nicht eine Maßnahme, sondern eine Ordnung: Die Zonen erhielten das Recht zur eigenen Gesetzgebung und in der Wirtschaftsverwaltung dieselben Rechte wie eine Provinz. Sie durften also die Regeln ändern, unter denen sie arbeiten.
Die Haltung dahinter steht in Dengs bekanntem Satz: Es ist egal, ob die Katze schwarz oder weiß ist, Hauptsache sie fängt Mäuse. Das ist eine Absage an die Lehre zugunsten des Ergebnisses.
IV. Und die Rechnung dazu
Wer viel probiert, erzeugt viel Schaden. Das gehört zum Verfahren und nicht neben es.
Die Ein-Kind-Politik gilt Fachleuten heute als der schlimmste politische Fehler der Nach-Mao-Ära; sämtliche Beschränkungen der Kinderzahl wurden 2021 aufgehoben. Auch bei den Sonderwirtschaftszonen musste 1996 nachgebessert werden, weil Ineffizienz und Korruption den erhofften Erfolg verhinderten. Und die Folgen des Immobilienbaus und der kommunalen Verschuldung sind bis heute nicht abgetragen.
Wer also von chinesischen Experimenten spricht, muss beides nennen. Ein Verfahren, das Fehler zulässt, erzeugt Fehler — und manche davon sind gewaltig.
V. Was in Deutschland tatsächlich der Fall ist
Hier muss der Satz vom Anfang korrigiert werden, und zwar zweifach.
Erstens gibt es sehr wohl den Weg aus dem Institut in die Wirtschaft. Die Fraunhofer-Gesellschaft betreibt über achtzig Einrichtungen mit 31.000 Mitarbeitern und 3,6 Milliarden Euro im Jahr. Und ihr Finanzierungsmodell prämiert seit 1973 genau das, was gefordert wird: Die Höhe der Grundfinanzierung bemisst sich erfolgsabhängig nach den Wirtschaftserträgen. Nur etwa dreißig Prozent kommen als institutionelle Förderung; der Rest muss verdient werden.
Wer behauptet, in Deutschland gebe es keine Brücke zwischen Forschung und Industrie, hat nicht hingesehen.
Zweitens aber ist Auftragsforschung kein Experiment. Wer im Auftrag eines Unternehmens forscht, arbeitet an dessen Problem, mit dessen Zielsetzung, unter dessen Zeitplan — und das Ergebnis gehört dem Auftraggeber. Das ist Dienstleistung.
Und ein Finanzierungsmodell, das Wirtschaftserträge misst, prämiert zuverlässig das, was zuverlässig Erträge bringt: den kleinen Schritt. Es ist unsere Kennzahlenfigur, angewandt auf die Forschung — gemessen wird, was messbar ist, und deshalb entsteht, was gemessen wird.
VI. Warum das jahrzehntelang genügte
Und es hat funktioniert. Die stetige Verbesserung hat die deutsche Wirtschaft weit gebracht, und sie ist eine eigene Kunst, die nicht geringzuschätzen ist.
Nur beruht ein Vorsprung aus stetiger Verbesserung darauf, dass die anderen nicht aufholen. Inkrementell können inzwischen viele. Sobald der Rückstand abgearbeitet ist, steht man mit einem gut geölten Apparat da, der zuverlässig Kleines erzeugt.
Was dann fehlt, ist nicht Fleiß und nicht Können. Es ist der Sprung — und den prämiert das Modell nicht, weil ein Sprung sich vorher nicht in Wirtschaftserträgen ausdrücken lässt.
VII. Die Türme
Am anderen Ende steht die Grundlagenforschung.
Ihre Qualität kann hier niemand beurteilen, und der Text versucht es nicht. Zwei Beobachtungen lassen sich trotzdem festhalten, und sie sind von verschiedenem Gewicht.
Die eine ist kein Vorwurf: Grundlagenforschung setzt nichts in Produkte um. Das ist ihr Wesen und nicht ihr Versagen. Wer Grundlagen erforscht, soll gerade nicht auf Verwertbarkeit schielen — sonst erforscht er keine Grundlagen mehr.
Die andere ist einer: Zwischen den Instituten gibt es wenige Verbindungen. Sie arbeiten nebeneinanderher.
Und das ist die ernstere Sache, denn dort geht etwas verloren, das keine Seite allein hätte. Ein Widerspruch zeigt sich erst, wenn zwei Aussagen nebeneinanderstehen. Wo nichts nebeneinandersteht, gibt es auch keine Widersprüche — und damit keine Richtung.
VIII. Die Lücke, die niemandem gehört
Damit ist die Stelle benannt, um die es geht.
Zwischen dem Institut, das etwas gefunden hat, und dem Unternehmen, das etwas verkaufen will, liegt ein Bereich, für den keine Einrichtung zuständig ist: das Ausprobieren ohne Auftraggeber und ohne Verwertungsdruck.
Die Grundlagenforschung darf dort nicht hin, weil sie sonst keine Grundlagenforschung mehr wäre. Die Auftragsforschung kommt nicht dorthin, weil es keinen Auftraggeber gibt. Das Unternehmen geht nicht hinein, weil der Ausgang ungewiss ist und die Rechnung sofort beginnt.
In China gehört dieser Raum dem Staat. Er richtet Zonen ein, gibt ihnen eigene Regeln und sieht zu, was daraus wird — mit allen Kosten, die das mit sich bringt.
Hier gehört er niemandem.
Und weil er niemandem gehört, ist er auch von niemandem zu vermissen. Es gibt keine Kennzahl für das, was nicht entsteht.
IX. Es ist versucht worden
Das ist keine Vermutung. Es gibt einen Fall, und er ist lehrreich.
Ende der neunziger Jahre gründeten Aachen und Heerlen den Avantis European Science and Business Park — vierzig Hektar unmittelbar auf der deutsch-niederländischen Grenze, EU-Musterprojekt, zwölftausend Arbeitsplätze geplant. Die Idee war genau die richtige: ein Ort, an dem andere Regeln gelten als ringsum.
Der Verlauf liest sich wie ein Lehrbuch.
Der Staatsvertrag zur steuerlichen Harmonisierung wurde erst im Dezember 2007 geschlossen — fast zehn Jahre nach Baubeginn. Das EU-Recht hatte man dabei schlicht übersehen. Naturschutzverbände blockierten über Jahre mit Klagen wegen des Feldhamsters; im Europaparlament wurde aufgedeckt, dass ein Verband seine eigene Beschwerde durch ein eigenes Mitglied als Gutachter bewerten ließ.
Statt zwölftausend Arbeitsplätzen in der Spitzentechnik kamen ein Amazon-Verteilzentrum, eine Arzneimittellogistik und eine Lagerhalle.
Und der Grund für das Scheitern ist der aufschlussreiche Teil. Avantis hatte keine eigene Rechtsordnung. Es war ein Gewerbepark unter zwei nationalen Rechtsordnungen, die beide vollständig galten. Man hat keinen neuen Raum geschaffen, sondern zwei alte übereinandergelegt.
Was seither an seine Stelle getreten ist, heißt Reallabor oder Experimentierraum: zeitlich befristet, thematisch eingegrenzt, mit vorab festgelegtem Gegenstand.
Ein Raum, in dem feststeht, was erprobt werden darf, ist kein Experimentierraum. Er ist eine Vorführung.
X. Was daraus folgt
Nicht die Empfehlung, es wie China zu machen. Die Kosten dieses Verfahrens stehen oben, und sie sind erheblich.
Sondern eine Frage, die sich stellen ließe, bevor die nächste Förderrichtlinie geschrieben wird: Wo darf hierzulande etwas versucht werden, das noch niemand bestellt hat?
Nicht in der Grundlagenforschung — die soll etwas anderes tun. Nicht in der Auftragsforschung — die hat einen Auftraggeber. Nicht im Unternehmen — dort läuft die Rechnung.
Es bleibt der Einzelne, der es auf eigene Rechnung tut. Und über dessen Lage ist an anderer Stelle genug gesagt.
Es gibt eine weitergehende Antwort, und sie steht ebenfalls an anderer Stelle: ein Gebiet, das durch einen Verfassungsakt aus der bestehenden Rechtsordnung herausgelöst wird und eigenes Wirtschafts-, Genehmigungs- und Verfahrensrecht bekommt — nicht als Gewerbepark und nicht als Reallabor, sondern als Gründung. Wer sie kennen will, findet sie unter dem Namen Zona Nova.
Dieser Text macht diesen Vorschlag nicht. Er hält nur fest, dass die Lücke, die ihn begründet, tatsächlich besteht — und dass sie niemandem gehört.