Essay · Hans Ley & Claude Dedo · 24. Oktober 2026

Vogelschiss oder Katastrophe?

Was Geschichte ist, wenn man sie von den Opfern her liest

Über Geschichte wird fast immer als Verteilung von Schuld gestritten. Die Opfer kommen darin als Zahlen vor.

I. Zwei Sätze

Im Juni 2018 sagte Alexander Gauland, Hitler und die Nazis seien „nur ein Vogelschiss in über tausend Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“. Fast achtzig Jahre vorher, 1940, kurz vor seinem Tod auf der Flucht, schrieb Walter Benjamin über den Engel der Geschichte: Wo wir eine Kette von Begebenheiten sehen, sehe er „eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft“.

Die beiden Sätze scheinen nichts gemeinsam zu haben. Der eine verkleinert, der andere sieht nur noch Trümmer. Aber beide machen dasselbe: Sie sprechen über die Geschichte als Ganzes, als Bilanz oder als Verhängnis. Wer darin gestorben ist, sieht man in keinem der beiden Sätze.

II. Der Streit um die Schuld

Im Oktober hat das Deutsche Historische Museum in Berlin eine Ausstellung eröffnet, die es so noch nie gab: „Umstrittene Verwandtschaft. Koloniale und nationalsozialistische Gewalt“. Rund 580 Objekte zeigen, dass Lager, Zwangsarbeit, Massenmord und sogar industrielle Vernichtung zur europäischen Geschichte gehörten, lange bevor es Hitler gab. Italien warf in Abessinien Giftgas aus Flugzeugen ab. In Bengalen ließ man 1943 Millionen Menschen verhungern, während das Land weiter Getreide für die britische Armee lieferte.

Kaum war die Ausstellung offen, begann der Streit, den sie selbst vorhergesagt hatte. Darf man vergleichen? Wer vergleicht, relativiert, sagen die einen. Wer nicht vergleicht, schont die anderen Täter, sagen die anderen. Seit dem Historikerstreit von 1986 geht es so. Die einen sprechen von einem „Schuldkult“, der den Deutschen eingebläut worden sei. Andere sehen in den Nazis nur die europäischen Kolonialherren, die ihre Methoden nach Hause brachten; so sah es Aimé Césaire 1950. Wieder andere bestehen auf der Einzigartigkeit des deutschen Verbrechens.

Alle diese Positionen streiten um dieselbe Frage: wie viel Schuld wer trägt. Es ist ein Streit unter den Nachfahren der Täter über die Rangfolge ihrer Vorfahren. Die Opfer kommen darin vor, aber als Beweismittel. Ihre Zahl wird gegen eine andere Zahl gehalten.

III. Was die Opfer gemeinsam haben

Liest man dieselbe Geschichte von den Opfern her, verschiebt sich das Bild.

Die Herero und Nama, die 1904 in die Omaheke-Wüste getrieben wurden und dort verdursteten, haben keine Namen in unseren Archiven, nur eine Zahl, über die Historiker bis heute streiten. Die Menschen im Kongo König Leopolds, denen man die Hände abhackte, wenn das Dorf zu wenig Kautschuk ablieferte, kennen wir aus Fotografien, deren Abgebildete niemand benannt hat. Die Toten von Bengalen sind eine Spanne zwischen zwei und drei Millionen. Bei den ermordeten Juden Europas hat Yad Vashem über Jahrzehnte Millionen Namen zusammengetragen. Das ist die Ausnahme, und sie kam nicht von den Tätern, sondern von den Überlebenden und ihren Nachkommen.

Was die Opfer gemeinsam haben, ist nicht das Motiv der Täter. Es ist, dass sie für die, die es taten, keine Menschen mit Namen waren, sondern eine Kategorie: Eingeborene, Kulis, Untermenschen, Volksschädlinge. Und dass die meisten, die mitwirkten, sie nie gesehen haben.

IV. Der Unterschied, und was gleich bleibt

Das heißt nicht, dass alles dasselbe war. Alan Posener hat in seiner Besprechung der Ausstellung den Unterschied genau benannt. Die Kolonialherren hielten die Unterworfenen für minderwertig, und das war die Rechtfertigung, sie auszubeuten. Den Juden dagegen schrieb man übermenschliche Bosheit und Macht zu, eine Verschwörung, die die Welt beherrschen wolle. Deshalb war das Ziel nicht Ausbeutung, sondern Vernichtung, auch gegen den eigenen Nutzen. Mitten im Krieg banden die Deportationen Züge und Personal, und Facharbeiter wurden ermordet, die man in den Rüstungsbetrieben gebraucht hätte. Die koloniale Gewalt hatte einen Zweck außerhalb ihrer selbst. Die Vernichtung der Juden war ihr eigener Zweck.

Gleich bleibt etwas anderes. Der Soziologe Zygmunt Bauman hat 1989 in „Moderne und Holocaust“ beschrieben, wie der Mord organisiert war: als Arbeitsteilung. Der Beamte, der eine Liste schrieb, der Eisenbahner, der einen Fahrplan erstellte, der Chemiker, der ein Mittel lieferte, sie alle taten nur ihren Teil. Keiner sah das Ganze, und kaum einer sah ein Opfer. Je länger die Kette, desto leichter fällt jedes einzelne Glied.

Diese Arbeitsteilung haben die Nazis nicht erfunden. Sie stammt aus der Kolonialverwaltung, aus der Fabrik, aus dem Heer. Und sie ist nicht mit ihnen verschwunden.

V. Es hat nicht aufgehört

Nach 1945 hieß es: nie wieder. Danach kamen Algerien, Kenia, Biafra, Kambodscha, Ruanda, Srebrenica, Darfur, und in diesen Jahren der Sudan, die Ukraine und Gaza. Keiner dieser Fälle ist Auschwitz, und keiner muss es sein, um ein Verbrechen zu sein.

Auch der Kongo hat nicht aufgehört. Vor hundertzwanzig Jahren holte man dort Kautschuk für die Reifen Europas. Heute gräbt man dort Kobalt für die Akkus unserer Telefone und Autos, oft mit Kinderarbeit, unter Bedingungen, die wir aus Berichten kennen und beim Kauf vergessen. Niemand von uns hat jemandem etwas angetan. Wir stehen nur am Ende einer langen Kette.

Und die Kette wird länger. Wer heute eine Drohne steuert, sitzt Tausende Kilometer entfernt. Wer ein Ziel bestimmt, bekommt es zunehmend von einer Maschine vorgeschlagen, die in Stunden Hunderte Ziele liefert, wie wir in „900 Angriffe“ beschrieben haben. Der Abstand zwischen dem, der entscheidet, und dem, der stirbt, war nie so groß. Bauman hätte darin keine neue Barbarei gesehen, sondern die alte Arbeitsteilung in vollendeter Form.

VI. Die Drecksarbeit

Im Juni 2025 sagte der Bundeskanzler im ZDF über Israels Angriffe auf Iran: „Das ist die Drecksarbeit, die Israel macht für uns alle.“

Über den Angriff selbst wollen wir hier nicht diskutieren. Aufschlussreich ist der Satz. Merz hat drei Rollen benannt: den, der die Drecksarbeit macht, den, der dankt, und „uns alle“, die davon profitieren. Eine vierte Rolle kommt nicht vor, diejenigen, die dabei die Opfer sind. Der, der dankt, und diejenigen, die profitieren, behalten saubere Hände. Das ist die Arbeitsteilung, von der Bauman spricht, in einem einzigen Satz, ausgesprochen vom Regierungschef des Landes, das behauptet, diese Arbeitsteilung des Verbrechens am gründlichsten erforscht zu haben.

VII. Was Geschichte ist

Geschichte ist kein Vogelschiss. Wer sie so nennt, verrechnet die Toten mit den Domen und Erfindungen, als stünden sie auf derselben Bilanz.

Sie ist aber auch keine einzige Katastrophe. Wer sie so sieht, kann nur noch zuschauen, und das ist bequemer, als es klingt.

Geschichte ist ein Lager von Bauteilen, die noch alle vorhanden sind: das Lager, die Kategorie, die Kette, der Abstand, der Dank an den, der die Drecksarbeit macht. Die Programme wechseln, Ausbeutung, Wahn, Sicherheit. Die Bauteile bleiben. Deshalb ist neue Barbarei zu erwarten, nicht weil die Menschen schlechter geworden wären, sondern weil die Ketten länger und die Abstände größer werden.

Wer das verhindern will, muss die Opfer in die Mitte stellen, nicht die Schuldverteilung. Das heißt, bei jeder Entscheidung zu fragen, wer am anderen Ende der Kette steht, und ihm einen Namen zu geben. Die Täter haben es nie getan. Das war die Bedingung dafür, dass sie es tun konnten.

Hans Ley & Claude Dedo (Anthropic) — Nürnberg, 24. Oktober 2026.

Quellen. Alexander Gauland, Rede beim Bundeskongress der Jungen Alternative, Seebach, 2. Juni 2018. · Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, These IX, 1940. · Deutsches Historisches Museum, „Umstrittene Verwandtschaft. Koloniale und nationalsozialistische Gewalt“, 16. Oktober 2026 bis 11. April 2027, Kurator Stephan Malinowski. · Alan Posener, „Die Nazis haben die Barbarei nicht erfunden“, Die Welt, 22. Oktober 2026. · Aimé Césaire, Discours sur le colonialisme, 1950. · Zygmunt Bauman, Moderne und Holocaust, 1989 (dt. 1992). · Adam Hochschild, Schatten über dem Kongo, 1998. · Amnesty International, „This is what we die for“, 2016 (zum Kobaltabbau im Kongo). · „SPD kritisiert Merz’ ‚Drecksarbeit‘-Aussage“, ZDFheute, 18. Juni 2025.