Was von der Show blieb
Siemens, Schaeffler und die Roboter, zehn Monate nach Las Vegas
Nachtrag zu: Zuschauer im eigenen Haus
Im Dezember 2025 standen die Chefs von Siemens und Schaeffler mit einem chinesischen Roboter auf der Bühne. Im Januar 2026 feierte Roland Busch in Las Vegas mit Jensen Huang die Revolution der Fabrik. Wir haben das damals in „Zuschauer im eigenen Haus“ beschrieben. Zehn Monate später lässt sich nachzählen, was daraus geworden ist.
I. Der 3. November
Am 3. November 2026 legte Schaeffler seine Quartalszahlen vor und kündigte am selben Tag ein neues Sparprogramm an. In Europa fallen 3.460 Stellen weg, davon 2.660 in Deutschland. Vier deutsche Werke sollen schließen: Dortmund mit 430 Beschäftigten, Schwalbach mit 385, Berlin mit 270 und Morbach mit 160. Weitere Stellen fallen unter anderem in Höchstadt, Erlangen und Schweinfurt weg. Rechnet man frühere Programme und Altersteilzeit dazu, verliert Schaeffler in Deutschland 18 Prozent seiner Belegschaft. Das Unternehmen nannte das ein „klares Bekenntnis zum Standort Deutschland“.
Am selben Tag erschien in den Wirtschaftsmedien die andere Geschichte: Schaeffler als deutscher Gewinner der humanoiden Robotik. Beide Geschichten stimmen. Man muss sie nur nebeneinanderlegen.
II. Was Schaeffler gebaut hat
Rosenfeld hat nach dem Auftritt mit dem Unitree nicht stillgehalten. Im Januar 2026 schloss Schaeffler eine Partnerschaft mit Humanoid, einem jungen Roboterhersteller aus London. Im März folgte die Partnerschaft mit Leju Robotics in China, die wir in „Der Schlussverkauf“ beschrieben haben. Im Mai wurde der Vertrag mit Humanoid verbindlich: Schaeffler soll mehr als die Hälfte der Gelenkantriebe für dessen Roboter auf Rädern liefern, bis 2031 eine siebenstellige Zahl. Im Juni beteiligte sich Schaeffler an der Finanzierungsrunde von Neura Robotics in Metzingen.
Das ist mehr, als wir im Januar erwartet hatten. Der Vorwurf, niemand rufe in Metzingen an, trifft auf Schaeffler so nicht mehr zu.
Aber die Größenordnung ist bescheiden. Der Auftragsbestand der Robotik liegt bei 400 Millionen Euro, verteilt über mehrere Jahre. Das sind 1,7 Prozent eines einzigen Jahresumsatzes. Die Elektrosparte allein hat in den ersten neun Monaten 2026 einen operativen Verlust von 571 Millionen Euro gemacht. Ein Dreivierteljahr Verlust in einer Sparte wiegt mehr als das ganze Robotikgeschäft auf Jahre.
Und Schaeffler ist dabei, was es immer war: Zulieferer. Es liefert Getriebe, Lager und Antriebe. Den Roboter bauen andere, in London, in Peking, in Metzingen. Die Intelligenz kommt von Nvidia.
III. Wer in die Hallen kommt
Zum Vertrag mit Humanoid gehört eine zweite Hälfte. Schaeffler kauft nicht nur Roboter-Know-how ein, sondern auch Roboter. Mehr als 1.000 Maschinen von Humanoid sollen bis 2032 in Schaefflers Werken arbeiten, gemietet als Dienstleistung samt Wartung und Software. Die ersten kommen noch vor Ende 2026 in die Produktion, in Herzogenaurach und in Schweinfurt. Sie sollen Kisten bewegen, Material transportieren und wiederkehrende Arbeiten übernehmen.
Schaefflers Produktionsvorstand hat in diesem Jahr gesagt, damit würden Automatisierungsfälle wirtschaftlich, die sich bislang nicht gerechnet hätten. Wir haben in „Wem gehört die menschenleere Halle?“ gefragt, wem der Ertrag solcher Hallen gehört. Ob in Schweinfurt ein Roboter einen bestimmten Arbeitsplatz ersetzt, wissen wir nicht. Fest steht nur, dass in Schweinfurt beides zugleich geschieht: Die Roboter kommen, und Stellen fallen weg.
IV. Wohin das Geld geht
Drei Zahlen aus den Halbjahreszahlen gehören dazu.
Das Finanzergebnis lag bei minus 215 Millionen Euro, fast die Hälfte des operativen Gewinns. Von jedem Euro, den die Werke erwirtschaften, gehen also fast fünfzig Cent für Zinsen und andere Finanzierungskosten wieder ab.
Der freie Cashflow lag bei minus 300 Millionen Euro.
Trotzdem wurden im selben Halbjahr 296 Millionen Euro Dividenden ausgezahlt, einschließlich der Anteile von Minderheitsaktionären an Tochtergesellschaften. Mehrheitsaktionärin ist die Familie Schaeffler. Die Ausschüttung war aus dem laufenden Geschäft nicht verdient. Bezahlt wird der Umbau mit 2.660 Stellen.
V. Was aus Las Vegas wurde
Bei Siemens fällt die Bilanz freundlicher aus, jedenfalls für die Aktionäre. Die Partnerschaft mit Nvidia wurde auf der CES zu einem „Betriebssystem für die industrielle KI“ erweitert. Im ersten Geschäftsquartal stiegen die Aufträge um zehn Prozent, der Aktienkurs lag im April rund ein Drittel über dem Vorjahr. Im Elektronikwerk in Erlangen zeigt Siemens, was Software und Simulation leisten sollen. Siemens nennt Einsparungen von 20 Prozent und mehr. Unabhängig geprüft sind diese Zahlen nicht.
Und wer arbeitet in diesem Vorzeigewerk als Roboter? Ein HMND 01 von Humanoid aus London, gesteuert mit Nvidias Technik. Der Chip ist amerikanisch, der Roboter britisch, die Halle deutsch. Siemens verdient als Ausrüster und Vermittler, und das nicht schlecht. Aber die beiden Teile, um die es in der nächsten Welle geht, den Chip und den Roboter, baut Siemens nicht.
Im Oktober kam Jensen Huang nach Berlin. Er sagte, die nächste Welle der KI sei physisch, und darin liege Deutschlands Stärke. Bundeskanzler Merz unterzeichnete mit Nvidia eine Absichtserklärung über physische KI, ohne Budget und ohne Zeitplan. Merz kündigte an, Huang mindestens einmal im Jahr treffen zu wollen. Nvidia will in vier deutsche Startups investieren, Beträge wurden nicht genannt.
VI. Und Metzingen?
Neura Robotics, die „letzte Chance“ aus unserem Januartext, hat im Juni eine Finanzierung von bis zu 1,4 Milliarden Dollar angekündigt. Das ist viel Geld, und es ist eine gute Nachricht. Man sollte aber genau hinsehen, wer zahlt. Angeführt wird die Runde von Tether, dem Herausgeber einer Kryptowährung, die an den Dollar gebunden ist. Dazu kommen Amazon, Nvidia und Qualcomm, auf deutscher Seite Bosch und Schaeffler, dazu die Europäische Investitionsbank. Tether will seine digitale Geldbörse in Neuras Roboter einbauen, denn, so Tether, wirklich selbständige Roboter bräuchten Finanzwerkzeuge. Nach Angaben von Bloomberg wird das Geld nur ausgezahlt, wenn bestimmte Ziele erreicht werden. Welche, ist nicht bekannt.
Die „letzte Chance“ lebt also. Angeführt wird sie von einem Kryptokonzern.
Und sie hat eine neue Rolle bekommen. In denselben Tagen, in denen Schaeffler die Schließung von vier Werken ankündigte, reichten Bundeskanzler Merz und Digitalminister Wildberger auf dem Digitalgipfel in Berlin einem Roboter von Neura die Hand. Die F.A.Z. stellte die Zahlen daneben: 2025 flossen in den USA rund 286 Milliarden Dollar in die KI, China plant rund 295 Milliarden an Staatsmitteln, in Deutschland waren es rund 3,9 Milliarden. Der Roboter war wieder Kulisse, wie der Unitree im Dezember. Nur stammt er diesmal aus Metzingen.
VII. Was daraus folgt
Im Januar haben wir zwei deutsche Industriekapitäne als Zuschauer beschrieben. Zehn Monate später sind sie keine Zuschauer mehr. Sie sind Zulieferer geworden. Siemens liefert die Fabrik, in der amerikanische Chips britische Roboter steuern. Schaeffler liefert die Gelenke für Roboter, die andere bauen, und mietet diese Roboter für die eigenen Hallen, während es vier Werke schließt. Das ist mehr als Zuschauen. Es ist die Rolle, die die deutsche Industrie seit Jahrzehnten am besten beherrscht: die zweite Reihe, präzise, verlässlich und austauschbar, sobald ein anderer es billiger kann.
Ob ein anderer es billiger kann, entscheidet sich bei Schaeffler nicht in der Robotik, sondern in der Fertigung. Chinesische Hersteller entwickeln bereits günstigere Antriebe. Die Beschäftigten in Dortmund, Schwalbach, Berlin und Morbach müssen darauf nicht mehr warten.
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