Wem gehört der Untergrund
Argentinien, die abgebrochene Leiter und eine Frage, die seit 1880 offen ist. Drei Weichenstellungen über hundertvierzig Jahre — 1880 der Boden, 1946 die Industrialisierung, 2024 der Untergrund. Jede wirkte länger als der, der sie stellte.
Es gibt Filmaufnahmen von argentinischen Bahnhöfen im Landesinneren. Bahnsteige, auf denen Gras wächst. Empfangsgebäude im Stil der britischen Eisenbahngesellschaften, die sie gebaut haben, mit eingeschlagenen Fenstern. Gleise, die nach zweihundert Metern im Gestrüpp enden.
Argentinien besaß um 1930 eines der dichtesten Schienennetze der Welt, gemessen an der Fläche dichter als das französische. Ein großer Teil davon ist heute außer Betrieb. Zahlreiche Provinzhauptstädte haben keine Personenanbindung mehr. Das ist kein Fall von unterlassenem Aufbau. Es ist Rückbau — ein Land, das eine Infrastruktur hatte und sie wieder verloren hat.
Man kann daraus den naheliegenden Schluss ziehen: Hier ist etwas gründlich schiefgegangen. Der Schluss stimmt. Aber er wird interessanter, wenn man fragt, wann es schiefging. Denn die Antwort liegt nicht bei den Bahnhöfen, sondern bei einer Entscheidung, die fünfzig Jahre vor ihrem Verfall getroffen wurde und mit Eisenbahnen nichts zu tun hatte.
I. Die erste Weichenstellung
Argentinien hatte um 1900 die gleiche Ausgangslage wie die Vereinigten Staaten und Kanada: gemäßigtes Klima, außerordentlich fruchtbarer Boden, dünne Besiedlung, Masseneinwanderung. Nach der Logik der Faktorausstattung hätte die Pampa aussehen müssen wie der amerikanische Mittelwesten. Pro Kopf war das Land damals so wohlhabend wie Frankreich.
Sie sah nicht so aus, und der Grund war eine politische Entscheidung.
Die Vereinigten Staaten verteilten ihr Staatsland ab 1862 über den Homestead Act in Parzellen an Siedler. Argentinien verteilte die Pampa nach dem Feldzug gegen die indigene Bevölkerung — der Conquista del Desierto — in gewaltigen Blöcken an wenige Familien, teils als Bezahlung an jene, die den Feldzug finanziert hatten. Estancias von zehntausenden, mitunter hunderttausenden Hektar.
Damit war das Muster gesetzt. Zwischen 1880 und 1930 kamen Millionen Einwanderer, im Verhältnis zur Bevölkerung mehr als in die Vereinigten Staaten. Sie konnten fast nie Eigentümer werden. Sie wurden Pächter, Landarbeiter — oder sie gingen nach Buenos Aires. Daher die extreme Konzentration der Bevölkerung in der Hauptstadt, die bis heute besteht.
Warum industrialisierte sich dieses Land nicht? Die übliche Erklärung lautet: zu kleiner Binnenmarkt. Sie überzeugt nicht recht, denn arm war Argentinien nicht.
Der härtere Mechanismus ist politisch. Die Vereinigten Staaten industrialisierten hinter hohen Schutzzöllen, das Deutsche Reich ab 1879 ebenso. Dafür braucht es eine Koalition, die Schutz will. In Argentinien hatte die Elite das genau entgegengesetzte Interesse: Sie exportierte Rindfleisch und Getreide und importierte alles übrige. Freihandel war für sie rational. Es gab schlicht niemanden, der eine Industriepolitik durchgesetzt hätte.
Und das Kapital floss dorthin, wo es sichere Rente und Ansehen fand — in Land, nicht in Fabriken. Die Eisenbahnen, britisch finanziert, wurden sternförmig auf den Hafen von Buenos Aires zugebaut, um Exporte abzutransportieren, nicht um einen nationalen Markt zu verbinden.
Genau darin liegt der Schlüssel zu den verfallenen Bahnhöfen. Dieses Netz war nie für das Land gebaut. Es war für den Export gebaut. Als das Exportmodell nach 1930 wegbrach, verlor die Hälfte der Strecken ihre wirtschaftliche Begründung. Die Infrastruktur eines Landes verrät, wofür es gebaut wurde — und sie verfällt, wenn dieser Zweck entfällt.
II. Perón: erst Folge, dann Ursache
Industrialisiert wurde dann unfreiwillig. Der Erste Weltkrieg unterbrach die Importe. Die Weltwirtschaftskrise traf das offenste Land der Welt am härtesten; Devisenkontrollen und der Zusammenbruch des Handels wirkten wie ein Schutzzoll, den niemand beschlossen hatte. Der Zweite Weltkrieg wiederholte den Vorgang.
In diesen zwei Jahrzehnten entstand in Buenos Aires eine städtische Industriearbeiterschaft, gespeist aus Binnenwanderung aus dem Landesinneren. Eine große Klasse, für die das oligarchische System keinen Platz vorgesehen hatte, weder wirtschaftlich noch politisch.
Perón erfand diese Klasse nicht. Er integrierte sie. Arbeitsrecht, Reallohnsteigerungen, bezahlter Urlaub, Renten, Gesundheitsversorgung. Er füllte eine Lücke, die das alte System sechzig Jahre offengelassen hatte. Wer ihn nur als Demagogen liest, erklärt nicht, warum die Bindung bis heute hält.
Der Preis liegt in einem einzigen Instrument. Das IAPI, die staatliche Außenhandelsbehörde, kaufte den Bauern die Ernte zu festgesetzten niedrigen Preisen ab und verkaufte sie zum Weltmarktpreis. Die Differenz finanzierte Industrie und Sozialausgaben.
Das war der Hebel — und der Konstruktionsfehler. Perón besteuerte den einen Sektor, in dem Argentinien echten Wettbewerbsvorteil besaß, um Sektoren aufzubauen, in denen es keinen hatte. Die Landwirtschaft investierte nicht mehr, die Exporterlöse brachen ein, und damit fehlten genau die Devisen, um Maschinen für die Industrie zu importieren.
Damit war ein Kreislauf etabliert, den Argentinien seit siebzig Jahren nicht verlassen hat: Expansion, steigende Reallöhne, steigende Importe, Handelsdefizit, Abwertung, Inflation, fallende Reallöhne, Rezession, von vorn.
Und eine politische Struktur, die bis heute steht: eine dauerhafte Koalition aus städtischer Arbeiterschaft, geschützter Industrie und Staatsapparat gegen den Agrarexportsektor. Beide Seiten benutzen den Staat gegen die andere, sobald sie an der Macht sind. Keine kann die andere beseitigen.
Die Exportsteuern, über die heute gestritten wird, sind die direkten Nachkommen des IAPI. Derselbe Griff auf denselben Sektor.
III. Die erste Sprosse und die zweite
Nun ließe sich einwenden: Dann muss Argentinien die Industrialisierung eben nachholen.
Das ist der Punkt, an dem wir unsere eigene Position korrigieren mussten. Denn dieser Weg ist zu.
Die Entwicklungsökonomie kennt den Befund unter dem Namen vorzeitige Deindustrialisierung. Länder erreichen ihren höchsten Industrieanteil heute bei deutlich geringerem Pro-Kopf-Einkommen als ihre Vorgänger. Großbritannien hatte auf dem Höhepunkt fast die Hälfte der Beschäftigten in der Industrie, Deutschland und Japan rund ein Drittel. Viele Schwellenländer erreichen ihren Gipfel bei fünfzehn Prozent — und dann geht es abwärts, lange bevor Wohlstand entstanden ist.
Die Gründe: Industrieproduktion ist kapitalintensiver geworden und nimmt pro Produktionseinheit weniger Menschen auf. Wer heute einsteigt, tritt sofort in den vollen Weltwettbewerb — anders als Korea oder Japan, die hinter Schutzzöllen aufbauen und gleichzeitig offene westliche Märkte beliefern konnten. Und die chinesische Größenordnung deckt das globale Nachfragewachstum ab, ohne Nachfrage zurückzugeben.
Man kann Gegenbeispiele anführen: Marokko, das Afrikas größter Fahrzeugexporteur wurde, die Slowakei, die pro Kopf am meisten Autos der Welt baut, beides im vollen Schatten Chinas. Wir haben sie geprüft und halten sie nicht mehr für tragfähig. Es sind verlängerte Werkbänke europäischer Konzerne. Ihre Existenz hängt an der Gesundheit von Renault, Stellantis und Volkswagen — und genau die geraten jetzt unter chinesischen Druck. Wenn der Auftraggeber schrumpft, schrumpft die Werkbank zuerst. Das ist keine eigenständige Industrialisierung, sondern eine ausgelagerte Kostenstelle.
Ein Fall aber hält dieser Diagnose stand, und er ist der wichtigste. Als 2005 das Multifaserabkommen auslief, war die Prognose einhellig: China werde den Textilmarkt an sich ziehen, Bangladesch zusammenbrechen. Es gab internationale Programme zur Abfederung der erwarteten Massenentlassungen. Eingetreten ist das Gegenteil. Bangladesch wuchs im quotenfreien Wettbewerb zum zweitgrößten Bekleidungsexporteur der Welt.
Der Einstieg ist also offen geblieben. Daran halten wir fest.
Interessanter ist, was zwanzig Jahre später geschieht.
Im August 2026 stehen der bangladeschischen Industrie rund 2.420 Millionen Kubikfuß Gas am Tag zur Verfügung bei einer Nachfrage von 3.800 — eine Lücke von sechsunddreißig Prozent. Die Handelskammer Dhaka beziffert den täglichen Produktionsausfall auf bis zu 2.387 Crore Taka. In Gazipur hat rund ein Sechstel der Fabriken vorübergehend geschlossen. Das Wachstum der Industrieproduktion fiel auf 2,86 Prozent. Und 1.857 Investitionsanträge über etwa 35.000 Crore Taka liegen fest, weil keine neuen Industrie-Gasanschlüsse mehr vergeben werden.
Zur selben Zeit sagt auf einer Branchenkonferenz in Dhaka die Vertreterin des Herstellerverbands, der Sektor könne mit billiger Arbeit allein nicht wettbewerbsfähig bleiben und müsse in Produktivität und Qualifikation investieren. Ausdrücklich genannt wird der bevorstehende Austritt aus der Gruppe der am wenigsten entwickelten Länder — und damit der Verlust der Zollpräferenzen, insbesondere des zollfreien Zugangs zum europäischen Markt.
Damit ist die Lage genau beschrieben. Bangladesch scheitert nicht an China. Es steht vor dem Sprung auf die zweite Sprosse und stellt fest, dass dieser Sprung genau die drei Grundlagen kostet, auf denen der Aufstieg beruhte: die niedrigen Löhne, die Zollpräferenzen, die geringen Sicherheits- und Umweltkosten.
Das ist die unangenehme Pointe. Die Missstände, die seit dem Einsturz von Rana Plaza 2013 dokumentiert werden — ein gesetzlicher Mindestlohn in der Größenordnung von hundert Euro im Monat, erzwungene Überstunden, schwache Gewerkschaftsrechte, die Färbereiabwässer in den Flüssen um Dhaka —, sind keine Betriebsunfälle dieses Modells. Sie sind seine Bedingung. Wer sie beseitigt, beseitigt den Wettbewerbsvorteil. Wer sie belässt, bleibt, wo er ist.
Die erste Sprosse ist begehbar. Die zweite kostet die erste.
Und Argentinien steht schlechter: Es kommt nicht einmal auf die erste. Es war nie billig. Es war reich.
IV. Was ortsgebunden ist
Damit verschiebt sich die Frage. Sie lautet nicht mehr, wie Argentinien sich industrialisiert, sondern was es mit dem anfängt, was es hat.
Und es hat mehr, als die Verfallsbilder nahelegen. Die Energieexporte lagen 2023 bei rund 656 Millionen Dollar im Monatsdurchschnitt. Im ersten Halbjahr 2026 waren es 1.270 Millionen; der Mai allein brachte 1,78 Milliarden. Eine Verdopplung in drei Jahren. Das ist Vaca Muerta, eines der größten Schiefervorkommen der Welt. Dazu Lithium im Dreiländereck mit Chile und Bolivien und Kupfer in der Kordillere, das kaum erschlossen ist.
Und es gibt Kompetenz, die niemand vermutet. Argentinien ist bei Direktsaat weltweit führend; um dieses Verfahren herum wuchs eine exportierende Industrie für Sämaschinen und Präzisionslandwirtschaft. INVAP in Bariloche baut Forschungsreaktoren und hat sie nach Australien, Ägypten und Algerien geliefert. Techint ist ein argentinischer Konzern von Weltrang im Röhrenbau für die Ölindustrie.
Das Muster ist bemerkenswert einheitlich: Es hängt an etwas, das nicht verlagerbar ist. An einer Lagerstätte, an einem Boden, an akkumulierter Erfahrung. China kann Werkzeugmaschinen billiger bauen. Vaca Muerta kann es nicht bauen.
Genau hier greift der Verdrängungsmechanismus nicht.
V. Norwegen ist kein Rohstoffbeispiel
An dieser Stelle wird gern Norwegen angeführt: ein Land, das aus Öl Wohlstand machte. Das stimmt, aber es stimmt aus einem anderen Grund als dem angenommenen.
Als 1969 Öl gefunden wurde, beschloss das Parlament 1971 die zehn Ölgebote. Deren Kern: staatliche Kontrolle, ein staatliches Ölunternehmen, Verpflichtung ausländischer Konzerne zur Einbeziehung norwegischer Zulieferer und norwegischen Personals, und die Erlöse kommen der Gesellschaft insgesamt zugute. Die Sonderbesteuerung liegt insgesamt bei etwa achtundsiebzig Prozent. Der Staatsfonds ist der größte der Welt; entnommen werden darf nur die erwartete Realrendite.
Aus diesen Auflagen wuchsen Unterwassertechnik, Bohrtechnik, Schiffbau, Ingenieurbüros — ein Kompetenzcluster, das heute weltweit verkauft, auch dort, wo kein norwegisches Öl liegt. Aus einer Lagerstätte wurde übertragbare Fähigkeit.
Norwegen ist also kein Beleg dafür, dass Rohstoffe reich machen. Venezuela hatte dasselbe Öl. Norwegen ist der Beleg dafür, dass Rohstoffe nur dann kein Fluch sind, wenn vorher geklärt wird, wem sie gehören und was mit dem Ertrag geschieht. Das norwegische Modell ist im Kern eine Eigentumsentscheidung.
VI. Die dritte Weichenstellung
Argentinien trifft diese Entscheidung gerade — und zwar anders herum.
Das RIGI, die Sonderregelung für Großinvestitionen, greift ab zweihundert Millionen Dollar, im Öl- und Gassektor ab höheren Schwellen. Es gewährt dreißig Jahre Steuer-, Zoll- und Devisenstabilität, einen festen Gewinnsteuersatz von fünfundzwanzig Prozent, freien Devisenzugang mit dem Recht auf Gewinnausfuhr, und es eröffnet den Weg zu internationaler Schiedsgerichtsbarkeit.
Es enthält, anders als vielfach behauptet und anders als wir selbst zunächst angenommen hatten, durchaus eine Auflage zugunsten heimischer Wertschöpfung. Wer beitreten will, muss einen Plan zur Entwicklung lokaler Zulieferer vorlegen und sich verpflichten, mindestens zwanzig Prozent der Investitionssumme an solche Zulieferer zu zahlen. Die Pflicht ist sanktionsbewehrt: Wer sie verletzt, kann die Vergünstigungen verlieren und erhaltene Steuervorteile verzinst zurückzahlen müssen.
Argentinien hat also nicht bedingungslos kapituliert. Und damit verschiebt sich der Vergleich mit Norwegen — er wird nicht schwächer, sondern genauer.
Denn worin unterscheiden sich die beiden Regime tatsächlich? Nicht in der Zulieferfrage, sondern in drei anderen Punkten.
Erstens beim Zugriff auf die Rente. Norwegen besteuert die Ölförderung in der Summe mit rund achtundsiebzig Prozent. Argentinien erhebt eine Förderabgabe von zwölf Prozent, die die Provinzen unter bestimmten Bedingungen auf fünf Prozent senken können, dazu fünfundzwanzig Prozent auf den Gewinn. Die Ley Bases hat an diesem Satz nichts geändert.
Zweitens bei der Beteiligung. Norwegen gründete ein staatliches Ölunternehmen und ließ den Staat an den Lizenzen mitverdienen. Das RIGI sieht nichts dergleichen vor.
Drittens, und darauf kommt es an, beim Bezugspunkt der Auflage. Die zwanzig Prozent bemessen sich an der Investitionssumme, also am Bau. Norwegens Auflagen zielten auf den laufenden Betrieb und ausdrücklich auf Technologietransfer. Der Unterschied ist der zwischen einer Bauphase, die Aufträge für Tiefbau, Logistik und Verpflegung erzeugt, und einer Dauerbeziehung, aus der Bohrtechnik und Unterwassertechnik entstehen. Hinzu kommt, dass als lokaler Zulieferer bereits gilt, wer im Land steuerlich ansässig oder mehrheitlich in inländischem Besitz ist — eine Schwelle, die eine Landesgesellschaft leicht erfüllt.
Zugespitzt: Argentinien hat einen Anteil an den Ausgaben gesichert und den Ertrag weitgehend abgegeben. Norwegen hat beides genommen.
Die Bodenschätze gehören seit der Verfassungsreform von 1994 den Provinzen. Was von der Rente im Land bleibt, landet damit auch nicht dort, wo es strukturbildend wirken könnte.
Und hier liegt die Pointe, die den ganzen Streit über Staat und Markt unterläuft. Der Ressourcenfluch entsteht nicht dadurch, dass ein Staat zu viel abschöpft. Er entsteht dadurch, dass eine Rente ohne produktive Leistung zufließt und um ihre Verteilung gekämpft wird.
Ein libertäres Regime beseitigt diesen Mechanismus nicht. Es verlagert ihn. Die Rente fließt dann nicht an eine politische Klasse, sondern an Konzessionsinhaber. Wer sie einstreicht, ändert sich; dass es eine Rente ist, ändert sich nicht.
In einem Punkt wird es sogar schwieriger. Die holländische Krankheit — die überbewertete Währung, die alles andere Exportierbare erdrückt — tritt unabhängig davon ein, wem die Förderung gehört. Norwegen hat sie neutralisiert, indem es die Erlöse gar nicht erst ins Land ließ. Dieses Instrument setzt einen handlungsfähigen Staat voraus.
Und in Argentinien ist die Krankheit bereits ausgebrochen, bevor die Rohstoffe richtig fließen. Der Peso ist seit Dezember 2023 nominal von 801 auf rund 1.500 je Dollar gefallen — eine Halbierung, die jeden Beobachter an eine schwache Währung denken lässt. Real hat er im selben Zeitraum um etwa vierzig Prozent aufgewertet. Denn die argentinischen Preise stiegen auf mehr als das Dreifache, der Dollar aber nur auf das 1,7-fache.
Daher rührt es, dass Argentinien in Dollar gerechnet zu einem teuren Land geworden ist — ein Befund, der gern der Regulierung zugeschrieben wird und tatsächlich in dieser Differenz steht.
Bemerkenswert ist der Ursprung. Diese Aufwertung stammt nicht aus dem Energieboom. Sie ist ein Nebenprodukt der Stabilisierungspolitik selbst: Wer den Wechselkurs als Anker gegen die Inflation einsetzt, wertet real auf. Wenn Vaca Muerta erst in vollem Umfang liefert, trifft der Rohstoffeffekt also auf eine Währung, die bereits überbewertet ist.
VII. Was gegen uns spricht
Zwei Einwände nehmen wir an.
Der erste: Argentinien hat keine Reserven und keinen Zugang zu den Kapitalmärkten. Norwegen konnte 1971 Bedingungen stellen, weil niemand daran zweifelte, dass das Land zahlungsfähig bleiben würde. Argentinien hat diesen Kredit verspielt. Nach dem Notstandsgesetz von 2002, mit dem die Dollarbindung aufgehoben und die Versorgungstarife eingefroren wurden, folgte eine Prozesslawine; insgesamt sind rund sechzig Schiedsverfahren gegen das Land eingeleitet worden, und es gehört damit zu den meistverklagten Staaten überhaupt.
Wer diese Vorgeschichte hat, muss Berechenbarkeit vertraglich kaufen. Das RIGI ist in seinem stabilisierenden Teil deshalb nicht leichtfertig, sondern der Versuch, fehlende Glaubwürdigkeit durch Selbstfesselung zu ersetzen.
Man kann allerdings zurückfragen, ob diese Fesselung hält. Auch die Konzessionen der neunziger Jahre enthielten Stabilitätszusagen; 2002 wurden sie durch Gesetz überschrieben. Eine vertragliche Bindung hindert keinen künftigen Gesetzgeber, sie verwandelt politisches Risiko in eine spätere Schadensersatzpflicht. Verkauft wird nicht Sicherheit, sondern ein Anspruch auf Entschädigung.
Vor allem aber betrifft das Zugeständnis nur einen Teil. Stabilität musste Argentinien womöglich einräumen. Auf den Zugriff auf die Rente — Norwegens achtundsiebzig Prozent gegen zwölf plus fünfundzwanzig, und eine staatliche Beteiligung, die es hier gar nicht gibt — musste es deshalb nicht verzichten. Norwegen hat 1971 beides zugleich getan, ohne eigene Erfahrung im Ölgeschäft und ohne dass die Konzerne ausgeblieben wären. Die Verhandlungsmacht eines Gastlandes hängt eben nicht nur an seiner Vorgeschichte, sondern an der Güte dessen, was im Boden liegt. Vaca Muerta gilt als eines der besten Schiefervorkommen der Welt.
Das eine war Notwendigkeit. Das andere war eine Wahl.
Der zweite Einwand wiegt schwerer und richtet sich gegen unseren eigenen Ausweg. Der norwegische Weg trägt weniger Menschen. Er funktioniert für fünf Millionen auf einem Ölfeld. Argentinien hat sechsundvierzig Millionen. Bergbau und Energie beschäftigen wenige direkt, ein Technologiecluster beschäftigt Ingenieure, keine Massenbelegschaften.
Damit bleibt die eigentliche Sorge unbeantwortet: Es gibt derzeit kein bekanntes Modell mehr, das ganze Bevölkerungen in Wohlstand hebt. Der Weg, der viele auf einmal trug, schließt sich. Was offen bleibt, trägt wenige. Das ist keine Formulierung, die uns gefällt, aber wir haben keine bessere gefunden.
VIII. Dieselbe Art von Entscheidung
Argentinien hat 1880 entschieden, wem der Boden gehört, und trägt daran bis heute. Es hat 1946 entschieden, wer die Industrialisierung bezahlt, und hat den Kreislauf, der daraus folgte, nie verlassen. Es entscheidet jetzt, wem der Untergrund gehört.
Es ist jedes Mal dieselbe Art von Weichenstellung, und jedes Mal wirkt sie länger als der, der sie stellte.
Was daraus für uns folgt, liegt näher, als es scheint. Wir haben an anderer Stelle gezeigt, dass der deutsche Werkzeugmaschinenbau nicht überflutet, sondern aus seinen Märkten verdrängt wird — und dass die Hälfte des Verlusts gar nicht aus China stammt. Auch dort besteht die Zukunft nicht darin, billiger zu werden, sondern in dem, was nicht kopierbar ist: dreißig Jahre akkumulierte Verfahrenskenntnis.
Argentinien hat diese Kenntnis nie aufbauen können, weil es alle vier Jahre die Regeln wechselte. Deutschland hat sie aufgebaut und schaut nicht mehr hin.
Zwei Wege, dieselbe Substanz zu verlieren. Der argentinische ist der spektakulärere. Der deutsche ist der vermeidbarere.