Der Heilige und der Ketzer
Robert Bellarmin, Giordano Bruno und ein Porträt, in dem ein Name fehlt
Der Mann, der die acht Sätze formulierte, für die Giordano Bruno brannte, ist heute Heiliger und Kirchenlehrer. In seinem Porträt kommt Bruno nicht vor.
I. Ein Porträt mit einer Lücke
Die deutschen Jesuiten stellen auf ihrer Website die Heiligen ihres Ordens vor. Einer von ihnen ist Robert Bellarmin, „der Vorkämpfer“. Man erfährt, dass er 1542 in Montepulciano geboren wurde, als Kontroverstheologe am Collegium Romanum lehrte und als bedeutendster Polemiker der römischen Kirche galt. Sein Katechismus wurde in 62 Sprachen übersetzt. 1599 wurde er Kardinal, 1621 starb er. Im Verfahren gegen Galilei spielte er eine „mildernde Rolle“. 1930 wurde er heiliggesprochen, 1931 zum Kirchenlehrer erhoben.
Ein Name fehlt: Giordano Bruno.
II. Was im Prozess geschah
Bruno wurde 1592 in Venedig von seinem Gastgeber an die Inquisition verraten und 1593 nach Rom überstellt. Dort saß er sieben Jahre in Haft. Bellarmin erscheint in den Akten spätestens am 24. März 1597, als Bruno vor der Kongregation der Kardinäle verhört wird.
Am 18. Januar 1599 wurden Bruno acht Sätze vorgelegt, die man aus seinen Schriften und Aussagen gezogen hatte und die er als ketzerisch abschwören sollte. Bellarmin hatte sie formuliert. Damit bekam ein Verfahren, das sich jahrelang im Kreis gedreht hatte, eine klare Form: Widerruf dieser acht Sätze oder Tod. Bruno verlangte zu wissen, ob der Papst selbst hinter dieser Liste stehe. Im März 1599 wurde Bellarmin Kardinal und damit einer der Richter. Im August meinte er in Brunos schriftlicher Antwort eine Bereitschaft zum Widerruf zu erkennen. Im Herbst bekräftigte Bruno seine Lehren und verweigerte den Widerruf endgültig.
Am 20. Januar 1600 bestätigte Papst Clemens VIII. die Verurteilung. Das Urteil vom 8. Februar nennt zehn Kardinäle als Generalinquisitoren. Einer davon ist „Roberto Bellarmino, Kardinal von Santa Maria in Via“. Am 17. Februar 1600 wurde Bruno auf dem Campo de’ Fiori lebendig verbrannt.
Unter den Richtern war auch Kardinal Camillo Borghese. Fünf Jahre später wurde er als Paul V. Papst. In seinem Auftrag teilte Bellarmin 1616 Galilei mit, dass er die Bewegung der Erde nicht mehr lehren dürfe. Es ist derselbe kleine Kreis von Männern.
III. Was man fairerweise sagen muss
Bellarmin war nicht allein. Das Urteil fällten zehn Kardinäle, und der Papst bestätigte es. Er hat offenbar einen Widerruf angestrebt, und ein Widerruf hätte Bruno das Leben gerettet. 1615 schrieb er an den Theologen Foscarini, falls jemand die Bewegung der Erde wirklich beweisen könne, müsse man die Schrift anders auslegen. Das war für einen Kardinal seiner Zeit ein bemerkenswert offener Satz. Er lebte bescheiden und galt auch Gegnern als redlich.
Und er war ein Mann seiner Zeit. Ketzer zu verbrennen, galt um 1600 in fast ganz Europa als Recht, bei Katholiken wie bei Protestanten. Calvins Genf hatte 1553 Michael Servet verbrannt.
IV. Was eine Heiligsprechung bedeutet
Nur hilft das Argument der anderen Zeit hier nicht weiter. Bellarmin wurde nicht 1600 heiliggesprochen, sondern 1930. Er wurde nicht von den Inquisitoren seiner Zeit zum Kirchenlehrer erhoben, sondern 1931 von Pius XI. Eine Heiligsprechung ist kein historisches Urteil, sondern ein gegenwärtiges. Sie sagt: Dieses Leben ist ein Vorbild, und zwar das ganze.
Im Jahr 2000, zum vierhundertsten Jahrestag der Hinrichtung, nannte Kardinalstaatssekretär Sodano Brunos Tod eine traurige Episode, fügte aber hinzu, die Inquisitoren hätten der Freiheit dienen wollen. Kardinal Poupard erklärte im selben Jahr, eine Rehabilitierung Brunos komme nicht in Frage. Wir haben das in „Der Fall Giordano Bruno und die Glaubwürdigkeit der Katholischen Kirche“ beschrieben. Die Lage ist seitdem dieselbe: Der Richter ist ein Heiliger, der Verurteilte bleibt verurteilt.
V. Eine Bitte
Man muss niemandem die Heiligkeit absprechen, um ein vollständiges Porträt zu verlangen. Städte, die eine Straße nach einem belasteten Namen behalten, hängen heute oft eine Tafel daneben, die erklärt, wer das war. Universitäten, die ein Gebäude nach einem Stifter mit dunkler Geschichte benennen, schreiben diese Geschichte inzwischen dazu. Das schadet dem Namen nicht. Es macht ihn glaubwürdig.
In unserer Narrenrede an die Jesuiten haben wir den Orden an seinen eigenen Maßstab erinnert: bekennen, verzichten, einsetzen. Hier wäre das Bekennen sehr einfach. Es braucht nur einen Absatz im Porträt eines Heiligen: dass Robert Bellarmin die acht Sätze formuliert hat, für die Giordano Bruno verbrannt wurde, und dass er unter den Richtern war.
Ein Heiliger mit einer Lücke im Lebenslauf ist kein Vorbild. Er ist eine Werbung.