Megamaschine-Reihe · Eröffnungstext für unbehaust.de (Vorabdruck)

Sind Kommunismus und Sozialismus integrale Bestandteile der Megamaschine?

Eine Antwort an die jungen Leute am Bücherstand — und eine Falsifikation des Satzes „Die Theorie ist richtig, nur die Praxis war bisher immer falsch"

Hans Ley & Claude Dedo · Nürnberg, 2. Mai 2026

Am 1. Mai stehen in vielen deutschen Städten noch immer die Bücherstände der orthodoxen Linken. Marx, Engels, Lenin, manchmal Mao, manchmal Stalin, gelegentlich Trotzki. Junge Leute blättern. Manche kaufen. Wer mit ihnen ins Gespräch kommt und die naheliegende Frage stellt — wie sie die Bilanz des realen Sozialismus mit ihrer Theorie zusammenbringen —, hört einen Satz, der erstaunlich oft wörtlich identisch fällt: Die Theorie ist richtig. Die Praxis war bisher immer falsch. Dieser Text ist eine Antwort auf diesen Satz. Er behandelt ihn mit dem Ernst, den er verdient — als Theorie nämlich, die ihrerseits geprüft werden muss.

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I. Der Satz am Bücherstand

Der Satz hat eine eigene Würde. Wer ihn ausspricht, hat in der Regel nicht aufgegeben, sondern zugehört, gelesen, sich Mühe gemacht. Er weiß, dass das zwanzigste Jahrhundert in den Ländern, die sich „sozialistisch" oder „kommunistisch" nannten, ein Trümmerfeld hinterlassen hat. Geheimpolizei, Lager, Hungersnöte, Mauern mit Schießbefehl, Mangelwirtschaft, geschlossene Grenzen. Er bestreitet das nicht. Er sagt nur: das war nicht der Sozialismus, das war nicht der Kommunismus. Das waren Verirrungen, Stalin-Verzerrungen, bürokratische Entartungen, Verrat an Lenin oder Verrat an Marx oder Verrat an beiden. Die Theorie selbst, sagt er, sei davon nicht berührt.

Der Satz hat eine politische Funktion: Er hält die Hoffnung am Leben. Er erlaubt es, weiter zu lesen, weiter zu kämpfen, weiter Genosse zu sein, ohne sich zu fragen, ob das Programm, dem man die Loyalität schenkt, vielleicht selbst der Konstruktionsfehler war. Er erlaubt es, Marx zu würdigen, ohne Lenins Kronstadt-Massaker zu verteidigen, und Lenin zu würdigen, ohne Stalins Ukraine-Hungersnot zu verantworten. Er ist eine Tür, durch die jeder Schritt der realen Geschichte als Verrat des nächst-nächsten Schritts gelesen werden kann.

Aber der Satz hat eine erkenntnistheoretische Schwäche, die ihn — wenn man ihn ernst nimmt — als Theorie unbrauchbar macht. Genau diese Schwäche soll dieser Text vorführen. Nicht polemisch, nicht moralisch, sondern logisch und empirisch. Wer den Satz danach noch sagt, soll wissen, was er sagt. Und wer ihn aufgibt, soll wissen, dass damit keineswegs alles aufgegeben ist, was an Marx und der älteren linken Tradition wertvoll ist. Im Gegenteil — gerade durch das Aufgeben dieses einen Satzes wird die Frage nach echten Alternativen wieder offen.

II. Karl Popper und die Falsifikation

Karl Popper, der österreichisch-britische Philosoph, hat 1934 in der Logik der Forschung einen Maßstab vorgeschlagen, den die Wissenschaftstheorie bis heute benutzt: Eine Theorie ist genau dann wissenschaftlich, wenn man angeben kann, durch welche Beobachtung sie widerlegt würde. Wenn keine denkbare Erfahrung sie widerlegen kann, ist sie keine Theorie über die Welt — sie ist eine Aussage, die mit der Welt nichts mehr zu tun hat.

Poppers Beispiele waren der Marxismus seiner Wiener Zeit, die Psychoanalyse Freuds und die Individualpsychologie Adlers. Alle drei, beobachtete er, hatten denselben Mechanismus: Was auch immer geschah, es bestätigte die Theorie. Trat eine sozialistische Revolution ein, war es das Werk der Klassengesetze. Blieb sie aus, war es das Werk der falschen Bewusstseinslage, die noch zu überwinden sei. Verhielt sich der Patient aggressiv, war es ein Triebkonflikt; verhielt er sich friedlich, war es eine Reaktionsbildung. Alles passte. Genau weil alles passte, sagte die Theorie nichts mehr.

Der Satz „Die Theorie ist richtig, die Praxis war bisher immer falsch" hat exakt diese Form. Er ist gegen jede mögliche Erfahrung immunisiert. Wenn der nächste sozialistische Versuch ebenfalls in Lagern, Mauern und Mangelwirtschaft endet, war auch dieser keine richtige Praxis. Die Theorie bleibt unangefochten, weil sie an keinem konkreten Versuch je gemessen werden darf. Sie schwebt über der Geschichte wie das vollkommene Dreieck der Geometrie über jedem mit Stift gezogenen Dreieck — immer rein, immer makellos, immer durch keine Empirie erreichbar.

Das ist die Struktur, die Popper als Markenzeichen einer pseudowissenschaftlichen Aussage identifiziert hat. Sie ist nicht falsch. Sie ist nicht einmal richtig. Sie ist außerhalb der Sphäre, in der falsch und richtig sich entscheiden lassen. Sie hat dieselbe formale Struktur wie der Satz: Gott existiert, nur waren die Kirchen bisher noch nicht heilig genug. Oder: Der freie Markt funktioniert, nur war er bisher nirgendwo wirklich frei. Oder: Die Demokratie ist die beste Staatsform, nur waren die Demokratien bisher nie demokratisch genug. Wer einen dieser Sätze für absurd hält, sollte die anderen mit gleicher Strenge betrachten.

Damit ist die Auseinandersetzung aber noch nicht zu Ende. Eine Aussage als unfalsifizierbar zu kennzeichnen, ist erst die halbe Arbeit. Die andere Hälfte ist, einen Mechanismus zu zeigen, der unabhängig von Theorie und Praxis greift — der die immer wiederkehrende Konvergenz der sozialistischen Versuche in Megamaschinen-Strukturen erklärt, ohne jedes Mal auf „falsche Praxis" zurückgreifen zu müssen. Diesen Mechanismus gibt es. Er hat einen Namen. Er heißt Robert Michels.

III. Was Marx richtig gesehen hat

Bevor wir dorthin kommen, ein notwendiger Halt. Ein Text, der Marx und seine Erben kritisch betrachtet, schuldet ihm vorab das, was ihm zusteht. Er steht ihm zu, weil er es geleistet hat — und nicht, weil es die Höflichkeit verlangt.

Karl Marx war einer der schärfsten Diagnostiker des Kapitalismus, die das neunzehnte Jahrhundert hervorgebracht hat. Vier seiner Beobachtungen sind heute so gültig wie damals.

Erstens, die Akkumulation. Kapital konzentriert sich. Es hat eine immanente Tendenz zur Konzentration, weil größere Einheiten Effizienzvorteile haben, kleinere Mitbewerber aufkaufen oder unterbieten können, und Profit reinvestiert sich von selbst. Das war 1867 zu sehen, das ist 2026 zu sehen. Die heutige Plattformökonomie ist Marx in Reinkultur: ein paar Konzerne kontrollieren den globalen Datenverkehr, den Cloud-Speicher, die Werbevermarktung, die KI-Infrastruktur. Die Konzentration ist keine politische Verirrung. Sie ist ein strukturelles Gesetz der Akkumulation.

Zweitens, die Warenform. Marx hat gezeigt, dass im entwickelten Kapitalismus alles zur Ware werden kann, was sich tauschen lässt — auch Dinge, die ihrer Natur nach keine Waren sind: Arbeitskraft, Land, Geld, später dann Wissen, Daten, Aufmerksamkeit, Beziehungen, Gefühle. Karl Polanyi hat diese Linie 1944 als die Große Transformation präzisiert. Sie wirkt bis heute. Wer sich heute fragt, warum jeder Aspekt des Lebens — Pflege, Bildung, Wohnen, Mobilität, Sozialkontakte — zunehmend marktförmig organisiert wird, findet bei Marx und Polanyi eine Erklärung, die kein bürgerlicher Ökonom geben kann.

Drittens, die Trennung. Marx hat verstanden, dass die kapitalistische Ordnung darauf beruht, dass die Mehrheit der Menschen von den Produktionsmitteln getrennt ist. Sie haben kein Land, keine Werkstatt, keine Maschinen — sie haben nur ihre Arbeitskraft, die sie verkaufen müssen. Diese Trennung war nicht naturwüchsig, sie wurde hergestellt: durch Enclosures in England, durch die Bauernlegungen in Mecklenburg, durch die Vertreibung indigener Bevölkerungen in den Kolonien. Wer das vergisst, vergisst, dass der „freie Arbeitsvertrag" eine Konstruktion auf einer Gewaltgeschichte ist.

Viertens, die ideologische Verschleierung. Marx hat gezeigt, wie Klassenverhältnisse sich als naturgegebene Ordnungen darstellen — als „Marktgesetze", als „Sachzwänge", als „Wettbewerbsfähigkeit". Hinter jedem dieser Begriffe steht eine Interessenlage, die nicht ausgesprochen wird. Die Kunst der Ideologiekritik besteht darin, die Sprache aufzubrechen, mit der Macht sich tarnt. Diese Kunst ist heute so notwendig wie 1867. Wer die heutigen Texte über „Standortwettbewerb" oder „Innovationsfähigkeit" liest, sieht denselben Mechanismus.

Wer Marx als Diagnostiker ernst nimmt, hat einen Werkzeugkasten in der Hand, mit dem sich die Gegenwart analysieren lässt. Das ist viel. Es ist genug, um Marx auf dem Schreibtisch liegen zu haben. Was es nicht ist: eine Anleitung zum Handeln. Marx hat das Kapital analysiert, aber er hat die Megamaschine nicht gesehen. Und genau in dieser Lücke wurzelt das Desaster, das seine Erben angerichtet haben.

IV. Was Marx und Lenin nicht gesehen haben — die Megamaschine ist älter

Der amerikanische Stadt- und Technikhistoriker Lewis Mumford hat 1967 in The Myth of the Machine einen Begriff eingeführt, der die Lücke füllt, die Marx gelassen hat: die Megamaschine. Mumford meinte damit die hierarchische Organisation menschlicher Massen zur Produktion von Macht. Sein Ursprungsbild war der Bau der ägyptischen Pyramiden im dritten Jahrtausend vor Christus: Tausende von Arbeitern, koordiniert wie Zahnräder einer einzigen großen Maschine, gesteuert durch eine Bürokratie aus Schreibern, Aufsehern, Ingenieuren, sakral legitimiert durch eine Theokratie, gesichert durch eine bewaffnete Schicht.

Die Pyramiden wurden nicht von Aktiengesellschaften gebaut. Es gab kein Privateigentum an Produktionsmitteln in dem Sinn, in dem Marx es analysiert hat. Es gab keine Lohnarbeit, keine Ware, keine Akkumulation. Trotzdem gab es die Megamaschine — eine Struktur aus Hierarchie, Spezialisierung, Bürokratie, Gewalt und ideologischer Legitimation, die Tausende von Menschen unter eine einzige Spitze zwang. Mesopotamien zur Zeit der ersten Stadtstaaten zeigt dieselbe Struktur. China zur Zeit der ersten Reichseinigung. Das vorkolumbische Mexiko und Peru. Die Megamaschine ist ein Konstruktionsprinzip, das Menschen in unterschiedlichen Kulturen, mit unterschiedlichen Eigentumsverhältnissen und unterschiedlichen Religionen mehrfach unabhängig erfunden haben. Sie ist nicht aus dem Kapitalismus hervorgegangen. Der Kapitalismus ist eine ihrer historischen Erscheinungsformen.

Das ist die Korrektur, die Marx fehlt. Marx hat geglaubt, dass mit der Aufhebung des Privateigentums an den Produktionsmitteln die Herrschaft selbst aufgehoben werde. Die staatliche Vergesellschaftung der Produktion sollte den Klassenstaat überflüssig machen, und der Staat sollte „absterben". Das war eine erstaunlich naive Annahme über Macht — naiv für jemanden, der die Dialektik so scharf beherrschte. Sie ging davon aus, dass Hierarchie eine Funktion des Privateigentums ist, nicht aber ein eigenständiges soziales Phänomen. Lenin hat den Beweis geliefert, dass diese Annahme falsch war. Innerhalb von Monaten nach der Oktoberrevolution war eine neue Hierarchie entstanden — die Partei. Innerhalb von Jahren war eine neue Klasse entstanden — die Nomenklatura. Innerhalb eines Jahrzehnts war ein neuer Apparat von Geheimpolizei, Lagern und Schauprozessen aufgebaut. Es gab kein Privateigentum mehr in der bisherigen Form. Aber die Megamaschine war da, und sie war oft härter als die kapitalistische Variante, weil ihr nicht einmal ein liberaler Markt als Außen gegenüberstand, in dem man hätte kündigen oder ausweichen können.

Mumford hat die Megamaschine als die wahre menschheitsgeschichtliche Tragödie beschrieben — als ein Gefängnis, das Menschen sich selbst gebaut haben und immer wieder neu bauen. Er sah sie nicht als unausweichlich. Er sah sie als wiederkehrende Versuchung, der nur durch bewusste Konstruktion anderer Lebensformen entgegenzutreten ist. Wer Marx liest, ohne Mumford zu lesen, hat eine halbe Theorie. Wer in der Hoffnung lebt, dass die Aufhebung des Kapitals die Megamaschine aufhebt, hat aus dem zwanzigsten Jahrhundert nichts gelernt.

V. Robert Michels — wer er war

Robert Michels, geboren 1876 in Köln, gestorben 1936 in Rom, war einer der eigentümlichsten Soziologen seiner Zeit. Sohn aus wohlhabendem rheinischem Bürgertum, mit französisch-belgischen Vorfahren, mehrfach vom akademischen Karriereweg in Deutschland abgewiesen — wegen seiner sozialdemokratischen Mitgliedschaft, die im Wilhelminischen Universitätssystem als Ausschlusskriterium galt. Er wich nach Italien aus, wurde Schüler von Max Weber, dann Freund und Korrespondent von Werner Sombart. Sein Hauptwerk Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie erschien 1911.

Michels hatte eine Eigenschaft, die ihn von akademischen Außenstehenden unterschied: Er war selbst Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, der damals demokratischsten und intern egalitärsten Partei der Welt. Er hat seine Studie nicht von außen geschrieben, sondern von innen. Er hat untersucht, was er selbst miterlebte — die unaufhaltsame Verwandlung einer Bewegung, die sich Demokratie auf die Fahnen schrieb, in einen Apparat, der sich gegen seine eigene Basis verselbständigte.

Sein Befund war hart. Selbst die SPD, die in ihrer Selbstwahrnehmung die transparenteste, basisnächste, demokratischste Partei sein wollte, brachte unweigerlich eine Funktionärsschicht hervor, die sich von den Mitgliedern abhob, ihre Position verteidigte, ihre Macht reproduzierte. Aus dieser Beobachtung formulierte Michels das, was später als ehernes Gesetz der Oligarchie bekannt wurde: Wer Organisation sagt, sagt Tendenz zur Oligarchie.

Was aus Michels danach wurde, gehört zur Wahrheit dieses Textes dazu. Er enttäuschte sich an der SPD, dann an den italienischen Sozialisten, dann an der parlamentarischen Demokratie überhaupt. Er suchte einen „starken Mann", der die Lähmung der Funktionärsapparate durchbrechen würde — und er fand ihn, in seiner letzten Lebensphase, in Mussolini. Michels wurde Faschist. Er bekam eine Professur in Perugia, die ihm in Deutschland verwehrt geblieben war, und schrieb in den 1920er Jahren über den Faschismus mit einer Sympathie, die heute schwer erträglich ist.

Diese biografische Wendung ist kein Zufall. Sie ist die Versuchung, der ein desillusionierter Sozialist erliegen kann, wenn er sein Gesetz selbst nicht aushält. Wer einmal verstanden hat, dass jede Organisation oligarchisch wird, kann zwei Konsequenzen ziehen: Entweder er sucht nach Architekturen, die diese Tendenz begrenzen — kleine Einheiten, Rotation, harte Begrenzung der Funktionärsmacht. Oder er kapituliert vor dem Gesetz und sucht Zuflucht bei dem, der die Hierarchie wenigstens offen ausspricht. Michels hat den zweiten Weg gewählt. Das war Opportunismus, das war Verzweiflung, das war beides zugleich. Es entwertet sein Gesetz nicht. Es zeigt nur, wie wenig man darauf vertrauen kann, dass Erkenntnis automatisch zur richtigen Konsequenz führt.

Wer Michels heute liest, sollte wissen, woher er kam und wohin er ging. Beides. Sein Gesetz war kein Antimarxismus von außen — es war die Ernüchterung eines Sozialisten von innen, der nicht mehr glauben konnte, dass die Bewegung, der er sich verschrieben hatte, frei sein würde von den Mechanismen, die sie an anderen geißelte.

VI. Das eherne Gesetz der Oligarchie

Michels' Gesetz lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Jede Organisation ab einer bestimmten Größe entwickelt zwingend eine Funktionärsschicht, die sich gegen die Basis verselbständigt und ihre Macht reproduziert. Das ist eine soziologische Aussage, kein moralischer Vorwurf. Sie sagt nicht, dass die Funktionäre böse sind. Sie sagt, dass die Struktur sie zu Funktionären macht, mit allen psychologischen, sozialen und materiellen Konsequenzen, die ein solcher Status mit sich bringt.

Michels nannte fünf Mechanismen, die zusammenwirken.

Erstens, die Spezialisierung des Wissens. Sobald eine Organisation komplex wird, müssen einzelne sich auf Teilbereiche spezialisieren — Finanzen, Strategie, Kommunikation, Verhandlung mit Außenstehenden. Diese Spezialisierung ist sachlich notwendig, aber sie schafft eine Asymmetrie. Die Spezialisten wissen Dinge, die die Basis nicht weiß. Sie können Argumente vorbringen, die die Basis nicht prüfen kann. Aus sachlicher Notwendigkeit wird strukturelle Überlegenheit.

Zweitens, die Kontrolle der Information. Funktionäre sitzen an den Knotenpunkten, durch die Informationen fließen. Sie entscheiden, was an die Basis weitergegeben wird und was nicht. Sie formulieren die Beschlussvorlagen. Sie kontrollieren, welche Dokumente erstellt, welche archiviert, welche unterdrückt werden. Diese Kontrolle ist nicht zwingend bösartig — oft ist sie schlicht eine Folge der Aufgabenteilung. Aber sie schafft eine Macht, die schwer zu durchbrechen ist.

Drittens, die Kontrolle des Apparats. Funktionäre haben mit dem Apparat — den Büros, den Datenbanken, den Mitgliedslisten, den Kassen — täglich zu tun. Sie kennen seine Funktionsweise. Sie haben die Schlüssel. Wer einmal in diese Position geraten ist, hat einen praktischen Vorsprung gegenüber allen Konkurrenten, die diesen Vorsprung erst nachholen müssten. Allein dieser praktische Vorsprung schützt sie gegen Abwahl.

Viertens, die psychologische Bindung. Die Basis identifiziert sich mit „ihren" Führern. Diese Identifikation ist nicht naiv — sie hat eine reale Funktion. Eine Bewegung braucht Personen, an denen sie sich orientiert, die sie in Wahlkämpfen verteidigt, mit denen sie sich identifizieren kann. Aber diese Identifikation macht es psychologisch schwer, dieselben Personen zu kritisieren oder abzuwählen. Wer den Funktionär kritisiert, fühlt sich, als kritisiere er die Bewegung selbst. Diese Bindung ist eine der mächtigsten Reproduktionsmechanismen der Oligarchie.

Fünftens, die materielle Selbstreproduktion. Funktionärspositionen werden mit der Zeit bezahlt — anfangs nur als Aufwandsentschädigung, dann als Vollzeitstellen, dann mit Pensionen, mit Dienstwagen, mit Stäben. Der Funktionär lebt von seiner Position. Sein Lebensunterhalt, sein sozialer Status, sein Wohnort, oft seine Ehe und seine Kinderpläne hängen daran. Aus dieser materiellen Verschränkung erwächst ein elementares Interesse, die Position zu halten. Das ist nicht moralisch verwerflich — es ist die Lage jedes Erwachsenen, der seine Familie ernähren muss. Aber es macht den Funktionär zu einem Verteidiger seiner eigenen Position, gegen alle Versuche, sie ihm streitig zu machen.

Diese fünf Mechanismen wirken zusammen. Sie greifen unabhängig von der Ideologie der Organisation. Sie wirken in Parteien, in Gewerkschaften, in Kirchen, in Konzernen, in Universitäten, in Verbänden, in Vereinen ab einer bestimmten Größe. Sie sind nicht überwindbar. Sie sind höchstens begrenzbar — durch Architekturen, die ihnen entgegenarbeiten. Aber davon später.

VII. Die Nomenklatura überall — keine Ausnahme

Wer Michels' Gesetz einmal verstanden hat, sieht die Nomenklatura überall. Nicht nur in der Sowjetunion. Nicht nur in Maos China. Nicht nur in Honeckers DDR. Die Nomenklatura ist das Organisationsprinzip jeder Partei, jeder Gewerkschaft, jeder größeren NGO, jeder Behörde, jedes Konzerns, jeder Universität. Sie heißt nur in unterschiedlichen Kontexten unterschiedlich.

In den realsozialistischen Staaten hieß sie Nomenklatura im engeren Sinne. Die Listen der Posten, die nur mit Zustimmung der Partei besetzt wurden, mit den dazugehörigen Privilegien — bessere Wohnungen, bessere Geschäfte, Sonderpolikliniken, Ferienheime, Auslandsreisen, Westdevisen. In der Sowjetunion etwa drei Millionen Personen mit ihren Familien. In der DDR etwa eine halbe Million. In Maos China deutlich mehr, in Castros Kuba im Verhältnis ähnlich. Eine Klasse mit eigenen Schulen für ihre Kinder, eigenen Krankenhäusern, eigenen Versorgungseinrichtungen, eigenen Lebenswelten — abgeschottet gegen das Volk, in dessen Namen sie regierte.

Heute besteht dieselbe Struktur in den Ländern, die sich noch sozialistisch nennen. In Xis China ist die Funktionärsschicht der KPCh die mit Abstand reichste politische Klasse der Welt — die Vermögen vieler hoher Funktionäre und ihrer Familien werden auf Milliardenbeträge geschätzt, recherchiert von Reuters und der New York Times in mehreren Berichten der letzten Jahre. In Maduros Venezuela ist die Bolibourgeoisie ein offen sichtbares Phänomen — die Töchter und Söhne der Funktionäre fahren Geländewagen, während die einfachen Caraqueños um Mehl anstehen. In Castros Kuba trinkt die Funktionärsschicht in Sondergeschäften, die mit Devisen bezahlt werden, während die Bevölkerung mit Libreta und Mangelversorgung lebt. In Kims Nordkorea ist die Hauptstadt-Bevölkerung eine eigene Privilegienklasse gegenüber dem Rest des Landes. Es gibt nicht ein einziges Beispiel für ein realsozialistisches Land, in dem die Nomenklatura nicht entstanden wäre.

Das ist die eine Hälfte. Die andere — und sie ist die wichtigere für jüngere Leser, die heute denken, das beträfe nur die anderen — ist die Nomenklatura in den Parteien, Bewegungen und Organisationen der Gegenwart, in denen wir leben.

In der SPD gibt es eine Funktionärsschicht aus Bundes- und Landtagsabgeordneten, Parteivorständen, Bundesgeschäftsstellen-Personal, Stiftungs-Funktionären (Friedrich-Ebert-Stiftung), Gewerkschaftsfunktionären, Bürgermeistern, kommunalen Mandatsträgern. Diese Schicht reproduziert sich. Bewerbungen um Mandate werden in Parteistrukturen vorentschieden. Wer „aufrückt", hat in der Regel Ortsvereinsarbeit, Jusos-Erfahrung, ein Patensystem hinter sich. Wer ohne diese Strukturen einsteigt, hat es schwer.

In der Linken besteht eine ähnliche Struktur — kleiner, aber ebenso ausgebildet. Bundes- und Landtagsabgeordnete, Parteivorstände, Rosa-Luxemburg-Stiftung, Geschäftsführer kommunaler Fraktionen. Die internen Strömungen — Reformer, Forum Demokratischer Sozialismus, Kommunistische Plattform, Antikapitalistische Linke — sind selbst kleine Apparate mit eigenen Funktionärsschichten.

Im Bündnis Sahra Wagenknecht ist die Nomenklatura noch jung, aber sie ist deutlich ausgeprägt. Die Person Wagenknecht selbst ist gewissermaßen die ganze obere Funktionärsschicht. Wer abweicht, fliegt — siehe die Rauswurfsverfahren der ersten Monate.

In der DKP, der MLPD, in den verschiedenen K-Gruppen besteht trotz minimaler Mitgliederzahlen eine eigene Funktionärsschicht, die sich seit Jahrzehnten reproduziert. Vorsitzende, die seit zwanzig oder dreißig Jahren im Amt sind. Stiftungen, Verlage, Zeitungen, in denen dieselben Personen sich gegenseitig als Autoren und Lektoren beschäftigen. Die Größe der Organisation ist hier nicht der Punkt — der Punkt ist die Struktur.

In den Grünen besteht eine Funktionärsschicht aus Bundes- und Landtagsabgeordneten, Parteivorständen, Heinrich-Böll-Stiftung, Wirtschaftsverbänden, NGO-Strukturen. Sie reproduziert sich über Realo- und Linke-Strömungen, über Kreis- und Landesvorstände, über etablierte Patensysteme.

In der CDU, in der CSU, in der FDP — dasselbe Bild, mit anderen Etiketten. In der AfD existiert die Funktionärsschicht trotz aller Ablehnung eines etablierten Personals — und sie reproduziert sich genauso, mit Höcke-, Chrupalla-, Weidel-Lagern und ihren Anhängern.

In den Gewerkschaften — IG Metall, ver.di, IG BCE — besteht eine Funktionärsschicht mit Hauptamtlichen, Bezirksleitern, Bundesvorständen. Auch hier dieselbe Struktur. Jeder, der einmal in einer Tarifkommission saß, kennt das Gefühl, dass die Hauptamtlichen das eigentliche Verhandlungsfeld besetzen und die ehrenamtlichen Mitglieder eher Begleitfunktion haben.

In den Kirchen, in den Stiftungen, in den großen NGOs, in den Universitäten — überall die gleiche Struktur. Ratsvorsitzende, Generalsekretäre, Geschäftsführer, Rektoren, Dekane. Eine Schicht, die sich reproduziert, und eine Basis, die nominell wählt, aber kaum reale Auswahl hat.

Und schließlich, weil es Mondragón verdient, einmal genannt zu werden, ohne idealisiert zu werden: Selbst in den Genossenschaften des baskischen Mondragón-Verbundes, die mit harten internen Lohngrenzen, Rotation und Mitgliedereigentum gegen die Oligarchie arbeiten, ist die Funktionärsschicht nicht verschwunden. Sie ist begrenzt — aber sie existiert. Geschäftsführer, Vorstände, Banker. Mondragón ist nicht das Gegenbeispiel zu Michels. Es ist ein Beispiel dafür, wie weit man kommt, wenn man Architekturen baut, die Michels' Gesetz aktiv begrenzen. Aber außer Kraft gesetzt ist es auch dort nicht.

Die Pointe dieses Kapitels ist nicht, dass alle Parteien gleich schlecht wären. Sie sind nicht gleich. Manche reproduzieren ihre Funktionäre transparenter, manche begrenzen ihre Macht stärker, manche haben innerparteiliche Demokratie ernster genommen als andere. Die Pointe ist, dass die Funktionärsschicht strukturell unvermeidlich ist. Wer sich heute in eine sozialistische Partei einreiht — egal welcher Strömung — und glaubt, mit einer Revolution oder mit dem richtigen Programm sei die Oligarchiebildung dann aufgehoben, hat Michels nicht verstanden. Er wird, wenn er Erfolg hat, eine neue Funktionärsschicht hervorbringen, die sich genauso reproduziert wie die, die er ablösen wollte. Das ist keine Anklage. Das ist ein soziologisches Gesetz.

VIII. Die strukturelle Verwandtschaft von Kapitalismus und Realsozialismus

Wer Kapitalismus und Realsozialismus nebeneinander legt und nicht durch ihre Selbstbeschreibungen verwirrt wird, sieht die strukturelle Verwandtschaft. Beide brauchen Hierarchie. Beide produzieren Eliten. Beide brauchen Bürokratien zur Verwaltung der Produktion. Beide degenerieren in der Zeit — nach Walt Rostow durch Saturationsphasen, nach Ibn Khaldun durch den Verlust der Asabiyya, nach Laurence Peter durch die berühmte Inkompetenzeinstufung. Beide schaffen ihre eigenen Unterschichten — den Lumpenproletarier, den „antisozialen Asozialen" der DDR, den Wanderarbeiter ohne Hukou im heutigen China.

Die Nomenklatura war eine Klasse wie das Bürgertum. Sie hatte Privilegien, sie vererbte sie an ihre Kinder, sie reproduzierte sich über Jahrzehnte. In der Sowjetunion sind ganze Funktionärsdynastien dokumentiert. In China sind die Princelings — die Kinder der Revolutionsgeneration, die heute Konzerne, Banken und politische Posten kontrollieren — eine offen sichtbare Erbklasse. In der DDR waren die Kinder der SED-Funktionäre überproportional an EOS und Universitäten vertreten. Die Nomenklatura unterschied sich vom Bürgertum nicht in ihrem Reproduktionsmechanismus, sondern in der Sprache, mit der dieser Mechanismus legitimiert wurde.

Stalin und Rockefeller hatten mehr gemeinsam, als beide zugeben würden. Beide saßen an der Spitze einer Megamaschine, die ihren Eingriff in das Leben hunderttausender Menschen organisierte. Beide hatten persönlichen Reichtum (Stalin in Form von Datschen, Wachpersonal, Hofstaat — Rockefeller in Form von Vermögen). Beide hatten Loyalitätsapparate (NKWD bei Stalin — Pinkertons, Privatpolizei und politische Patronage bei Rockefeller). Beide ließen ihre Rivalen ausschalten — Stalin durch Erschießung, Rockefeller durch ökonomische Vernichtung. Die Form unterscheidet sich. Die Funktion ist verwandt: Erhaltung und Erweiterung von Macht in einer hierarchischen Struktur.

Diese Verwandtschaft zu sehen, ist nicht „Gleichsetzung" — der Vorwurf, der reflexhaft kommt, sobald man Kapitalismus und Realsozialismus nebeneinander legt. Niemand hier sagt, ein liberaler Rechtsstaat mit Wahlen und Pressefreiheit sei dasselbe wie eine Diktatur mit Geheimpolizei und Gulag. Sie sind nicht dasselbe — die Frage, ob man ungestraft seine Meinung sagen darf, macht im Alltag einen riesigen Unterschied. Was sie strukturell teilen, ist die Megamaschinen-Logik: die Konzentration von Macht in hierarchischen Apparaten, die Reproduktion einer Funktionärsschicht, die ihre Position verteidigt, die Trennung von Produzenten und Entscheidung, die Verschleierung der Klassenverhältnisse durch ideologische Sprache. Diese Logik ist das, was die beiden Systeme verbindet, jenseits ihrer Selbstbeschreibungen.

IX. Die empirische Bilanz — eine knappe Reihe

Eine Theorie ist, wie Popper sagte, durch die Empirie zu prüfen. Auch wenn die Immunisierungsstrategie „die Praxis war jeweils falsch" jeden einzelnen Fall wegerklärt, lohnt sich ein Blick auf die Reihe. Sie ist nicht kurz.

Sowjetunion 1917 bis 1991. Maos China 1949 bis 1976 (mit Großem Sprung 1958–1962, der nach heutigen Schätzungen 30 bis 45 Millionen Hungertote forderte; Kulturrevolution 1966 bis 1976 mit hunderttausenden Verfolgten und Toten). Pol Pots Kambodscha 1975 bis 1979 (etwa zwei Millionen Tote bei einer Bevölkerung von acht Millionen). Honeckers DDR. Castros Kuba seit 1959. Hoxhas Albanien 1944 bis 1985. Ceaușescus Rumänien 1965 bis 1989. Tito-Jugoslawien (mit Goli Otok als eigenem Lagerkomplex). Vietnam unter Lê Duẩn. Laos. Kims Nordkorea seit 1948. Mongolei. Mengistus Äthiopien 1974 bis 1991 (mit Roter Terror, etwa 500.000 Tote). Bulgarien, Tschechoslowakei, Polen, Ungarn — alle mit Geheimpolizei, Schauprozessen, geschlossenen Grenzen, Mangelwirtschaft. Mugabes Simbabwe (das eigentlich eine afrikanisch-nationalistische Variante war, aber sich offen sozialistisch verstand). Maduros Venezuela. Daniel Ortegas Nicaragua heute. In jeder Variante dasselbe Muster: Geheimpolizei, Lager oder zumindest politische Gefangene, Hunger oder Mangel, Erstarrung des Apparats, Auswanderungssperre für die eigene Bevölkerung. Die Variation ist die Schärfe, nicht die Struktur.

Die Frage, die der orthodoxe Marxist-Leninist nicht beantwortet, lautet: An wie vielen unabhängigen Versuchen muss eine Theorie scheitern, bevor man die Theorie befragt? Wenn ein Chemiker zwanzig Mal dasselbe Experiment durchführt und es zwanzig Mal misslingt, fragt er nach der Theorie. Wenn ein Mediziner zwanzig Patienten mit derselben Therapie behandelt und alle zwanzig sterben, ändert er die Therapie. Nur in der politischen Theologie soll der zwanzigste Versuch der erste sein, der „endlich richtig gemacht wird" — von Personen, die genau dieselben Texte lesen wie ihre neunzehn gescheiterten Vorgänger.

Das Argument ist nicht: Es kann nicht sein, dass eine Theorie zwanzig Mal falsch umgesetzt wird. Das Argument ist: Wenn zwanzig unabhängige Versuche unter unterschiedlichen Kulturen, mit unterschiedlichen Personen, in unterschiedlichen Epochen, mit unterschiedlichen Ressourcen alle dieselbe Megamaschinen-Struktur hervorbringen, dann liegt das nicht an den jeweiligen Personen, sondern an dem, was sie gemeinsam haben. Was sie gemeinsam haben, ist die theoretische Lücke, die Marx selbst nicht gesehen hat — die Frage nach Hierarchie und Macht, die unabhängig von der Eigentumsfrage greift.

X. Die theologische Struktur — Marxismus-Leninismus als Heilslehre

Wer den orthodoxen Marxismus-Leninismus über längere Zeit beobachtet, stellt fest, dass er Strukturmerkmale einer Religion hat, die mit Wissenschaft wenig zu tun haben. Das ist keine polemische Behauptung — es ist eine formale Beobachtung. Religionen und totalisierende Heilslehren teilen bestimmte Strukturen, und der Marxismus-Leninismus erfüllt sie alle.

Es gibt heilige Schriften — die Werke von Marx und Engels, ergänzt um Lenin, ergänzt um Stalin oder Mao oder Trotzki, je nach Konfession. Es gibt heilige Personen — die Gründer als kanonische Autoritäten, deren Worte zitiert werden, um aktuelle Streitfragen zu entscheiden. Es gibt Häresien — Reformismus, Trotzkismus, Eurokommunismus, Maoismus, Linksabweichung, Rechtsabweichung. Es gibt Schismen — die Spaltung in Bolschewiki und Mensch'wiki 1903, die Trennung Stalin-Trotzki, der sino-sowjetische Bruch 1960, die unzähligen Spaltungen der westeuropäischen K-Gruppen. Es gibt Märtyrer — Liebknecht und Luxemburg, Trotzki, später unzählige Verfolgte. Es gibt Inquisition — die Schauprozesse der 1930er Jahre, die Säuberungen, die Kulturrevolution.

Die Struktur des Häresievorwurfs ist im Marxismus-Leninismus exakt dieselbe wie in der mittelalterlichen Kirche. Wer von der Linie abweicht, wird nicht widerlegt, sondern entlarvt. Es geht nicht darum, ob er recht hat oder nicht — es geht darum, woher seine Position kommt, wessen Interessen sie dient, welcher Klasse er objektiv zuarbeitet. Das ist Bischof Augustinus gegen die Donatisten, das ist Calvin gegen Servet, das ist Lenin gegen die Mensch'wiki, das ist Stalin gegen die Trotzkisten, das ist Mao gegen die „Kapitalistenstraßler in der eigenen Partei". Dieselbe Struktur. Dasselbe Vokabular der Reinheit, der Kontamination, der Verteidigung gegen den inneren Feind.

Das ist die Linie aus den Christlicher-Leviathan- und Luther-Calvin-Papieren der Megamaschine-Reihe. Sie wird hier nicht im Detail wiederholt, weil dieser Text auch ohne sie stehen können soll. Aber wer die Parallele einmal sieht, kommt nicht mehr von ihr los. Der Marxismus-Leninismus hat die Form einer Religion, ohne die Demut zu haben, die er sonst zugibt. Er nennt seine eigenen Häresievorwürfe „Klassenanalyse" und seine eigenen Schauprozesse „Aufdeckung". Aber die Struktur ist die der Inquisition.

Diese Beobachtung ist nicht polemisch gemeint. Sie ist schmerzhaft auch für jemanden, der sich mit der Linken verbunden fühlt. Aber sie ist notwendig, wenn man verstehen will, warum die orthodoxe linke Tradition so vergeblich versucht, die Welt zu verändern. Sie operiert mit Werkzeugen, die nicht zu ihrem Anspruch passen. Sie behauptet, materialistisch zu sein, und arbeitet wie eine Heilslehre. Sie behauptet, dialektisch zu sein, und kennt nur Linientreue und Verrat. Sie behauptet, das Erbe der Aufklärung zu sein, und reagiert auf Kritik mit Verdammung statt Argument.

XI. Was bleibt von der linken Tradition

Wenn man den orthodoxen Marxismus-Leninismus aufgibt, bleibt vom linken Erbe sehr viel — nur eben nicht das, was die Bücherstände am 1. Mai verkaufen. Es bleiben mindestens sechs Linien, die nicht den Megamaschinen-Pfad gegangen sind und an denen sich heute anknüpfen lässt.

Die gewerkschaftliche Tradition. Gewerkschaften sind die einzige Form organisierter Konfrontationsmacht innerhalb der bestehenden Ordnung, die historisch und gegenwärtig real Bedingungen verbessert hat. Achtstundentag, bezahlter Urlaub, Arbeitsschutz, Mitbestimmung, Tariflöhne — all das wurde nicht von revolutionären Avantgarden erkämpft, sondern in zähen Verhandlungen, Streiks und Aussperrungen über mehr als hundert Jahre. Auch die Gewerkschaften unterliegen Michels' Gesetz, sie haben ihre eigene Funktionärsschicht, ihre eigenen Apparate. Aber innerhalb der Megamaschine sind sie das wirksamste Gegengewicht, das die letzten 150 Jahre hervorgebracht haben. Wer für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Mehrheit eintritt, sollte die Geringschätzung der Gewerkschaften, die in vielen K-Gruppen üblich war, nicht mitmachen.

Die reformistische Sozialdemokratie. Eduard Bernstein hat schon 1899 in Die Voraussetzungen des Sozialismus die orthodoxe Marxsche Zusammenbruchstheorie infrage gestellt. Er wurde dafür von der SPD-Linken als Verräter gebrandmarkt. Die historische Bilanz hat ihm recht gegeben: In den Ländern, in denen die Sozialdemokratie reformistisch arbeitete — Skandinavien, die Bundesrepublik nach 1945, Österreich, Niederlande — wurden für die Arbeiterschaft mehr reale Verbesserungen erreicht als in jedem realsozialistischen Staat. Willy Brandts Ostpolitik, Olof Palmes Sozialstaat, die Mitbestimmung im deutschen Bergbau, die schwedischen Investmentfonds der Meidner-Reform — das sind Errungenschaften, die der orthodoxe Marxismus als „bürgerliche Reformen" abtat. Aber sie haben die Lebensbedingungen von Millionen verbessert, ohne Lager und Geheimpolizei zu erfordern. Diese Tradition ist heute angeschlagen — die SPD selbst hat sich von ihr entfernt. Aber sie ist als Erbe da, und sie ist erneuerbar.

Die Genossenschaftstradition. Mondragón, gegründet 1956 in Arrasate-Mondragón im Baskenland, ist heute der größte Genossenschaftsverbund Europas — über 80.000 Mitglieder, etwa 95 Genossenschaften, eine eigene Bank (die Caja Laboral Popular), eine eigene Universität, ein eigenes Forschungssystem. Die Lohnstruktur ist auf höchstens etwa sechs zu eins begrenzt — das heißt, kein Vorstand verdient mehr als das Sechsfache des am schlechtesten bezahlten Arbeiters. In Krisen wird Beschäftigung gehalten, manchmal gegen Lohnverzicht, statt zu entlassen. Die Gewinne fließen teilweise in einen gemeinsamen Solidaritätsfonds, teilweise in individuelle Konten der Mitglieder. Mondragón hat Krisen, hat Probleme, ist nicht idealisierbar — die Schließung des Großgeräteherstellers Fagor 2013 war ein Einschnitt, die Reformen der internen Solidaritätsmechanismen 2025 wurden kontrovers diskutiert. Aber Mondragón existiert seit siebzig Jahren als funktionierende Alternative zur kapitalistischen Konzernform. In der deutschen marxistischen Studienliteratur kommt es kaum vor — vermutlich, weil es eine baskisch-katholische Wurzel hat (Pater José María Arizmendiarrieta) und nicht über Klassenkampf und Revolution gegangen ist, sondern über Bildung, Genossenschaft und Bank.

Aus einer ganz anderen Geschichte kommt CECOSESOLA — die Central de Cooperativas de Lara, gegründet 1967 in Barquisimeto im Westen Venezuelas, ursprünglich als Bestattungs-Genossenschaft für die Armenviertel der Stadt, heute ein Verbund von etwa fünfzig Basisorganisationen mit rund 1.500 hauptamtlich Tätigen und etwa 23.000 Mitgliedern. CECOSESOLA betreibt Lebensmittelmärkte, auf denen wöchentlich mehrere hundert Tonnen Obst und Gemüse zu Preisen umgesetzt werden, die deutlich unter den marktüblichen liegen, dazu ein Gesundheitszentrum, Spar- und Darlehenskassen, eine eigene Sargproduktion. Die Struktur ist hierarchiefrei in einem Maß, das Mondragón nicht erreicht: kein Vorstand, keine Geschäftsführung, einheitlicher Vorschuss („anticipo") für alle hauptamtlich Tätigen, regelmäßige Rotation der Aufgaben, kollektive Entscheidungen in wöchentlichen Versammlungen, an denen alle teilnehmen können. CECOSESOLA hat — und das ist die für diesen Text entscheidende Pointe — die hyperinflationäre Krise Venezuelas seit 2014 überlebt, in der ein sich „sozialistisch" nennendes Regime sein eigenes Volk in die Mangelwirtschaft getrieben hat. Während Maduros Bolibourgeoisie ihre Privilegien sichert und mehr als sechs Millionen Venezolaner emigriert sind, organisiert eine basisdemokratische Genossenschaftsstruktur in derselben Stadt die Versorgung von etwa hunderttausend Familien — ein gutes Viertel der Bevölkerung Barquisimetos. 2022 erhielt CECOSESOLA den Right Livelihood Award, den sogenannten alternativen Nobelpreis. Wer wissen will, wie weit die nicht-megamaschinige Linke kommen kann, sollte sich Barquisimeto anschauen — und sich dabei klarmachen, dass dieser Erfolg nicht durch, sondern trotz des sich sozialistisch nennenden Staates möglich war. Die Trennlinie zwischen orthodoxem Realsozialismus und kooperativer Alternative läuft hier durch eine einzige Stadt.

Die libertär-sozialistische Tradition. Pjotr Kropotkin gegen Marx im 19. Jahrhundert, Michail Bakunin in der Auseinandersetzung der Ersten Internationale, später Rudolf Rocker, Emma Goldman, in Spanien die anarchosyndikalistische CNT in den 1930er Jahren. Das ist die Tradition, die die Frage nach der Macht von Anfang an gestellt hat — die Frage, die Marx weggewischt hat. Bakunin hat 1873 in Staatlichkeit und Anarchie vorhergesagt, was im Marxschen Programm angelegt sei: die Diktatur einer „neuen Aristokratie wirklicher und vorgeblicher Wissenschaftler" über die Massen. Diese Vorhersage war so präzise, wie politische Vorhersagen selten sind. Die libertär-sozialistische Tradition hat keine Massenmörder hervorgebracht, weil sie die Konzentration von Macht ablehnt, die für Massenmord notwendig ist. Sie hat dafür auch keine Massenbewegungen hervorgebracht — aber sie ist bis heute eine Quelle, aus der gelernt werden kann.

Die Räterepublik-Tradition. Die Münchner Räterepublik 1919 (von der Reichswehr und Freikorps niedergeschlagen). Die ungarische Räterepublik 1919. Die Kronstadter Matrosen 1921, die gegen die Bolschewiki aufstanden mit der Forderung „Sowjetmacht ohne Bolschewiki" — und von Trotzkis Roter Armee niedergeschlagen wurden. Die Arbeiterräte in Polen 1956, in Ungarn 1956, in der Tschechoslowakei 1968. Die Räte in der portugiesischen Nelkenrevolution 1974. Räte sind die Form, in der direkte Demokratie kurzfristig real wird — kleine, rotierende, abberufbare Versammlungen, die Entscheidungen treffen ohne abgehobene Funktionärsschicht. Sie haben sich nie über längere Zeit gehalten. Sie wurden immer entweder von außen niedergeschlagen oder von innen durch Parteistrukturen kannibalisiert. Aber als Form sind sie da, und sie sind ein wichtiger Bezugspunkt für jeden, der Michels' Gesetz nicht hinnehmen will.

Die kommunitäre Tradition. Die Beginen vom 13. bis 16. Jahrhundert — eine Frauenbewegung, die ohne zentrale Führung, ohne Ordensgelübde, ohne männlichen Vormund Hunderte von Höfen in den Niederlanden, Belgien und Deutschland organisierte. Die englischen Diggers 1649 unter Gerrard Winstanley — kurzlebig, aber als Prinzip da. Die frühe israelische Kibbuz-Bewegung — heute weitgehend privatisiert, aber Jahrzehnte lang ein funktionierendes Modell kommunaler Wirtschaft. Und, in einer Tradition, die nichts mit europäischer Linker zu tun hat: Las Gaviotas in Kolumbien, gegründet 1971 vom Entwicklungs-Visionär Paolo Lugari in den ausgelaugten Llanos im Departement Vichada — einer Region, in der Drogenkartelle, FARC-Guerilla, paramilitärische Gruppen und Militär jahrzehntelang einen Krieg führten, der jede Form gemeinsamen Lebens unmöglich machen sollte. Etwa zweihundert Menschen leben heute dort. Kein Bürgermeister, keine Polizei, keine Kirche, keine Waffen. Sie haben Windräder erfunden, die in den schwachen Winden der Llanos arbeiten, Solarkollektoren für die meist bewölkte Region, eine Wasserpumpe, die als Kinderwippe getarnt ist. Vor allem haben sie auf einer als unbewohnbar geltenden Savanne mehrere Millionen karibische Kiefern gepflanzt — und unter deren Schatten ist der tropische Regenwald zurückgekommen, der vor Jahrhunderten dort einmal stand. Lugari selbst hat den Punkt formuliert, der für unseren Zusammenhang zentral ist: Utopia heißt wörtlich Nicht-Ort. Wir nennen Gaviotas eine Topia, weil sie real ist. Gabriel García Márquez nannte ihn deshalb den „Erfinder der Welt". Las Gaviotas ist die wahrscheinlich konkreteste Widerlegung der These, dass kommunitäres Leben nur in den geschützten Nischen wohlhabender Gesellschaften möglich sei. Es funktioniert mitten im Bürgerkrieg.

An diese Linien schließen die heutigen Wohnprojekte, Mietshäusersyndikate, Solidarischen Landwirtschaften, Repair-Cafés, Mehrgenerationenhäuser und Open-Source-Bewegungen an. Vieles davon ist klein, vieles davon ist prekär. Aber es ist eine lebendige Tradition. Und sie hat sich der Megamaschinen-Logik nicht unterworfen.

Wer diese sechs Linien zusammenliest, sieht: Die Aufgabe der orthodoxen marxistisch-leninistischen Tradition bedeutet keineswegs den Verlust der linken Position. Sie bedeutet die Befreiung von einer einzelnen, in sich verfallenen Variante zugunsten einer reicheren, älteren, vielfältigeren Tradition, die immer parallel zum orthodoxen Strang lief und die heute wieder zugänglich ist — vorausgesetzt, man verlässt das geschlossene System der Heilslehre.

XII. Schluss — eine Einladung

Michels' Gesetz führt nicht zur Resignation, wenn man es richtig versteht. Es sagt nicht, dass jeder Versuch, gerechtere Verhältnisse zu organisieren, sinnlos sei. Es sagt, dass jeder solche Versuch unter dem Druck einer strukturellen Tendenz steht, die nicht aufgehoben, sondern nur eingedämmt werden kann. Diese Eindämmung ist eine Architekturfrage. Es gibt keine politische Lösung gegen Michels — es gibt institutionelle Vorkehrungen, die seinen Effekt begrenzen.

Was wirkt? Kleine Einheiten. Was sich nicht über die Größe einer Gemeinschaft hinaus aufbläht, in der Mitglieder einander persönlich kennen, hat eine geringere Tendenz zur Verselbständigung der Funktionäre. Mondragón teilt sich in Hunderte von Einzelgenossenschaften. Beginen organisierten sich in Höfen mit zwischen zwanzig und zweihundert Frauen. Räte funktionieren in Versammlungen, in denen Personen einander noch sehen können.

Was wirkt: Rotation. Wer regelmäßig in die Funktion und aus ihr heraus muss, baut keine Erbschaft auf. Athen hatte das Losverfahren. Räte rotieren. Open-Source-Projekte mit „Benevolent Dictator for Life"-Strukturen sind die Ausnahme; die meisten erfolgreichen Gemeinschaftsprojekte rotieren ihre Maintainer.

Was wirkt: Lohnbegrenzung. Wenn die materielle Differenz zwischen Funktionär und Basis begrenzt ist, ist die ökonomische Bindung an die Position begrenzt. Mondragóns Sechsfache. Die Beschränkung der Vorstandsgehälter in deutschen Genossenschaftsbanken. Der Verzicht der frühen Kibbuzim auf Privatlohn überhaupt.

Was wirkt: Transparenz und harte Rechenschaft. Wer öffentlich nachweisen muss, was er entschieden hat und warum, hat weniger Spielraum, eine eigene Linie gegen die Basis zu fahren. Das ist mühsam, das verlangsamt Entscheidungen, das ist nicht „effizient" — aber es ist der Preis dafür, dass die Basis im Spiel bleibt.

Was schließlich wirkt: ein chronisches Misstrauen gegen den eigenen Apparat. Nicht Paranoia, nicht Verschwörungsdenken — sondern die nüchterne Erwartung, dass die eigene Funktionärsschicht, wenn man sie nicht aktiv begrenzt, sich gegen die eigene Basis wendet. Das ist eine Haltung, die in den linken Traditionen nicht populär war. Sie war den Anarchisten vertraut. Sie war den Rätekommunisten vertraut. Sie war den Bolschewiki und ihren Erben fremd, weil sie ihre eigene Avantgarde-Stellung nicht infrage stellen wollten.

An die jungen Leser, die mit diesem Text heute zum ersten Mal in Berührung kommen: Marx auf dem Schreibtisch — gerne. Engels auf dem Schreibtisch — gerne. Lenin als historisches Dokument einer extremen Lage — meinetwegen. Aber stellt daneben Mumford. Stellt daneben Michels. Stellt daneben Bakunin und Kropotkin. Stellt daneben Polanyi. Stellt daneben das, was Mondragón im Baskenland und Mietshäusersyndikate in deutschen Städten heute praktisch versuchen. Lest auch das, was nicht in den Bücherständen am 1. Mai liegt — die Beginen, die Diggers, Bernstein, die Räte. Vor allem: prüft jede Lehre, der ihr euch verschreiben sollt, an dem Maßstab, ob sie offen für Falsifikation ist oder ob sie sich gegen jede mögliche Erfahrung immunisiert. Wenn sie sich immunisiert, ist sie keine Theorie, sondern eine Religion. Religionen sind eine respektable Sache. Aber sie sollten als solche bekannt werden, nicht als Wissenschaft auftreten.

Die Frage, mit der dieser Text begann — sind Kommunismus und Sozialismus integrale Bestandteile der Megamaschine — ist nun zu beantworten. Die Antwort ist: In ihrer historisch realisierten, marxistisch-leninistischen Form ja. Sie waren keine Alternative zur Megamaschine, sie waren eine ihrer Spielarten — manchmal eine besonders harte. In ihren anderen Traditionen — gewerkschaftlich, reformistisch-sozialdemokratisch, genossenschaftlich, libertär, rätedemokratisch, kommunitär — sind sie es nicht zwingend gewesen. Diese anderen Traditionen sind heute die Linien, an denen sich anknüpfen lässt. Sie sind weniger heroisch. Sie versprechen keine Revolution. Sie versprechen kein neues Jerusalem. Sie versprechen nur, dass sich unter den gegebenen Bedingungen Räume bauen lassen, in denen Menschen weniger gegeneinander und mehr miteinander wirtschaften — und dass diese Räume nicht zwingend in der Megamaschine enden müssen, wenn man Architekturen baut, die ihrer Logik aktiv entgegenarbeiten.

Mehr ist nicht zu versprechen. Weniger ist nicht ehrlich.

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