Nachtrag zum Arbeitspapier „Kann die Jugend entfilzen?“ vom 18. Oktober 2026.
Unser Arbeitspapier „Kann die Jugend entfilzen?“ endet mit dem Satz, Deutschland brauche vielleicht keine neue Partei. Dieser Nachtrag ist ein Gedankenexperiment für den Fall, dass die Jugend ihre Bedingungen stellt und niemand sie hört.
Die Jugendorganisationen der Mitte, also Junge Union, Jusos, Junge Liberale und Grüne Jugend, treten gemeinsam aus ihren Mutterparteien aus und gründen eine Volkspartei mit vier Richtungen. Wir sagen bewusst Richtungen und nicht Flügel. Ein Flügel kämpft um die Herrschaft über den Rumpf. Eine Richtung zeigt nur an, wohin jemand will, und muss die anderen nicht besiegen.
Warum das etwas anderes wäre als jede Neugründung. Im Arbeitspapier haben wir gegen eine neue Partei eingewandt, dass sie bei null beginnt. Diese Partei begänne nicht bei null. Sie hätte Mitglieder, Erfahrung, bekannte Gesichter und Abgeordnete. Und weil sie aus vier Lagern zugleich käme, könnte keine Mutterpartei sie als Abspaltung eines Randes abtun.
Wie es zu Neuwahlen käme. Die Vertrauensfrage kann nur der Kanzler stellen, nicht eine Gruppe von Abgeordneten. Der Hebel liegt woanders. Die Koalition hat im Bundestag nur zwölf Sitze Mehrheit, und die Junge Gruppe der Unionsfraktion zählt 18 Abgeordnete. Beim Rentenpaket im Dezember 2025 hat sie gezeigt, dass sie die Mehrheit wackeln lassen kann. Verlassen diese Abgeordneten die Fraktion, behalten sie ihr Mandat, denn es ist frei, und die Mehrheit ist weg. Der Kanzler muss dann wählen. Er kann als Minderheitskanzler weiterregieren oder selbst die Vertrauensfrage stellen, wie Schröder 2005 und Scholz 2024. Verliert er sie, kann der Bundespräsident den Bundestag binnen 21 Tagen auflösen, und gewählt wird innerhalb von 60 Tagen. Für die neue Partei begänne dann das erste Hindernis: Sie müsste sich die Zulassung zur Wahl mit Unterstützungsunterschriften verschaffen, in verkürzten Fristen.
Was die vier Richtungen zusammenhält. Ein gemeinsames Programm wäre es nicht, sondern gemeinsame Regeln. Mit dem Austritt verlöre die Jugend ihren besten Schutz gegen Filz, die Altersgrenze von 35, denn eine Partei altert mit ihren Mitgliedern. Diesen Schutz muss die Satzung ersetzen: begrenzte Amtszeiten, Arbeit außerhalb der Politik vor jeder Kandidatur, offene Kassen, Listen, die nicht im Hinterzimmer entstehen. Die Mindestagenda des Generationenpakts, die wir im Arbeitspapier vorgeschlagen haben, wäre das gemeinsame Programm. Alles andere bliebe zwischen den Richtungen offen und würde durch Abstimmung entschieden, nicht durch Proporz.
Als Bruchstelle gilt meist die Rente: Die Junge Gruppe stimmte gegen das Rentenpaket, die Jusos stehen hinter dem Rentenniveau ihrer Partei. Wir halten das für einen Scheinkonflikt. Er entsteht nur, solange man im Verteilungskampf zwischen Alt und Jung stecken bleibt. Darauf kommen wir gesondert zurück.
Was dagegen spricht. Es gibt Vorbilder, und keines macht Mut. Im Herbst 2024 trat der gesamte Vorstand der Grünen Jugend aus der Partei aus, aber er ging nicht in die Mitte, sondern an den linken Rand, und er gründete keine Partei, sondern einen Verband. Das BSW spaltete sich mit Abgeordneten von der Linken ab und scheiterte 2025 mit 4,98 Prozent knapp an der Hürde. Die Jungen Liberalen brächten Mitglieder mit, aber keine Abgeordneten, denn die FDP sitzt seit 2025 nicht mehr im Bundestag. Und Robert Michels gilt auch für die neue Partei: Sie hätte ihren Apparat, bevor sie ihr erstes Programm hätte. Am schwersten wiegt aber, was Bayern gerade vorgeführt hat. Wer eine solche Gründung anführen könnte, wird von der Mutterpartei mit Ämtern bedacht, bevor er ans Gehen denkt.
Was bleibt. Die Wahrscheinlichkeit, dass es so kommt, ist gering. Der Wert des Gedankens liegt nicht in seiner Ausführung, sondern darin, dass die Drohung glaubwürdig wird. Achtzehn Abgeordnete, die gehen könnten, wiegen mehr als jeder Beschluss eines Deutschlandtags. Eine Jugend, von der alle wissen, dass sie gehen kann, muss nicht gehen. Eine Jugend, von der alle wissen, dass sie bleibt, wird mit Lob und Posten bedient. Das hat Bonn gezeigt.
Quellen. ZDFheute, „Junge Gruppe der Union lehnt Rentenpaket weiter ab“, 1. Dezember 2025. · SRF, „Spitze der Grünen Jugend will aus Partei austreten“, 26. September 2024. · t-online, „BSW auch nach endgültigem Ergebnis nicht im Bundestag“, März 2025. · Grundgesetz, Art. 38, 39 und 68; Bundeswahlgesetz, § 18.
Zum Arbeitspapier: Kann die Jugend entfilzen? Die Junge Union als mögliche Vorreiterin einer Erneuerung der Mitte.