Parteien kann man nicht mehr entfilzen. Ihre Jugend vielleicht schon.
Warum keine neue Partei
Wir sind lange davon ausgegangen, dass die Erneuerung der Demokratie eine neue Partei braucht. Die bestehenden Parteien schienen uns nicht mehr zu retten. Sie sind verfilzt: Wer aufsteigen will, muss den einzigen Eingang nehmen, den wir in „Die Ochsentour“ beschrieben haben, und wer oben ankommt, hat gelernt, nicht zu stören. Ihre Strukturen und Regeln stammen aus einer anderen Zeit; wir haben sie in „Die anachronistischen Strukturen und Regeln der Parteien“ untersucht. Robert Michels hat schon 1911 gezeigt, dass jede Organisation eine Führungsschicht hervorbringt, die sie für sich nutzt. Einen Filz, der sich so gebildet hat, löst man nicht von innen auf.
Aber auch die neue Partei hat ein Problem, und es ist nicht kleiner. Sie beginnt bei null: ohne Mitglieder, ohne Geld, ohne Erfahrung, ohne Zugang zu Medien und Verwaltung, mit der Fünfprozenthürde vor sich. Die Neugründungen der letzten Jahrzehnte sind fast alle gescheitert oder an den Rand gerückt. Die eine, die groß wurde, ist in eine Richtung gekippt, die ihre Gründer nicht wollten. Eine neue Partei hat Ideen, aber keine Hebel.
Zwischen dem verfilzten Bestehenden und dem machtlosen Neuen gibt es einen dritten Ort, den wir übersehen haben: die Jugendorganisationen der Parteien. Sie haben Mitglieder, Geld und Zugang. Und sie haben etwas, das keine Partei hat.
Was die Jugend von der Partei unterscheidet
In der Jungen Union endet die Mitgliedschaft mit 35. Das klingt nach einer Formalie. Es ist der wirksamste Schutz gegen Filz, den eine Organisation haben kann. Niemand kann dort dreißig Jahre lang seine Stellung ausbauen. Jede Generation von Funktionären muss nach wenigen Jahren der nächsten Platz machen. Was in der Partei über Jahrzehnte verwächst, wird in der Jugend alle paar Jahre gekappt.
Dazu kommt, dass die Jungen wenig zu verlieren haben. Sie sitzen noch nicht auf den Posten, die man aufgeben müsste, sie haben noch keine Pensionsansprüche aus Mandaten, sie stehen nicht in der Schuld von Seilschaften. Und sie haben ein eigenes Interesse, das dem der Partei oft widerspricht: Sie sind es, die die Rechnung bezahlen, die heute ausgestellt wird. Wir haben in „Die strukturelle Umverteilung zwischen den Generationen“ beschrieben, wie diese Rechnung zustande kommt.
Das ist die Chance. Die Gefahr ist ebenso deutlich: Die Jugendorganisation ist zugleich der Vorraum des Filzes. Hier wird die Ochsentour eingeübt. Jens Spahn trat mit fünfzehn in die Junge Union ein machte nach dem Abitur eine Lehre als Bankkaufmann und saß mit 22 im Bundestag. In seinem Beruf hat er danach nie gearbeitet. Wir haben seinen Lebenslauf in „Das Endprodukt“ beschrieben. Die Jugend kann entfilzen. Sie kann auch die Schule sein, in der man den Filz lernt.
Wann es funktioniert hat und wann nicht
Die Geschichte kennt beide Ausgänge.
Die Jusos 1969. Auf ihrem Bundeskongress in München vollzogen die Jungsozialisten ihre „Linkswende“ und stellten sich offen gegen den Kurs der eigenen Partei. Sie haben die SPD über Jahrzehnte geprägt, ihre Themen, ihr Personal, ihren Ton. Es ist der Beweis, dass eine Parteijugend eine Partei verändern kann.
Der Andenpakt 1979. Auf einer Reise nach Südamerika schlossen junge Funktionäre der Jungen Union einen Pakt: Sie wollten sich bei ihrem Aufstieg nicht gegenseitig im Weg stehen. Fast alle wurden später Ministerpräsidenten oder Minister, unter ihnen Roland Koch, Christian Wulff, Günther Oettinger und Peter Müller. Erneuert haben sie die CDU nicht. Aus dem Aufbruch wurde eine Seilschaft. Der Andenpakt ist das Lehrstück dafür, wie eine Jugend den Filz nicht auflöst, sondern übernimmt.
Kevin Kühnert 2018. Der Juso-Vorsitzende führte die Kampagne gegen eine neue Große Koalition. Er verlor die Abstimmung, gewann aber die Partei und wurde ihr Generalsekretär. Am Ende war er ein Teil der Führung, gegen die er angetreten war, und zog sich erschöpft zurück. Der Aufstand wurde nicht besiegt. Er wurde eingegliedert.
Sebastian Kurz 2017. Der stärkste und zugleich warnendste Fall. Der Chef der Jungen ÖVP übernahm die ganze Partei, aber nur unter Bedingungen: Er bestimmte die Listen und das Personal, die Partei trat unter seinem Namen und in neuer Farbe an. Es war die radikalste Erneuerung einer Volkspartei von unten in Europa. Vier Jahre später trat er unter dem Druck von Ermittlungen zurück. Seine Erneuerung war an eine Person gebunden, und mit der Person fiel sie. Wer entfilzen will, darf keinen neuen Hof errichten.
Die Grüne Jugend 2024. Ihr gesamter Bundesvorstand trat aus der Partei aus, um eine eigene Gruppe zu gründen. Das ist der andere Ausgang: Wer die Partei nicht verändern kann, verlässt sie. Für die Erneuerung der Mitte ist das kein Vorbild. Es zeigt aber, dass die Drohung mit dem Austritt real ist.
Aus diesen fünf Fällen folgt eine Regel. Eine Parteijugend erneuert ihre Partei, wenn sie ein Programm hat und keine Person, wenn sie Bedingungen stellt und keine Posten verlangt, und wenn sie im Ernstfall bereit ist zu gehen. Sie scheitert, wenn ihre Mitglieder den Aufstand als Bewerbung verstehen.
Die Junge Union heute
Die Junge Union ist die größte politische Jugendorganisation Deutschlands. Sie ist die gemeinsame Jugend von CDU und CSU; in Bayern tritt sie als Junge Union Bayern mit eigenem Gewicht auf. Sie spricht also von vornherein für zwei Parteien.
Im Herbst 2025 hat sie sich mit dem Rentenpaket ihrer eigenen Regierung angelegt. Aufhalten konnte sie es nicht, aber der Aufstand hat ihr Gewicht verschafft: Ihr Vorsitzender Johannes Winkel ist stellvertretender Fraktionsvorsitzender, eine junge Abgeordnete Erste Parlamentarische Geschäftsführerin, ein JU-Vize saß in der Rentenkommission. Beim Deutschlandtag in Bonn im Oktober 2026 trat sie auf wie nie zuvor: das größte Treffen ihrer Geschichte, Winkel mit dem besten Ergebnis aller Zeiten wiedergewählt, und von ihm der Satz: „Vielleicht brauchen wir eine neue Union.“ Eine Ewigkeitsgarantie für Volksparteien, sagte er, stehe nicht im Grundgesetz. Die Mutterpartei steckt zur selben Zeit in der schwersten Krise ihrer Geschichte.
Das alles spricht für sie. Gnadenlos betrachtet spricht auch einiges dagegen.
Ihre Rechnung geht bisher vor allem an die Rentner. Von den großen Erbschaften, die wir in „Wir werden weiter vererben“ beschrieben haben, ist bei ihr wenig die Rede. Eine Generationengerechtigkeit, die nur die Alten zur Kasse bittet und die Erben schont, ist keine. Sie verlagert die Last von einer Gruppe auf die andere und lässt die eigentliche Ungleichheit unberührt, die quer durch die Jugend verläuft. Auch was Winkel in Bonn unter „Mitte“ verstand, bleibt in diesem Rahmen: Familiensplitting und ein unangetastetes Elterngeld. Über Papiere, „die kaum etwas Neues brächten“, spottete er. Seine eigene Rede brachte an dieser Stelle auch nichts Neues.
Sie hat staatliche Fördermittel nicht ordnungsgemäß abgerechnet und muss 350.000 Euro zurückzahlen; die CDU musste aushelfen. Wer vom Staat Sorgfalt im Umgang mit dem Geld der nächsten Generation verlangt, muss bei sich selbst anfangen.
Und sie ist in der wichtigsten Frage gespalten. Im September nannte ihre damalige Schatzmeisterin die Brandmauer zur AfD ein „gescheitertes Projekt“. Eine Erneuerung, die damit beginnt, die Grenze zur extremen Rechten zu öffnen, wäre keine Erneuerung der Mitte, sondern ihr Ende. Auch der Vorsitzende zieht die Grenze nur unter Vorbehalt: Er grenzt sich von der AfD ab, „solange“ dort völkisches und rechtsextremes Gedankengut geduldet werde. Das ist keine Brandmauer, sondern eine Bedingung mit Ablaufdatum. Dazu kommt seine Erklärung für den Aufstieg der AfD: Normale Positionen seien als rechtsextrem gebrandmarkt worden. Mit derselben Erklärung ist Merz angetreten, und sie hat ihm nichts gebracht.
Und schließlich ist ihr Aufstand bisher ein Aufstand mit Belohnung gewesen. Er hat Posten gebracht. Das ist nicht verwerflich, aber es ist genau der Punkt, an dem der Andenpakt begann.
In Bonn zeigte sich, wohin dieser Weg führen kann. Als erster Gast sprach Hendrik Wüst, für viele der Kanzler im Wartestand. Er lobte die Junge Union ausgiebig, denn er wird sie brauchen, falls er Kanzlerkandidat wird. Den Kanzler erwähnten beide kaum. Eine Jugend, die den nächsten Kanzler macht, gewinnt Einfluss. Sie wird aber auch zum Werkzeug eines anderen. Damit stünde sie zwischen dem Andenpakt und Kurz. Die eigentliche Probe ist deshalb nicht Merz, sondern Wüst: ob die JU ihm Bedingungen stellt oder ihm nur zujubelt. Dass der Applaus für ihn eher pflichtschuldig ausfiel, spricht im Moment für sie.
Was eine entfilzende Jugend bräuchte
Wenn die Junge Union mehr sein will als ein lauterer Teil der alten Maschine, braucht sie etwas, das über die Rentenfrage hinausgeht. Wir sehen fünf Elemente.
Ein Programm statt einer Person. Die Erneuerung muss an Inhalten hängen, die auch dann noch gelten, wenn Winkel 35 wird. Kurz ist das Gegenbeispiel.
Eine vollständige Generationenbilanz. Nicht nur Renten, sondern auch Zinsen, Erbschaften, Wohnungen, Bildung und Klimalasten. Wer die Rechnung der Generationen ehrlich aufmacht, muss auch die Erben nennen, und zwar auch die in den eigenen Reihen.
Eine Selbstverpflichtung gegen die Ochsentour. Zum Beispiel diese: Kein Mitglied kandidiert für ein Parlament, bevor es einige Jahre außerhalb der Politik gearbeitet hat. Das wäre ein Satz, an dem man die Ernsthaftigkeit messen könnte, und er würde das Muster brechen, das wir in „Das Endprodukt“ beschrieben haben. Winkel hat in Bonn selbst gefordert, Glaubwürdigkeit und Argumente müssten mehr gelten als Amtsbonus und Herkunft. Diese Selbstverpflichtung wäre die Probe darauf, ob er das ernst meint.
Saubere eigene Kassen und offene Türen. Vollständige Offenlegung der eigenen Finanzen, und Plätze für Quereinsteiger, die nicht den Weg durch die Ortsverbände gegangen sind. Eine Organisation, die die Partei entfilzen will, muss zeigen, dass sie selbst nicht verfilzt ist.
Eine klare Grenze nach rechts. Die Mitte erneuert man nicht, indem man ihre Ränder auflöst.
Und dahinter steht ein sechstes Element, das die Fälle aus Abschnitt III lehren: die Bereitschaft, Bedingungen zu stellen. Winkel hat in Bonn gesagt: „Wenn wir es schaffen, gemeinsam Entscheidungen umzusetzen, dann hast du uns an deiner Seite.“ Das ist ein Anfang. Erneuerung beginnt dort, wo dieses „Wenn“ nicht nur für die Rente gilt, sondern für die Art, wie die Partei sich selbst organisiert.
Der Generationenpakt
Wenn ein solches Konzept steht, kann die Junge Union etwas tun, das keine Partei kann: auf die Jugendorganisationen der anderen Parteien der Mitte zugehen. Die Jusos, die Junge Liberale und die Grüne Jugend stehen vor derselben Mechanik. Ihre Mutterparteien verteilen dieselbe Rechnung auf dieselbe Generation, nur mit anderen Begründungen.
Das wäre das Gegenstück zum Andenpakt. Damals verabredeten junge Männer, einander beim Aufstieg nicht zu behindern. Heute könnten junge Menschen aus verschiedenen Parteien verabreden, einander bei der Sache zu unterstützen: eine gemeinsame Mindestagenda der Jungen für die Fragen, in denen sie alle auf derselben Seite stehen. Ehrliche Generationenbilanz, Schulden nur für das, was bleibt, eine Erbschaftsteuer ohne Schlupflöcher für große Vermögen, bezahlbares Wohnen, Schulen, die man nicht einfriert. Keine Koalition, kein gemeinsames Programm, nur ein Pakt über die Sache, gegen den keine Mutterpartei mehr leicht regieren könnte.
Ob das gelingt, hängt nicht an der Idee. Es hängt daran, ob die Jungen der Versuchung widerstehen, aus dem Pakt eine Karriereleiter zu machen. Daran ist der Andenpakt gescheitert.
Die offene Frage
Kann eine Jugend eine Partei erneuern, deren Logik sie selbst geformt hat? Die Altersgrenze gibt ihr eine Chance, die keine Partei hat. Ihre Interessen geben ihr einen Grund. Die Krise der Mutterpartei gibt ihr eine Gelegenheit, wie es sie lange nicht gab.
Was ihr noch fehlt, ist die Einsicht, dass die Rentenfrage nur der Anfang ist, und der Mut, Bedingungen zu stellen, die über den eigenen Aufstieg hinausgehen. Wenn sie diese Einsicht findet, braucht Deutschland vielleicht keine neue Partei. Dann braucht es nur eine Jugend, die sich weigert, so zu werden wie die, die vor ihr kamen.
Quellen. Junge Union: Fabian Busch, Analyse zum Deutschlandtag in Bonn, Oktober 2026; t-online, 17. Oktober 2026; web.de, 17. Oktober 2026; Tagesspiegel, September und Oktober 2026; Volker Petersen, „Wüst und Winkel“, ntv.de, 16. Oktober 2026. · Jusos 1969 und 2018: Friedrich-Ebert-Stiftung, „NoGroko – die Jusos in der SPD“; Wikipedia, „Young Socialists in the SPD“. · Andenpakt: Tichys Einblick, „Der Mythos ‚Andenpakt‘ war stets größer als seine Bedeutung“. · Sebastian Kurz: ZDFheute, Freispruch im Berufungsverfahren, Mai 2025. · Robert Michels: Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie, 1911.