Nachtrag zum Essay „Industriesubvention mit Tarnfarbe“ vom Februar 2026.
Acht Monate später: Wo Europa gemeinsam bauen wollte, stritten die Firmen ums Eigentum. Wo Neues kam, zogen die Alten nach.
Im Februar haben wir in „Industriesubvention mit Tarnfarbe“ geschrieben, die deutsche Rüstungsbeschaffung folge nicht der Bedrohung, sondern dem Produktkatalog der eigenen Industrie. Wir haben vier Dinge verlangt: eine Bedrohungsanalyse, die von der Bedrohung ausgeht, europäische statt nationaler Beschaffung, Geld für die Techniken des nächsten Krieges und offene Ausschreibungen, die neuen Anbietern eine Chance geben. Inzwischen ist genug geschehen, um Bilanz zu ziehen.
Die Gemeinschaftsprojekte
Am 8. Juni haben Friedrich Merz und Emmanuel Macron das gemeinsame Kampfflugzeug FCAS beendet. Gut drei Milliarden Euro waren bis dahin ausgegeben. Gescheitert ist es nicht an der Technik und nicht an den Streitkräften. Nach Berichten des ZDF weigerte sich Dassault, Patente und sensibles Wissen mit Airbus zu teilen, und auch ein persönliches Gespräch des Kanzlers mit dem Firmenchef änderte daran nichts. Am Ende blieben zwei Fragen offen: wem die Technik gehört und wer an ihr verdient.
Beim gemeinsamen Kampfpanzer MGCS sieht es nicht besser aus. Anfang Oktober erklärte Frankreichs Generalstabschef vor dem Parlament, Deutschland sei ausgestiegen. Beide Verteidigungsminister widersprachen sofort. Gestritten wird auch hier nicht über den Panzer, sondern über die Anteile von KNDS und Rheinmetall.
Damit ist unsere zweite Forderung nicht an Europa gescheitert, sondern an der Art, wie man sie umgesetzt hat. Ein Gemeinschaftsprojekt, bei dem jede nationale Industrie ihren Anteil verlangt, ist keine europäische Beschaffung. Es ist die nationale Industriesubvention, nur in europäischen Farben.
Die Fregatte
Im Juni hat das Verteidigungsministerium die Fregatte F126 gestoppt. Die niederländische Werft Damen hatte erklärt, sie könne Termin und Budget nicht halten. Das erste Schiff wäre 2032 gekommen statt 2028. Ersatz sind acht Fregatten vom Typ MEKO bei TKMS in Kiel. Damen verlangt dafür jetzt 4,7 Milliarden Euro Schadenersatz.
Militärisch mag die Entscheidung richtig sein. Sie bestätigt trotzdem, was wir im Februar beschrieben haben. Gefragt wurde nicht, welches Schiff die Marine für welche Aufgabe braucht, sondern wer überhaupt noch liefern kann. Die Antwort war der Hersteller, von dem wir damals schrieben: TKMS baut Fregatten, also kauft Deutschland Fregatten.
Die Satelliten
Wie sehr Europas Streitkräfte von Starlink abhängen, ist seit 2022 bekannt. Im Oktober wurde sichtbar, dass sich diese Abhängigkeit auch gegen die Nutzer wenden lässt: Ukrainische Einheiten meldeten plötzliche Störungen, wer sie angeordnet hat, ist nicht bestätigt. Die Antwort sind zwei Netze. Die EU baut Iris², ab 2029, für über 15 Milliarden Euro. Die Bundeswehr plant daneben ein eigenes Netz für acht bis zehn Milliarden, mit Satelliten von OHB und Bodentechnik von Rheinmetall. Eine Stelle, die beide zusammen plant und entscheidet, ob es das zweite überhaupt braucht, gibt es nicht. Das Londoner Institut IISS spricht von „einer Ansammlung nationaler Systeme statt einer gemeinsamen Architektur“.
Die Drohnen
Hier ist etwas wirklich Neues geschehen, und es gehört fairerweise dazu. Am 25. Februar hat der Haushaltsausschuss des Bundestages Rahmenverträge für Kamikazedrohnen mit zwei jungen Firmen gebilligt, Helsing und Stark. Das ist genau unsere vierte Forderung: Neue Anbieter bekommen den Zuschlag, nicht die alten.
Noch bemerkenswerter sind die Auflagen. Jede Firma darf zunächst höchstens eine Milliarde Euro abrufen. Jeder weitere Abruf braucht die ausdrückliche Zustimmung des Ausschusses, nachdem die Firma nachgewiesen hat, dass sie in Serie liefern kann. Und das Ministerium muss nach sechs Monaten berichten, was geliefert wurde, zu welchem Preis und mit welchem Wettbewerb. Das ist eine eingebaute Rückkopplung mit Abbruchbedingung, wie wir sie in „Ist das Scheitern systemimmanent?“ beschrieben haben. Sie kam nicht aus dem Ministerium, sondern aus dem Parlament.
Fünf Wochen später bat das Ministerium den Ausschuss, auch bei Rheinmetall Kamikazedrohnen zu bestellen, mit einem Gesamtvertrag von rund 2,4 Milliarden Euro. Das Neue war kaum da, und schon kam der Etablierte durch die Seitentür nach, mit dem größten Einzelvertrag.
Die Bilanz
Von unseren vier Forderungen ist eine teilweise erfüllt. Es fließt Geld in Drohnen und Weltraum, für den Weltraum bis 2030 allein 35 Milliarden Euro. Eine zweite hatte einen Anfang, die offene Vergabe an neue Anbieter, und wurde sofort verwässert. Die europäische Beschaffung ist dort, wo man sie versucht hat, zerbrochen. Eine öffentliche Bedrohungsanalyse, aus der man ablesen könnte, warum Deutschland Fregatten, Panzer und ein zweites Satellitennetz braucht, gibt es bis heute nicht.
Das Muster ist dasselbe geblieben, es hat nur eine neue Form. Wo Europa gemeinsam bauen wollte, stritten die Firmen ums Eigentum. Wo etwas Neues entstand, zogen die Alten nach. Und die einzige Bremse, die gegriffen hat, war ein Ausschuss, der Auflagen machte.
Die Tarnfarbe blättert ab. Darunter stehen dieselben Namen.
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Quellen. ZDFheute, „Warum der deutsch-französische Kampfjet gescheitert ist“, 8. Juni 2026. · Euronews, „Verwirrung um deutsch-französisches Panzerprojekt MGCS“, 10. Oktober 2026. · Naval News, „Germany is cancelling the F126 frigate project and procuring eight MEKO frigates“, 24. Juni 2026; SWZ Maritime, „Damen seeks EUR 4.7 billion over cancelled F126 project“, 5. Oktober 2026. · Euronews, „Europe’s answer to Starlink: Who is building IRIS² and what is Germany’s role“, 16. Oktober 2026; Atlas Institute, „IRIS² and the Satellite Race Europe Is Not Winning“, August 2026. · Augen geradeaus, „Bundestag gibt Mittel für Loitering Munition frei – unter Auflagen“, 25. Februar 2026; Tagesspiegel, „Verteidigungsministerium will offenbar auch bei Rheinmetall Kamikazedrohnen bestellen“, 31. März 2026. · hartpunkt, „Pistorius: 35 Milliarden Euro für Weltraum bis 2030“, September 2025.
Zum Essay: Industriesubvention mit Tarnfarbe. Warum Europas größtes Aufrüstungsprogramm die Sicherheit nicht erhöht.